80 Jahre „Der (kleine) Hobbit“

ESSAY

80 Jahre „Der (kleine) Hobbit“


80 Jahre – das ist doch kein Alter für einen Hobbit! Mit 33 sind sie gerade einmal aus den Flegeljahren, den Zwiens, heraus, mit 50 schließen sie sich einer Horde Zwerge an, nur weil diese schöne Singstimmen haben, und mit 111 feiern sie rauschende Feste, bei denen sie noch sehr rüstig ihre Nachbarn beleidigen. Dass ein bestimmter Hobbit heute 80 wird, bedeutet also lediglich, dass er bereits viele gute Jahre hinter sich und noch Jahre voller Lieder und Wanderschaften vor sich hat. Herzlichen Glückwunsch, guter alter (kleiner) Hobbit!

In einer Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit

Der Hobbit und ich haben nicht den besten Start gehabt, das gebe ich zu. Dieser erste Satz, gepaart mit dem dtv-Cover von Klaus Ensikat – ich habe ernsthaft mit meinen neun Jahren gedacht, der Hobbit, der in der Erde lebt, sei … dieser hässliche Vierbeiner mit den Schmetterlingsflügeln vom Cover. Ich wollte keinesfalls ein Buch mit einem Protagonisten lesen, der so aussah, und somit gab ich es meinem gutmeinenden Cousin, der es mir geliehen hatte, ungelesen zurück.

Als The Hobbit am 21.9.1937 erschien (Der „etwas“ sperrige englische Originaltitel war übrigens: Hobbit or There and Back Again Being the Record of a Years Journey Made by Bilbo Baggins of Hobbiton Compiled from his Memoirs.), wurde er als Kinderbuch wahrgenommen, und obwohl es heißt, dass J. R. R. Tolkien mit dieser Klassifizierung grundsätzlich unglücklich sei, hatte er doch seine Kinder im Sinn, als er die Geschichte erdachte.

Unglücklich deshalb, weil seiner Meinung nach diese Einschränkung von Literatur Unsinn ist: „So etwas wie Literatur für Kinder gibt es nicht“, sagte er – eine Äußerung, der in späteren Jahren viele große Stimmen der „Kinderliteratur“, u. a. Maurice Sendak und Neil Gaiman zustimmen sollten. Der Hobbit ist – nach einigen Revisionen, die Tolkien selbst im Nachhinein vornahm, um die Geschichte an den 17 Jahre später erschienenen Der Herr der Ringe anzugleichen – ein Mikrokosmos in dem gewaltigen Makrokosmos, der in Tolkiens Geist Gestalt annahm und die wohl nach wie vor am detailreichsten beschriebene Fantasywelt aller Zeiten ist.

Das Buch schlug im englischsprachigen Raum sofort ein – auf die Erstauflage von 1500 Stück folgten rasch weitere Auflagen, und bis heute hat sich Der Hobbit im hohen zweistelligen Millionenbereich verkauft. Vielleicht war es gut, dass es als (vermeintliches) Kinder- oder Jugendbuch begann und somit den Weg für den Herrn der Ringe ebnete. Der Hobbit wurde u. a. mit Alice im Wunderland verglichen, und der spätere Narnia-Autor C. S. Lewis (der erste Band dieser Reihe über Löwen, Hexen und Kleiderschränke erschien übrigens 1939) rezensierte das Buch seines Freundes gleich zweimal anonym, u. a. für die Times. In der Times-Rezension schreibt Lewis treffend: „Der Autor verbindet mehrere Dinge, einschließlich Humor, ein Verständnis für Kinder und die Fähigkeit, zugleich wie ein Gelehrter und wie ein Dichter an Mythologie heranzugehen.“

Dass Der Hobbit als Erzählung für Tolkiens eigene Kinder gedacht war, ist ganz bezeichnend für den Zugang zu Tolkiens Universum. Im besten Fall findet man als Kind zum Hobbit, reist staunend zum ersten Mal durch Mittelerde – hin zum Einsamen Berg und wieder zurück. 

Mittelerde in Kurzform

So vieles klingt da an: In kurzen Halbsätzen des Zauberers Gandalf, in Beschreibungen von Gegenden und Kreaturen wird bereits angedeutet, wie groß Mittelerde ist und welche dunklen Wolken sich am Horizont ballen. Doch Bilbo Beutlin, jener unter dem Berg lebende fellfüßige Sesselpupser, der Beutelsend eigentlich eher widerwillig und in einer Kurzschlusshandlung – ohne Taschentuch – verlässt, sieht nur seinen kleinen Ausschnitt, der abenteuerlich beginnt und nachdenklich endet.

Und das große, seltsam lebendige Mittelerde klingt auch im wahrsten Wortsinne an – in den Liedern der Zwerge, der Elben und der Menschen – ja, sogar der Orks. Bilbo ist fasziniert davon, ein Sammler alter Geschichten, ein Chronist – und wir stehen unsichtbar an seiner Seite und fragen uns, was er da eigentlich gerade schreibt: einen Auszug eines großen Ganzen oder doch nur die einfache Geschichte „Hin und Wieder Zurück“, wie er sie selbst nennt?

Klein oder nicht klein?

Mein Dilemma mit den in meinen Kinderaugen unpassenden Illustrationen ist jedoch eine Kleinigkeit gegenüber den Stolpersteinen, die der Hobbit überwinden musste, um deutschen Lesern zugänglich zu werden: 1938 forderte der Potsdamer Verlag von Tolkien einen Nachweis über seine nichtjüdische Abstammung, den dieser ablehnte, weshalb die deutsche Übersetzung erst zwanzig Jahre nach der Originalausgabe erschien – nämlich 1957! Damals enthielt das beim Georg Bitter Verlag erschienene Buch Illustrationen von Horus Engels, die Tolkien jedoch als zu „disneyhaft“ empfand. Seit 1971 schließlich gab es die von Ensikat illustrierte Version.

Die englische Fassung hingegen wurde von Tolkien selbst illustriert, mit seinen charakteristischen, nüchtern-poetischen Zeichnungen. Im Zuge der Vorbereitungen zum 75. Hobbit-Geburtstag stellte sich heraus, dass Tolkien über 100 Zeichnungen zum Hobbit angefertigt hatte – diese erschienen zum Hobbit-Jubiläum bei Harper Collins unter dem Titel The Art of the Hobbit.

Doch nicht nur die Illustrationen unterlagen im Deutschen Änderungen, die dem Buch vielleicht nicht unbedingt zum Vorteil gereichten: Auch einige Gedichte und Lieder aus dem Original wurden vom Übersetzer gekürzt oder gleich ganz weggelassen.

Wieviel diese Lieder zur Stimmung des Buches beitragen, beweist nicht zuletzt die Peter-Jackson-Verfilmung 76 Jahre nach Erscheinen des Buchs: Der Zwergengesang in Bilbos Höhle ist das, was mich am meisten an der gesamten Filmtrilogie in den Bann geschlagen hat. Für mich gehören die Lieder so zum Hobbit dazu, wie das Wort „kleine“ eben nicht dazugehört. Bilbo Beutlin ist für einen Hobbit weder besonders groß noch besonders klein – und das Verkleinern passte wohl einfach nur ganz gut in die Vermarktungsstrategie für ein Kinderbuch.

1997 widmete sich Wolfgang Krege einer Neuübersetzung des Hobbits, der zuvor schon – streitbar – den Herrn der Ringe neu übersetzt hatte. Er erschien nun unter dem Titel Der Hobbit oder Hin und Zurück, und seit 2009 ist auch eine Ausgabe erhältlich, die wie im Englischen vom Tolkien-Künstler Alan Lee illustriert ist. 

Der Hobbit mit 80 Jahren …

… ist aus den Kinderschuhen heraus, hat jedoch nichts von seinem Charme eingebüßt. Er hat schon alles mitgemacht, was ein erfolgreiches Buch so mitmacht. Er ist verfilmt worden – sogar schon mehrmals vor Peter Jacksons Dreiteiler: als Trickfilm 1966 und 1977 und in einer russischen Fernsehversion 1985. Er existiert als Hörbuch, Hörspiel, Brettspiel, es gibt Hobbit-Lego und PC-Spiele. Welches Kind legt heute noch das Buch weg, weil es denkt, ein Hobbit sei ein schieläugiges Monster mit Schmetterlingsflügeln? Die ganze Welt und jedes Kind wissen längst, was ein Hobbit ist!

Ich habe meinen Zugang zum Hobbit übrigens etwa zwei Jahre später doch noch gefunden. Mit elf hatte ich beschlossen, dass ich in der Schulbibliothek nicht länger um den Herrn der Ringe herumscharwenzeln konnte – und dass man den Hobbit zuerst lesen sollte, hatte ich zum Glück schon begriffen. Zerknirscht setzte ich mich also doch noch mal daran, schlug die Geschichte einer seltsamen Kreatur unter dem Berg auf – und begriff dann rasch, dass Hobbits ungefähr „halb so groß [sind] wie wir und kleiner als die bärtigen Zwerge (sie tragen jedoch keine Bärte). Es ist wenig, sozusagen gar nichts von Zauberei an ihnen, ausgenommen die alltägliche Gabe, rasch und lautlos zu verschwinden, wenn großes, dummes Volk wie du und ich angetapst kommt und Radau macht wie Elefanten, was sie übrigens eine Meile weit hören können. Sie neigen dazu, ein bisschen fett in der Magengegend zu werden. Sie kleiden sich in leuchtende Farben (hauptsächlich in Grün und Gelb). Schuhe kennen sie überhaupt nicht, denn an ihren Füßen wachsen lederartige Sohlen und dickes, warmes, braunes Haar, ganz ähnlich wie das Zeug auf ihrem Kopf (das übrigens kraus ist).“

Die dtv-Ausgabe mit den Ensikat-Illustrationen habe ich mir dann trotzdem zugelegt – und lange, nerdige Teenager-Jahre hindurch mit eigenen Bleistiftzeichnungen „verbessert“. Wir hatten vielleicht nicht den besten Start, aber unsere Beziehung hält jetzt schon ziemlich lang – nicht jede Liebe fürs Leben beginnt eben auf den ersten Blick. 

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