Mehr davon! Was kannst du lesen, wenn du Tad Williams’ „Das Geheimnis der Großen Schwerter“ beendet hast?

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Welche Bücher kannst du lesen, wenn du Tad Williams’ „Das Geheimnis der Großen Schwerter“ beendet hast?


Die letzten Seiten sind verschlungen, das leere Gefühl stellt sich ein: Was lese ich als nächstes? Unsere Autorin Judith Vogt startet mit uns die neue TOR ONLINE Serie, in der wir euch Lesetipps für ein konkretes Buch geben. 

Das Gefühl ist sicher keiner Leseratte unvertraut: „Ich brauch mehr davon!“ Am liebsten würde man noch mehr Zeit mit den Protagonisten verbringen, noch ein paar Winkel ihrer Welt besuchen. Aber das geht nicht. Die letzten Seiten sind verschlungen, das leere Gefühl stellt sich ein: Was lese ich als nächstes? Natürlich gibt’s noch ein halbes Dutzend ungelesene Bücher im Regal oder im Stapel neben dem Bett, aber die sollen es gerade alle nicht sein. Ich möchte etwas, das sich so ähnlich liest wie das, aus dem ich gerade aufgetaucht bin!

Bei Tad Williams’ Das Geheimnis der Großen Schwerter, auch genannt Der Drachenbeinthron, auch genannt Memory, Sorrow and Thorn war es die Kombination aus einer sich lebendig und groß anfühlenden Welt, komplexen Charakteren und Storysträngen – und den klassischen Tropen und Zutaten der Heldenreise eines Waisenjungen. Ein wenig, als wäre die Artus-Sage auf den Herrn der Ringe getroffen.

Hier fünf Tipps, womit sich der Hunger auf Mehr-davon stillen lässt!

Mehr von Tad Williams: Die Hexenholzkrone

Dreiundzwanzig Jahre nach Der Engelsturm kehrt Tad Williams nach Osten Ard zurück: Die Hexenholzkrone ist der erste Band von Der letzte König von Osten Ard. Auch in Osten Ard ist Zeit vergangen, und zwar dreißig Jahre. Da ich Das Geheimnis des Großen Schwerter nicht spoilern will, sei nur so viel gesagt: Es sitzen noch die gleichen Menschen auf dem Thron von Osten Ard, die auch am Ende des Vierteilers dort Platz genommen haben. Ihr Enkel und Thronfolger scheint jedoch nicht aus demselben Holz geschnitzt, und dass sich im Norden die Nornenkönigin rührt, bedeutet nichts Gutes für eine Buchreihe mit dem schicksalsschwangeren Titel Der letzte König von Osten Ard.

Die Hexenholzkrone bringt auch Wehmut mit sich: Nach einem Zeitsprung zu gealterten Protagonisten zurückzukehren – manche alte Bekannte sind auch bereits tot oder verschollen –, erinnerte mich an Die Legende von Korra, in der siebzig Jahre nach Avatar – Herr der Elemente das Vermächtnis von „Team Avatar“ überall sichtbar ist, Protagonisten der ersten Serie jedoch mittlerweile tot oder steinalt sind …

Wem Die Hexenholzkrone als Auftakt des Vierteilers noch zu unabgeschlossen ist, der kann sich natürlich mit Otherland in den Cyberspace begeben oder zum Blumenkrieg in die Anderswelt aufbrechen. 

Gillian Bradshaw: Der Falke des Lichts

Meine Lieblingsbuchreihe aus dem Dunstkreis der Artus-Sage. Gillian Bradshaw beschreibt ihr frühzeitliches Großbritannien groß, zerstritten und vielseitig – und voller alter Zauber und Wunder, ohne dass diese dabei sehr im Vordergrund stehen. Es gibt politische Intrigen, die aber die Romane nicht dominieren. Die Stimmung lebt weniger von den mittelalterlichen Vorlagen als andere Bücher und übermystifiziert zugleich auch nicht die keltischen Wurzeln. Mit Gawain findet sich hier eine Hauptfigur, die ebenfalls eine gut geschriebene Heldenreise hinlegt – und den Aufstand gegen die Eltern, vor allen Dingen seine Mutter Morgas – hinlegt. Mit diesen Büchern ist Gawain zu meinem „Lieblingstafelrundenritter“ aufgestiegen. Wer ist dieser Lancelot, von dem alle immer sprechen? Bradshaw führt die Reihe, die leider nur noch antiquarisch erhältlich ist, mit Das Königreich des Sommers und Die Krone von Camelot fort. Alle Bücher sind aus verschiedenen Perspektiven geschrieben sind – und besonders die zweite Perspektive aus der Sicht von Gawains etwas hinterwäldlerischem Knappen Rhys erinnerte mich sehr an Simon aus Der Drachenbeinthron.

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Wächter der letzten Pforte von Henning Mützlitz und Christian Kopp bei Amazon bestellen
Das Lied des Blutes - Rabenschatten von Anthony Ryan bei Amazon bestellen

Henning Mützlitz / Christian Kopp: Wächter der letzten Pforte

Ja, ich weiß, ich hatte mir eigentlich vorgenommen, keine Bücher zu empfehlen, die Freunde von mir geschrieben haben, aber ich tue es jetzt doch, denn Wächter der letzten Pforte lebt von den gleichen Zutaten, die auch Memory, Sorrow and Thorn so lebendig macht. Eine Welt, der man ihre Zeitalter nachempfinden kann. Politische Intrigen, die der Haupthandlung die Bühne bereiten. Die rätselhafte Herkunft von Protagonisten. Und eine weltumspannende Gefahr, die von Leuten gebannt werden muss, die sich selbst eigentlich gar nicht wirklich für kompetent auf diesem Gebiet halten.

Dabei verzichtet der Roman auf die gängigen Fantasy-Rassen und baut eine von Menschen geprägte Welt, die sich an verschiedenen irdischen Zeitaltern bedient und dadurch bunt und vielfältig ist. Mit den Kasangiten, Steinen, die zum Zaubern nötig sind, entwickeln die Autoren außerdem ein sich neu und gleichzeitig vertraut anfühlendes Magiesystem.

Die Protagonisten Liocas und Moriana – ein Knappe wider Willen, der sich eigentlich schon vor seiner Familie hinter Klostermauern geflohen hatte, und eine junge Barbarenkriegerin der Tequari – erwachen als einzige lebendig, nachdem eine gewaltige, rätselhafte Katastrophe die Schlacht ihrer beiden Heere beendet hat. Doch selbst der, der diese Katastrophe ausgelöst hat, ist von ihrem Ausmaß überrascht – sind Menschen doch nur der Spielball größerer Mächte?

Oliver Plaschka: Das Licht hinter den Wolken

Auch Das Licht hinter den Wolken ist ein One-Shot wie Wächter der letzten Pforte – also kein Mehrteiler, sondern in sich abgeschlossen. Die Welt entstand bereits lange vor dem Erscheinen des Buchs im Rollenspiel und erhielt Lage um Lage, um der Teppich zu sein, in den Wortmagier Plaschka seine Geschichte webt.

Auch hier finden sich die Grundzutaten gleich mehrerer Heldenreisen: Das Bauernmädchen April ist als Einzige in der Lage, die Magie um sich herum zu sehen. Der Fealv Janner ist auf der Suche nach seinem Vater, der nichts von seiner Existenz weiß. Und die Senatorentochter Cassiopeia sucht Rache und findet schließlich sich selbst. Und dann gibt es da noch den Zauberer Sarik, der auf der Suche nach seinem Gedächtnis ist und eine rätselhaft-ambivalente Gestalt abgibt.

Das Beste an der Geschichte ist wohl, dass es nicht so weh tut, sie zu Ende zu lesen: Die Auflösung ist so ein Augenöffner, dass man direkt wieder von vorn anfangen möchte, um diesmal wirklich alles zu verstehen.

Anthony Ryan: Die Rabenschatten-Trilogie

In seinen drei Bänden Das Lied des Blutes, Der Herr des Turmes und Die Königin der Flammen entwirft Ryan, der mit Band 1 übrigens sein Debüt vorlegte, eine vielschichtige und gleichzeitig „modern“ geschriebene Fantasywelt.

Die Geschichte von Das Lied des Blutes klingt auf den ersten Blick nicht neu – in einer ans europäische Mittelalter angelehnten Fantasywelt wird ein Junge von seinem Vater unvorbereitet an den Toren eines mysteriösen Kriegerordens abgegeben. Dort ist er nun über einen tatsächlich recht großen Teil des Buches hinweg in Ausbildung, doch selbst Alltägliches fühlt sich an diesem Ort nicht alltäglich an, und Protagonist Vaelin entdeckt, dass er Fähigkeiten besitzt, die im Widerspruch zu den Lehren des religiösen Ordens stehen, bei dem er zum Krieger heranwächst. Parallel entspinnen sich auch hier politische Intrigen ohne klassische Fantasy-Rassen, und die Rahmenhandlung, bei der der dreißigjährige Vaelin als „Hoffnungstöter“ und verurteilter Verbrecher auf einer Schiffsreise zu einem Tribunal ist, treibt die Neugier auf das, was der Beinahe-800-Seiten-Wälzer zu bieten hat, hoch.

 

Mit Memory, Sorrow and Thorn verbinde ich übrigens auch eine ganz persönliche Geschichte: Als ich mein erstes Kind bekommen habe, befand sich der vierte Band in meinem Krankenhaus-Gepäck. Das Buch lag auf dem Nachttisch, als eine Krankenschwester hereinkam. Diese warf einen sehr kritischen Blick auf das Cover und sagte: „Dass Sie so was noch lesen, jetzt, wo Sie Mutter geworden sind!“ Besagter Sohn ist vor einem Monat achtzehn geworden, und wissen Sie was, Frau Krankenschwester? Ich lese „so was“ immer noch, und ich bereue nichts! 

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