BUCH

Phantastische Urlaubsorte ... und wo sie in der Fantasyliteratur zu finden sind.


Sommer, Sonne, Urlaubszeit - doch nicht jeder kann es sich in fernen Gefilden gut gehen lassen. Doch wozu gibt es Fantasie? Christian Handel hat ein paar phantastische, persönliche Lieblingsorte zusammengestellt.

Urlaubszeit! Während viele meiner Kollegen es sich gerade sonstwo gut gehen lassen, sitze ich schwitzend am Schreibtisch. So wie mir geht es sicher auch einigen von euch. Aber wozu haben wir Vorstellungskraft? Heute möchte ich euch auf ein paar phantastische Urlaubsspots aufmerksam machen. Allerdings weder das Auenland (auch wenn die Hobbits wissen, wie man feiert), noch Hogsmeade oder Phantasien. Stattdessen folgen ein paar persönliche Lieblingsorte, die zwar größtenteils etwas weniger bekannt sind, aber auf mich Sogwirkung ausüben:

Das Rote London

London ist immer eine Reise wert. In ihrer Weltenwanderer-Trilogie besucht V. E. Schwab sogar nicht nur ein, sondern gleich vier unterschiedliche Versionen der britischen Hauptstadt.

Da das graue London ein ziemlich trostloser Ort ist, das weiße furchtbar gefährlich und das schwarze aus gutem Grund gemieden wird, würde ich mich besuchstechnisch für das Rote London entscheiden. Die Luft dort ist erfüllt vom süßen Duft von Blumen und die Menschen sind berauscht von Lebenslust und geben sich den Freuden des Daseins hin. Ein roter Fluss durchzieht die Stadt und überhaupt scheint auf allem ein rötlicher Schleier zu liegen. So mancher Städter kann Magie wirken. Rhy, der Kronprinz des Landes, ist bekannt für seine extravaganten Feste. Wenn man ausgelassen feiern und sich am nächsten Tag entspannen will, scheint mir V. E. Schwabs Metropole aus Vier Farben der Magie sehr geeignet dafür.

Der Palast im Grauland

Mitten im verwilderten Rankenwald erhebt sich auf einem Berggipfel, der an den Kopf einer Kobra erinnert, ein halb zerfallener Palast. Seine unter Dornenranken vergrabenen Treppenfluchten gelten als verflucht. Aber die mythische Schönheit, die er ausstrahlt, ist atemberaubend. Eine Wendeltreppe führt hinauf in das oberste Stockwerk, wo die Räume wie Blütenblätter um einen achteckigen Saal angeordnet sind, dessen Glasdecke den Blick in den Himmel gewährt. Labyrinthartige Gänge führen zu Fahrstuhlschächten und Wasserleitungen, die aus einem untergegangenen Zeitalter stammen.

In Der Winter der schwarzen Rosen erschafft Nina Blazon ein märchenhaftes, aber auch gefährliches Reich, in dem eine dunkle Herrscherin einen Brustharnisch trägt, der aus den Knochen ihrer gefallenen Feinde gefertigt wurde. Keine Welt, in die man entspannt zum Pauschalurlaub reist. Aber der vergessene Palast im Grauland wäre sicher einen Tagesausflug wert.

Myrtle’s Mill

„Myrtle’s Mill ist ein Sommerhaus. Es gibt dort keinen Winter.“

Könnte ich in Christoph Marzis Romanwelten eintauchen, würde ich mich gern für ein paar Tage in die Mühle Myrtle’s Mill von Miss Anthea Atwood einquartieren. Sie liegt mitten im modernen Gotham und ist selbst im eisigen Großstadt-Winter ein angenehmer Ort. Ein riesiger, lebendiger Ahornbaum beherrscht das Innere der Mühle. Zwischen seinen Wurzeln wachsen Blumen, in seinem Geäst zwitschern Kolibris und im von hohem Gras bedeckten Boden stehen unterschiedliche Möbel – vom Korbstuhl bis zum Bücherregal. Erhellt wird der Raum durch zahlreiche Laternen und Glühbirnen, die an langen Kabeln von Decke und Ästen hängen. Christoph Marzi stellt uns diesen wunderbaren Platz, in dem es niemals kalt ist, in seinem Roman Somnia vor.

Der Winter der schwarzen Rosen von Nina Blazon bei Amazon   bestellen
Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern bei Amazon bestellen
Der Winter naht von George R.R. Martin bei Amazon bestellen

Le Cirque des Rêves

Der Zirkus der Träume, auch bekannt als der Nachtzirkus. Eigentlich bin ich kein großer Zirkusfan; jenem, den Erin Morgenstern in ihrem Buch Der Nachtzirkus beschreibt, würde ich aber einen Besuch abstatten. Allerdings dürfte es schwierig werden, ein Ticket dafür zu bekommen. Der Zirkus – der nur von Sonnenuntergang bis zur Morgendämmerung seine Pforten öffnet – taucht ohne Vorankündigung auf, und verschwindet ebenso unerwartet wieder. Er besteht aus einer Ansammlung von Zelten, die sich um ein großes Lagerfeuer gruppieren, und verzichtet völlig auf Glitzer und bunte Farben. Alles ist in Schwarz und Weiß gehalten. Statt der üblichen Dressurshows wird hier echte Magie zur Schau gestellt – geschickt getarnt als Illusion. So gibt es einen Garten aus Eis, der trotzdem blüht; Akrobaten, die sich ohne Sicherheitsnetz durch die Lüfte schwingen und eine Ansammlung in Gläsern gefangener Erinnerungen.

Die Wassergärten von Dorne

Es gäbe sicher Dutzende von Orten, die ich in Westeros gern besuchen würde: z. B. die sich tausend Meter über dem Tal von Arryn erhebende Felsenburg Hohenehr, der stolze Herrschersitz Königsmund oder Drachenstein, das alte Heim der Targaryen-Könige. Auch die Mauer aus blauem Eis, wo die Nachtwache dient, soll ziemlich beeindruckend sein – aber vermutlich wäre es mir dort zu kalt. Deshalb würde ich mich für einen ausgedehnten Urlaub in den Wassergärten von Dorne entscheiden. Eine grüne Oase in der sengendheißen Wüstenlandschaft nahe des Sommermeeres.

Zahllose Brunnen und Schwimmbecken, gebaut wie die restliche Gartenanlage aus rosafarbenem Marmor, werden beschattet von Zitronen- und Orangenbäumen. Auf den Terrassen finden sich Musiker ein, die zur Unterhaltung der Gäste aufspielen und in den Duft des reifen Obstes mischt sich die salzige Brise des Meeres. Einmal All-Inclusive, bitte!

Wer die Wassergärten aus der TV-Adaption von George R. R. Martins Game of Thrones kennt: diese zauberhafte Anlage gibt es wirklich. Gedreht wurde in der uralten spanischen Schlossanlage Alcázar de Sevilla.

 

Featurette über die Wassergärten von Dorne

Themyscira

Erschaffen von den Göttern und verborgen vor den Augen der Welt liegt dieses Juwel inmitten des Bermuda-Dreiecks; ein Eiland voller magischer Kreaturen und alter antiker Bauten und Statuen. Dorthin haben sich die Amazonen zurückgezogen. Die olympischen Götter beauftragten sie mit der Aufgabe, ein Portal zu bewachen, durch das dämonische Kreaturen in unsere Dimension dringen könnten. In sommerlichem Klima gründeten sie eine Utopie im Dienst der schönen Künste, der Wissenschaft und der Kampfkunst.

Die Wonder Woman-Comics lese ich seit meiner Kindheit und ich war schon immer fasziniert von der Schönheit und Magie von Prinzessin Dianas Heimat. Seit ich die Kinoversion von Themyscira erblickt habe, bin ich jedoch schockverliebt. Wenn ich könnte, würde ich sofort einen mehrwöchigen Urlaub auf dieser grandiosen Trauminsel mit seinen magisch leuchtenden Quellen und Fabelwesen buchen – wenn es da nicht folgendes Problem gäbe: Männern ist der Zutritt dort verboten.

Nimmerland

Wenn es schon nicht mit Themyscira klappt, dann vielleicht mit Nimmerland aus James M. Barries Peter Pan. Die Insel liegt gleich hinter dem zweiten Stern rechts, und dann immer geradeaus bis zum Morgen. Mal davon abgesehen, dass sie viel weniger irrwitzig ist als das Wunderland (keine Herzkönigin) und vermutlich etwas weniger gefährlich als Oz (keine bösen Hexen), trifft man dort auf kleinstem Raum ein Potpourri abenteuerlicher Gestalten und aufregender Sehenswürdigkeiten. Neben den Verlorenen Jungs und den unterschiedlichsten Tieren (vom Wolf bis zum Flamingo) gibt es Feen, Elfen, Indianer und sogar eine Meerjungfrauen-Lagune. Nur vor den Piraten unter der Führung von Captain Hook sollte man sich in Acht nehmen. Oder dafür sorgen, dass sich ein Krokodil in der Nähe befindet.

Die Sithicheberge von Eileannan

An die Schottischen Highlands erinnert Kate Forsyths Romanwelt Eileanan. In uralten Wäldern leben Kräuterhexen in riesigen Baumhäusern und Nachtgeister in den Schatten. Gerade um die Drachenklaue, einen hohen, spitzen Berg im nordwestlichen Teil der Sithicheberge, hausen zahlreiche Kreaturen wie Säbelzahnpanther, die Gehörnten (satyrartige Mischwesen) und Drachen. Zu ihrem Palast führt die Große Treppe im Gebirge. In ihrer Nähe, in einem winterlichen Tal, lebt die wilde Rasse der Narbigen Krieger, die das seltene Talent haben, über den Schnee zu gleiten. Die Landschaft dort ist so wild und ursprünglich, dass sie mit den richtigen Beschützern sicher eine Wanderung wert.

 

Stronghold

Der Herrschersitz des Wüstenkönigreichs von Prinz Rohan und seiner Frau, der Lichtläuferin Sioned. Er erhebt sich inmitten von Sanddünen, auf die die Sonne in der Morgen- und Abenddämmerung ein regenbogenartiges Farbenspiel zaubert. In der Wüste sind die Drachen beheimatet. Generationenlang wurden sie von den Kriegerprinzen gejagt, doch Rohan hat dieses barbarische Treiben bei seinem Amtseintritt verboten. Er bewundert die Drachen, die sich in einem verborgenen Tal paaren und dort ihre Eier legen.

Stronghold ist eine kleine Burgoase in der trockenen Landschaft. Rohans Mutter hat dort einen Garten angelegt, in dem sich auch ein kleiner, von Bäumen umgebener Teich befindet, in den ein kleiner Wasserfall plätschert. Einmal alle hundert Jahre blüht jedoch auch die Wüste selbst: Dann überwuchern Blumen und grüne Ranken den Sand; Schmetterlinge, Insekten und Singvögel flattern durch die Lüfte. Es ist ein Naturspektakel, wie es in Melanie Rawns Drachenprinz-Saga kein Zweites gibt, und ich würde es gern mit eigenen Augen sehen.

Silberglanz

Wenn euch meine Vorschläge bisher zu sommerlich waren und ihr eher auf Winterurlaub steht, lege ich euch Silberglanz ans Herz. In Die silberne Königin beschreibt Katharina Seck diese schneebedeckte Talstadt, die Mond und Sterne des Nachts in unwirkliches Licht tauchen. Die Fenster der Häuser sind von Frostblumen überzogen, in den engen Gassen der Stadt türmen sich meterhohe Schneehaufen und das prächtige Schloss am Ende der Winterzeitallee wurde ganz und gar aus mächtigen Eisklötzen erbaut.

Zugegeben, die Kälte droht fortwährend, das Leben der Menschen auszulöschen, und auf dem kaltherzigen König der Stadt scheint ein dunkler Fluch zu liegen. Aber wenn man in Silberglanz nicht lebt, sondern es nur besucht, muss es traumhaft schön sein. Zudem gibt es in der Chocolaterie der Geschichtenerzählerin Madame Weltfremd die wunderbarsten Köstlichkeiten.

 

Peter Pan von James M. Barrie bei Amazon bestellen
Sonnenläufer von Melanie Rawn bei Amazon bestellen
Die silberne Königin von Katharina Seck bei Amazon bestellen
Share:   Facebook