»Ich bin nicht talentiert genug, um Science Fiction zu schreiben.« - ein Interview mit Omar El Akkad

© 2017 Anna Mehler Paperny

INTERVIEW

»Ich bin nicht talentiert genug, um Science Fiction zu schreiben.« – Omar El Akkad im Interview


Omar El Akkad, Autor des visionären Spiegel-Bestsellers American War, über seinen Deutschlandbesuch, Donald Trump und warum sein Roman keinem Genre zuzuordnen ist

 

 

Vor etwa sechs Wochen hast Du einige Zeit in Europa verbracht, und zwar in England, Frankreich und Deutschland. Was für Erinnerungen hast Du von dort mit nach Hause genommen?

Omar El Akkad: Ich war schon früher, als ich viel jünger war, in Frankreich und England gewesen, aber dies war mein erster Deutschlandbesuch. Überrascht hat mich, wie schnell ich mich in Berlin verliebt habe – wirklich eine Weltstadt, in der man super zu Fuß unterwegs sein kann. Ich habe meine ganze Freizeit auf den Beinen verbracht, bin durch die Gärten geschlendert und an den Kanälen entlang. Besonders beeindruckt hat mich das Jüdische Museum, ein architektonisches Wunderwerk. Begeistert hat mich auch, wie ernst die Deutschen die Literatur nehmen. Seit American War in den USA erschienen ist, habe ich Hunderte von Interviews gegeben und an zahlreichen Diskussionsrunden teilgenommen, aber das Ausmaß an Nachdenklichkeit und das Niveau der kritischen Auseinandersetzung in Deutschland unterschied sich grundlegend von allem, was mir vorher oder seither begegnet ist.

In Deutschland hattest Du mit Interviews und Auftritten ziemlich gut zu tun. War es schwierig, wieder in Deinen »normalen« Tagesablauf zurückzufinden?

Ich bin mir nicht sicher, ob es bei mir jemals so etwas wie einen normalen Tagesablauf gab. Als ich American War geschrieben habe, habe ich noch Vollzeit als Journalist gearbeitet, also habe ich meistens zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens daran gesessen, und das hält man auf Dauer nicht durch. Seit American War im April erschienen ist, bin ich im Schnitt jeden Monat eine Woche lang unterwegs gewesen, was bedeutet, dass ich mir erst gar keinen normalen Tagesablauf angewöhnen konnte. Außerdem wurde im April meine Tochter geboren, was auch nicht eben dazu beigetragen hat, dass ich in Routine verfalle.

Im Spiegel-Interview hast Du gesagt, dass Dir Bücher über Gewalt zuwider sind. Wie kommt es da, dass Du American War geschrieben hast?

Meine Abneigung gegenüber Büchern, die von Gewalt handeln, rührt von einer Reihe von Büchern (und Filmen und Fernsehserien), die Gewalt als etwas beschreiben, das völlig autark existiert – als ein Phänomen ohne Geschichte, Kontext, direkte Ursachen. Gewalt um der Gewalt willen halte ich für kindisch, schlimmer noch, für etwas, das absichtsvoll Dinge verschleiert. Ich lebe nun einmal in einem Land, das äußerst schamhaft ist, wenn es um Sex geht, das von Gewalt dagegen geradezu besessen ist. Ein Großteil der medialen Unterhaltung, die ich in den USA konsumiere, dreht sich um die Fetischisierung von Schusswaffen – wer hat die größere Knarre. Mich stumpft das total ab. Als ich angefangen habe, American War zu schreiben, habe ich es mir zum Ziel gesetzt, auf eine entgegengesetzte, allegorische, aber in anderer Hinsicht weitgehend schmucklose Art und Weise die Geschichte von Leuten zu erzählen, die das Pech haben, in einem Krieg zu den Verlierern zu gehören. Nachdem ich diese Parameter festgelegt hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als über Gewalt zu schreiben, und zwar ohne mit der Wimper zu zucken, denn Gewalt ist ein zentraler Bestandteil dieser Form des Daseins. Hätte ich die Gewalt abgemildert, wäre das einer Bankrotterklärung gleichgekommen. Trotzdem sind mir die Abschnitte in American War am liebsten, in denen nichts Gewaltsames passiert, die ruhigen Augenblicke.

American War spielt in der Zukunft, also könnte man es für Science Fiction halten. Ist es das?

Für mich ist American War keine Science Fiction, denn ich glaube nicht, dass ich talentiert genug bin, um Science Fiction zu schreiben. Es gibt die Tendenz, die Ereignisse in meinem Roman für etwas zu nehmen, das in einer alternativen Zeitlinie stattfindet, in einer gänzlich erfundenen Welt. Dabei habe ich lediglich Dinge aufgenommen, die von vielen der Menschen auf diesem Planeten, die wirklich ungerecht behandelt werden, sofort wiedererkannt werden, und habe sie zu Bestandteilen eines Konflikts im Westen umgestaltet. Ich habe das Waterboarding nicht erfunden, ich habe das Morden mittels Drohnen nicht erfunden, ich habe die Flüchtlingslager nicht erfunden, ich habe sie nur in das Umfeld einer vergleichsweise privilegierten Bevölkerung verpflanzt. American War hat mit Science Fiction lediglich gemeinsam, dass es sechzig Jahre in der Zukunft spielt. Aber selbst das führt auf eine falsche Fährte – das ist kein Roman über die Zukunft.

Du hast den Roman in den Jahren 2015/16 geschrieben, stimmt's? Damals wusstest Du noch nicht, wer Präsident der Vereinigten Staaten werden würde. Das ist vielleicht ein bisschen zynisch, aber würdest Du sagen, dass Dein Roman zum Teil auch deswegen so erfolgreich ist, weil Trump das Land regiert?

Das ist wirklich ein bisschen zynisch, aber wahrscheinlich auch wahr, jedenfalls in dem Sinne, dass es sehr einfach ist, dieses Buch als Schlüsselroman zu vermarkten, als ersten großen Roman der Trump-Ära oder etwas in der Art. Dabei habe ich das Buch im Sommer 2015 abgeschlossen, wenige Wochen bevor Trump seine Kandidatur bekanntgegeben hat. Und selbst in der Wahlnacht habe ich nicht geglaubt, dass er tatsächlich gewinnen würde. American War ist kein Buch über Amerika und schon gar keins über Trump, den ich im Übrigen für jemanden halte, der einer griechischen Tragödie entsprungen zu sein scheint – jemand, der, obwohl er auf dem Zenit des Ruhmes und der Macht steht, niemals seinen einzigen Wunsch erfüllt bekommen wird, von irgendjemandem respektiert zu werden, dessen Respekt etwas zählt. American War handelt davon, wie allgemeingültig und allgegenwärtig Rache ist, und wenn der Wahnsinn der Trump-Ära vorbei ist, wird es hoffentlich vor diesem Hintergrund beurteilt werden.

Du lebst als Kanadier in den USA. Wie lange, glaubst Du, wird die gegenwärtige Situation dort Bestand haben?

Ich denke, die gegenwärtige Situation in den USA ist eine besonders extreme, unsubtile und leicht entflammbare – aber nicht grundlegende neue – Variante der Situation, wie sie in diesem Land während der letzten 400 Jahre vorherrschte. Und ich denke, das wird mehr oder minder genauso weitergehen, bis sich die Mehrheit der Menschen eingestehen, wie tief die Strömungen, die Trump an die Macht gespült haben, im Gefüge Amerikas verwurzelt sind. Um nur einen Orientierungspunkt beispielhaft hervorzuheben: Ich glaube nicht, dass sich die gegenwärtige Situation auf irgendeine bedeutsame Weise ändern wird, solange es in diesem Land mehr Denkmäler für Sklavenhalter gibt als für ihre Opfer. In anderen Worten – es ist noch ein langer, langer Weg.

Kannst Du Dir einen Film vorstellen, der auf Deinem Roman basiert?

Ich hoffe doch, vor allem weil einer der schönsten Aspekte kreativer Arbeit darin besteht zuzuschauen, wie andere deine Geschichte als Blaupause für ihre eigenen Kunstwerke verwenden. Ich möchte sehen, was andere Künstler aus diesem Roman machen. Außerdem hoffe ich, dass dieses Buch es ins Kino oder ins Fernsehen schafft, weil mir keine der Hauptrollen für irgendeinen etablierten Star geeignet scheint. Vielleicht gelingt es einem unbekannten Schauspieler, damit richtig durchzustarten.

Hast Du irgendwelche Ideen für einen neuen Roman?

Ich arbeite seit einigen Monaten an etwas, aus dem, so hoffe ich, mein nächster Roman wird. Die Idee dazu ist mir vor etwa anderthalb Jahren gekommen, aber aufgrund der Lesetournee hatte ich nicht viel Zeit, mich ganz aufs Schreiben zu konzentrieren. Bisher kann ich lediglich sagen, dass die Geschichte, was auch immer daraus werden wird, keinerlei Ähnlichkeit mit American War hat.


Die Fragen stellte Isabel Kupski

Deutsch von Hannes Riffel


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© 2017 by Omar El Akkad

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

 

© der Übersetzung 2017 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

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