Übersetzeralltag: Phantastische Freunde und wo sie zu finden sind - Jay Kristoffs Nevernight

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ESSAY

Phantastische Freunde und wo sie zu finden sind - Notizen aus dem Übersetzeralltag


Kirsten Borchardt
29.08.2017

Eine sechzehnjährige Assassine, die kurz vor ihrem Aufbruch ins Abenteuer einen Stricher für ihr erstes Mal bezahlt. Eine Schattenkatze, die keine Katze ist, aber in berührender Symbiose mit der Assassine lebt. Ein abgehalfterter Henker, beinahe bemitleidenswert, der hinterrücks und gnadenlos vom Leben in den Tod befördert wird. Und eine Stadt aus Brücken und Gebein, die noch nicht weiß, dass sie so genannt werden wird, weil es noch keine deutsche Ausgabe von Jay Kristoffs Nevernight gibt, als ich das Manuskript in meine Übersetzerfinger bekomme.

In sehr kribblige Übersetzerfinger, denn so viel weiß ich schon nach dem Probelesen des ersten Kapitels:

Nevernight ist einer dieser Glücksfälle, die für jemanden meiner Profession einen aufregenden Dreimonatstrip zu Orten versprechen, an die man immer schon reisen wollte, obwohl man von ihrer Existenz bis dahin gar nichts wusste – noch dazu in der Gesellschaft faszinierender Wesen, die man erst im Lauf der Ereignisse richtig kennen lernen wird.

Nun gilt das Übersetzen an sich ja nicht gerade als Beruf mit hohem Action-Potenzial. Man setzt sich morgens vor den PC, klappt die Buchvorlage auf und tippt; die aufregendste Begegnung des Tages, den man zumeist allein am Schreibtisch verbringt, ist dann vielleicht der Paketbote, der eine Sendung für den Nachbarn abgibt. Und der weiß wahrscheinlich nicht, dass die Frau, die ihm die Annahme quittiert, gerade aus dem Hauptquartier eines wahrlich blutigen Geheimbunds kommt und magische Rituale zur Verwandlung menschlicher Körper mitangesehen hat, aber so ist es nun einmal: Die besten Abenteuer finden zwischen zwei Buchdeckeln statt. Und wenn man schon beim Lesen in eine andere Welt entführt wird, dann lässt man sich beim Übersetzen noch intensiver auf eine Geschichte ein – zwangsläufig, denn man muss sich mit den einzelnen Szenen, Personen, Landschaften detailliert beschäftigen, um ihnen in der eigenen Sprache gerecht werden zu können.

 

Von Itreya nach Ashkah

Übersetzungen phantastischer Literatur sind gerade in dieser Hinsicht besonders anspruchsvoll. Und gleichzeitig auch besonders befriedigend. Schließlich kann man nur zum Teil auf eine vorhandene Terminologie zurückgreifen, je nachdem, wie sehr der Autor sich an historischen Epochen oder Gesellschaftsformen orientiert. Je eigenständiger und detailreicher die phantastische Welt aber ist, und je beziehungsreicher der Autor seine Namen und Begriffe gewählt hat, desto mehr kann und muss man sich beim Übersetzen als Nebenschöpfer betätigen. Das funktioniert – zumindest bei mir – stets umso besser, je tiefer ich in die Geschichte, die Welt, die Beziehungen der Figuren eintauchen kann.

Kristoff macht es mir leicht. Er versieht seine Geschichte mit einem ausgefeilten religiösen, sozialen und historischen Überbau, und in unzähligen Fußnoten erzählt er Anekdoten über legendäre itreyanische Wirtshäuser oder berichtet von politischen Ereignissen, die zwar für die Handlung nicht entscheidend sind, aber seinen Kosmos aufschlussreich beleuchten. Für mich, die ich gerne in den Welten gewesen bin, für die ich deutsche Worte finden muss, ist das ein herrlicher Luxus. Ebenso wie die Tatsache, dass Kristoffs dynamischer, teilweise ironisch distanzierter Stil es leicht macht, sich an die Fersen der jungen Mia Corvere zu heften und mit ihr von Itreya ins alte Ashkah zu ziehen, Akolythin einer geheimen Assassinenschule zu werden, auf Blutwanderung zu gehen und die symbiotische, nicht ganz ungefährliche Beziehung mit der Katze aus Schatten zu erleben.

Rein professionell funktioniert das Übersetzen natürlich auch ohne das „Dagewesensein“. Für knifflige Eigennamen, Wortspiele, die richtige Sprachebene zwischen einzelnen Figuren lässt sich durch kühle Überlegung auch immer eine Lösung finden. Nur macht es selbstredend viel mehr Spaß, wenn man sich in der Gottesgraber Gesellschaft so zuhause fühlt, dass man sich ganz und gar vom eigenen Schreibfluss mitreißen lassen kann. Wenn man beim Tippen den Atem anhält, weil Mia und die Nicht-Katze zum ersten Mal auf dramatische Weise getrennt werden, und auch spät am Abend weiter übersetzen muss, weil man die beiden nicht eine ganze Nacht lang ohne einander zurücklassen kann. So etwas ist man seinen Freunden schließlich schuldig.

 

Wahrdunkel, Schattenzeug, Grabgebein

Seinen Freunden? Na gut, es mag ein wenig bizarr klingen, aber über die zehn, zwölf, vierzehn Wochen, die eine Übersetzung meist dauert, entsteht im Idealfall tatsächlich ein starkes Band zu den Figuren. Immerhin beschäftigt man sich den ganzen Tag lang mit ihnen, überlegt, wie sie sich ausdrücken, wie ihr Verhältnis zu anderen Protagonisten ist, wie sie in bestimmten Situationen aussehen mögen, und dann ist es wie im richtigen Leben: Zusammenarbeit macht mehr Spaß, wenn man sich sympathisch ist. Schwierig wird es hingegen, wenn man auch im zwanzigsten Kapitel des aktuellen Buchprojekts zu der klischeehaft zickigen Hohepriesterin ebenso wenig eine Beziehung aufgebaut hat wie zu dem klischeehaft edlen Prinzen, der gerade vom Thron gestoßen worden ist. Sich dann am frühen Morgen bei der ersten Tasse Kaffee dazu zu motivieren, jetzt nicht erst mal ein Stündchen Facebook zu checken, sondern sich wieder mit den beiden Langweilern auf die Jagd nach einer Horde magischer Unholde zu begeben, ist dann nicht immer so einfach.

Bei Nevernight wächst die Vokabelliste schnell. Zwischen Wahrdunkel, Schattenzeug, Grabgebein, Markgeborener, Nimmernacht und Dunkelinn nimmt das Leben in der Republik von Itreya nach und nach eine deutschsprachige Gestalt an. Manche Ausdrücke kommen wie von selbst und klingen von Anfang an „richtig“. Andere entwickeln sich langsam; der Weg von „darkin“ zu „dunkelinn“ war länger, als sich auf den ersten Blick vermuten lässt. Schon nach dem ersten Spaziergang durch Mias Geburtsstadt Godsgrave ist offensichtlich, dass der Name Programm ist und die Silhouette der Stadt von den Gebeinen eines gestürzten Gottes bestimmt wird. Klar also, dass die Ortsnamen nicht aus dem englischsprachigen Original übernommen werden können, sondern übersetzt werden müssen: Rippen, Rückgrat, Schwertarm oder auch Schamgegend, wie passenderweise das Armenviertel genannt wird.

 

"One beneath the three ..."

Wie gut die deutschen Begriffe tatsächlich alle funktionieren, wird sich dann in einigen Jahren zeigen, wenn auch der dritte Band von Mias Geschichte erschienen ist. Denn das ist eine weitere kleine Fußangel bei den oft als Mehrteiler konzipierten Phantastik-Romanen: Man arbeitet als Übersetzer über lange Strecken an einem Text, den man noch nicht in seiner Gesamtheit kennt. Und dann kann es eben sein, dass man es – wie ich weiland bei Joe Abercrombies Klingen-Reihe – für einen Geniestreich hält, den Krieger Shivers nach langem Hin und Her auf Deutsch „Espe“ zu taufen. Um dann, wenn „Espe“ in Band vier eine tragende Rolle bekommt, vor dem Problem zu stehen, dass alle Naselang Zitter-Witze gemacht werden, die sich nun nicht mehr so einfach übertragen lassen. Oder wenn man im längst veröffentlichten „Königsschwur“ die Gottheit auf Deutsch mit einem männlichen Artikel versehen hat, um im Folgeband zu erfahren, dass sie bedeutungstragend weder eindeutig männlich noch weiblich ist. Tja. Blöd gelaufen.

Bei Nevernight habe ich auf meinen Risiko-Radar vertraut und mich bei Kristoffs kryptischer Ankündigung „one beneath the three, to raise the four, free the first, blind the second and the third“ vorsichtshalber gleich an den Meister selbst gewandt. Was sich dann schon allein wegen der Abwesenheitsmail, die ich zunächst erhielt, gelohnt hat: „Im Augenblick bin ich in den USA auf Tour, aber ich melde mich so schnell wie möglich – falls ich nicht im Knast gelandet bin, weil ich irgendwo einen Fernseher aus dem Fenster geworfen habe, was ich definitiv irgendwann noch einmal tun will.“ Ein paar Tage später verriet er mir dann die männlichen und weiblichen Zuordnungen seiner Prophezeiung, und wir haben außerdem vereinbart, für den Fall einer gemeinsamen Lesereise in Deutschland zusammen den Rockstar raushängen zu lassen und einen Fernseher zu killen.

Weil man manchmal über phantastische Freunde auch echte findet. 

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