Leslie S. Klinger: H.P. Lovecraft - Das Werk

Leslie S. Klinger: H.P. Lovecraft - Das Werk

ESSAY

H. P. Lovecraft: Das Werk


Alexander Pechmann
21.09.2017

Einigen buddhistischen und hinduistischen Lehrmeistern zufolge gibt es drei Arten von Träumern: jene, die nur wirren Unsinn träumen; jene, die von zusammenhängenden Ereignissen träumen; sowie jene, die in die geträumten Ereignisse eingreifen und diese nach Belieben gestalten können. Seit ich mich ausführlich mit Lovecrafts Erzählungen beschäftige, halte ich eine vierte Art für möglich: geniale Träumer, die in die Träume anderer Menschen eingreifen, und dies nicht nur zu Lebzeiten, sondern Jahrzehnte über den Tod hinaus. Und gilt dies nicht im Grunde für alle Geschichtenerzähler? Sie sind es, die unauslöschliche Bilder in unseren Köpfen erzeugen, nie gekannte Gefühle wecken, die sich in unserem Unterbewusstsein einnisten und Teil der nächtlichen Streifzüge unserer Seele werden.

Dennoch bleibt Lovecraft ein Sonderfall. Er prägte nicht nur die Phantasie mehrer Generationen von Lesern, sondern tat dies oft mit Visionen aus seinen eigenen Träumen. Sehr viele seiner Geschichten – von denen wiederum zahlreiche von Träumen und Träumenden handeln – wurzeln in seinen Nachtgedanken, sodass man sich unwillkürlich fragt: Woher stammen diese Ideen eigentlich ursprünglich?

… Doch falls es irgendwo dort draußen, auf den schwarzen Steinpyramiden des Planeten Yuggoth beispielsweise, einen Sender gibt, der Botschaften an unser Unterbewusstsein schickt, will ich lieber nichts davon wissen. Denn sobald ich die Augen schließe, sehe ich endlose Korridore in verlassenen zyklopischen Städten, rätselhafte Fresken, Spuren unaussprechlich fremdartiger Wesen, die von fernen Ufern ihre Fühler nach meinem zitternden Gehirn ausstrecken ...

Womöglich liegt es gar nicht an unheimlichen Botschaften aus dem All, sondern einfach daran, dass ich zusammen mit meinem geschätzten Kollegen Andreas Fliedner an einer Neuübersetzung der Werke Lovecrafts gearbeit habe. Übersetzen ist immer ein Versuch, nicht nur den Wortlaut, sondern auch die unter der Oberfläche und zwischen den Zeilen flirrenden Andeutungen zu erfassen und in eine andere Sprache zu übertragen. Nicht nur den Sinn, auch die Atmosphäre gilt es zu bewahren. Das klingt selbstverständlich, war aber in diesem Fall besonders schwierig, bedenkt man Lovecrafts Vorliebe für entlegene Zitate, seltene Begriffe und vor allem den großen Wert, den er auf den unverwechselbaren, fast poetischen »Sound« seiner Texte legte, die zudem oft mit dem Anspruch spielen, authentische Dokumente zu sein. Die Mischung aus nüchternem, detailverliebtem Bericht und wahnwitziger Phantasie macht den besonderen Reiz dieser Geschichten aus, und unser Ehrgeiz bestand darin, dies in den neuen Übersetzungen unmittelbar spürbar zu machen.

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Die älteren deutschsprachigen Lovecraftausgaben haben durchaus ihre Qualitäten. So hatten die Bände der Bibliothek des Hauses Usher für mich als jungen Bücherwurm in den 1970er und 1980er Jahren immer etwas geradezu Heiliges an sich. Bei näherer Betrachtung erweisen sich die Texte jedoch oft als lückenhaft und ungenau, wie etwa der Titel der Kurzgeschichte »Haunter of the Dark«, in der ein monströses, lichtscheues Geschöpf nur in absoluter Finsternis seine tödliche Wirkung entfaltet. Der ansonsten so sprachmächtige H. C. Artmann machte damals aus dem »Haunter« ein bloßes »Ding«, während in einer neueren Ausgabe fälschlicherweise ein »Jäger« sein Unwesen treibt. Gemeint ist aber ein Geist oder übernatürliches Monster, der oder das im Dunkeln lauert – ein »Schrecken der Finsternis«!

Ganz gleich, welche Version man bevorzugt, eine gründliche Neuübersetzung von Lovecrafts Erzählungen war überfällig, und sie war in diesem Umfang, bei diesen hohen Ansprüchen und noch höheren Erwartungen nur im Rahmen einer vertrauensvollen Zusammenarbeit möglich. Hierbei war es geradezu unerlässlich, dass alle Beteiligten bereits Erfahrungen mit phantastischer Literatur im Allgemeinen und Lovecrafts literarischem Universum im Besonderen gesammelt hatten sowie eine gewisse Leidenschaft für das Thema mitbrachten. Andreas Fliedner übersetzt S. T. Joshis zweibändige Lovecraft-Biographie und ist mir bereits bei der Neuübersetzung des Essays Das übernatürliche Grauen in der Literatur mit Rat und Tat zur Seite gestanden, während ich seinen bahnbrechenden Charles Dexter Ward redigiert hatte. Das neuerliche Zusammentreffen war ein Glücksfall, denn nur durch die gegenseitige Ermutigung und konstruktive Kritik konnte es gelingen, den Lesern einen wirklich neuen und möglichst authentischen Lovecraft ans panisch klopfende Herz zu legen.  

Nach rund zwei Jahren Schweiß, Tränen und seelenzerschmetterndem Wahnsinn, mithilfe des erfahrenen Teams von FISCHER Tor sowie der freundlichen Unterstützung des esoterischen Ordens von Dagon können wir nun endlich Das Werk von H. P. Lovecraft in den Händen halten, hoffend, dass es Kenner und Neulinge gleichermaßen dazu verführt, sich erneut oder erstmals den Träumen und Albträumen dieses modernen Meisters des Grauens auszuliefern!

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