Interview mit Autor Seth Dickinson

INTERVIEW

"Mein Ziel ist es, Raum für die Vorstellungskraft zu lassen" - Seth Dickinson im Interview


Seth Dickinson ist in den USA vor allem durch seine zahlreichen Kurzgeschichten, aber auch durch das Storywriting für Games wie Destiny bekannt geworden. Die Verräterin ist sein Debütroman, in dem es um eine junge Frau geht, die sich auf unerwartete Weise für die Verbrechen an ihrem Volk rächen will. Hier beantwortet uns Seth einige Fragen zu seinem Roman. 

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TOR ONLINE: Hallo Seth, schön, dass du die Zeit gefunden hast, mit uns über dich und deinen neuen Roman “Die Verräterin” zu sprechen. Erzähle uns doch ein bisschen was über dich: Wer ist Seth Dickinson, was machst du in deiner Freizeit, was magst du besonders gern oder überhaupt gar nicht?

Seth Dickinson: Hi! Ich bin Seth und habe den Einfluss von rassistischer Voreingenommenheit in Polizeieinsätzen studiert. Außerdem bin ich aus dem Doktorprogramm für soziale Neurowissenschaften geflogen, habe für Bungie Studios gearbeitet, um die Hintergrundgeschichte für Destiny zu entwickeln. Jetzt kümmere ich mich Vollzeit um ein ganzes Rudel streunender Katzen und diskutiere wirklich sehr gern über das Storytelling und Gamedesign. Was ich gar nicht mag sind Pilze, Bananen und die Idee, dass der Star Trek-Transporter mich töten und durch ein Duplikat ersetzen könnte.

Wenn du “Die Verräterin” in einem einzigen Satz zusammenfassen müsstest, wie würde er lauten?

Game of Thrones meets Arm und Reich von Jared Diamond. 

Oder: Es ist Star Wars, wenn Luke einen Schritt weiter gegangen und, wie ursprünglich geplant, der Imperial Academy beigetreten wäre, um dann das Imperium von Innen heraus zu zerstören.  

Der Titel deines Romans deutet schon an, dass die Protagonistin Baru Kormoran eine Verräterin ist. Und obwohl sie immer einen triftigen Grund für ihr Verhalten hat, kann man in manchen Momenten nicht anders, als ungläubig und angewidert den Kopf zu schütteln. Bist du während des Schreibens an einen Punkt gekommen, an dem du gezögert hast, sie auf diesen verstörenden Weg zu schicken? Hattest du Angst, dass die Leser Baru ihr Verhalten irgendwann übelnehmen könnten? Oder sollen die Leser Baru hassen?

Ich habe nie gezögert zu schreiben, was die Story brauchte. Und ich habe immer akzeptiert, dass es Leser geben wird, die meine Hauptfigur hassen werden. Aber es ist doch so: Es gibt zwei Perspektiven auf die Moral, richtig? Pflichtethiker wie Kant haben Regeln – wie zum Beispiel “tue nie jemandem weh” – die  nie, aber auch wirklich niemals gebrochen werden sollten. Egal wie es kommt, du sollst immer das Richtige tun. Denn wenn du anfängst, Ausnahmen zu machen, geht alles vor die Hunde.  

Aber Baru ist eine Utilitaristin. Sie ist gewillt, schlimme Dinge zu tun, um ihre Heimat zu befreien und das Imperium der Masken zu zerschlagen. Und was ich besonders herzzerreißend an ihr finde, ist, dass sie solch unglaubliche Selbstzweifel hat. Sie ist keine Soziopathin, sondern fühlt mit den Menschen, die um sie herum leiden. Es war für mich sehr wichtig, dass man erkennen kann, wie sehr die Schuld sie innerlich zerreißt und wie sehr sie sich davor fürchtet, eine falsche Entscheidung zu treffen. Daher hoffe ich, dass selbst die überzeugten Pflichtethiker unter den Lesern ihr Verhalten wenigstens nachvollziehen können, auch wenn sie Baru schon nicht sympathisch finden können.

Tatsächlich lehne ich mich oft zurück und frage mich: “Was würde Baru wohl tun?” Und manchmal überrascht sie mich mit ihrer Schonungslosigkeit. Aber trotzdem habe ich nicht gezögert, sie so handeln zu lassen, denn ich wusste, dass der Roman nach einem ganz bestimmten Prinzip funktioniert. Vor einiger Zeit habe ich ein wirklich eindrucksvolles Interview mit einem der frühen Drehbuchschreiber von Lost gelesen und er sagte: Der Grund, weshalb die Serie über lange Zeit so unglaublich erfolgreich war, ist, dass wir uns an einem Arbeitsprinzip orientiert haben, eine ganz simple Regel, die sich durch alle Geschichten, die wir geschrieben haben, durchzog. Und dieses Prinzip war denkbar einfach: Alles, was die Figuren auf der Insel tun, tun sie, um Fehler, die sie zuvor in ihrem Leben begangen haben, wiedergutzumachen.

Das Prinzip, nach dem Baru handelt, ist ähnlich einfach. Aber ich möchte hier nicht spoilern - versucht selbst, es herauszufinden.

Wie dem auch sei. Figuren müssen nicht liebenswert sein, um den Leser fesseln zu können. Baru ist keine Figur, mit der man einen Tee trinken würde, aber sie ist eine faszinierende Figur. Zumindest hoffe ich das.

“Die Verräterin” ist ein politischer Roman. Es geht um Themen wie Rassismus, Homophobie und sexualisierte Machtbeziehungen. In der Fantasy ist das eher eine Seltenheit, auch wenn man inzwischen – ich denke da an Katherine Addisons “Der Winterkaiser” oder Sofia Samatars “Stranger in Oolondria” - immer häufiger darüber stolpert. Wird die Fantasy politischer?

Das ist ganz sicher so. Heutzutage hinterfragen wir alles. Wir haben aufgehört, die Familienstruktur als etwas Selbstverständliches zu sehen. Oder die Beziehung zwischen Untertan und Staat, die Identitäten von Mann und Frau. Warum haben ausgerechnet die weißen Europäer die Welt kolonialisiert statt irgendwer anders? Wie ist es dazu gekommen, dass wir glauben, rosa sei eine Farbe für Mädchen und hellblau eine für Jungs? Warum funktioniert unser Bankensystem so, wie es das tut?

Das ist keine neue Entwicklung, sie geht schon seit Jahrzehnten vor sich. Auch die Fantasy kann sich daran beteiligen, diese Fragen zu beantworten. Warum akzeptieren wir beispielsweise, dass in Fantasy-Romanen die Welt von weißen Bauern bevölkert ist, die von einigen wenigen weißen Adeligen regiert werden? Nur weil wir uns das europäische Mittelalter so vorstellen? Aber wo haben wir diese Lüge über das europäische Mittelalter überhaupt gelernt? Warum ist es immer wieder das Zentrum unserer phantastischen Vorstellung?

Im Falle vom Winterkaiser – eines wirklich großartigen Romans – fragt sich Maia, wieso der kaiserliche Hof nach solch abstrusen Prinzipien funktioniert, warum die Menschen vor ihm, dem Kaiser, niederknien und ihn wie einen Gott behandeln müssen, warum er nicht auf der Basis von Respekt und Freundschaft regieren kann.

Fantasy ist mit Abstand das beste Werkzeug, um sich mit genau solchen Fragen auseinanderzusetzen. Denn in ihr kann man kontrafaktische Welten zeichnen. Wenn du fragst: “Wie ist es so gekommen”, fragst du gleichzeitig “Wie hätte es sonst kommen können”? Das ist eine spannende Frage, die man in der Fantasy ergründen kann.

Außerdem finde ich zwischenmenschliche Beziehungen sehr interessant. Sex, Geld, Macht sind Themen mit einer gewissen Sogwirkung, die sich hervorragend für phantastische Geschichten eignen.

Es gibt noch etwas, das mir bei einigen aktuellen Fantasy-Romanen aufgefallen ist, auch bei der “ Verräterin”. In vielen Geschichten gibt es nichts mehr, das die Anderswelt von der realen unterscheidet: Also keine Magie oder Monster, Elfen, Zwerge. Hast du die Entscheidung, auf diese Elemente zu verzichten, bewusst getroffen, oder war das eher Zufall.

Oh, ist es also kein “echter” Fantasy-Roman? Gibt es wirklich keine Magie? Baru schreibt einen Zauberspruch, der eine ganze Nation vernichtet. Ein einziger Brief tötet zehntausende Menschen, stürzt Herzöge und bringt Chaos über Aurdwynn. Sie schreibt diesen Brief in einem hohen Turm, und er verändert die Welt. Ist das keine Magie?

Das Imperium der Masken fällt in Barus Heimat ein und belegt es mit Flüchen. Einige Menschen werden getötet, andere aber dadurch gerettet, dass gewisse Rituale durchgeführt wurden. Das Imperium nimmt den Menschen die Fähigkeit, mit anderen zu Handel zu treiben, indem es eine bestimmte Geldform in Umlauf bring. Ist das keine Magie? Die Welt im “Imperium der Masken” ist voll von mysteriösen Mächten, die wir nicht verstehen.

Genau wie unsere Welt. Ein paar Banken verkaufen den falschen Menschen Hypotheken und plötzlich können zahllose Menschen sich kein Essen mehr leisten oder verlieren ihre Jobs – überall auf der Welt. Wenn das mal keine schwarze Magie ist.

Aber ja, ich habe die Entscheidung bewusst getroffen, Golems und Zauberer in meinem Roman außen vor zu lassen. Ich wollte über andere gewaltige Kräfte schreiben, die diese Welt unterspülen und das Schicksal vieler formen … Ich wollte über die Kräfte schreiben, die auch in unserer Welt existieren.

Es gibt einige Elemente in deinem Roman, die nicht im Detail erklärt werden – wir hören von der (Pseudo-)Wissenschaft des Inkrastizismus, dem Handbuch der Manumission, das im Imperium der Masken als eine Art moralischer Leitfaden für die Bürger dienen soll. Wie weit hast du diese Elemente ausgearbeitet? Hast du die Grundsätze des Inkrastizismus aufgeschrieben? Oder das Handbuch der Manumission?

Ich versuche immer genau so viel zu erschaffen, wie für die Geschichte nötig ist. So viel, dass der Leser Lust hat, sie zu entdecken. Also lasse ich hier und da ein paar Hinweise auf den Inkrastizismus fallen – diesen beinahe religiösen Glauben an die Wissenschaft, die Überhöhung der menschlichen Tugendhaftigkeit auf eine göttliche Ebene, den Versuch, Eugenik und die Ideen Lamarcks anzuwenden, um die Menschen besser zu machen – ein Versuch, der zum Scheitern verdammt ist. Ich erkläre den Lesern den Zweck des Handbuchs für Manumission, schon allein durch seinen Titel; es handelt sich um einen Leitfaden zur Befreiung von den Aristokraten und über das natürliche Raubtier-Beute-Verhalten. Ich wollte, dass der Leser selbst herausfindet, wozu das Handbuch dient, und sich dadurch clever fühlt.

Aber mein Ziel ist es auch immer, Raum für die Vorstellungskraft zu lassen – für meine eigene und die des Lesers. Außerdem versuche ich, immer kleine vorausschauende Köder auszulegen, die bei Gelegenheit zu größeren Geschichten ausgebaut werden können. Das heißt nicht unbedingt, dass ich ihre tiefere Bedeutung kenne. Aber ich habe das Handbuch der Manumission nicht ausformuliert. Die Leser wollen zwar glauben, dass es da draußen existiert, aber sie rechnen nicht tatsächlich damit, dass ich jede einzelne Zeile niedergeschrieben habe; wichtiger ist, dass das, was ich letztlich aus dem Handbuch preisgebe in sich stimmig ist und mit ihren eigenen Vorstellungen harmoniert.

Das Ziel, das ich immer vor Augen habe, ist also nicht die bis ins Letzte ausgemalte Welt, sondern eine inspirierende und verheißungsvolle Skizze, die die Phantasie anregt. 

Was war der Schwierigste im Schreibprozess von “Die Verräterin”?

Ich glaube, das Schwierigste war, den ganzen Intrigen-Plot gut rüberzubringen. Gerade dafür habe ich mich ziemlich in der Entwicklung von Namen verloren – sie basieren alle auf bestimmten linguistischen Wortstämmen, die alle eine individuelle Geschichte des interkulturellen Austauschs und der Konflikte erzählen – daher sind sie nicht immer leicht auszusprechen oder sich zu merken. Aber wie erkläre ich meinem Leser, dass “Herzogin Ihuake aufgrund ihrer erfolgreichen Heirat und wegen der ökonomischen Spannungen in der Viehzucht und der Wasserversorgung die Rivalin von Herzogin Nayauru ist, auf interessante und spannende Weise? Wie erkläre ich das so, dass sich die Leser so etwas merken können, ohne den Fluss der Handlung und die Spannungskurve zu zerstören?

Am Ende ist es ja so, dass sich die Leser im Idealfall wirklich für eine Figur interessieren und beim Lesen erkennen, was diese Figur bewegt. Zumindest hoffe ich, dass es mir gelungen ist, die Intrigen und Figuren so zu spinnen, dass sie verständlich sind. 

Und was hat dir beim Schreiben am meisten Spaß gemacht?

Nachdem ich den ersten Entwurf der Geschichte fertig geschrieben habe, bin ich das Ganze noch mal durchgegangen und habe jeder Figur eine eigene ganz besondere Szene geschrieben – eine Szene nur für sie, die uns etwas über ihre Beziehungen und Hoffnungen erzählt. Diese Szenen habe ich besonders gern geschrieben. Herzog Unuxekome, der vergeblich versucht, fliegende Fische vom Bug seines Schiffes zu entfernen, Herzog Pinjagata, der statt Baru eine mysteriöse Schauspielerin verhaften lässt ... 

Wenn du in die Rolle einer deiner Figuren schlüpfen dürftest – wer wärst du?

Eine absolut gruselige Vorstellung! Tain Hu ist ganz klar die bewundernswerteste Figur im Roman, mit ihrem starken Charakter, ihrem scharfen Verstand und ihrem angeborenen Glauben an die Gutmütigkeit und die Stärke der Menschen. Außerdem hat sie so viele interessante Frauen verführt. Aber ich kann mir mich selbst in der Rolle nicht vorstellen. Sie ist viel zu cool für mich.

Ich glaube, ich wäre eher Bel Latheman. Zugegeben, er ist erbärmlich und bedroht Baru auf widerlichste Art und Weise. Außerdem stammt er aus einem Milieu, das die meisten Leser wahrscheinlich unendlich abstoßend finden. Aber eigentlich will er nur seine Arbeit erledigen, seine große Liebe heiraten und gut durchs Leben kommen. Alle anderen versuchen, die Welt zu revolutionieren oder sind in große globale Komplotte verstrickt. Bel ist unglücklich und vom Leben gepeinigt, aber möglicherweise kann er sich eines Tages entspannen.

Was können wir vom zweiten Band der Reihe erwarten?

Oh, das wird sehr aufregend.

Was den Plot angeht, solltet ihr den ersten Band sehr aufmerksam lesen und darauf gefasst sein, dass jedes noch so unscheinbare Ereignis weitreichende Konsequenzen haben kann. Die Spannungen zwischen Falcrest und Oriati Mbo werden in einer Art phantastischer Kubakrise eskalieren.

Außerdem werdet ihr mehr über die inneren Machenschaften auf dem Thron, über die Geschichte der Welt und über die Philosophie des Maskenimperiums erfahren. Es wird allerdings eher eine Weltenbummler-Geschichte mit apokalyptischen Elementen. Und – ich bin sehr stolz darauf – es wird eine Menge Dinge geben, die sich wie klassische Fantasy-Magie anfühlen, aber die tatsächlich auch in der realen Welt technisch möglich wären: natürlich entstandene Nuklearreaktoren, Gehirnmanipulationen, schreckliche Krankheiten und vieles mehr.

Aber der zweite Band wird auch eine emotionale Antithese zum ersten. Denn für mich besteht die Trilogie aus einer These, einer Antithese und einer Synthese. Folglich muss Band 2 im Imperium der Masken gegen “Die Verräterin” argumentieren. Er muss sich für die Werte des zwischenmenschlichen Beziehung, des Vertrauens, der Intimität und dem Glauben an das Gute aussprechen. Die Figuren, die zuvor wie unterkühlte Chiffren wirkten, müssen sich einander öffnen. Und es muss zumindest die Frage nach einer möglichen Erlösung gestellt werden.

Ihr könnt also eine rauere, persönlichere Story erwarten, die nach der Hoffnung greift. Zwar nicht nach der “alles wird gut”-Happy-End-Hoffnung, aber nach der Hoffnung, dass es selbst in einer total abgefuckten Welt Momente der Freude, der Verbundenheit und der Gutherzigkeit gibt.


Vielen Dank an Jakob Schmidt für seine Mitarbeit an diesem Interview.

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