Seth Dickinson: Die geheime Struktur hinter Die Verräterin - Das Imperium der Masken

ESSAY

Der einfachste Widerstand ist es, einfach glücklich zu sein


Seth Dickinson
14.09.2017

Autor Seth Dickinson hat mit seinem Debütroman „Die Verräterin“ eine grandiose politische Fantasy geschaffen, die vor allem durch einzigartige Figuren und einen besonderen Ansatz überzeugt. Erfahre im zweiten Teil seines Essays mehr über die Hintergründe des Romans. Achtung: Spoiler alert.

>> hier geht's zum ersten Teil des Essays 


Geschlecht ist Biologie

Im Kolonialismus geraten Körper ins Visier des Apparats, der versucht, sie zu regulieren.

Das hier war knifflig. Ich hatte kein Verlangen danach, über Vergewaltigung und sexuelle Gewalt zu schreiben, aber aus Angst, die koloniale Macht einem Whitewashing zu unterziehen, konnte ich sie auch nicht weglassen.

Die Maskerade bringt Baru bei, dass Geschlecht, also die sozialen Rollen, die Menschen zugeordnet werden, durch die Biologie determiniert sind. Ihr Geschlechtersystem ist nicht das gleiche wie das unsrige, doch es bringt in vielen Fällen die gleichen Folgen hervor: Frauen werden für ihr sexuelles Verlangen bestraft; oder dafür, sexuell nicht verfügbar zu sein; dafür, außereheliche Kinder oder gar keine Kinder zu haben.

Baru trotzt diesem System auf zwei unterschiedliche Arten. Sie schert sich nicht um Kinder - was ihre eigene Wahl ist (wobei man auch argumentieren könnte, dass es sich um eine Abwehrreaktion handelt). Und sie weigert sich, ihre Umwelt und sich selbst nach diesen Schönheitsidealen zu betrachten. Sie ist in höchstem Maße selbstsicher, was ihre Person als physisches Wesen angeht.

Und doch zwingt Barus Zeit in Aurdwynn sie dazu, ihre eigenen politischen Ansichten innerhalb der Bürokratie der Maskerade und dem feudalen System Aurdwynns über Bord zu werfen. Zunächst muss sie eine konventionelle heterosexuelle Beziehung vortäuschen, um der Überwachung zu entgehen; dann sieht sie sich mit einer Gruppe von Herzogen konfrontiert, die Heirat als integralen Bestandteil ansehen, um Allianzen zu verfestigen. Wenn Baru keine Kinder haben wird, setzt sie ihr eigenes Vermächtnis aufs Spiel.

Baru stellt sich diesen Erwartungen, indem sie sie benutzt, um ihre herzöglichen Verbündeten zu manipulieren. Handelt es sich dabei um ein Untergraben von deren Prinzipien oder um einen Betrug an Barus eigenen?

Rasse ist Bestimmung

Die inkrastische Politik der Maskerade bezeichnet Rasse als biologische Wahrheit. Ihr eugenisches Programm zielt darauf ab, diese zu spezialisieren und nützliche Hybriden zu erschaffen. Dafür passt sie bereitwillig ihre bilogischen Definitionen sozialen Änderungen  - die Rasse der Falcresti bestand einst aus einer ganzen Bandbreite an unterschiedlichen Kulturen, doch jetzt beansprucht das Metadem von Falcrest gemeinsame Vorfahren. Und sie werden anderen wie den Taranok erzählen, dass diese simpel und unschuldig wie Kinder seien.

Baru lehnt dieses System ab, verwirft umgehend das Konzept der biologischen Rasse und nährt einen schwelenden Hass gegen die eugenische Ideologie. Sie weiß, dass ihre Heimat kein prälapsarisches Paradies war: Die Taranoki waren ein Volk mit Kultur, einem wissenschaftlichen Projekt und einem umfassenden Handelsnetzwerk.

In Aurdwynn eint Baru erfolgreich unterschiedliche ethnische Gruppen für ein gemeinsames politisches Ziel. Aber ihr eigener Widerstand könnte den Zielen der Maskerade dienen. Sie ist die Vorzeige-Taranoki, eine erfolgreiche Technokratin, die nach den Regeln spielt - aber natürlich erhält sie die Gönnerschaft einer mächtigen Person und eine klösterliche Ausbildung. So ist es einfach, sie als Beispiel für das zu sehen, was aus einem werden könnte.

Während ihrer Arbeit dort, ist Baru bereit, jene zu opfern, die bereit sind, für ihre eigene Identität einzustehen. Sie arbeitet eng mit Xate Yawa zusammen, der nationalen Inquisitorin, und nutzt bereitwillig die Vorteile des Ilykari-Netzwerks, einer Kultur aus Heimlichkeit, erschaffen, um der Dominanz der Maskerade zu widerstehen.

Barus Ziel ist es, die inkrastische Ideologie von innen heraus zu zerstören. Aber auf dem Weg dahin riskiert sie, doch zum Erfolg der ihr verhassten Ideologie beizutragen.

Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind dem Untergang geweiht

Die Vorstellung einer gleichgeschlechtlichen Ehe als tragisch oder dem Untergang geweiht reicht lange zurück. Und einmal verinnerlicht ist sie höchst gefährlich. Das war vermutlich der Teil des Buches, der mich nachts am häufigsten wach gehalten hat und zu den meisten Identitätskrisen führte.

Die Homophobie der Maskerade entstammt ihrer Sorge über kompetitive Fruchtbarkeit, soziale Hygiene und Rassenreinheit. Sie sehen »inkorrekte« Familienstrukturen als Bedrohung für die langfristige Stabilität der Zivilisation an. Ihre größte Waffe ist die Angst: die Fähigkeit, Menschen wie Baru davon zu überzeugen, dass alle nicht-heteronormativen Beziehungen nur ins Unglück führen.

Der einfachste Widerstand ist es, einfach glücklich zu sein - zu tun, was vielen so gut gelungen ist, im wirklichen Leben und in der Kunst; und stell dir einen Ort vor, wo Glück möglich ist und nicht bedroht wird. Aber Baru erleidet einen schweren Schlag durch das Verschwinden ihres Vaters Salm (eine Tat, die sie nicht als absichtliches Manöver ihres Mentors Farrier betrachtet, was es aber durchaus sein könnte). Während sie sich auf ihre Mission begibt, weitere Tode von Vätern in der Zukunft zu verhindern, wird sie in einen wiederkehrenden Zyklus aus Tragödien gelenkt. In Haraerod massakriert sie eine herzögliche Familie, die der ihren sehr ähnelt.

Währenddessen führt Tain Hu ein glückliches Leben in Aurdwynn mit vielen Liebhabern und Freunden, trotz der Überwachung durch die Maskerade und der Missbilligung ihrer Nachbarn. Wiederholt versucht Tain Hu Barus Selbstbeherrschung zu knacken und ihr zu helfen, Glück als eine realistische Möglichkeit anzusehen. Es gibt keinen anderen Grund für ihre Beziehungspause während der Rebellion, außer dass Baru glaubt, es sei aus taktischen Gründen unabdingbar, und indem sie sich aus rein taktischen Überlegungen selbst diszipliniert, verschließt Baru sich selbst die Möglichkeit, der Narrative der Maskerade zu entkommen.

Als ihr Verrat deutlich wird, reagiert Tain Hu, indem sie Waffen Barus eigener Waffen bemächtigt: sie manipuliert den letzten Akt des Buches, um als Geisel in Barus Gewalt zu verbleiben. Wir könnten sogar glauben, dass sich Tain Hu Aparitor stellt, um gefangen genommen zu werden. Nur an Barus Seite kann sie die Schwüre brechen, Aurdwynn und Baru bis zum Tod zu dienen, indem sie ihr das Versprechen entlockt, Aurdwynn zu retten und dann die Geisel loszuwerden, die sie ihr in die Quere kommen kann.

Und nur an diesem Punkt kann sie Baru dazu zwingen, anzuerkennen, dass auch ihre persönlichen Beziehungen lebendig und real, keine taktischen Manöver sind.

Am Ende des Buchs ist Baru gezwungen, Tain Hu so verschwinden zu lassen, wie ihr Vater einst verschwand - jene Tat, die den Beginn der Kontrolle der Maskerade signalisierte. Sie hat die Option, mit Tain Hu zu leben, aber unter den Bedingungen der Maskerade. Doch Tain Hu möchte nicht zu irgendjemandes Bedingungen leben. Sie lehnt die Komplizenschaft ab.

Auch wenn es keine explizit homophobe Tat in dieser Anderswelt ist (da Tain Hu eine politische Gefangene und Rebellin ist, und sie auch als Mann Barus Geisel wäre), ist dies eine unterschwellige Rückkehr zu der Frage: Kann man eine Geschichte von innen heraus verändern?

Keine der Frauen ist im Finale gebrochen. Sie sind Teil einer seltsamen Art der Zuneigung und des Vertrauens, jede von ihnen voller Hoffnung. Mit dieser Beobachtung mag ich die auktoriale Ausrichtung verletzen, aber meine Lesart ist nicht wichtiger als deine.


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Deutsch von Markus Mäurer

 

© 2015 Seth Dickinson

Zuerst erschienen auf www.sethdickinson.com

 

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