John Scalzi - Wie ich schreibe

© Athena Scalzi © Mysticsartdesign / pixabay

BUCH

John Scalzi – Wie ich schreibe


John Scalzi gehört zu den meistgelesenen Science-Fiction-Autoren unserer Zeit. Hier erzählt er, wie seine Bücher enstehen und gibt einen Blick in die Werkstatt eines erfolgreichen Genre-Schriftstellers.

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Hallo! Heute werde ich etwas übers Schreiben erzählen – oder zumindest darüber, wie ich meine Bücher schreibe. Wer von Ihnen allerdings hofft oder befürchtet, dass dies ein großartiger und geheimnisvoller Vorgang ist, bei dem unbedingt Ziegen oder aufstrebende Autoren geopfert werden müssen, um die Götter der Kreativität günstig zu stimmen, wird eine Enttäuschung erleben. Aber für diejenigen unter Ihnen, die hoffen, dass die Schreibarbeit zu 90% einfach nur darin besteht, den Hintern auf einen Stuhl zu bewegen, könnte es ganz nützlich sein. Denn genau das ist es wirklich, sowohl für mich als auch für praktisch jeden anderen Schriftsteller, den ich kenne. Allerdings gibt es immer ein paar persönliche Varianten, und davon werde ich jetzt erzählen.

Das Arbeitszimmer

Die überwältigende Mehrzahl meiner Werke, ob erzählende Literatur oder Sachbücher, sind am gleichen Ort entstanden, in meinem Arbeitszimmer in meinem Haus in Bradford, Ohio. Viele Autoren schreiben gern außerhalb ihrer Wohnung, zum Teil, weil ihnen die Decke auf den Kopf fällt, wenn sie sich die ganze Zeit am selben Ort aufhalten, aber dazu gehöre ich nicht. Außerdem lebe ich in einem winzigen ländlichen Städtchen mit 1.800 Einwohnern, wo es nicht einmal ein anständiges Café gibt. Also hätte ich wirklich nur die Wahl, entweder in meinem Büro zu schreiben oder irgendwo in einem Maisfeld.

Mein häusliches Arbeitszimmer ist nichts Besonderes – im Wesentlichen ein ehemaliges Schlafzimmer von drei mal vier Metern Größe mit einem Eckschreibtisch für meinen Computer und den Monitor, einem Stuhl und einem Sofa, vielen Bücherregalen und vereinzeltem Nippes. Es sind etwa zwölf Schritte von meinem Bett bis zum Schreibtisch, womit ich es als Pendler recht einfach habe.

Gelegentlich, wenn mich die Unruhe packt, arbeite ich in einem anderen Zimmer des Hauses, für gewöhnlich im Vorderzimmer im Erdgeschoss, wo es sehr bequeme Sessel gibt, aber nur für ein oder zwei Kapitel. Und weil ich derzeit recht häufig reise, bin ich besser darin geworden, unterwegs zu schreiben, worin ich früher nie besonders gut war. Aber im Großen und Ganzen erledige ich meine Schreibarbeit in meinem häuslichen Arbeitszimmer. Es ist mir vertraut und bequem, was für mich zwei wichtige Voraussetzungen fürs Schreiben sind.

Der Computer (und die Software)

Ich war Studienanfänger an der Highschool im Jahr 1984, das Jahr, in dem der Macintosh in die Welt kam, und auch das Jahr, in dem ich anfing, Kurzgeschichten zu schreiben. Ich habe buchstäblich nie etwas anderes als einen Computer benutzt, um etwas zu schreiben, das länger als eine schnelle Notiz ist. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie die Leute früher mit einer Schreibmaschine oder – gütiger Himmel! – mit der Hand schreiben konnten. Mein Schreibprozess wurde vom Computer gestaltet – und von den Textverarbeitungsprogrammen, die darauf laufen.

Mein Schreibtischcomputer hat sich im Laufe der Jahre (offensichtlich) verändert, aber im Wesentlichen ist die Einrichtung gleich geblieben: ein Windows-Rechner, auf dem Word läuft, dazu ein möglichst großer Monitor, weil es mir am liebsten ist, wenn ich mehrere Seiten gleichzeitig auf dem Bildschirm sehen kann (mein derzeitiger 27-Zoll-4K-Monitor kann drei ganze Seiten darstellen, ohne dass ich meine Augen anstrengen muss). Ich benutze Word, weil ich daran gewöhnt bin und auch, weil es das Standardprogramm ist. Für kürzere Arbeiten verwende ich manchmal Google Docs. Ich habe Freunde, die Scrivener benutzen, um ihre Arbeit zu organisieren, aber so etwas verwirrt mich nur, und ich schließe daraus, dass sie ganz anders arbeiten als ich.

Wenn ich reise (oder beschließe, in einem anderen Zimmer zu arbeiten), schreibe ich auf meinem Laptop. Mein derzeitiger Laptop ist ein Chromebook. Ich mag ihn, weil er kostengünstig ist (damit es für mich nicht zu teuer wird, wenn ich ihn unterwegs verliere, und ja, leider habe ich schon einige Computer verloren) und weil Internetverbindungen inzwischen allgegenwärtig sind.

Meine Arbeitsmethode

Meine Methode ist eine ziemlich einfache: Ich schreibe von etwa 8 Uhr morgens bis Mittag, oder bis ich 2.000 Wörter geschafft habe, was auch immer zuerst passiert. 2.000 Wörter sind eine gute Ziellinie für mich, zum Teil, weil ich früher professioneller Journalist war und gelernt habe, schnell auf einen Termin hin zu schreiben. Einige Autoren können schneller schreiben, viele schreiben langsamer. Es gibt kein perfektes Tempo, nur die beste Geschwindigkeit für einen bestimmten Autor. Wenn ich bis Mittag keine 2.000 Wörter schaffe, ist das in Ordnung; es bedeutet nur, dass mein Gehirn etwas langsamer arbeitet als sonst. Während ich schreibe, trenne ich normalerweise die Internetverbindung, weil es eine zu reizvolle Ablenkung ist.

Ich verfasse kein Exposé; ich plane alles während des Schreibens. Das entsetzt einige Autoren, die ich kenne, weil sie penible Exposéfanatiker sind. Aber jedem das seine. Außerdem überarbeite ich, während ich mittendrin bin (so etwas kann man mit einem Computer machen), und das bedeutet, wenn ich »Ende« tippe, kann ich das Manuskript meistens einfach so an den Lektor schicken. Zweite oder dritte Fassungen gibt es für mich nicht. Das heißt aber nicht, dass ich gar nicht überarbeite, ich mache das genauso intensiv wie jeder andere Schriftsteller. Ich mache es nur, während ich weiterschreibe, anders als andere Autoren, die eine komplette Fassung fertigstellen und sie dann überarbeiten. Auch hier gibt es keine richtige oder falsche Methode, sondern nur das, was für einen bestimmten Autor am besten passt.

Ich schreibe jetzt seit zwanzig Jahren Bücher, und nach meiner Erfahrung ist das eigentlich gar nicht so kompliziert. Es geht hauptsächlich darum, sich hinzusetzen und es zu tun, Tag für Tag. Die Inspiration kommt zu mir, weil ich schreibe, nicht andersherum. In Gesprächen mit anderen langjährigen Schriftstellern habe ich erfahren, dass es für die meisten von uns so läuft.

So läuft es also bei mir.


Deutsch von Bernhard Kempen


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»How I Write«

Erstmals erschienen am 21. März 2017 auf torbooks.co.uk

© 2017 by John Scalzi

Mit freundlicher Genehmigung des Autors und seines Agenten Ethan Ellenberg

Vermittelt durch die literarische Agentur Thomas Gmbh, Garbsen

 

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2017 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Alle Rechte vorbehalten

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