Fantasyromane schreiben (Teil 13): Die passende Sprache finden

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KOLUMNE

Fantasy-Romane schreiben (Teil 13): Die passende Sprache finden


Der Plot ist entwickelt, die Figuren sind da – aber wie soll das Ganze klingen? Nicht allein die Handlung, auch die passende Sprache macht einen guten Roman aus. Wie man sich eine überzeugende Erzählstimme erarbeitet, erklärt euch Sylvia Englert.

Der eigene Schreibstil ist so individuell wie die eigene Handschrift und entwickelt sich (so wie diese) nach und nach. Doch diesen Stil kannst du auch etwas anpassen, je nachdem, was das Manuskript oder Genre fordert. Ich zum Beispiel suche (und finde) für jede Geschichte einen eigenen Erzählton, je nachdem, worum es geht und wer erzählt.

Nicht wenige Fantasyautorinnen und -autoren entscheiden sich für eine poetische oder mythisch angehauchte Sprache, die einen beim Lesen verzaubert. Aus dem Prolog von Victoria Schwab, Das Mädchen, das Geschichten fängt:

Du legst mir etwas Schweres, Glattes in die Hand und sagst, ich soll genau hinhören, um den Erinnerungsfaden zu finden, um danach zu greifen und dir zu sagen, was ich sehe, aber ich sehe nichts. Du sagst, ich soll mich mehr anstrengen, mich konzentrieren, nach innen schauen, aber ich kann es nicht.

Den Sommer darauf wird es anders sein, da werde ich das Summen hören und beim Blick nach innen etwas sehen. Du wirst stolz und traurig und müde zugleich sein, und den Sommer darauf wirst du mir einen Ring schenken, genau wie deiner, nur neuer. Und im nächsten Sommer wirst du tot sein, und ich werde neben deinem Schlüssel auch deine Geheimnisse besitzen.

 

Die meisten Autoren – auch Schwab – bevorzugen für die Haupthandlung eine heutige, gut lesbare Sprache. Ist die Geschichte in unserer Welt verankert, passt eine moderne Sprache sehr gut, in der High Fantasy dagegen solltest du dir allzu moderne Ausdrücke und Flüche verkneifen, die einen herausreißen aus der Illusion, sich in einer weit entfernten Welt zu befinden. Vielleicht gelingt dir das auf Anhieb – bei mir war das Übungssache und erforderte das Gemecker mehrerer Lektorinnen, die gnadenlos zu moderne Flüche, Begriffe und Dialogzeilen aus dem Manuskript strichen.

Wie altertümlich darf es sein?

Manche Autoren bevorzugen einen leicht altertümlich klingenden Ton, der passend erscheint für eine phantastisch-mittelalterliche Welt. In der Fantasy finden fast ausgestorbene Worte wie frugales Mahl, verzagt und Gemach eine gemütliche Nische, aus dem Gesicht wird hin und wieder mal ein Antlitz und aus dem Kopf ein Haupt. Aber Achtung, übertreib es nicht, sonst riskierst du, dass dein Text steif klingt und schwer lesbar wird. „Dient die altertümliche Sprache der Weltgestaltung und geht harmonisch mit der übrigen Beschreibung der Welt einher, finde ich sie gut und angebracht“, meint Maren Bonacker von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar. „Ungeübte Autoren jedoch neigen dazu, die Sprache altertümlich zu machen, weil sie glauben, das müsste so sein. Wenn sie das nicht in Einklang mit der Weltgestaltung insgesamt bringen, wirkt es einfach nur krampfig.“

Besonders bei den Dialogen klingt ein gewollt altertümlicher Stil gelegentlich grausam, deshalb lies dir unbedingt ein paar Seiten laut vor und frag dich, ob das nicht zu gestelzt klingt und ob es Spaß machen wird, das zu lesen. Denn Dialoge, besonders natürlich gute, sind die Zauberzutat für eine lebendige Story, und ein witziger, gepfefferter Austausch zwischen Hauptfiguren ist für den Leser ein Genuss, wie zum Beispiel die vielen Fans der Locke Lamora-Reihe von Scott Lynch bestätigen können. Darin geht es übrigens sprachlich nicht zimperlich zu, zumindest im Original, in dem das ziemlich moderne „fucking“ ein oft gebrauchtes Wort ist (in der deutschen Übersetzung ist immerhin ein „Scheiße“ hier und da geblieben.)

Nutz den Echo-Effekt!

In welchem Ton sind die Romane geschrieben, die dir gefallen haben? Das ist ein guter Hinweis darauf, wie dein Roman klingen könnte, und außerdem kannst du diese Bücher für einen hilfreichen Trick verwenden: Wenn einer dieser Romane genau so geschrieben ist, wie du schreiben möchtest, lies ihn direkt vor Schreibbeginn deines Romans. Dann fällt es dir durch den „Echo-Effekt“ leichter, den Ton zu erreichen, den du möchtest. Und wenn du erstmal den richtigen Ton gefunden hast und „drin“ bist, dann wird dein ganz eigener Stil den Roman färben, sodass du ihn zu etwas ganz eigenem machst. Natürlich bedeutet dieser Trick nicht, dass du etwas nachahmen sollst – es gibt nur einen Patrick Rothfuss und eine Cassandra Clare. Aber es ist nicht verboten, einen ähnlichen Stil zu schreiben oder ähnliche Geschichten zu erzählen … Achte nur darauf, dass deine Idee und deine Figuren in irgendeiner Form originell und anders sind.

Achtung, Ich-Erzähler

Die passende Sprache und den richtigen Ton zu treffen ist eine besondere Herausforderung, wenn du dich für einen Ich-Erzähler entschieden hast. Denn nun bist du es nicht mehr, die erzählt (in der von dir gewählten Sprache), sondern deine Hauptfigur. Und so wie jeder echte Mensch ist natürlich auch jede Figur anders, geprägt durch ihren sozialen Hintergrund, ihre Familie, ihre Kultur, ihre Denkweise. Damit dein Ich-Erzähler echt klingt, muss er auch wirklich so von seinen Erlebnissen berichten wie die Person, zu der du ihn gemacht hast. Der junge Verwandlungsmagier Cassel Sharpe zum Beispiel, Hauptfigur von Holly Blacks Fluchwerker-Trilogie, ist ein orientierungsloser Jugendlicher, der in einer rundum kriminellen Familie aufgewachsen ist, mit der er so seine Probleme hat. Hier ein Auszug aus dem zweiten Band Roter Zauber:

 

Mom ist vor zwei Monaten aus dem Gefängnis entlassen worden. Als das Schuljahr zu Ende war, sind wir nach Atlantic City gefahren, wo wir uns in Hotelzimmern einquartieren und auf diese so viel Essen und Trinken anschreiben, wie wir wollen. Wenn die Hotelleitung unangenehm wird und auf Bezahlung pocht, ziehen wir einfach ein paar Straßen weiter. Als Gefühlswerkerin hat Mom es nicht nötig, eine Kreditkarte an der Rezeption zu hinterlegen.

Sie öffnet die Verbindungstür.

„Liebling“, sagt Mom, als wäre nichts dabei, dass ich in Boxershorts auf dem Fußboden liege. Wie gewohnt hat sie ihr schwarzes Haar zum Schlafen hochgesteckt und mit einem Schal umwickelt. Den Hotelbademantel aus dem letzten Hotel hat sie fest um ihre rundliche Taille gebunden. „Lust auf Frühstück?“

„Kaffee würde mir reichen. Ich mach den schon.“ Ich rappele mich auf und gehe zu dem Wasserkocher, den das Hotel gratis zur Verfügung stellt […]

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass es gefährlich ist, daraus zu trinken, Cassel? jemand könnte Crystal Meth darin gekocht haben.“ Mom runzelt die Stirn. Die sonderbarsten Dinge beunruhigen sie. Kaffeekocher im Hotel. Handys. Aber normale Probleme, wie zum Beispiel die Polizei, lassen sie kalt. „Ich bestelle uns Kaffee aufs Zimmer.“

 

Jetzt zum Vergleich einen kurzen Auszug aus Hochverrat aus der Greatcoats-Reihe von Sebastien de Castell. Nun erzählt Falcio val Mond, ein erfahrener Kämpfer und einst eine wichtige Persönlichkeit im Dienste des Königs.

 

„Wir sind alle glücklich, dass du überlebt hast, Falcio, aber dieses Herumlungern jeden Morgen ist ein äußerst unpassendes Benehmen. Man könnte es sogar egoistisch nennen.“

Trotz meiner wiederholten Versuche weigerten sich meine Hände einfach, sich um Brastis Hals zu legen.

In der ersten Woche nach meiner Vergiftung hatte ich eine gewisse Schwäche in meinen Gliedern bemerkt. Ich schien mich nicht mehr so schnell bewegen zu können. Tatsächlich versuchte ich manchmal die Hand zu bewegen, und es dauerte eine ganze Sekunde, bis sie gehorchte. Dieser Zustand hatte sich langsam verschlimmert, bis ich mich jeden Morgen nach dem Aufwachen mehrere Minuten lang in meinem Körper gefangen fand.

 

Ein deutlicher Unterschied, oder? Und dadurch in beiden Fällen glaubwürdig und überzeugend. Hat man in einem Roman mehrere Ich-Erzähler (mehr dazu in meinem Beitrag zum Thema Perspektive), dann sollte man sie schon am Klang ihrer Erzählstimme unterscheiden können. Denn garantiert sind sie sehr unterschiedliche Menschen.

Viel Erfolg beim Ausprobieren!



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Du möchtest einen Fantasyroman schreiben oder bist schon mitten dabei und hättest gerne ein wenig Unterstützung von einer erfahrenen Autorin? Kein Problem. In meinen Artikeln, die auf meinem „Handbuch für Fantasy-Autoren“ basieren, geht es um handwerkliche Techniken und Tricks, die ich selbst gerne gekannt hätte, als ich meinen ersten Fantasyroman schrieb.

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