Ein tödlicher Frost – Ist der Winter in der Fantasy immer böse?

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Ein tödlicher Frost – Ist der Winter in der Fantasy immer böse?


Der Winter gilt den meisten als dunkle und nicht gerade willkommene Jahreszeit, was ja irgendwie auch verständlich ist – wenn man weit genug vom Äquator entfernt wohnt, bedeutet er längere Nächte, Minusgrade, Eis überall, graue Gärten und kahle Bäume. Und besonders brutal ist so ein Winter, wenn man sich nicht in ein kuschlig warmes Zuhause zurückziehen kann. Aber die kalte Jahreszeit hat auch ganz charmante Seiten: die weißen Decken aus Schnee, die alles überziehen, gemütlich warmes Feuer im Kamin, herzhafte Mahlzeiten, dampfende Getränke und natürlich die Feiertage wie Weihnachten, auf die man sich freuen kann. Diese positiven Aspekte können einen magischen fast schon fiktionalen Charakter haben, eindeutig inspiriert von Geschichten wie Charles Dickens Weihnachtsgeschichte, von Märchen und Volksweisen, die vom Winter handeln. Oder aber ihre Magie ist nur dem Moment vor dem Kamin geschuldet, in einer kuscheligen Hütte, der ideal zum Geschichtenerzählen ist.

Und auch wenn Winter und Magie so gut zusammen passen, hat die Jahreszeit nicht gerade einen guten Ruf, zumindest unter den Fantasy-Lesern. Das mag vielleicht daran liegen, dass das Genre sich gerne an älteren Traditionen orientiert, an antikem Symbolismus. Viele vorchristliche Legenden der Julzeit sind mit dunkleren und weniger fröhlichen Charakteren und Elementen ausgestattet. Die Heiden sahen im Winter eine Zeit der Dunkelheit und des Todes, in der die Grenzen zwischen den Welten am dünnsten waren. Was auch immer der Grund, aber ein Blick auf den Winter in der Fantasy zeigt doch einige wiederholt vorkommende Motive:

Die Bedrohung eines langen Winters

Der unnatürlich lange Winter deutet oftmals auf das Böse oder ein fehlendes Gleichgewicht in der Fantasywelt hin. Die uralte Furcht vor der unnatürlich verlängerten kalten Jahreszeit, oder gar vor der ewig währenden, ist im Genre ein beliebtes Element. Was wäre denn, wenn der Frühling niemals einkehren würde? Wenn nie wieder etwas wächst und die Ernte nicht möglich ist? Wenn Eis und Schnee niemals wieder schmelzen würden?  

Ein berühmtes Beispiel für dieses Szenario ist der „Hundertjährige Winter“ in Narnia. Obwohl C. S. Lewis die romantische Seite der Jahreszeit in seinem Roman Der König von Narnia voll und ganz ausschöpft – inklusive Lampenschein im Schnee, Tee und Geschichten am offenen Feuer in der Höhle des Faun, ein von Rentieren gezogener Schlitten und sogar Väterchen Weihnacht – ist doch der Winter klar mit der Weißen Hexe verbunden. Das Ende des Romans feiert entsprechend die Rückkehr des Frühlings.

Die Idee von im Winter gefangenen Welten ist aber natürlich nicht nur bei Lewis zu finden. In V. E. Schwabs Roman Die vier Farben der Magie ist das Weiße London das betrübteste und korrupteste aller drei Londons – ein permanent kalter Ort, dem jede Farbe und Wärme durch die bittere Magie geraubt wurde. Und in Maggie Stiefvaters Nach dem Sommer ist es nicht etwa der volle Mond, sondern die Kälte, die die Verwandlung von Mensch in Wolf auslöst und somit die Werwolf-Charaktere für den gesamten Winter in Körper und Geist des Tieres gefangen hält – eine Erfahrung, die im Verlauf der Zeit immer länger andauert. Und dann wäre da natürlich noch das Motto des Hauses Stark aus dem Lied von Eis und Feuer von G. R. R. Martin: „Der Winter naht“ – eine immer präsente und düstere Erinnerung an die kommende Zeit der Entbehrungen und den langen Winter. 

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Kaltherzige Charaktere

Die gnadenlose Kälte des Winters manifestiert sich oftmals in den Herzen und der Macht der Bösewichte. Charaktere und Kreaturen, die im Winter besonders gut zurechtkommen oder die sogar die Fähigkeit haben, diese zu erschaffen, sind zumeist nicht diejenigen, die wir mit Freude anfeuern. Das hat sicher viel mit der symbolischen Assoziation der Kälte zu tun, die wir als leblos oder emotionslos verstehen. Sicher spielt auch Hans Christian Andersens Märchen Die Schneekönigin eine Rolle in der Verbreitung dieser kalten Wintertyrannen – das Märchen war sicher auch für die Weiße Hexe aus Narnia eine Inspiration.

Aber die Bösen des Winters sind nicht nur rachsüchtige Königinnen. In The Bear and the Nightingale (dt. Der Bär und die Nachtigall) von Katherine Arden, das im frostigen Winter des nördlichen Russlands spielt, ist der Winterdämon Frost eine bösartige Figur, die nur von den Haus- und Hofgeistern unter Kontrolle gehalten wird. Und die Weißen Wanderer im Lied von Eis und Feuer sind Wiedergänger aus den frostigen Regionen jenseits der Mauer, die sich zusammen mit dem nahenden Winter gen Süden ausbreiten, angeführt vom eisigen Nachtkönig.

Die Verbindung aus Winter und Boshaftigkeit ist auch im Comic deutlich zu spüren. Das Medium hat uns so schöne Superschurken beschert wie Captain Cold oder Mr. Freeze (Arnold Schwarzeneggers Mr. Freeze in der Verfilmung Batman & Robin liefert hier regelmäßig dumme Sprüche zum Wetter ab. Zugegeben gibt es in den Comics auch Helden mit frostigen Superkräften, etwa Iceman oder Polar Boy – was vielleicht eine weniger stark negative Ausrichtung solcher Kräfte vermuten lässt.

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Ein tödlicher Frost

Da wäre dann noch die Tatsache, dass ein unwirtliches, kaltes Setting ein Hindernis oder eine Bedrohung für die Charaktere bedeuten kann, die wir lieben. In einem Schneesturm gefangen zu sein, unvorbereitet durch die klirrende Kälte zu stapfen oder in einen eisigen Bach zu fallen – all das kann in der Fantasy zu einer Gefahr für unsere Helden werden, wie auch in der Realität.

Kriegsklingen von Joe Abercrombie beginnt mit Neunfinger-Logen im Kampf mit den Elementen, im Versuch in der kalten und einsamen Landschaft mit nur wenigen Ressourcen zu überleben – und zeigt so, wie gefährlich diese Wetterverhältnisse sein können. Und auch Meg aus In Blut geschrieben von Anne Bishop muss zu Beginn des Romans Unterschlupf vor dem Schneesturm suchen, um nicht zu erfrieren.

In Kushiel: Das Zeichen von Jacqueline Carey wiederum ist es die eisige und weite Landschaft, die Phèdre gefangen hält, weil sie selbst nach gelungener Flucht vor ihren Häschern, jederzeit der Kälte zum Opfer fallen könnte. Und in Jo Spurriers Winter Be My Shield (dt. Winter beschütze mich) sind noch nicht einmal Magier vor den Härten des Winters sicher: Verbannung bedeutet einen grausamen Überlebenskampf – Unterschlupf sichern, um nicht vor Kälte zu erstarren.

Ist der Winter denn je eine positive Angelegenheit?

Einige Fantasy-Geschichten zeigen auch eine positivere Seite des Winters und selbst die Bücher, die sich auf die Härte der Jahreszeit konzentrieren, zeigen dessen charmantere Aspekte: wärmende Feuer, abgehärtete Nordlichter, romantische Wintergeschichten und wunderschöne von Schnee bedeckte Wälder. Beispielsweise befreundet sich Meg aus In Blut geschrieben trotz der bedrohlichen Kälte mit einem Winterelementar an und die kalten ‚Guten’ können aus den eisigen Wetterverhältnissen einen Vorteil ziehen. Und selbst Disneys Die Eisprinzessin stellt die positiven Aspekte des Winters in den Vordergrund und zeigt uns eine Winterkönigin, die nicht böse ist, deren Handeln auf Furcht und Isolation zurückgeht und nicht auf die Magie selbst. Dennoch stellen diese Geschichten zumeist die Notwendigkeit einer Balance in den Vordergrund, also für Winter in Maßen. 

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Eine Fantasy zu finden, die den Winter ins Zentrum rückt und ihn ausschließlich positiv darstellt ist weitaus schwieriger, wenn auch nicht unmöglich. In der Lirael- Reihe von Garth Nix ist die Hauptfigur eine Clayr. Die Clayr sind eine fast ausschließlich weibliche Gemeinschaft gütiger Seherinnen, die in den Gletschern des Nordens leben. Die Reinheit des Eises hilft ihnen dabei, ihre Sicht zu fokussieren und so in die Zukunft sehen zu können. In der Grisha-Trilogie von Leigh Bardugo sind die Ravkan und die Fjerden (inspiriert durch russische und nordische Kulturen) an die kalten Winter und verschneiten Welten gewöhnt und sehen sie mit einem Fünkchen Sehnsucht und Nostalgie, wenn sie weit von zu Hause entfernt sind. In Der goldene Kompass freundet sich Lyra mit einem gepanzerten Eisbären namens Iorek Byrnison an, einem „panserbjørn“. Und auch wenn der kalte Norden, durch den sie reist, voller Gefahren ist, ist er doch auch wichtig für den mysteriösen Staub und die Verbindung zwischen den Welten. Und selbst ein Märchenklassiker wie Schneewitchen und viele seiner Adaptionen verbinden die Heldin mit Schnee und Winter.

Der Winter ist also nicht immer böse in der Fantasy. Er kann eine Quelle für Wunder und Magie und Schönheit sein. Er ist aber auch, eigentlich immer, ein zweischneidiges Schwert – etwas, das den Unachtsamen gefährlich sein kann, und etwas das nur im Ausgleich oder in Balance gut ist.

Man könnte also behaupten, dass nur das Extreme der Temperatur als böse dargestellt wird, und dass auch höllische Feuerlöcher, brennende Ödlande oder Feuerdämonen nur selten mit etwas Positivem in der Fantasy verbunden ist. Dennoch würde ich darauf verweisen, dass keine andere Jahreszeit mit soviel Handlungsmacht und Verwandlungskraft oder Bösartigkeit in der Fantasy vorkommt wie der Winter. Schließlich ist eine Aussage wie „der Sommer naht“ nur selten in der Lage ein Gefühl der Prophezeiung in einem Fantasyleser auszulösen oder Angst vor dem Kommenden zu signalisieren. 


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© Nicola Alter 

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