Mit den Geistern sprechen – Jess Kidds großartiger Debütroman „Der Freund der Toten“

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BUCH

Mit den Geistern sprechen – Jess Kidds großartiger Debütroman „Der Freund der Toten“


In ihrem Romandebüt macht Jess Kidd ein verschworenes irisches Dorf zum Schauplatz einer Mordermittlung, die erst ein Vierteljahrhundert nach der Tat beginnt – und lässt ihren Protagonisten mit den Geistern reden.

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Das kleine irische Dorf Mulderrig im Jahre 1976. Als der junge Mahony aus Dublin hier eines Tages aus dem Bus steigt, fällt er sofort auf: Verrucht gut aussehend, Lederjacke, Schlaghosen und lange Haare wie ein Hippie. Doch er wird bald noch für viel mehr Aufsehen sorgen. Immerhin ist der im Waisenhaus aufgewachsene Mahony nach Mulderrig gekommen, um den Mord an seiner jungen Mutter aufzuklären, die vor fünfundzwanzig Jahren die sündige Schande Mulderrigs war und dafür mit dem Leben bezahlte. Ein Brief, den er erst vor Kurzem erhalten hat, lieferte Mahony spät den Namen seines bis dahin unbekannten Geburtsorts, und den seiner Mutter. Bald spricht sich herum, wer der verwegene Mahony wirklich ist und was er in Mulderrig will, und er bekommt schnell Gegenwind zu spüren – etwa vom schmierigen Father Quinn oder der garstigen Witwe Farelly. Allerdings findet Mahony, der auf Anhieb allen Frauen im Dorf den Kopf verdreht, auch Verbündete, allen voran die alte, resolut-exzentrische Theaterschauspielerin Mrs. Cauley. Außerdem kann Mahony die Geister der Toten sehen und sich gelegentlich mit ihnen unterhalten ...

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Gewaltausbrüche hinter der beschaulichen Fassade

Ärger im provinziellen Paradies und der ländlichen Idylle Irlands? Das hat literarisch betrachtet Tradition. Man nehme nur Patrick McGinleys sagenhaft guten Roman Bogmail, der im Original bereits 1978 veröffentlicht wurde, jedoch erst im Herbst 2016 erstmals auf Deutsch erschienen ist. Auch in dieser Perle der irischen Kriminalliteratur dreht sich alles um ein abgelegenes Kaff an der irischen Küste; um Glenkeel, genauer gesagt, seinen Pub, einen Mord und eine Leiche im Moor, die titelgebenden Erpresser-Briefe, allerhand Misstrauen und Intrigen und viel, viel schwarzhumorige irische Philosophie bezüglich Regenwürmern, dem Jagen und Fischen sowie dem ganzen Rest. Mit so viel Metaphysik wie das herrliche Bogmail vermag Jess Kidds Debütroman Himself alias Der Freund der Toten letztlich nie aufzuwarten, und am Ende sind die Dorfbewohner zudem niemals ganz so spleenig und markig wie die von McGinley. Dennoch verfügt die 1973 in London geborene Kidd, die ihre Kindheit selbst in einem Dorf an der irischen Westküste verbrachte, englische Literatur studierte und einen Master in kreativem Schreiben machte, über ein witziges Ensemble an schrägen Protagonisten, Ermittlern, Statisten, Gaffern, Helfern und Verdächtigen, zu dem z. B. ein im Wald hausender Einsiedler namens Tom Troll gehört. Doch so oft man dank Kidds Figuren schmunzelt und lacht, so oft staunt man aufgrund der sporadischen Ausbrüche von Gewalt und Heimtücke, die hinter der Fassade des ach so frommen und beschaulichen Mulderrig lauern.

Dirty Little Fishes

Dass bei diesem modernen Krimi über das alte Irland, in dem jeder Dialog und jeder Satz stilistisch perfekt sitzen, nicht zuletzt Fantastik-Fans auf ihre Kosten kommen, liegt hingegen an den Geistern. Kidds schrullige Phantomüberbleibsel der Verblichenen, die für die meisten Menschen unsichtbar an den Rändern und in den Ecken der Wirklichkeit herumlungern und lediglich von Mahony wahrgenommen werden, erinnern an die entsprechenden Werke der Fantastik-Meister Peter S. Beagle (He, Rebeck!) und Neil Gaiman (Das Graveyard-Buch), obgleich die Interaktion zwischen Mahony und den Toten in Mulderrig deutlich mehr Einschränkungen unterliegt. Das macht die zuweilen düstere Jagd nach dem Mörder von Mahonys verrufener Mutter nur noch spannender, und ohne die Limits des charmanten Geisterflüsterers wäre die Aufklärung des grausigen Verbrechens aus den 1950ern wohl etwas zu einfach. Im ersten Viertel des Romans fragt man sich ein paar Mal, ob es die fantastische Ebene und die Geister gebraucht hätte. Zum Glück bewährt sich im Verlauf der Handlung, dass die meist gutmütigen Abbilder der Toten bei Kidd in der Summe mehr als ein zusätzliches Genre-Gimmick sind. Und dann plätschert da ja noch die heilige Quelle plötzlich mitten in einem Haus – ein Wunder! In den Augen von Jess Kidd, die 2016 für ihre Kurzgeschichte „Dirtly Little Fishes“ den Costa Short Award erhalten hat, passt der magische Realismus gut zur reichhaltigen irischen Folklore und Mythologie, womit sie absolut recht und sich eine hübsche Nische erschlossen hat.  

Ein sympathischer Whodunnit

Der Freund der Toten ist ein wahnsinnig sympathischer und packender Whodunnit, den man am liebsten in einem Rutsch durchlesen würde, und obendrein ein richtig schön aufgemachtes Buch, wie keinesfalls unerwähnt bleiben soll. Das grüne Covermotiv rankt sich über den gesamten Umschlag bis an die Ränder der Klappen, und unter dem Schutzumschlag kombiniert das Hardcover mit seinem weißen Einband, seinem orangenen Vorsatz und seinem grünen Lesebändchen die irischen Nationalfarben. Diese durchdachte Gestaltung hat sich Jess Kidds mordsmäßig guter, fantastischer Irland-Krimi allemal verdient. Zwei neue Romane der Engländerin sind übrigens schon in Arbeit, einer davon wieder ein Krimi, der andere sogar eine Steampunk-Geschichte in einem schaurig-viktorianischen London. Nach Der Freund der Toden kann man sie beide kaum erwarten. 

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