Die Welt der Androidin: Eine Tour durch Tanusha

© kellepics - pixabay

BUCH

Die Welt der Androidin: Eine Tour durch Tanusha


Joel Shepherd
29.10.2017

Gerade an Science-Fiction-Romane wird oft der Anspruch gestellt, sie mögen auf tunlichst plausiblen Grundlagen fußen. Eine fremde Welt dementsprechend glaubwürdig zu entwerfen ist natürlich eine spannende Aufgabe, fordert aber auch eine Menge konzeptioneller Arbeit. Joel Shepherd führt uns durch die Welt der Androidin und erklärt uns, welche Überlegungen hinter seinem Worldbuilding stehen.

Ganz offenkundig gibt es in Cassandras Welt einige wissenschaftliche Zweifelsmomente, angefangen bei erdähnlichen Planeten mit vergleichbarer Schwerkraft, Atmosphäre etc. Ich entschuldige das damit, dass durch eine naturwissenschaftlich gesehen noch unwahrscheinlichere Möglichkeit (nämlich Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit) auf einen Schlag viele Millionen Sterne für die Menschheit erreichbar werden, unter denen sich dann natürlich auch einige solcher erdähnlichen Welten befinden, selbst wenn nur eine in einer Million diesen Kriterien entspricht. Aber bei einer Geschichte wie der von Cassandra geht es ja nicht in erster Linie darum, sich über wissenschaftliche Exaktheit den Kopf zu zerbrechen, sondern darum, eine gute Geschichte zu erzählen. Solange es also halbwegs plausibel ist, sollte man sich von der Wissenschaft nicht in die Suppe spucken lassen. Davon abgesehen weiß niemand wirklich, wie viele erdähnliche Planeten es gibt … Möglicherweise kreisen sie in Scharen dort draußen und warten nur darauf, dass wir herausfinden, wie wir sie erreichen und kolonisieren können.

Tanusha: utopische Vision

Eine solche Welt ist auch Callay, wo Die Androidin spielt. Den eigentlichen Planeten bekommen wir jedoch kaum zu sehen, denn die Geschichte spielt überwiegend dort, wo sich auch die meisten Menschen befinden: in der Stadt Tanusha. In der Zeit von Auf der Flucht hat Tanusha 57 Millionen Einwohner, in Weg in die Freiheit ist es bereits über den Daumen eine Million mehr. Die Stadt boomt, und so war es auch schon bei ihrer Gründung gedacht. Zum einen liegen Umweltschützer falsch, wenn sie sich gegen Großstädte engagieren, denn wenn man Leute in Großstädte steckt, überfluten sie nicht das Land, also sollten Umweltschützer eigentlich allesamt große Fans von Wolkenkratzern sein – Städte, die nicht nach oben wachsen dürfen, wachsen in die Breite und verschlingen das Umland. Zudem sind dichtbevölkerte Städte in ökonomischer Hinsicht produktiver, womit ich nicht sagen will, dass Landwirtschaft unnötig wäre (angesichts futuristischer Hydrokulturen und synthetischer Replikation von Nahrungsmitteln allerdings … wer weiß?). Man muss dazu jedoch anmerken, dass Landwirtschaft in jeder fortschrittlichen Wirtschaft einen schrumpfenden Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Bleibt immer noch die Rohstoffförderung, aber auch hier gilt angesichts von Nano- und Replikationstechnologie: Wer weiß, woher in Zukunft die Mineralien stammen werden?

Ganz sicher ist Tanusha von meinen Erfahrungen mit gewissen aufstrebenden asiatischen Megastädten inspiriert, auch wenn sie keiner davon gleicht. Zunächst einmal sind die meisten asiatischen Städte, die ich besucht habe, recht arm, mit Ausnahme von Tokio und Singapur. Tanusha hingegen ist ungeheuer wohlhabend; in dieser Stadt ließe sich nur schwerlich ein sparsames Leben führen. Außerdem ist es eine ziemlich utopische Zukunftsvision, denn die Stadt ist das Ergebnis großer Fortschritte in Sachen Stadtplanung und der damit verbundenen Technologie, und sie läuft wie ein digitales Uhrwerk. Es gibt keine Slums, keinen Müll auf den Straßen, keine „schlechten Gegenden“. Selbst die Schere zwischen Arm und Reich, ein Phänomen aller heutigen Städte, wird durch die sorgfältige Planung abgemildert, denn sämtliche Einkommensschichten werden bunt durcheinandergewürfelt, und jeder hat Zugang zu Dienstleistungen, Transportmitteln und so weiter.

Ist irgendetwas davon tatsächlich denkbar? Einige Stadtplaner unserer Zeit halten das für durchaus wahrscheinlich, und wenn man sich die Fortschritte unserer Städte in den letzten paar hundert Jahren ansieht, mutet es albern an, die Möglichkeit ganz von der Hand zu weisen. Andererseits riecht natürlich jegliche derartige Planung verdächtig nach Sozialismus, weshalb sie Widerspruch bei all jenen hervorruft, denen diese Assoziation missfällt. Meine persönliche Abneigung gegen den Sozialismus speist sich daraus, dass er meistens nicht funktioniert. Die Teile jedoch, die funktionieren, befürworte ich. In Tanusha haben wir es mit einer sozialistisch inspirierten Stadtplanung zu tun, die ganz erstaunlich gut funktioniert. Und natürlich handelt es sich bei Tanusha außerdem um eine neu gegründete Stadt, die sprichwörtlich aus dem Himmel auf jungfräuliches Land herniederfiel, und deshalb konnten die Erbauer sagen: Wenn es euch hier nicht gefällt, dann bleibt eben weg – es gibt jede Menge anderer Niederlassungen in dieser Galaxie!

 

Das Klima

Tanusha wurde in einem riesigen Flussdelta erbaut, das sich durch dicht bewaldetes Land seinen Weg zum Meer sucht. Ich gehe davon aus, dass die Stadt über ein hocheffizientes Abwassersystem verfügt, das Überflutungen reguliert. Deshalb ist Tanusha sehr grün, die Sommer sind ziemlich feucht und schwül, und Wasser gibt es in Hülle und Fülle, ob als Seitenarm des Hauptflusses oder in Form von Regen. Das ist definitiv meinen Eindrücken aus Südostasien geschuldet, meinen schönsten Erinnerungen an Bangkok, Singapur, Kuala Lumpur und Bandar Seri Begawan: üppiges Grün, städtische Ufergebiete und grandiose Gewitter. Dank all der Nebenflüsse stehen unzählige Gebäude in Tanusha direkt am Ufer – und wenn man nur weit genug oben in einem Gebäude wohnt, hat man auf jeden Fall Wasserblick.

 

Die Architektur

Baulich gesehen allerdings gleicht Tanusha von allen Städten, die ich besucht habe, wohl am meisten Tokio. Es sieht kein bisschen nach Tokio aus, Tanushaner auf Tokio-Besuch würden über diese ärmliche Slum-Stadt mit ihren niedrigen Gebäuden vermutlich nur verächtlich die Nase rümpfen (jedenfalls tagsüber – die Nächte in Shibuyas Neonglanz wären ihnen da schon ein viel vertrauterer Anblick). Aber Tokio ist in lauter dezentralen Vierteln organisiert, von denen ein jedes sein eigenes Hochhauszentrum besitzt. In jedem dieser Zentren befindet sich ein Verkehrsknotenpunkt mit Anbindung an U-Bahn, S-Bahn und Buslinien, der täglich gewaltige Mengen an Fahrgästen bewältigt. Zwischen den Zentren befinden sich niedriger bebaute und ruhigere Wohngegenden.

Tanusha treibt diese Dezentralisierung auf die Spitze. Mit nur einem einzigen Stadtzentrum wäre eine Stadt mit 57 Millionen Einwohnern nicht mehr zu verwalten. Man stelle sich nur ein für so viele Menschen angelegtes Hauptgeschäftsviertel vor – es wäre zehnmal so groß wie Manhattan, und jenseits davon lägen endlose Wohngebiete. Derart ausgedehnte Wohngebiete hätten unzählige tote Winkel, die die Stadtplaner nicht mehr in den Griff bekämen, es gäbe üble Gegenden, und das Verkehrssystem wäre nicht effektiv, einfach weil derartige Ausdehnungen kaum zu bewältigen sind.

Also gibt es in Tanusha kein einzelnes Stadtzentrum, sondern stattdessen fünfzig oder sechzig; über den Daumen ein Zentrum auf je eine Million Einwohner. Jedes davon ist ein Schnittpunkt für verschiedene Verkehrsmittel, so wie in Tokio, und für die Bebauung mit Hochhäusern ausgewiesen. Dazwischen liegen die ruhigen, üppig begrünten Wohngebiete mit freistehenden Häusern und niedrigen Wohnkomplexen, Parks, Freizeiteinrichtungen und so weiter. Wenn man dort lebt, merkt man kaum etwas von der schieren Größe der Stadt, denn die Bäume begrenzen die Sicht. Aber von weiter oben sieht man die Ansammlungen von Türmen, jede davon eine Stadt für sich – sie erstrecken sich in alle Himmelsrichtungen, und die weit entfernten Zentren verschwimmen neblig in der feuchten Luft (um Luftverschmutzung handelt es sich dabei dank Tanushas emissionsfreier Technologie nicht, aber mir gefällt dieser typisch asiatische Dunsteffekt bei Sonnenuntergang. Ich will das Zeug nur nicht einatmen.)

 

Die Verkehrsmittel

In Tanusha gibt es alle nur erdenklichen Verkehrsmittel. Für lange Fahrten quer durch die Stadt hat man die überirdische Magnetschwebebahn, die nur an den großen Verkehrsknotenpunkten hält. Zwischen den Knotenpunkten verlaufen U-Bahnen-Linien, wie wir sie auch aus heutiger Zeit kennen; sie halten an mehr Zwischenstationen und verbinden die einzelnen Viertel miteinander. Innerhalb der Viertel wiederum sorgt die Schienenbahn für die Nahanbindung, so ähnlich wie eine Straßenbahn. Sämtliche Autos werden über die Verkehrszentrale gesteuert und schließen sich auf den großen Autobahnen wie beim NASCAR-Rennen zu langen Pelotons zusammen. Dank der Automatisierung ist kein großer Bremsabstand vonnöten, und die Fahrzeuge können im Abstand von nur wenigen Zentimetern im Windschatten des Vorausfahrenden bleiben und sehr hohe Geschwindigkeiten erreichen, also kommt man auch auf diesem Wege sehr rasch durch die Stadt … Aber wie überall kann auch hier das Parken zur Plage werden, deshalb sind die öffentlichen Verkehrsmittel unproblematischer. Oder man greift, wenn man reich und wichtig genug ist, auf die Gleiter zurück – wir heutzutage würden fliegende Autos dazu sagen –, die ich unbedingt mit einbauen musste, weil sie so verdammt cool sind und den Figuren jene Mobilität erlauben, die ich für meine Geschichte wollte. Günstig sind sie allerdings nicht, nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung können sie sich leisten … Wobei, wenn man Tanusha kennt, die Vermutung naheliegt, dass die Regierung Park- und Lizenzgebühren absichtlich hochtreibt, damit die Anzahl solcher Wagen überschaubar bleibt.

 

Luxus durch Fortschritt …

Wenn es mehr Bände zu Sandys Abenteuer in Tanusha gäbe, dann hätte ich mich den folgenden Fragen bei Gelegenheit detaillierter gewidmet:

Wie kann es sein, dass es in einer Stadt keinerlei Armut gibt? Gute Frage. Und an diesem Punkt wird Tanusha so richtig interessant – an der Oberfläche mag es nach einer Utopie aussehen, aber wenn man etwas tiefer gräbt, wird die Sache schon schmutziger. Eine durchgeplante Stadt wie Tanusha hat großes Interesse daran, Armut zu vermeiden, denn bei geringen Steuereinnahmen könnte sie sich finanziell nicht tragen, und „keine schlechten Gegenden“ heißt: „keine armen Gegenden“. Gibt es ein Sozialversicherungssystem? Auch eine gute Frage, die mit den Antworten auf andere Fragen zusammenhängt.

Tanushas Antwort auf alle Fragen ist technologischer Natur. Die Bildung hat sich dahingehend entwickelt, dass Wissen auf direktem Wege ins Hirn eingespeist werden kann. Mangelnde Fachkenntnisse können also nicht mehr als Entschuldigung für Arbeitslosigkeit gelten, und anspruchslose Arbeiten werden inzwischen nicht mehr von Menschen, sondern von Robotern oder automatisierten Systemen erledigt. Also verfügen alle Menschen über eine hochwertige Ausbildung. Aber die Wirtschaft erlaubt meiner Ansicht nach keine so präzise Planung, dass man ihnen allen entsprechende Jobs garantieren kann, denn nur in Planwirtschaften ist eine hundertprozentige Beschäftigungsrate möglich, und Planwirtschaften sind am Ende immer zum Scheitern verurteilt. Tanusha ist eine PlanSTADT. Das ist ein Unterschied, denn bei einer durchgeplanten Stadt geht es um die Frage, wo Gebäude und wo Straßen und wo Pools gebaut werden und weshalb. Wirtschaftlich gesehen herrscht in Tanusha eine fortschrittlichere kapitalistische Marktwirtschaft. Nur allzu gern würde ich die genauen Mechanismen ausprobieren und verfeinern, denn unsere Wirtschaftssysteme haben allein in den letzten Jahren einen enormen Wandel erfahren, und in weiteren fünfzig Jahren werden sie sich bis zur Unkenntlichkeit verändert haben. Ganz zu schweigen davon, was wir wohl sehen würden, wenn wir fünfhundert Jahre und mehr in die Zukunft blicken könnten. Aber selbstverständlich sind auch hier Wandel und Flauten im System inbegriffen, und es wird immer mal wieder Arbeitslosigkeit geben, wenn auch hoffentlich immer nur kurzzeitig.

Das Großartige am Lernen per Bandlektionen (direkt ins Hirn) ist, dass man blitzschnell wieder umlernen kann. Stellen Sie sich vor, Sie hätten gerade Ihren Job in der Buchhaltung gekündigt, und auf dem Arbeitsamt sieht sich der Sachbearbeiter ein paar Statistiken an und sagt: Okay, wir scheinen derzeit einen Überschuss an Buchhaltern zu haben, aber im mittleren Management fehlt es an Personal. Wie wäre es, möchten Sie Betriebswirtschaft lernen? Was einen vermutlich etwas kosten würde, aber es wäre in sechs Monaten oder weniger zu schaffen (nein, kein Matrix-mäßiges Speis-dir-ein-ganzes-Lexikon-in-nur-drei-Sekunden-ein, bleiben wir mal ein klein wenig auf dem Teppich.)

 

… zu welchem Preis?

Natürlich könnte es auf psychologischer Ebene zu Problemen führen, wenn so komplexe Fachkenntnisse gewissermaßen übereinandergeschichtet werden. Und genau solche Komplikationen machen Science Fiction interessant – Philip K. Dick liebte es, den möglichen Schwierigkeiten technologischer Antworten auf soziale Probleme nachzuspüren, derart absonderlichen Zusammenhängen um mehrere Ecken, dass niemand sonst darauf je gekommen wäre.

In Tanusha lebt es sich also sehr angenehm. Im Ganzen gesehen ist die Stadt spektakulär, im Detail sehr hübsch, und die meisten Leute fühlen sich von ihrer Ästhetik angesprochen; fast jeder findet etwas, was ihm gefällt, wenn er sich eine Weile umschaut. Aber dabei gleicht die Stadt, wie es auch in den Romanen oft zu spüren ist, einer Art Seifenblase, denn wenn jede Laune befriedigt werden kann und das Leben so überaus angenehm ist, dann vergisst sich leicht, dass es anderswo weniger rosig aussieht. Und deshalb wird es, als schließlich die Kacke am Dampfen ist, turbulent für den Callayanischen Sicherheitsdienst, denn in dieser Stadt, die nicht mehr daran glaubt, dass der Frieden manchmal nur mit Gewalt gewahrt werden kann, blickt man mit gerümpfter Nase auf diese ruppige und unzivilisierte Organisation hinab. Es ist schmerzlich für Tanusha, als die Stadt schließlich gezwungenermaßen umdenkt – jedenfalls ein kleines bisschen.

Und natürlich gibt es auch jede Menge Kriminalität in Tanusha, sehr hässlich und tief verborgen inmitten von 57 Millionen Menschen. Es herrscht weitgehend Netzfreiheit, was unvermeidlich zur Folge hat, dass eine ganze Bevölkerungsschicht, die dieses Netz höchst geschickt manipulieren kann, eine Gegenkultur zur normalen Gesellschaft bildet und sich auf diesem Wege ihren Lebensunterhalt zusammengaunert. Was dann wiederum einer wirklich widerlichen Minderheit innerhalb dieser Minderheit – nämlich organisierten kriminellen Geschäftemachern – die nötige Tarnung verschafft, um in ihrem Schutz mit Technologie zu handeln, die im Bevormundungsstaat Tanusha verboten ist. Diese Leute sind zu allen schmutzigen Tricks bereit, wenn es um Geld geht. Es gibt viele von ihnen, und es gibt reichlich Nachfrage nach dem, was sie anzubieten haben, wie man am gegenwärtigen Drogengeschäft recht gut sieht. Also hat eine kleine, paramilitärische Eliteeinheit wie CSD SWAT eine ganze Menge zu tun … und wird vom Großteil der tanushanischen Öffentlichkeit mit Abscheu betrachtet.

 

Und das umso mehr, als sich die schlagkräftigste Verkörperung der Ängste, die diese friedvolle Utopie plagen, plötzlich ihren Reihen anschließt.

 

 

Deutsch von Maike Hallmann

 

--- 

© 2015 by Joel Shepherd. Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Zuerst erschienen unter dem Titel »A Brief on Tanusha« auf www.joelshepherd.com

Share:   Facebook