»Über galaktische Ameisen und freche Buchcover« - Ein Interview mit Peggy Weber-Gehrke

© Atelier Sommerland - Fotolia

INTERVIEW

»Über galaktische Ameisen und freche Buchcover« - Ein Interview mit Peggy Weber-Gehrke


Peggy Weber-Gehrke ist Herausgeberin von Kurzgeschichten-Anthologien im Verlag für Moderne Phantastik Gehrke – eine feste Adresse für alle Fans der SF-Shortstory. Sie selbst sagt über sich, sie lebe für die Literatur. Und für die Phantastik im Besonderen. Grund genug, ein kleines Interview mit ihr zu führen.

 

 

Peggy Weber-Gehrke

Hallo Peggy, wir freuen uns, dass du Zeit gefunden hast, uns ein paar Fragen zu dir, dem Verlag für Moderne Phantastik und euren Anthologien zu beantworten. Fangen wir gleich mal an: Erzähl uns bitte kurz etwas zu deiner Person; wie wurdest du Herausgeberin? Was interessiert dich darüber hinaus?

Ich bin gerade 52 Jahre jung geworden, stamme aus Sachsen und bin hauptberuflich in einer großen Fachklinik in der Nähe von Dresden beschäftigt. Wenn ich nicht gerade für die Patienten da bin, dann bin ich eine Vielleserin, Hobbygärtnerin und natürlich die Herausgeberin im Verlag für Moderne Phantastik Gehrke, den mein Mann 2014 gegründet hat. Schon von Kindesbeinen an war keine Bibliothek vor mir sicher und auch heute sammle ich Literatur und beschäftige mich mit dem geschrieben Wort. Aber fragt mich jetzt nicht, ob ich ein Lieblingsbuch habe; erstens habe ich in meinem Leben schon zu viele tolle Werke gelesen, um ein einzelnes herauspicken zu können, und zweitens kommen täglich neue hinzu! Da war es doch nur logisch, mich in den Verlag einzubringen und die Organisation der Anthologien zu übernehmen. Für mich ist es mehr als nur ein Hobby.

Die klassische Kurzgeschichtensammlung in der Science-Fiction gilt im deutschsprachigen Raum seit einer ganzen Weile als schwieriges Marktsegment. Wie kommt es, dass ihr euch dennoch entschlossen habt, Anthologien zu verlegen? Hast du eine Belebung der Nachfrage am Markt ausmachen können?

Ich kann nicht beurteilen, ob eine echte Zunahme der Nachfrage stattfindet, dazu fehlt mir die Erfahrung. Abgenommen hat sie aber definitiv nicht. Als ich noch reine Leserin aus diesem Kreis war, hatte ich schon das Gefühl, dass dieses Segment der Science Fiction in Deutschland – im Gegensatz zum angloamerikanischen Raum – stiefmütterlich behandelt wird. Und gerade weil wir die Kurzgeschichte so mögen, das Angebot für Shortstories – das eigentlich  nur noch von Kleinverlagen aufrechterhalten wird – aber von Jahr zu Jahr schrumpfte, wollten wir etwas tun.

Wie habt ihr das angefangen, was waren eure ersten Schritte?

Um zu signalisieren: He, wir sind neu, wir versuchen es mit frischen Mitteln, haben wir z.T. relativ unbekannte, aber dennoch qualitativ gute Autoren ins Boot geholt, wir packen eine vergleichsweise große Anzahl verschiedenster Stories in ein Buch und wir setzen auf frische, farbenfrohe, freche und zum Teil provozierende Cover. Das unterscheidet uns von unseren Mitbewerbern, dadurch wollen wir Erfolg haben. Wir wollen eingefahrene Wege verlassen, experimentieren. In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal deutlich gemerkt, dass diese Strategie aufgeht. Es geht uns nicht darum, ständig neue Bücher auf den Markt zu werfen, sondern dem Leser gezielt mit besonderen Publikationen ein Gefühl für kurzweilige, aussagekräftige, aber auch mitreißende Unterhaltung zu vermitteln. Wenn man so will: Der Spaßfaktor soll sich mit Anspruch mischen. Ernsthafte und unterhaltende Literatur sollen sich ergänzen. Das ist etwas, was in Deutschland eher selten ist, was man dafür im angloamerikanischen Raum umso mehr findet.

Ihr habt eure erste Anthologie 2015 verlegt. Trotzdem sind es seitdem bereits fünf Anthologien geworden, eine weitere erscheint in Kürze und neue Kurzgeschichtensammlungen sind geplant. Wie sind eure Erfahrungen, was habt ihr gelernt, was gab es an negativen und positiven Überraschungen?

Als Erstes lernten wir, dass Ausschreibungen für SF-Anthologien einem zwar sehr viele Einsendungen bescheren, aber die wenigen berühmten Nadeln in diesem immensen Heuhaufen zu finden, ging dann doch über die Kräfte von zwei Leuten, die nebenbei auch noch Vollzeit arbeiten, hinaus. Seitdem laden wir gezielt Autoren ein. Wir versuchen jedes Jahr einen spannenden Mix aus bewährten und neuen Textern, alle gespickt mit frischen Ideen, zu generieren. Ebenso abgekommen sind wir von dem Gedanken, Themen-Anthologien zu produzieren. Der Markt an Lesern, die sich für das Genre der SF-Kurzgeschichten interessieren, ist überschaubar. Jede Spezifikation im Themenbereich würde diesen weiter einschränken. Potentielle Kunden von vornherein ausschließen – das geht nicht. Darum gibt es bei unseren Kurzgeschichten für die Autoren keine Einschränkungen, weder was das Thema, noch was die Textlänge betrifft. Was zu umfangreich gerät, wandert in die nächste Novellen-Anthologie.

Was würdet ihr inzwischen anders machen?

Lass mich mal überlegen. Eigentlich nichts. Nach meinem Gefühl liegen wir – im Moment –  fast mittig auf Kurs. Wir wollen aber in Zukunft stärker darauf achten, neue, ausgefallene Ideen von Autoren aufzunehmen, die bei anderen Verlagen wegen ihrer Eigenwilligkeit durch das Akquise-Raster fallen würden. Wir haben einen Anspruch an uns selbst: wir verlegen, was uns gefällt und woran wir glauben, und nicht, was der Markt vielleicht in diesem oder jenen Augenblick gerade verlangt.

Wie geht es in eurem Verlag weiter, was sind eure nächsten Ziele und was ist in ferner Zukunft angedacht?

Anfang 2018 wird eine Anthologie mit Science Fiction-Novellen erscheinen, dies soll auch keine Eintagsfliege bleiben, weil wir glauben, dass gerade im Bereich der längeren Erzählung ein gewisses Vakuum im sf-literarischen Universum herrscht. Ende nächsten Jahres wird dann mit einer Auswahl von internationalen Autoren eine Anthologie mit Kurzgeschichten aufgelegt, da befinden wir uns gerade bei den Übersetzungen ins Deutsche. Gleichzeitig bereiten wir ein Projekt vor, welches sich mit dem Kurzroman beschäftigen wird, d.h., wir wollen das sicher aus den 1980ern und 1990ern noch bekannte Format »Drei-Romane-in-einem-Band« wiederbeleben. Wir gehen davon aus, dass wir nicht die Einzigen sind, die so etwas gerne wieder lesen würden. Über eine noch fernere Zukunft zu reden wäre dann wohl Fiktion, wir planen also nichts, wir lassen die Zukunft einfach auf uns zukommen.

Die von dir aktuell herausgegebene Anthologie »Meuterei auf dem Titan« hat nicht nur ein ziemlich auffälliges Cover, sie ist auch mit 620 Seiten außerordentlich dick. Ist das etwas, was ihr bewusst fördert?

Ja, genau, wie ich anfangs schon erwähnte, ist das für uns ein Unterscheidungskriterium zu den Mitbewerbern. Aber das ist es nicht alleine. Cover im Stile der amerikanischen Pulp-Magazine und einen garantiert vielstündigen Lesespaß durch eine hohe Anzahl von Stories, das ist ein Konzept, das wir tatsächlich verfolgen, um die Kurzgeschichte für größere Leserkreise attraktiver zu machen. Die Cover sollen schon suggerieren, dass hier Unterhaltung winkt, und bei weit über zwanzig Stories im Buch sollte eigentlich für jeden etwas dabei sein.

Gab es Reaktionen darauf?

Ja, eine ganze Menge sogar. Bei unserem ersten Pulp-Cover im letzten Jahr zur Anthologie »Im Licht von Orion« wurden wir z.T. regelrecht beschimpft. Aber ich darf auch sagen, dass es von vielen Seiten Lob gab, der neue Look wurde ebenso positiv aufgenommen. Wir haben diese Linie im diesjährigen Buch beibehalten, obwohl ich zugeben muss, dass wir kurzzeitig ins Wanken geraten sind, insbesondere nach kontroversen Diskussionen in den Social-Media-Kanälen, und deswegen das Cover schon fast gegen eine konservative Variante austauschen wollten. Aber dann sind wir das Risiko eingegangen und »Meuterei auf Titan« war vom Start weg ein voller Erfolg.

Also kann man mit weiteren Büchern in diesem Look rechnen?

Die nächste Anthologie »Sprung ins Chronozän« zählt definitiv dazu. Danach wissen wir noch nicht. Was heute angesagt ist, kann morgen schon völlig out sein. Wie gesagt: Wir lassen die Zukunft auf uns zukommen. Vielleicht sind es klassische Collagen oder farbige Radierungen, die demnächst als Cover einschlagen. Das kann man nicht voraussagen. Darum ist es für uns enorm wichtig, jede Kritik, jede Rezension, jede Meinung, ja, jede Äußerung, die uns im Einzelnen erreicht, dahingehend auszuwerten, was als Nächstes erwartet wird. Klar, ein bisschen Kaffeesatzleserei ist da schon dabei. Die Leser haben es selbst in der Hand.

Ihr verkauft eure Anthologien auch als E-Book. Da spielt das Cover usw. ja eine viel geringere Rolle, als im Printbereich. Wie wichtig ist das E-Book als Verkaufsträger bei Anthologien? Ist das ein Wachstumsmarkt?

Ganz ehrlich? Ich glaube nicht ans grenzenlose Wachstum des Marktes für E-Books. Als Dateiformat wird es uns sicherlich noch lange begleiten, aber es wird sich nicht so rasant entwickeln, wie es vor einigen Jahren vorausgesagt wurde. Die Stagnation ist an den Zahlen zu erkennen. Ich glaube gerade Romane liest man immer noch lieber auf Papier. Aber wie es weitergeht, das steht sprichwörtlich in den Sternen. Kurzgeschichten jedoch haben als E-Books ein weitaus größeres Marktpotenzial, da sie sich geradezu anbieten, zwischendrin, mitten im Alltag gelesen zu werden, egal wo man sich gerade aufhält. Spannend wird es bei künftigen Bezahlmodellen. Ich denke, wir sind hier nahe dran an Konzepten, die sich an der GEMA oder dem Haushaltsmodell der GEZ orientieren. Das halte ich für die Zukunft wahrscheinlich.

Und das gedruckte Papierbuch?

Wird gesund und munter bei den Sammlern und Freunden qualitativ hochwertiger Papierbücher überleben. Wie die Briefmarke im Zeitalter von Email und SMS.

Wenn du als Vielleserin ein paar Autoren nennen solltest, die deiner Meinung nach am ehesten SF im Sinne von Suspense und Surprise schreiben, welche wären das?

Ich habe, salopp gesagt, ein mittleres Problem damit, überhaupt eine Handvoll Autoren zu nennen, die in meinem Verständnis echte Science Fiction zu Papier brachten und noch bringen, und die ich zufälligerweise gelesen habe. Da fallen mir spontan Stanislav Lem, die Brüder Strugatzki, P.K. Dick, Dan Simmons und M. John Harrison ein. Und, natürlich Dietmar Dath. Becky Chambers noch. Dann muss ich schon passen. Eine sehr große Anzahl von SF-Autoren schreibt, meiner Meinung nach, eher Fantasy, Kriegsdramen oder Märchen, die zufälligerweise im Weltraum und/oder in der Zukunft spielen, das aber ist kein Kriterium, um als Science Fiction zu gelten. Mir ist auch klar, dass da viele ganz anderer Auffassung sind, vor allem die entsprechenden Autoren selber. Aber es war meine subjektive Meinung gefragt. Schlagt mich, wenn ihr wollt.

Was wäre denn so dein Thema in der Science Fiction, das du gern lesen würdest? Oder, anders gesagt, wie und über was würdest du schreiben? Ein Beispiel vielleicht?

Mich interessieren Zusammenhänge. Wie ist unser Status im Universum tatsächlich? Ziehen wir die richtigen Schlüsse aus unseren Beobachtungen? Vielleicht beobachten wir falsch und denken deshalb, wir sind alleine im Raum. Ich könnte mir vorstellen, dass wir außerirdische Intelligenzen gar nicht als solche begreifen. Ein Beispiel: Wenn wir auf einem fernen Planeten eine riesige Infrastruktur entdecken, mit städtischen Anlagen für Milliarden Individuen, mit gigantischen Verkehrsströmen – wie lange brauchen wir, bis wir erkennen, dass wir keine fremde intelligente Spezies entdeckt haben, sondern einen gigantischen Ameisenbau? Und andersrum: Würden wir erkennen, dass wir uns in den Innereien einer unvorstellbar gigantischen Maschine befinden, die sich über einen ganzen Spiralarm zieht, wenn wir einen Körper, meinetwegen einen Planeten samt Mond, aus purem Metall entdecken? Ginge es uns dann nicht wie der sprichwörtlich dahinkrabbelnden Ameise im Motorraum eines Kreuzfahrtschiffes, die nicht erkennen und begreifen kann, wo sie ist? Ich glaube, wir sind zur Zeit bei der Aliensuche mächtig auf dem Holzweg. Und darüber würde ich gern schreiben.

Letzte Frage an dich, die muss jetzt einfach kommen: Glaubst du, dass die Außerirdischen wirklich existieren?

Das kann ich ohne Umschweife beantworten: Nein, ich glaube nicht, dass Außerirdische existieren. Jedenfalls im Moment nicht. Ich weiß natürlich, dass es vermutlich einhundert Milliarden Planeten allein in der Milchstraße gibt, die potenziell für ein wie auch immer geartetes Leben taugen, aber ich denke, es bräuchte wirklich einhundert Milliarden Gelegenheiten, um auf einer Welt Intelligenz hervorzubringen. Für mehr als diesen einen Planeten sind die Zeiträume der Evolution zu lang und damit die planetaren und kosmischen Risiken zu vielfältig und zu groß, als das es noch mal klappt. Ein gigantisches Lotteriespiel.

Okay, dann  jetzt die allerletzte Frage: Wie lässt sich das mit deiner Eigenschaft als Herausgeberin von Science Fiction vereinbaren? Ist da nicht ein Widerspruch?

Überhaupt nicht. Ich denke, das reizt doch die Fantasie der SF-Schaffenden am meisten, über Dinge und Lebensformen zu schreiben, die komplett ersonnen, unglaublich, vielleicht völlig irre sind.  Und die Hoffnung, dass doch noch andere existieren, stirbt ja bekanntlich nie. Ich würde sogar behaupten, dass, wenn jetzt tatsächlich ein Schiff voller Aliens die Erde ansteuerte, uns Phantasten ein großes Stück unserer Arbeitsbasis entzogen wäre. Das möchte ich natürlich nicht. Aber, wir sind ja erfinderisch. Die Science Fiction würde nicht nur überleben, sondern aus diesen Umständen Sphären erschaffen, von denen wir heute noch nichts ahnen.

 

www.modernphantastik.de

Share:   Facebook