Die geheimen Schätze der Phantastik: Des Teufels Maskerade

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KOLUMNE

Die geheimen Schätze der Phantastik: Des Teufels Maskerade


Prag zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ein verschlungener Kriminalfall, in dem ein Detektiv für okkulte Angelegenheiten, Vampire, dekadente Adlige und Duelle eine Rolle spielen … Andrea Bottlinger gräbt mit Victoria Schlederers Roman „Des Teufels Maskerade“ einen weiteren geheimen Schatz der Phantastik aus. 

 

Ende 2008 rief der Heyne Verlag einen Schreibwettbewerb aus. „Schreiben Sie einen magischen Bestseller“ war das Motto, über 1400 hoffnungsvolle Jungautoren versuchten ihr Glück, und fünf Sieger wurden gekürt. Alle fünf Siegerromane waren erfreulich unkonventionell, aber Victoria Schlederers Roman Des Teufels Maskerade, der den ersten Platz gewann, tat sich in dieser Hinsicht besonders hervor.

Der Roman spielt zur Zeit der K&K-Monarchie in Prag. Damit lässt er sich lose in das Genre der historischen Fantasy einordnen. Allerdings ist die eigentliche Handlung eher die eines Krimis. Schon verwirrt? Der Roman wehrt sich ganz eindeutig mit Händen und Füßen dagegen, sich in ein bestimmtes Genre einordnen zu lassen. Dem Unterhaltungswert der Handlung tut das allerdings keinen Abbruch.

Ein Netz aus Geheimnissen und Lügen

Baron Dejan Sirco ist Detektiv in okkulten Angelegenheiten. Gemeinsam mit der Bordellbesitzerin Esther, dem ehemaligen Straßenjungen Mirko und Sir Lysander Sutcliffe, einem mehrere hundert Jahre alten Geist, den unglückliche Umstände an den Körper eines Otters gebunden haben, löst er für die Prager Oberschicht diejenigen Fälle, bei denen es nicht mit rechten Dingen zugeht.

Sein neuester Fall jedoch hat es in sich. Auf der Familie des Grafen Felix Tubric, den einst mehr als Freundschaft mit Dejan verband, lastet ein Fluch. Seit Generationen wird keiner, der den Grafentitel trägt, älter als 40 Jahre. Als Felix Tubric eine Nachricht erhält, die seinen nahen Tod ankündigt, ist er verzweifelt genug, sich an seinen alten Freund zu wenden, obwohl ihre letzte Begegnung in einem Duell geendet hatte.

Doch damit nicht genug. Zudem treibt der Vampir Alvin Buckingham, den aus der Stadt zu vertreiben Dejan schon mehrmals versucht hat, erneut in Prag sein Unwesen. Irgendetwas scheint er mit der Familie Tubric zu tun zu haben. Und zu guter Letzt steht in Wien ein Automobilrennen an – das erste seit einem Unfall, den der Baron nur gerade eben überlebt hat.

Inmitten all dieser Ereignisse entspinnt sich ein Netz aus Geheimnissen, Lügen und Halbwahrheiten, durch das Dejan und seine Gefährten sich kämpfen müssen, nur um schließlich herauszufinden, dass von der Aufklärung ihres Falls weit mehr als das Schicksal einer Familie abhängt.

Man glaubt, in der Zeit zurückgereist zu sein

Wenn man das Glück hat, Victoria Schlederer einmal persönlich zu begegnen, merkt man schnell, dass sie einen sehr hintergründigen Humor hat, der auch in Des Teufels Maskerade wiederzufinden ist. Gleichzeitig erzählt sie ihre Geschichte aber auch im Stil der Zeit, ohne dabei jedoch langweilig oder unverständlich zu werden. Die Sprache verbindet sich mit den gut recherchierten Schauplätzen und der sehr eindrücklichen Darstellung damaliger gesellschaftlicher Konventionen und Moralvorstellungen zu einem harmonischen Bild und lässt einen beinahe glauben, in der Zeit zurückgereist zu sein.

Mit sehr viel Liebe zum Detail sind außerdem die Charaktere gestaltet. Jeder von ihnen hat seine Ecken und Kanten, jeder von ihnen seine Fehler. Sie beschweren sich übereinander, streiten miteinander und verweigern hartnäckig eine Zuordnung in die Schubladen „Gut“ und „Böse“. Es gibt definitiv mehr als zwei Seiten in dieser Geschichte, und den Standpunkt einer jeden kann man bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen.

Der verschlungene Kriminalfall, der sich im Verlauf der Handlung vor dem Leser auftut, wird so öfter von den Charakteren in den Schatten gestellt. Man liest nicht weiter, um die Lösung des Falls zu erfahren, sondern um herauszufinden, wie die Charaktere zu dieser Lösung gelangen und was ihnen auf dem Weg dorthin widerfährt.

Des Teufels Maskerade ist einer dieser Romane, die man entweder absolut liebt oder mit denen man überhaupt nichts anfangen kann. Es gibt kaum etwas dazwischen. Wenn man sich aber darauf einlässt, kann man sich von Victoria Schlederer in ein großartiges Abenteuer entführen lassen.

 

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Es gibt Bücher, die lassen sich leicht in eine Schublade stecken. High Fantasy, Military Science Fiction, Steampunk. Jedem Werk sein Label, mit dem man es leicht erfassen und erklären kann. Und dann gibt es Bücher, die sind einfach irgendwie ... seltsam. Aber dafür mögen wir sie umso mehr. Es wird nur schwierig, wenn man versucht, sie anderen Leuten zu erklären. Andrea Bottlinger wagt den Versuch.

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