Jugendbücher, die mich zum Fantasyfan gemacht haben - Christian Handel

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5 Jugendbücher, die mich zum Fantasyfan gemacht haben


Ein Ring, der von einer Gruppe Gefährten mit ihrem Leben verteidigt wird; eine Insel, die in den Nebeln der Zeit zu verschwinden droht und eine riesige Mauer aus Eis, die die Länder der Lebenden vor wandelnden Toten und weißen Wanderern schützt – die Fantasy-Literatur ist ein Genre voll von großen Bildern. Mit am stärksten im Gedächtnis sind mir jedoch die Bilder geblieben, die jene Autoren mit ihren Worten gemalt haben, deren Bücher für mich die ersten Portale in die Welt der phantastischen Literatur waren. Bis heute begleiten mich bestimmte Romane von Wohnung zu Wohnung und sind ein bisschen wie liebgewonnene Gefährten, denen man von Zeit zu Zeit gern einen Besuch abstattet. Bei mir im Bücherregal stehen:

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"Die Chroniken von Prydain" von Lloyd Alexander

Die Chroniken von Prydain umfassen fünf Bücher (und mehrere Kurzgeschichten), die Lloyd Alexander in den 60er Jahren verfasste. Obwohl er selbst aus Amerika stammt, sind sowohl Setting als auch Figuren und Handlungselemente stark von der walisischen Mythologie inspiriert. Für mich als Leser waren sie der erste Kontakt mit Büchern, die auf keltischen Sagen beruhen. Der erste Band erschien hierzulande unter dem durchaus passenden, aber auch mutigen Titel Taran und das Zauberschwein.

Zu Beginn der Handlung frisch zum Hilfsschweinehirten ernannt, mausert sich Taran bald zum Helden. Gemeinsam mit seiner Bande ungewöhnlicher Gefährten – darunter der treue Tiermensch Gurgi und die sturköpfige, ständig plappernde Prinzessin Eilonwy – stellt er sich u. a.  dem furchteinflößenden Gehörnten König; sucht nach einem Weg, ein gefährliches magisches Artefakt (den Schwarzen Kessel) zu zerstören und tritt schließlich gegen den dunklen Herrscher Arawn selbst an.

Die ersten beiden Bücher adaptierten die Disney-Studios 1985 zu einem (verhältnismäßig düsteren) Zeichentrickfilm, der den Charme der Vorlage nur sehr bedingt einfängt. Mir haben sich die Taran-Romane tief ins Gedächtnis eingebrannt. In der Retrospektive waren sie die erste Questen-Fantasy, die ich gelesen habe. Leider sind die Titel derzeit nur als ebook oder antiquarisch erhältlich. Das könnte sich in den nächsten Jahren aber wieder ändern, denn Disney hat 2016 erneut die Filmrechte erworben, mit dem erklärten Ziel, aus den Büchern ein Franchise aufzubauen.

"Alanna von Trebont" von Tamora Pierce

Ebenso wichtig und prägend für mich war Tamora Pierces Alanna von Trebont-Vierteiler. In einer mittelalterlichen Fantasywelt sind die zehnjährigen Zwillinge Alanna und Thom alles andere als begeistert von den Plänen ihres Vaters. Während Thom am weit entfernten Königshof zum Ritter ausgebildet werden soll, will man Alanna ins Kloster schicken, um sie zur perfekten Dame zu formen. Heimlich tauschen beide die Plätze. Während Thom fortan in der Zauberei unterrichtet wird, gibt sich Alanna als Junge aus und wird Page. Ihrem Handlungsstrang folgen die Bücher. Alanna arbeitet sich unerkannt vom Knaben zum Pagen hoch und strebt auch nach Ritterehren. Nicht nur, dass sie höllisch aufpassen muss, dass niemand hinter ihr Geheimnis kommt; sie wird auch schnell in Palastintrigen und magische Komplotte verwickelt.

Mit Alanna hat Tamora Pierce eine der selbstbewusstesten und sympathischsten Heldinnen der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur geschaffen. Nach ihrem Vierteiler um die Löwin von Tortall, wie Alanna schließlich genannt wird, kehrte Pierce mehrfach in diese Welt zurück, u. a. mit einem bezaubernden Zyklus um das Mädchen Dhana, das die sehr seltene Fähigkeit der Wilden Magie besitzt.

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Die Eine phantastische Geschichte-Reihe von Wolfgang und Heike Hohlbein

Wer in den 80er Jahren Teenager und Fantasy-Fan war, kam an Wolfgang und Heike Hohlbeins Roman Märchenmond nicht vorbei. Das Autoren-Ehepaar lieferte damit nicht nur das gemeinsame Debüt ab, sondern legte auch den Grundstein zu einer langen Reihe ähnlicher Romane, die ich als Jugendlicher allesamt begierig verschlang. Manche von ihnen spielten ganz und gar in fantastischen Welten (Elfentanz, Midgard); andere handelten von Jugendlichen aus unserer Realität, in die plötzlich das Magische eindrang (Der Greif, Dreizehn) oder die in andere Dimensionen wechselten (Märchenmond, Drachenfeuer). Obgleich oft nach einer ähnlichen Formel gestaltet, lasen sich die Bücher kurzweilig und spannend.

Ob die Hohlbeins Pharaonen wieder zum Leben erweckten und Halbwüchsige in den Kampf mit und gegen ägyptische Götter schickten (Die Prophezeiung), sie durch die magischen Glaslabyrinthe eines verfluchten Rummelplatz stolpern ließen (Spiegelzeit) oder aber aus dem modernen Irland in die Welt der keltischen Feen schickten, um ein uraltes Fabelwesen aus dem Zauberschlaf zu erwecken (Drachenfeuer) – in die Bücher einzutauchen kam immer einer aufregenden Reise gleich.

"Mary Poppins" von Pamela L. Travers

Mary Poppins besitzt eine Reisetasche, in die eine komplette Wohnzimmereinrichtung passt, kann auf dem Wind reisen und durch Türen verschwinden, die es eigentlich nicht geben dürfte. Ich denke also, man kann sie getrost als Phantastik-Heldin bezeichnen. Wenn auch eine ungewöhnliche. Wer bisher nur die Disney-Musicalverfilmung aus den 60er Jahren kennt, den erwartet beim Lesen der Bücher eine große Überraschung. Die Roman-Mary- Poppins hat nämlich charakterlich nicht viel mit ihrem zuckersüßen Film-Pendant gemein, das stets so gut gelaunt ist, dass man zwischendurch fast schreiend davonlaufen möchte. Travers Mary Poppins ist eitel, selbstbewusst und verdammt spitzzüngig. Sie ist kein Kindermädchen, mit dem man sich anlegen will. Schlagfertig und kurz angebunden bugsiert sie die Banks-Kinder von einem Abenteuer in das nächste, liefert herzlich wenig Erklärungen für all das Wunderbare, das um sie herum geschieht, und zeigt sich nur selten von ihrer weichen Seite. Das macht sie zu einer herrlich schrägen Schreckschraube mit dem Herz am rechten Fleck, von der man – wie die Banks-Kinder – einfach nicht genug bekommen kann.

"Krabat" von Otfried Preußler

Die kleine Hexe, Der Räuber Hotzenplotz – Otfried Preußler hat viele wundervolle Bücher geschrieben. Mein Lieblingsbuch von ihm ist jedoch Krabat. Darin greift er eine alte sorbische Sagenfigur auf, um die sich viele unterschiedliche Geschichten ranken:

Krabat ist ein vierzehnjähriger Waisenjunge, der Anfang des 18. Jahrhunderts bettelnd durch vom Krieg zerstörte Landstriche zieht. Eines Tages lockt ihn eine geheimnisvolle Stimme zur schwarzen Mühle am Koselbruch. Dort wird er Geselle des Müllermeisters und glaubt zunächst, unter den anderen Müllersburschen eine neue Familie gefunden zu haben – bis er erkennt, was im Koselbruch wirklich vorgeht. Sein Meister ist ein Magier, der seine Gesellen zwar in der Schwarzen Kunst unterrichtet – jedoch einen eigenen, dunklen Plan verfolgt.

Trailer: Krabat - Verfilmung von Marco Kreutzpaintner

Ein Pakt mit dem Teufel, die Verführung durch das Böse – und die allesüberwindende Macht der Liebe: Krabat ist unheimlich, düster und extrem packend, aber nicht ohne helle Momente. Es ist auch fast fünfzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ein wunderbarer Fantasyroman.

 

Das waren jene Bücher bzw. Reihen, die mich zum Fantasyfan gemacht haben.

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