Fünf Fantasy-Bücher, die auf europäischen Sagen basieren von Christian Handel

BUCH

Fünf Fantasy-Bücher, die auf europäischen Sagen basieren


Meeresungeheuer und Drachen, Faune und Nymphen, vom Untergang bedrohte Inseln und Blutfehden, die ganze Familien auslöschen – das sind nicht nur die Zutaten zahlreicher Phantastik-Romane, sondern auch die Bestandteile jahrtausendealter Mythen und Sagen. In seinem Artikel Der Mythos nennt Frank Weinreich eben diesen den Vorläufer der modernen Phantastik. Autorinnen und Autoren bedienen sich dieser Bestandteile jedoch nicht nur, um eigene Epen zu schaffen. Oftmals interpretieren sie die alten Stoffe selbst auch neu. Man denke nur an die zahlreichen König Artus-Romane, von T. H. Whites Der König auf Camelot über Marion Zimmer Bradleys Die Nebel von Avalon  bis hin zu Bernhard Cornwells Der Winterkönig. Allein schon bei einem Artikel über Artus-Interpretationen würde man den Fünf-Bücher-Umfang sprengen. Deshalb konzentriere ich mich heute auf eine Handvoll Lieblingsbücher, die auf anderen (europäischen) Sagen basieren.


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Rheingold von Stephan Grundy

Auf über 800 Seiten spinnt Stephan Grundy mit Rheingold eine moderne Nacherzählung des großen Sagenkomplexes um Siegfried, den Drachentöter, seine Vorfahren und sein Erbe. Dabei folgt er nicht den Spuren des mittelhochdeutschen Nibelungenlieds, sondern den älteren Quellen der Edda und der Völsungen-Sage. Auf diese stützte sich auch Richard Wagner für seine Opern-Tetralogie Der Ring des Nibelungen. Wie bei Wagner sind die Geschicke der Sippe Siegfrieds – hier Sigfrid – eng mit den Intrigen der germanischen Götter verknüpft, die im Buch immer wieder persönlich in Erscheinung treten. Zu Beginn taucht der Gott Loki in die Fluten des Rheins nach einem Goldschatz, um eine Blutschuld zu begleichen. Ein Schatz, der keinem seiner Besitzer jemals Glück bringen soll. Grundy erzählt von Sigmund, der seine Schwester Siglind aus der Hand eines grausamen Mannes befreien will; von Sigmunds Sohn Sigfrid, der nicht nur einen Drachen tötet, sondern sich auch in eine sterblich gewordene Walküre verliebt, ehe die Hexenkönigin von Worms ihn mittels Magie an ihre eigene Tochter bindet. Er erzählt von Liebe, Hass und Verrat, der erst Sigfrid das Leben kostet und dann fast die ganze Sippe der Nibelungen auslöscht.

Die Feuer von Troia von Marion Zimmer Bradley

Mit Die Nebel von Avalon kletterte Marion Zimmer Bradley weltweit die Bestsellerlisten hinauf. Sie erzählte darin den opulenten Sagenkreis um Artus und die Ritter der Tafelrunde aus der Sicht der beteiligten Frauen. Ein ähnliches Konzept verfolgte sie in Die Feuer von Troia, ein Roman, der allerdings nicht im frühmittelalterlichen England spielt, sondern in der Antike. Bradley greift den klassischen Sagenstoff um die Belagerung und den Untergang der Stadt Troja auf – aus der Perspektive der Seherin Kassandra. Die Feuer von Troia ist deren Lebensgeschichte und handelt von ihrer Kindheit als Königstochter, ihrer Jugend als Ziehkind bei den Amazonen und ihren Aufstieg zur Priesterin des Sonnengottes. Dass König Priamos der schönen Helena von Sparta Zuflucht gewährt, nachdem diese ihren Mann verlassen hat, ist nur ein Vorwand für die griechischen Fürsten, einen Krieg zu beginnen. In Wirklichkeit sind sie interessiert an den reichen Schätzen der Stadt. Und während vor den Toren Armeen aufeinandertreffen, versucht Kassandra ihr Möglichstes, mit den Frauen von Troia einen Weg zu finden, das Unvermeidliche aufzuhalten: den Fall der uneinnehmbaren Stadt, wie sie es in ihren Visionen längst gesehen hat.

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Die Keltenkönigin von Diana L. Paxson

In der Tradition von Marion Zimmer Bradley erzählt auch Diana L. Paxson alte Sagen aus der Sicht der weiblichen Beteiligten neu. Paxson schreibt sehr melodisch sowie detail- und facettenreich und recherchiert intensiv. Die Keltenkönigin ist ihr bisher bestes Buch. Sie greift darin einen keltischen Sagenstoff um einen König und seine drei Töchter auf, den Shakespeare durch seinen König Lear weltberühmt machte.

Die Autorin verlegt die Handlung jedoch nicht ins dunkle Mittelalter, sondern ins vorchristliche Britannien. Die aus Kleinkönigreichen bestehende Insel wurde über Generationen hinweg von Königinnen regiert. Einige Jahre vor Beginn der Handlung hat der vom Festland stammende Leir die einstigen Herrscherinnen unterworfen und die ganze Insel unter seiner Krone geeint. Drei Töchter hat er von drei Königinnen. Während Gunardwilla und Rigana heimlich gegen ihren Vater rebellieren, ist Leirs jüngste Tochter Cridilla sein Herzenskind. Im hohen Norden als Kriegerin und Schamanin ausgebildet, sucht sie nach einem Weg, die sich widerstreitenden Kulturen Britanniens zu vereinen. Bis es zu einem schrecklichen Zerwürfnis mit ihrem Vater kommt.

Das Lied des Achill von Madeline Miller

Auch Madeline Miller hat sich in Das Lied des Achill dem Sagenkreis um den Untergang Trojas auseinandergesetzt. Anders als in Die Feuer von Troia erzählt Miller die Geschichte aber nicht aus der Sicht der Trojaner, sondern aus der eines der größten Helden der griechischen Gegenseite. Achill, bei Marion Zimmer Bradley ein mordender Berserker, wird hier zum Menschen und Fleisch und Blut: Sohn einer Meeresnymphe und bester Kämpfer seiner Generation. Der Roman fokussiert sich nicht nur auf den Krieg um die als uneinnehmbar geltende Stadt, sondern erzählt auch von Achills Kindheit und Jugend – und von der zarten Liebesbeziehung, die sich zwischen dem jungen Prinzen und dem gleichaltrigen Patroklos entspinnt. Herrlich unaufgeregt erzählt Miller davon, wie die beiden trotz ihrer Unterschiede einander verfallen und sich allen Widrigkeiten zum Trotz nicht auseinanderbringen lassen.

Midgard von Wolfgang und Heike Hohlbein

Wolfgang Hohlbein hat sich oft von Mythen und Sagen inspirieren lassen. Zu seinen charmantesten Werken zählt Midgard, das er gemeinsam mit seiner Frau Heike geschrieben hat. Darin verweben sie die Sagen um Ragnarök, dem prophezeiten Weltuntergang der nordischen Mythologie, zu einem aufregenden Jugendbuch. Feuerriesen und Höllenhunde, der Fenriswolf, die gewaltige Midgardschlange und das Götterpferd Sleipnir – ihnen begegnet der Fischersohn Lif, der während eines schrecklichen Winters die Bekanntschaft der Götter macht. Gemeinsam mit ihnen reist er zu magischen und gefährlichen Orten wie in das Totenreich der Hel, zur Weltenesche Yggdrassil und zum Urdbrunnen. Währenddessen erkennt er, dass ihm eine Schlüsselrolle im Kampf der lichten Götter gegen die Finsternis zugedacht ist. Gerade, wer mit den germanischen Göttersagen kaum vertraut ist, taucht in Midgard ein in den faszinierenden Kosmos diesseits und jenseits von Asgard.

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