Stephen Kings "Es"

© Warner Bros Pictures

ESSAY

Auf den Fußspuren Stephen Kings: Der König des Horros und die Arbeiterklasse


Mats Strandberg
19.09.2017

Mats Strandberg, Autor vom Erfolgsroman Die Überfahrt, bezeichnet sich selbst als lebenslanger Fan von Horror-Großmeister Stephen King. Wie es sich für einen echten Fanboy gehört, hat Strandberg sein Vorbild mit angemessener Distanz in dessen Heimat besucht. Eine Hommage zum 70. Geburtstag von Stephen King am 21. September 2017.

Wir stehen an der Ecke Jackson Street und Union Street und starren auf einen Gully. Er sieht genauso aus wie alle anderen Gullys in der Stadt. Trotzdem durchläuft mich ein Schaudern. Unser Guide, ein enthusiastisches Männlein namens Stu Tinker, fördert einen Arm zutage, der offenbar einer Schaufensterpuppe abgerissen wurde, und legt ihn quer über den Abfluss. Es soll der Eindruck entstehen, als versuche gerade jemand aus der Kanalisation hochzuklettern. Stu gluckst zufrieden und fragt uns, ob wir neben dem Gully posieren wollen. Mein Mann und ich lehnen dankend ab, aber das junge amerikanische Pärchen, das mit uns im Auto sitzt, verknipst eine ganze Fotoserie.

Auf den Fußspuren Stephen Kings: Der König des Horros und die Arbeiterklasse

© Mats Strandberg

Elvis-Fans haben Graceland. Dolly-Fans haben Dollywood. Wir Stephen-King-Fans haben Bangor im Bundesstaat Maine, im Nordosten der USA. Weit weg vom intellektuellen New York, und noch weiter weg vom schicken Los Angeles.

Bangor hat gut 30.000 Einwohner, eine Industriestadt, die von Holzfällern, Bahnarbeitern und Sägewerkern besiedelt wurde. Erinnerungen kommen hoch, sowohl an meine Kindheit im Industrieort Fagersta als auch an das Amerika-Bild, das in mir entstand, als ich im Teenageralter Stephen King zu lesen begann. Als wäre ich an einem Ort gelandet, den ich aus meinen Träumen kenne. Fast alle von Kings Büchern spielen in Maine. Viele handeln von der fiktiven Stadt Derry, für die Bangor als Vorlage dient. Durch den Gully, den wir anstarren, wird der kleine Georgie von dem bösen Clown Pennywise in die Kanalisation gezerrt.

Das amerikanische Pärchen ist zufrieden mit seinen Bildern. Stu Tinker legt die Requisite zurück in den Kofferraum seines silbernen Chevrolet, auf dessen Türen ein Bild von Pennywise prangt, und wir fahren weiter. Wir gucken uns die Statue von Paul Bunyan an, einer amerikanischen Holzfällerlegende in kariertem Hemd, die in Es zum Leben erwacht und Jagd auf Richie macht. Wir gucken uns den kleinen Flugplatz an, wo die oft vergessene King-Verfilmung Die Langoliers von 1995 gedreht wurde. Und wir gucken uns den Friedhof von Mount Hope an, wo Stephen King in Friedhof der Kuscheltiere einen Cameo-Auftritt als Priester hat. Kings Bedingung für den Verkauf der Filmrechte war, dass der Dreh in Bangor stattfinden und somit der Lokalbevölkerung zugutekommen sollte.

Aber wir besuchen nicht nur Schauplätze aus den Büchern. Die ganze Stadt ist von Stephen King durchsetzt. Jedenfalls wenn man weiß, wonach man sucht. Und das tut unser Guide Stu, dessen Unternehmen »Stephen King Tours« vom Schriftsteller nicht offiziell abgesegnet ist, doch Stu behauptet, ihn und seine Frau Tabitha gut zu kennen, und spricht von ihnen als »Steve und Tabby«.

Und das ist gar nicht so unwahrscheinlich, wie es klingt. King ist dafür bekannt, wie ein ganz normaler Mensch durch die Straßen zu schlendern, und geht oft zum Essen in die hiesigen Diners. Als der Observer ihn fragte, warum er immer noch in Bangor lebt, antwortete er, dass die Leute »mich wie einen Nachbarn behandeln, nicht wie einen Promi-Freak mit zwei Köpfen. So was Gutes gibt man nicht auf.« Unwillkürlich frage ich mich, was er wohl von uns hält, die wir hier in Stus kleinem Auto herumgondeln.

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© Mats Strandberg

Stu zeigt uns die Gebäude, die Bangor der Wohltätigkeit des Ehepaars King zu verdanken hat. Den riesigen Baseballplatz, im Volksmund »Field of Screams« genannt, erbaut für die städtische Jugend. »Steve und Tabby« sollen 1992 eine Million Dollar gestiftet haben, doch von ihrem Beitrag zeugt nur eine äußerst diskrete kleine Plakette am Boden. Stu führt uns zu der Schwimmhalle, deren Eintritt so günstig ist, dass selbst die Kinder der Mittellosen es sich leisten können, dort schwimmen zu gehen – ein seltener »Luxus« in den USA. Er erzählt von der Bibliothek, die heute zu den besten im ganzen Land zählt. Das Ehepaar King gab nicht nur Geld, sondern mobilisierte die ganze Stadt zu einer Spendensammlung. Genau wie für die Kinderstation des Krankenhauses. Dort versprachen die Kings, für jeden Dollar, der für die dringend erforderlichen Renovierungsarbeiten gesammelt wurde, einen Dollar draufzulegen. Laut Stu wurden sie stinksauer, als herauskam, dass vor allem Krankenpflegehelferinnen und Hausmeister das Geld hereinholten. Überbezahlte Oberärzte verwiesen auf teure Studienkredite, wurden von »Steve und Tabby« jedoch gründlich zurechtgestutzt.

Möglicherweise schmückt Stu seine Anekdoten aus. Für die letzte Geschichte kann ich keinerlei Anhaltspunkte finden. Bekannt ist jedoch, dass die Kings über ihre Stiftung jährlich vier Millionen Dollar spenden, und zwar in erster Linie an Bildungseinrichtungen und gemeinnützige Projekte in Maine. Und sie machen keinerlei Aufhebens davon, mit wenigen Ausnahmen. »Wer seine Spenden an die große Glocke hängt, leidet an Geltungsdrang«, sagte King zum Rolling Stone. »Einzelne Zuwendungen haben wir erwähnt, um damit eine Botschaft zu vermitteln: ›Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen, und wir würden uns freuen, wenn ihr mitzieht.‹«

Doch King ist sich dessen bewusst, dass Wohltätigkeit allein nicht alle Probleme löst. In einem viel beachteten Kommentar in The Daily Beast von 2012 mit dem Titel »Tax Me, for F@%&‘s Sake!« (ungefähr: »Besteuert mich, verflucht noch mal!«) fordert er höhere Steuern für die Reichen. Er ist der Ansicht, dass die Reichen nur auf dem Rücken der Armen zu ihrem Geld gekommen sind, und spottet darüber, wie Wohlhabende in den USA vergöttert werden. »Fragen Sie mich nicht, warum. Ich kapier das auch nicht, schließlich sind die meisten reichen Leute so langweilig wie alte Hundescheiße.«

Jemanden, der Stephen Kings Bücher gelesen hat, überrascht diese Haltung kaum. Der Blick auf soziale Fragen ist dort überall präsent. Die Hauptfiguren gehören nahezu immer der hart arbeitenden Unterschicht oder der Mittelschicht an. Dolores Claiborne schuftet schwer, um ihrer Tochter unter die Arme zu greifen. Jack Torrance in Shining träumt vom sozialen Aufstieg. In Cujo stecken Mutter und Sohn in einem klapprigen alten Auto fest, das den Geist aufgegeben hat. In The Stand – Das letzte Gefecht sind es die verwöhnten Reichen, die als Erste dran glauben müssen.

Im Jahr 2003 wurde der zuvor so bespöttelte »Schundautor« mit einem Preis der National Book Foundation ausgezeichnet. In seiner Lobrede rühmte der Schriftsteller Walter Mosley dessen »instinktives Verständnis von den Ängsten, die die Psyche der Arbeiterklasse Amerikas ausmachen. Mit Angst kennt er sich aus. Und zwar nicht nur mit der Angst vor dämonischen Mächten, sondern auch vor Einsamkeit und Armut, vor Hunger und dem Unbekannten.«

Diese Kenntnisse beruhen auf persönlicher Erfahrung. King wuchs bei einer hart arbeitenden Mutter auf, die das Kind allein versorgen musste, nachdem der Vater – Stephen war gerade zwei Jahre alt – nicht mehr vom »Zigarettenholen« zurückkam. Er verbrachte seine Jugend umgeben von Republikanern, ist seit dem Vietnamkrieg jedoch überzeugter Demokrat, und seine politischen Ansichten prägen seither jeden Aspekt seines Lebens. Sein Sohn Joseph Hillstrom King ist nach dem Mann benannt, der 1879 im schwedischen Gävle auf die Welt kam, in die USA auswanderte und unter dem Namen Joe Hill zum Held der Arbeiterklasse wurde. Inzwischen ist Stephen Kings Sohn selbst ein erfolgreicher Horrorautor und verwendet ebendiesen Namen als Pseudonym.

Auf den Fußspuren Stephen Kings: Der König des Horros und die Arbeiterklasse

© Mats Strandberg

Und Kings politisches Engagement nimmt weiter zu. Ihm gehört ein Lokalradiosender mit Altherren-Rock und (für US-amerikanische Verhältnisse) linkspolitischen Talkshows im Programm. Er hört nicht auf, die Doppelmoral der christlichen Konservativen anzuprangern, die lediglich dann von den kommenden Generationen sprechen, wenn es um Wirtschaftsfragen geht. »Über die Umwelt und die Tatsache, dass ihre Enkel irgendwann verdammte Gasmasken werden tragen müssen, reden sie nie«, sagt er im Observer. Eine andere Herzensangelegenheit ist für ihn das Thema Waffenbesitz, was schießwütige Republikaner regelmäßig in den Wahnsinn treibt. Seine Twitter-Tiraden über Donald Trump (unter anderem nannte er den Präsidenten einen »reizbaren Rassisten mit dem Temperament eines Dreijährigen«) haben den Präsidenten der Vereinigten Staaten dazu veranlasst, ihn zu blockieren – was King offenbar als Kompliment auffasst.

Die letzte Station unserer Stephen-King-Tour ist das riesige Haus, in dem der Schriftsteller mit seiner Familie wohnt. Ein dem König des Horrors würdiges Domizil, umgeben von einem schmiedeeisernen Zaun, den Drachen, Fledermäuse und Spinnweben zieren. Die Tür steht offen, aber niemand ist zu sehen. Wir stellen uns vor das Zauntor und schießen Fotos. Ich komme mir vor wie Annie Wilkes aus Sie, die ihren Lieblingsautor entführt, weil sie sein »größter Fan« ist. Eben noch standen wir in einem heruntergekommenen Viertel, wo »Steve und Tabby« wohnten, als King seinen 1974 erschienenen Debütroman Carrie schrieb. 2006 hatte er über 350 Millionen Bücher verkauft. Das Viertel liegt nur einen Steinwurf entfernt, aber der soziale Unterschied ist enorm.

Während ich am Tor stehe, denke ich über die Klassenproblematik nach, die sich auf dem ein oder anderen Wege auch in meine eigenen Horror-Romane einzuschleichen scheint. Vielleicht nimmt es gar nicht wunder, dass Horror das perfekte Genre ist, um soziale Fragen zu beackern. Ihrem Wesen nach erschüttert Angst die Grundfesten der gesamten Gesellschaft, ja ganze Weltbilder. Wenn man von einem bösen Clown verfolgt wird – oder von Vampiren auf einer Fähre nach Finnland –, spielt es keine Rolle, wie viel Geld man hat. Angst setzt gesellschaftliche Konstrukte außer Gefecht. Stellt den Status quo infrage. Perfekt für einen Arbeiterschriftsteller wie King.

 

Aus dem Schwedischen von Heide Franck

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© 2017 by Mats Strandberg

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Erstveröffentlichung am 11. August 2017 unter dem Titel »På klassresa i Stephen Kings fotspår« in Aftonbladet

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