Ideenliteratur aus China: Peking falten

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Ideenliteratur aus China: Peking falten


Science-Fiction made in China: Seit der international erfolgreiche Roman »Die drei Sonnen« von Liu Cixin, der mit dem Hugo Award ausgezeichnet wurde, erlebt die chinesische SF einen Boom und bahnt sich auch den Weg in deutsche Leserherzen. So auch die atemberaubende Novelle »Peking falten« von Hao Jingfang. 

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Ende letzten Jahres schwappte die Begeisterung für Liu Cixins Science-Fiction-Roman »The Three Body Problem« alias »Die drei Sonnen« schließlich nach Deutschland über, nachdem sich zuvor bereits Barack Obama und Mark Zuckerberg als Fans zu erkennen gegeben hatten. Im chinesischen Original erschien das das frisch mit dem Kurd-Laßwitz-Preis gewürdigte Buch schon 2008, während die englischsprachige Übersetzung 2014 herauskam und 2015 als erster asiatischer Roman überhaupt mit dem Hugo Award ausgezeichnet wurde. Die internationale Aufmerksamkeit für den gehaltvollen, wenngleich keineswegs makellosen Hard-SF-/Erstkontakt-Roman ist nicht zuletzt ein Verdienst des in China geborenen, jedoch seit seiner Jugend in den USA lebenden Anwalts, Softwareprogrammierers und Schriftstellers Ken Liu – nicht verwandt oder verschwägert mit Liu Cixin, der, wie man vielleicht erwähnen sollte, in westlicher Schreibweise als Cixin Liu firmiert. Nicht nur, dass Ken Liu selbst starke, in vielen Fällen zurecht preisgekrönte Erzählungen verfasst hat und seine wunderbare Storysammlung »The Paper Menagerie and Other Stories« zum Besten gehört, was man in Sachen Fantastik lesen kann. Darüber hinaus sorgt Ken Liu als Übersetzer und als Herausgeber dafür, dass man im Westen – auf  dem großen englischsprachigen SF-Markt – die lohnenswerte moderne Science Fiction aus China wahrnimmt, die so viel mehr zu bieten hat als die dystopischen Geschichten über staatliche Zensur und Unterdrückung, die man vielleicht erwartet.

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In der von Ken Liu zusammengestellten, ins Englische übersetzten und mit Begleittexten versehenen Anthologie »Inivisible Planets. 13 Visions of the Future from China« präsentierte Liu, dessen epische High-Fantasy-Trilogie über das Inselkönigreich Dara auf Deutsch übrigens bei Knaur herauskommt, vor nicht allzu langer Zeit sieben besonders bemerkenswerte Autoren zeitgenössischer chinesischer Fantastik. Natürlich mit Texten von Superstar Liu Cixin, und z. B. noch mit mehreren Beiträgen aus der Feder von Hao Jingfang, die wiederum 2016 für ihre Erzählung »Folding Beijing«, die in den USA zunächst im »Uncanny Magazine« abgedruckt worden war, den Hugo erhalten hat. Im beschaulichen Elsinor Verlag ist die Novelle nun als schmales Taschenbuch in der Übersetzung von Kai Strittmatter unter dem Titel »Peking falten« erschienen. Vermutlich erreicht das Büchlein kein ebenso großes Publikum wie »Die drei Sonnen«, das hierzulande ordentlich vom Feuilleton gefeiert wurde. Dennoch ist Hao Jingfangs SF-Erzählung über ein rotierendes, zusammenfaltbares Peking von Morgen absolut überwältigend und atemberaubend.

Ironischerweise bedient »Peking falten« dabei eines der Klischees, die man heute so gerne mit Asiens Großstädten verbindet: Eklatanten Platzmangel, der zu abenteuerlichen, haarsträubenden Wohnarrangements auf engstem Raum führt, der gnadenlos effizient ausgefüllt und ausgenutzt wird. So auch in der futuristischen Vision Pekings, die Hao Jingfang auf weniger als 70 Seiten beschwört. Ein unglaublicher Mechanismus lässt Pekings voneinander abgeschottete Sektoren um eine Achse rotieren – in den Sektoren, die gerade nicht mit Tageslicht dran sind, werden die Gebäude buchstäblich verschoben, zusammengefaltet und versenkt, bevor die Grundplatte kippt, bis sie wieder an die Reihe kommen. Im Ersten Sektor leben 5 Millionen Menschen, im Zweiten 25 Millionen, und im Dritten 75 Millionen. Lao Dao wohnt und arbeitet im armen, unterprivilegierten Dritten Sektor, wo der ganze Müll der faltbaren Stadt entsorgt und aufbereitet wird. Das verlockende Angebot eines schwer verliebten Studenten aus einem der oberen Sektoren, der einen Boten braucht, um einen Liebesbrief zu übermitteln, lässt Lao Dao alle Warnungen und Drohungen vergessen und in den maschinellen Eingeweiden der routinemäßigen Faltung aus seinem Sektor klettern. Sein ungebührlicher Vorstoß entgegen der Regeln und der Rotation bringt ihn in eine saubere Welt des Wohlstandes – und auf Kollisionskurs mit einer Wahrheit über die unterste Schicht im faltbaren Peking ...

Die 1984 geborene Hao Jingfang, die Astrophysik und Wirtschaftswissenschaften studierte, ihren Doktor machte und inzwischen als Forscherin für die China Development Research Foundation arbeitet, hat in ihrer Heimat viele Science-Fiction-Storys und -Romane, einen Band mit Reiseberichten und einen literarischen Roman veröffentlicht. Ihren ersten Literaturpreis gewann sie 2002 noch in der Schule – »Peking falten« machte sie fast fünfzehn Jahre später indes zur ersten chinesischen Autorin, die einen Hugo gewann. Zurecht, denn ihre ökonomische Dystopie ist Ideenliteratur im besten Sinn: Aktuell, kritisch, fantastisch, fremdartig, faszinierend, und eine metaphorische Brücke zwischen der Gegenwart und der Zukunft. Schade, dass es einen Kleinverlag braucht, um solche kleinen Science-Fiction-Meisterwerke auf Deutsch zugänglich zu machen – und gut, dass wir dennoch genau diese Verlage haben. Obwohl eine Anthologie wie »Invisible Planets« als Streifzug durch die heutige chinesische Fantastik so gut ist, dass man den gelungenen Storys nachtrauern muss, die es ohne Hugo-Ritterschlag nicht bis nach Deutschland schaffen.

Die chinesische AutorinHao Jingfang gewinnt den Hugo Award in der Kategorie "Best Novelette"

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