Eine kurze Geschichte der Fantasy

ESSAY

Eine kurze Geschichte der Fantasy, Teil 4


Farah Mendlesohn und Edward James
27.06.2017

Der vierte Teil unserer Serie "Eine kurze Geschichte der Fantasy" rückt zwei Autoren in den Fokus, die die Entwicklung der Fantasy maßgeblich beeinflussten, nicht immer nur im positiven Sinne. C. S. Lewis und J. R. R. Tolkien.

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Viertes Kapitel | Tolkien und Lewis

Mitte des 20. Jahrhunderts schufen zwei englische Fantasy-Autoren Werke, deren Bedeutung die schlichte chronologische Struktur dieses Buches überfordern würde. Dieses Kapitel wird sich ausschließlich den Werken von J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis widmen. Darüber hinaus wird es lediglich ihr Leben und Werk erörtern und nicht ihren Einfluss, der in Tolkiens Fall mit ziemlicher Verzögerung eintrat. In späteren Kapiteln wird über ihren Einfluss zu reden sein – auf die von ihnen inspirierten Autoren, auf bewusste Nachahmer und auch auf Schriftsteller, in deren Werk die Ablehnung dieses Einflusses sichtbar wird.

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Tolkien und Lewis wurden beide in den 1890ern geboren, erhielten eine traditionelle klassische Schulbildung, kämpften im Ersten Weltkrieg und wurden aus gesundheitlichen Gründen ausgemustert. Beide verloren im Krieg viele Freunde und wurden in den 1920ern Wissenschaftler in Oxford, wo sie sich auf mittelalterliche Sprache und Literatur spezialisierten. Von größer Bedeutung ist vielleicht ihre gemeinsame Leseerfahrung: Beide waren Bewunderer der griechischen, römischen und nordischen Mythologie und interessierten sich für die phantastischen Geschichten der mittelalterlichen Welt, zu einer Zeit, als diese gegenüber den Werken der Antike als minderwertig betrachtet wurden. Noch wichtiger ist vielleicht, dass sie beide die Phantastik des 19. Jahrhunderts lasen, insbesondere die Werke von George MacDonald und William Morris. Dennoch, als Tolkien und Lewis sich in den späten 1920ern in Oxford anfreundeten, waren es ihre Differenzen, die auf Lewis anfangs am meisten Eindruck machten: »Seit ich denken konnte, hatte man mich (implizit) gewarnt, niemals einem Papisten zu trauen, und als ich an die anglistische Fakultät kam, warnte man mich (explizit) vor den Sprachwissenschaftlern. Tolkien war beides.« (Surprised by Joy, S. 173)

An der Anglistik-Fakultät in Oxford verlief in den 1920ern eine tiefe Kluft zwischen Literatur- und Sprachwissenschaft, und Tolkien und Lewis befanden sich auf unterschiedlichen Seiten. Die Sprachwissenschaft war es, die Tolkien ursprünglich zum Frühmittelalter hingezogen hatte. Während Lewis als Schuljunge Geschichten über seine erfundene Phantasiewelt »Boxen« verfasste, hatte Tolkien als Schuljunge Sprachen erfunden. Das war gar nicht so ungewöhnlich, wie es klingt – damals modernisierten die Zionisten das Hebräische, und seit 1887 gab es Esperanto. Sehr viel später schrieb Tolkien »A Secret Vice« (dt. »Ein heimliches Laster«), einen Essay über das Vergnügen, Sprachen zu erfinden, in dem er erzählt, wie er während der Ausbildung bei der Armee einem Mann begegnete, der sich ebenfalls die Zeit mit der Erfindung von Sprachen vertrieb. Tolkien sagte stets, er habe Fantasy geschrieben, um die Welt zu beschreiben, in der seine Sprachen existiert hätten. Tolkien hatte seit seiner Teenagerzeit in seiner Fantasy-Welt gelebt (ein Muster, das unter seinen Nachahmern nicht ungewöhnlich ist). Für viele Leser lag der hauptsächliche Reiz von Der Herr der Ringe gerade in dem Gefühl, dass Mittelerde Tiefe besitzt. Wenn man in Mittelerde um eine Ecke biegt, weiß man, dass die Welt dort weitergehen wird. Tolkien verbrachte beinahe zwanzig Jahre damit, die Historie, die Kultur und die Ökonomie von Mittelerde zu erschaffen, ehe eine breitere Öffentlichkeit in seinem Kinderbuch Der Hobbit (1937) einen ersten Vorgeschmack davon erhielt.

Über die Arbeit an Der Hobbit wissen wir einiges, weil Tolkien im Umfeld einer kleinen, ihn unterstützenden Lesegruppe schrieb. Die sogenannten »Inklings« trafen sich wöchentlich, für gewöhnlich zunächst in einem Pub in Oxford, zogen sich aber in Lewis' Räumlichkeiten im Magdalen College zurück, sobald es um die ernste Angelegenheit ging, Kapitel aus den in der Entstehung befindlichen Werken der Mitglieder vorzulesen. Am regelmäßigsten nahmen daran abgesehen von Lewis und Tolkien Hugo Dyson, Owen Barfield, Lewis' Bruder Warren und später Roger Lancelyn Green und Charles Williams teil. Tolkien profitierte hierbei vor allem von der enormen Begeisterung, die ganz besonders Lewis für sein Werk empfand. Lewis meinte später, sein Einfluss auf Tolkien habe hauptsächlich darin bestanden, ihn davon zu überzeugen, sein Werk zu beenden – in seinen Augen war Tolkien von Natur aus faul.

Mitte der 1930er kamen Lewis und Tolkien überein, dass jeder ein Science- Fiction-Buch schreiben würde: Tolkien sollte über Zeitreisen schreiben und Lewis über eine Reise im Weltall. Lewis' Buch wurde letztendlich veröffentlicht, worauf wir gleich zu sprechen kommen; Tolkien kam kaum über das erste Kapitel hinaus. Stattdessen beschloss er, eine Geschichte zu beenden, die in der für seine Mittelerde-Mythologie erschaffenen Welt angesiedelt war. Sein Meisterstück war die Erfindung einer neuen Spezies, der Hobbits. Dadurch konnte er einen anderen Blickwinkel einnehmen; anstatt über große Zauberer und Krieger zu schreiben, deren Motive schwer zu verstehen sind, lässt er uns Mittelerde durch die Augen eines ganz gewöhnlichen »kleinen Mannes« betrachten, ausgehend von einem England, das dem Großteil seiner Leser noch vertraut war. Bilbo Beutlin ist kein reiner Kunstgriff – er steht für die »kleinen Leute«, die Tolkien sehr bewunderte, die einfachen Arbeiter und Bürger der Mittelschicht, die im Ersten Weltkrieg zu Soldaten wurden, stoisch dienten und unter entsetzlichen Umständen großen Mut bewiesen. Wie sie wird Bilbo unfreiwillig aus seiner vertrauten Welt gerissen und auf eine Mission geschickt, bei der er mit den Folgen der Entscheidungen großer Männer konfrontiert wird. Der Stoizismus des englischen »Tommy« bildet auch die Folie für Sam Gamdschie, der dem gewitzten und loyalen englischen Offiziersburschen nachgebildet war und der in vielerlei Hinsicht der wahre Held in Der Herr der Ringe und bei der Wiederherstellung des Auenlandes/Englands am Ende des Romans ist. Wer sich über Der Herr der Ringe lustig macht, übersieht häufig, dass das Buch genauso eine Geschichte des Ersten Weltkrieges ist wie Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues.

Am Anfang von The Hobbit, or There and Back Again wird Bilbo Beutlin – ein respektabler Hobbit des örtlichen Landadels – von Gandalf »rekrutiert«. Er soll sich einer Schar Zwerge anschließen, deren Mission es ist, den Schatz eines Drachen zu bergen. Zu seinem Entsetzen wird Bilbo als Einbrecher der Gruppe angeheuert. Nach der Meinung von Tom Shippey handelt es sich hierbei um einen Linguisten-Witz, da der respektable Bürger (burgher) und der gemeine Einbrecher (burglar) beide auf den gleichen angelsächsischen Wortstamm zurückgehen. Im Verlauf seiner Abenteuer entdeckt Bilbo, dass er klüger und mutiger ist, als er geglaubt hat. Er legt den widerlichen Gollum herein, eine Kreatur, der er unter der Erde begegnet, und kommt in den Besitz eines magischen Rings, der ihm Unsichtbarkeit gewährt. Diesen benutzt er, um einen Drachen zu bestehlen und eine Schlacht zu überleben (auch wenn Tolkien schrieb: »Ein solcher Zauberring bietet keinen sicheren Schutz gegen einen Ork-Angriff; er hält herumfliegende Pfeile und verirrte Speerstöße nicht auf, aber immerhin hilft er beim Ausweichen und bewahrt den Kopf vor den gezielten Schwerthieben eines Ork-Kriegers.« Der Hobbit, S. 289). Bilbos mutigster Moment kommt jedoch bei den Friedensverhandlungen: Am Ende des Romans riskiert Bilbo seinen Anteil des Schatzes für eine Vereinbarung zwischen den Zwergen, die den Drachen aufgespürt haben, und den Menschen, deren Stadt der Drache zerstört hat. Dieser Augenblick, in dem Bilbos geistige Größe anhand seiner Zurückweisung von Macht und Reichtum angedeutet wird, nimmt bereits den Handlungsverlauf des Herrn der Ringe vorweg.

Als Tolkien Der Hobbit an den Verlag Allen and Unwin schickte, gab man das Buch Unwins Sohn Rayner zu lesen, der damals zehn Jahre alt war. Rayners Urteil fiel überwältigend positiv aus, und das Buch wurde veröffentlicht. Es war sofort ein Erfolg und wurde immer wieder nachgedruckt (von einer kleinen Zeitspanne während des Zweiten Weltkrieges abgesehen, als Papierknappheit die Druckmöglichkeiten einschränkte). Von Tolkiens Kollegen an der anglistischen Fakultät in Oxford wurde es beinahe vollständig ignoriert – teilweise zu seiner Erleichterung –, doch es gewann den Preis des New York Herald Tribune für das beste Kinderbuch des Jahres. Allen and Unwin wollten unbedingt so etwas wie einen Folgeband für das Buch, waren aber wenig glücklich mit Tolkiens Vorschlag, Das Silmarillion zu veröffentlichen, Tolkiens Mythologie- und Legenden-Sammlung. Sie wollten etwas, in dem Hobbits eine Rolle spielten. Sehr bald kam Tolkien der Gedanke, dass der Ring, den Bilbo sich angeeignet hatte, in seinem neuen Buch eine Schlüsselrolle spielen sollte, aber es dauerte lange, bis feststand, wie genau er ihn einsetzen würde. Die Arbeit an The Fellowship of the Ring, dem ersten Band des Nachfolgers von The Hobbit, dauerte zwölf Jahre. Letztendlich erschienen Die Gefährten und Die zwei Türme beide im Jahr 1954, und der abschließende Band Die Rückkehr des Königs 1955. Es gibt unterschiedliche Ausgaben, aber das gesamte Buch hat etwa 1000 Seiten.

Die gegenwärtige Beliebtheit von Der Herr der Ringe wurde durch die dem Fantasy-Genre eigene Tendenz angekurbelt, sich am eigenen Material zu bedienen, durch »Mentorentum« (Leser, die das Buch ihren Kindern oder den Kindern anderer Leute gaben), durch das lange Erinnerungsvermögen der Fangemeinde und natürlich durch den Einfluss von Peter Jacksons drei spektakulären Filmen. Als das Buch erschien, stand es jedoch erst einmal für sich selbst. Für Leser, die von William Morris, George MacDonald und (wie wir gleich sehen werden) C. S. Lewis »präpariert« worden waren, wirkte Der Herr der Ringe wie die Vervollkommnung eines ganz speziellen Typus innerhalb der Fantasy. Der kulturelle Hintergrund des Buchs ist vielfältig: Tolkien hat es als katholisches Epos beschrieben, aber es bezieht auch vieles aus nordischen und altenglischen Überlieferungen und weist strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Ring-Zyklus von Wagner auf. Allein schon die Beschaffenheit der Welt war ein Novum: Man ahnt eine Vorgeschichte, es gibt eine Karte (was bei allen nachfolgenden Fantasy-Werken, die eine Queste enthalten, Schule machte), elbische Gedichte kommen vor. Auch der Plot ist ein unglaublich dichtes Gewebe: Als sich die Wege der ursprünglichen Gefährten am Ende des ersten Bandes trennen (Die Gefährten), folgt man in den darauffolgenden Bänden zwei (und später drei) verschiedenen Figurengruppen, von denen jede einem klar gezeichneten Pfad folgt. Das führt zu einer Welt, in der keiner der Protagonisten wirklich weiß, wie es um die Queste als Ganzes steht, was die mimetische Anmutung des Abenteuers verstärkt. Allein der Leser hat den vollen Überblick darüber, wie ein Strang von Abenteuern den anderen beeinflusst; die Protagonisten können nur hoffen und sich den Kopf zerbrechen.

Zudem baute Tolkien sein Thema »kleiner Mann unter großen Männern« weiter aus, einerseits durch die Konstruktion von Frodo als tragischem Helden, der die augenfälligere Fantasy-Gestalt des Aragorn (ein klassischer »verschollener Prinz« der Fantasy- und der ruritanischen Tradition) beiseitedrängt, und indem er Sam Gamdschie als aufstrebenden Freisassen entwickelt. Neben diesen Figuren gibt es weitere, Merry und Pippin, die eine neue, jüngere und leidenschaftlichere Generation repräsentieren und die sich von den ausgelassenen Jungspunden (mit anderen Worten: nervtötenden Jugendlichen) der Generation des Ersten Weltkrieges zu den jungen Offizieren des Zweiten Weltkriegs wandeln. Es gibt, wie oft festgehalten wird, nur wenige Frauen, aber mit der einen wirklich interessanten Frauenfigur, Éowyn, drückte Tolkien die Bitterkeit und Trauer der Frauen aus, die während des Krieges in Großbritannien zurückblieben und, ohne Anerkennung zu erhalten, in den beiden Weltkriegen dienten.

Auch wenn Tolkien es vehement leugnete, ging die Beliebtheit der Bücher teilweise fast sicher auf die Annahme vieler zeitgenössischer Leser zurück, Der Herr der Ringe sei eine Allegorie auf den Zweiten Weltkrieg. Eine oberflächliche Lektüre des Werkes zeigt einen Roman, im dem klar zwischen Gut und Böse unterschieden wird. Das Vorhandensein von Sklavenrassen und industrieller Tyrannei trägt wenig dazu bei, diesen Eindruck zu zerstreuen. Die Wirklichkeit ist jedoch vielschichtiger: Die Bücher handeln von Macht und ihren Verlockungen (ebenfalls ein sehr katholisches Thema). Als Bilbos Ring sich als der »Große Ring der Macht« erweist, beginnt ein Abenteuer, in dem es nicht um das Erringen eines mächtigen Artefakts geht, sondern vielmehr um dessen Vernichtung und Zurückweisung. Jede Figur im Buch wird auf die Probe gestellt, und kaum einer bleibt unbescholten; sogar Frodo ist nicht immun. Selbst dort, wo eine Figur (wie etwa Frodo oder Sam) den Verlockungen des Ringes erfolgreich widersteht, nimmt sie durch den Widerstand Schaden. Darüber hinaus besudeln andere Figuren, die dem Ring fernbleiben, ihre Seelen, um die Queste voranzutreiben: Es ist erschütternd zu lesen, dass Gandalf, der mächtige und moralisch integre Zauberer, den kleinen Gollum mit Folter bedroht hat, um an die von ihm benötigten Informationen zu kommen.

Die wichtigsten Neuerungen Tolkiens waren struktureller Natur. Zunächst einmal neigten frühere Fantasy-Questen zu einem episodischen Aufbau, und wenn es doch ein übergeordnetes Ziel gab, war es selten von großer Bedeutung. Tolkien verband die Abenteuer-Fantasy mit dem Epos: Auf einmal hatte die Reise, zu der die Teilnehmenden aufbrachen, Folgen, die die Welt erschütterten. Wir interessieren uns nicht nur dafür, wir müssen uns mehr oder weniger dafür interessieren. Zweitens griff Tolkien das Element der Weggefährten aus den traditionellen Volkssagen auf (in denen ein armer Bauer Gefährten mit besonderen Kräften um sich schart, die alles für ihn tun: siehe Der Zauberer von Oz) und hauchte ihm neues Leben ein, indem er es mit etwas verknüpfte, das Joseph Campbell 1949 als archetypische Heldenreise eingeführt hatte. Anschließend verkomplizierte er es wie bereits erwähnt durch das Vorhandensein mehrerer Helden, von denen jeder (Aragorn, Frodo, Sam, Faramir, Merry, Pippin und Éowyn) dem von Campbell genau skizzierten Weg folgt. Drittens folgt der Aufbau von Der Herr der Ringe klar erkennbar einer musikalischen Struktur. Diana Wynne Jones war der Auffassung, dass

 

der Herr der Ringe wie eine Symphonie in Sätzen organisiert ist, aber mit folgendem Unterschied: Jeder Satz weist eine Erweiterung oder Coda auf, die zum einen Teil ein Rückblick auf den eben beendeten Satz und zum anderen ein Ausblick auf den bevorstehenden ist. [1]

 

Jones verzeichnet eine weitere Neuerung: den schnellen Wechsel zwischen der volkstümlichen und der heroischen Stimme, vom Häuslichen zum Epischen, und sie führt an, man könne sie als musikalische Themen begreifen, von denen jeweils eines die Hauptstimme oder die »Melodie« der Erzählung ist. Als vierten, und für dieses Buch letzten Hinweis: Tolkien nutzte die moralischen Landschaften der Gothic-Fantasy und gab ihnen in seiner Welt ein ganz eigenes Gepräge: Die Verbindung zwischen eindringlicher Landschaftsbeschreibung und ethischem Format sowie moralischer Führung sollte später von Nachahmern bis zum Überdruss strapaziert werden, aber im Herrn der Ringe waren die Eindringlichkeit des Stils, der starke Fokus auf Einzelheiten und besonders die Rolle von Aragorn als König, der seinem Land mit Leib und Seele verbunden ist, von ungeheurer Kraft; möglicherweise strahlte dies für das düstere Nachkriegs-Großbritannien eine ähnliche Verheißung aus wie die Krönung einer neuen Königin im Jahr 1953, die allenthalben als neues Elisabethanisches Zeitalter ausgerufen wurde. Aragorns Spiegelbild ist Sauron, dessen Mordor den landschaftlichen Niedergang – vor allem durch die Industrie – versinnbildlicht. Eben deswegen ist das vorletzte Kapitel, »Die Befreiung des Auenlandes«, für das Buch so bedeutsam (auch wenn Peter Jackson offenbar anderer Meinung war). »Die Befreiung des Auenlandes« schafft dreierlei: Es lenkt das Augenmerk darauf, dass man den Verheerungen des Krieges und der moralischen Verantwortung nicht entgehen kann, es thematisiert die Bitterkeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg, aber vor allem zeigt es, was Tolkien als ideale moralische Landschaft empfand. Die zurückkehrenden Hobbits zerstören als Allererstes die neue Industrie und Versuchen, die ländliche Schönheit – und das moralische Wesen – des Auenlandes wiederherzustellen.

Die ersten Reaktionen auf den Herrn der Ringe fielen bei den britischen Fantasy-Lesern wohlwollend aus. C .S. Lewis äußerte sich voller Begeisterung in der Times und auch im Times Literary Supplement; Naomi Mitchison erklärte die Trilogie zur Super-Science-Fiction: »Es ist schon merkwürdig, man nimmt es genauso ernst wie Malory.« Nicht alle waren dieser Meinung. Der New York Times gefiel die Pedanterie des Buchs nicht; The New Republic hielt es für flach. Einige von Tolkiens Freunden, wie etwa Hugo Dyson, mochten einfach keine High Fantasy. Das Buch war jedoch rasch vergriffen und musste bereits sechs Wochen nach der ersten Veröffentlichung nachgedruckt werden. Ein Faktor war hier schlicht die Generationszugehörigkeit: Ein 1934 geborener Leser war im Jahr 1954 dreißig und konnte sich ohne Probleme die lang ersehnte Fortsetzung des heiß geliebten Buches kaufen. Aber zehn Jahre lang war Der Herr der Ringe nur in Form von drei ziemlich teuren gebundenen Bänden zu haben, und ein Renner wurde das Buch erst mit den US-amerikanischen Taschenbuch-Ausgaben von 1965. Bei Ace Books, dessen Herausgeber Donald A. Wollheim befand, das Buch unterliege nicht dem amerikanischen Urheberrecht, erschien eine nicht autorisierte und – daraufhin – auch eine autorisierte Ausgabe. Die nicht autorisierte Ausgabe verkaufte sich innerhalb weniger Monate etwa 100.000 mal, aber die Verkaufszahlen der autorisierten Ausgabe überschritten rasch die Millionengrenze. In den 1960ern überarbeitete Tolkien den Text noch einmal und brachte ihn als »Zweite Fassung« heraus. Die Verkaufszahlen blieben durchweg hoch, wobei die Rekorde durch Peter Jacksons Filme zustandekamen sowie durch die Tatsache, dass das Buch am Ende des 20. Jahrhunderts auf dem ersten Platz beinahe jeder »Lieblingsbuch«- und »Besten«-Liste auftauchte.

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Vier Jahre vor der Publikation von Die Gefährten veröffentlichte C. S. Lewis Der König von Narnia, den ersten Band einer Serie von sieben Büchern über die Welt Narnia, die sich als Lewis' bleibendes Vermächtnis für die Fantasyliteratur erwiesen hat. Anderen Kreisen blieb Lewis hauptsächlich als einer der produktivsten und inspirierendsten Verfechter des Christentums im Gedächtnis. Lewis selbst verstand seine Bekehrung zum Christentum (nach seinen eigenen Worten) im September 1931 als Wendepunkt seines Lebens. Sie war das Ergebnis einer nächtlichen Unterhaltung zwischen ihm und seinen beiden Freunden Hugo Dyson und J. R. R. Tolkien. In jener Nacht überzeugte Tolkien Lewis davon, dass die heidnischen Mythen, die er so reizvoll fand, von Gott inspirierte Vorläufer des Christentums waren. Folglich konnte Lewis konvertieren, ohne die Freude und Inspiration aufzugeben zu müssen, die er in der heidnischen Mythologie fand. Sehr viel später sollte er in Griechenland zu Apollo um Gesundheit für seine sterbende Frau beten, da Apollo seiner Aufassung nach eine Manifestation des christlichen Gottes war. Dieses Verständnis hatte bereits die Art und Weise geformt, in der er sich in seinen Geschichten für das Christentum einsetzte.

Unter Lewis' Beiträgen zur Phantastik finden sich Romane wie Die große Scheidung oder Zwischen Himmel und Hölle (1947), der im Himmel spielt. Am meisten blieb er Fantasy-Lesern und -Autoren jedoch durch drei große Werke im Gedächtnis. Das erste ist das wunderbare (und bereits erwähnte) Dienstanweisung für einen Unterteufel (1942), das einen boshaften Humor in die Phantastik einbrachte. Thackeray war zwar witzig gewesen, attackierte aber abgelegenere Ziele. Lewis nahm den Faden dort auf, wo Johnathan Swift ihn mit Gullivers Reisen hatte fallen lassen, und packte den Leser mittels der Fantasy an seinem moralischen Hinterteil. In seinen Briefen an seinen Neffen nimmt der Teufel Screwtape zeitgenössische Vorstellungen von mutigem und moralischem Verhalten auseinander und zeigt so, wie oft sich hinter Draufgängertum und öffentlicher Maskerade geheime Sünden verbergen. Das Buch endet jedoch damit, dass Screwtapes Neffe sein Opfer unglücklicherweise ermutigt, sich der Armee anzuschließen und sein Leben hinzugeben, nicht für sein Land, sondern für seine Freunde. Die Satire löst sich in einen sehr bewegenden Bericht über den Tod in den Schützengräben auf.

Lewis' »Weltraumtrilogie« nahm ihren Anfang, wie wir gesehen haben, in einer Übereinkunft mit Tolkien, dass sie sich beide an Science Fiction versuchen würden. Lewis, ein sehr viel fleißigerer Schriftsteller als Tolkien (inzwischen hatte er als Verfasser religiöser Aufsätze eine zweite Karriere angefangen), schrieb Jenseits des schweigenden Sterns 1938, Perelandra 1943 und Die böse Macht 1945. Jeder, der mit der Science Fiction der 1930er vertraut ist, wäre über Lewis' Geschichten erstaunt, wenn nicht gar überrascht: Obwohl es Hinweise darauf gibt, dass Lewis in Astronomie sehr belesen war (der Tod von Charn in The Magician's Nephew folgt den Theorien von Sir Arthur Eddington), berücksichtigt die Raumtrilogie keinerlei zeitgenössische Astronomie oder Physik. Lewis' Planeten haben individuelle Persönlichkeiten, und sein Weltall ist angefüllt mit einer endlosen Folge spiritueller Geschöpfe. Aber alles ergibt einen Sinn, wenn man sich klarmacht, dass die wissenschaftliche Welt, die Lewis in diesen Romanen nachbildet, der mittelalterlichen Epoche entstammt. Sein engster literarischer Vorläufer ist vermutlich David Lindsays Die Reise zum Arcturus, ein Buch, das Lewis sehr bewunderte. Der erste Band führt den Leser vom stillen Planeten (der Erde) zum Mars, der von verschiedenen außerirdischen Spezies bewohnt wird, darunter die Eldil, die den Engeln der christlichen Mythologie ähneln. Perelandra ist die Venus, und dort findet sich der Protagonist (Ransom) in einer Neuauflage von Eden wieder, inklusive eines satanischen Verführers. Das dritte Buch, das stark von Lewis' neuem Freund, dem christlichen Fantasy-Autor Charles Williams beeinflusst war, spielt ganz auf der Erde und stellt Ransom die bösen Wissenschaftler von N.I.C.E. (National Institute for Coordinated Experimentation) gegenüber, die er mit der Hilfe von Merlin und den Planetenwesen von Merkur, Mars, Venus, Jupiter und Saturn besiegt. Viele Tropen, die sich Lewis für diese Trilogie ausgedacht hat, tauchen in seiner Narnia-Serie wieder auf, aber hier führen sie zu einer ziemlich plumpen und für Nicht-Christen unangenehm feindseligen Erzählweise. Wenn sie in moderner Zeit überhaupt einen Nachfolger hat, dann sind es die Left Behind-Romane (1985 bis 2007) der christlichen Science-Fiction-Autoren Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins.

Heute erinnert man sich an Lewis hauptsächlich wegen der ungeheuer erfolgreichen Serie der sieben Narnia-Bücher, die zwischen 1950 und 1956 veröffentlicht wurden. Der König von Narnia muss bei der Frage nach dem beliebtesten christlichen Fantasy-Roman nur hinter John Bunyans Pilgerreise zurückstehen, und die Hollywood-Verfilmung im Jahr 2006 wird diesen Status vermutlich für etliche Jahre festschreiben, auch wenn das Buch allmählich ein wenig altmodisch anmutet. Die sieben Bücher unterscheiden sich in chronologischer Reihenfolge und Erscheinungsdatum. Chronologisch beginnen sie mit der Schöpfung von Narnia in Das Wunder von Narnia (1955) und enden mit seiner Zerstörung in Der letzte Kampf (1956); als Erstes wurde jedoch Der König von Narnia veröffentlicht.

Ein junger Leser hat C. S. Lewis einmal gefragt, worum es in den Narnia- Büchern eigentlich gehe, und er antwortete, sie handelten alle von Christus. Der Löwe, Aslan, der als Christusfigur fungiert, ist die einzige Figur, die in allen sieben Büchern auftritt, doch die drei oben genannten Bücher sind am eindeutigsten Nacherzählungen des Lebens Jesu. Das Wunder von Narnia erzählt von der Schöpfung Narnias durch Aslan; in Der König von Narnia wird er zum Märtyrer, um einen Verräter zu erlösen, und anschließend wiedererweckt, während wir in Der letzte Kampf das Ende von Narnia erleben, das letzte Gericht und eine eigenartig platonische Vorstellung vom Himmel.

Das alles mag ausgesprochen langweilig klingen, aber die Bücher sind alles andere als das. In Das Wunder von Narnia erkunden Diggory und Polly das Innere eines alten Hauses und werden von einem Magier durch eine List dazu verleitet, Zauberringe auszuprobieren, durch die sie zunächst in einen Wald zwischen den Welten versetzt werden (wahrscheinlich eine Anspielung auf William Morris) und dann auf die alte, sterbende Welt von Charn, aus der sie unabsichtlich die Zauberin Jadis befreien. Lewis bestätigte, dass er die Szene, in der Jadis in einer Straße von London Chaos anrichtet, dem Werk von E. Nesbit entnommen hatte; ihre profane Wildheit steht in einem gelungenen Kontrast zu der deutlich lyrischeren Sprache, mit der Aslan später die Welt ins Sein singt. Lewis ist einer der wenigen Fantasy-Autoren, die erfolgreich den Augenblick der phantastischen Schöpfung heraufbeschwören, und die Szenen in Narnia, in denen sich Tiere an die Oberfläche der Welt schieben, sind eine wahre Freude. Als von Diggory eine Entscheidung gefordert wird, die keinem Elfjährigen abverlangt werden sollte – Gott zu ehren oder seine Mutter zu retten –, behandelt Lewis (der im etwa gleichen Alter seine Mutter verlor) dieses schmerzliche Element der christlichen Demut mit Wärme und Zartheit.

Der König von Narnia ist das bekannteste der Bücher. Als die vier Pevensie-Kinder in ein altes Haus auf dem Land geschickt werden, um dem Krieg zu entkommen, findet eines von ihnen einen magischen Wandschrank, der in eine andere Welt führt. Lucy, die jüngste, betritt eine winterliche Welt, und ein Faun, dem sie dort begegnet, nimmt sie mit nach Hause, um mit ihr Tee zu trinken. Als sie wieder zurückkehrt, ist keinerlei Zeit vergangen, und keiner der anderen glaubt ihr. Ein paar Tage später findet auch Edmund, der jüngere der beiden Jungen, seinen Weg durch den Schrank und begegnet der weißen Hexe, die für den hundert Jahre währenden Winter verantwortlich ist, der Narnia heimsucht (später erhält diese Hexe den Namen Jadis, aber hier wird sie als Tochter von Lilith eingeführt). Als schließlich alle vier Kinder nach Narnia kommen, stellen sie fest, dass die Hexe Tumnus den Faun mitgenommen hat; sie werden als »Söhne des Adam und Töchter der Eva« begrüßt, und man deutet ihre Anwesenheit als Hinweis darauf, dass Aslan wiederkehren wird. Als ihre neuen Freunde, die sprechenden Biber, sie auf eine Reise nach Cair Paravel mitnehmen, damit sie dort gekrönt werden, beginnt es zu tauen. Aber Edmund hat sie verraten. An dieser Stelle des Buches kommt es zu einigen unerwartet häuslichen Augenblicken: Sie helfen Herrn Biber beim Angeln, essen im Haus unter dem Damm Forelle, sehen Frau Biber an der Nähmaschine und treffen auf ihrer Reise den Weihnachtsmann. Während das Buch ansonsten als High Fantasy verfasst ist, scheinen diese Szenen auf Der Wind in den Weiden zurückzugehen und wirken unpassend. Aber Szenen wie diese, die sich in späteren Büchern wiederholen, führen auch zu Zäsuren in einem Text, der andernfalls unerträglich moralistisch werden könnte. In der zweiten Hälfte von Der König von Narnia gibt Aslan sein Leben hin, um das von Edmund zu retten, und wird auf einem steinernen Tisch geopfert. Zu einem der bewegendsten Augenblicke kommt es kurz vor der Dämmerung, als Lucy und Susan versuchen, ihm die Fesseln zu lösen, und Mäuse hinzukommen und anfangen, das Seil durchzunagen. Im Gegensatz zu den gemütlichen häuslichen Szenen ist es hier dunkel, feucht und klamm, und die Angst und das Elend der beiden Kinder sind deutlich spürbar. Als der Steintisch zerspringt und Aslan ins Leben zurückkehrt, ist das ein wahrhaft ekstatischer Augenblick. Wegen dieser Szene erinnern sich zahllose Erwachsene noch an den Schock angesichts der Erkenntnis, dass sie eine Allegorie auf das Christentum lasen. Wenn wir jedoch das Christentum für den Moment beiseitelassen, besteht die größte Bedeutung des Buches darin, ein Muster für zukünftige Portal-Fantasy abzugeben, in der einzig die Reisenden von der Erde die Fähigkeit haben, ein anderes Land aus der Misere zu erretten. Auf die Kritiken daran werden wir gleich noch zu sprechen kommen.

Der letzte Kampf ist das dritte der eindeutig christlichen Bücher. Es berichtet von der Endzeit Narnias und davon, wie die Spreu vom Weizen getrennt wird und die Gläubigen gerettet werden. Zwei Kinder aus den vorausgegangenen Abenteuern (Eustachius und Jill) kehren nach Narnia zurück, um dem Hilferuf von König Tirian zu folgen; in Narnia sind die Kalormen eingefallen, angestachelt von einem doppelzüngigen Affen, der einen Esel in ein Löwenfell steckt und diesen Esel (einen heiligen Narren) als Aslan ausgibt. Tirian stellt eine Widerstandsbewegung auf die Beine, unterliegt jedoch der überlegenen Technologie der Kalormen, und gegen Ende des Romans finden sich Tirian, Eustachius, Jill und andere in einem Stall wieder, der ein Portal zum Himmel zu sein scheint, in dem sich Aslan manifestiert. An dieser Stelle wird das Buch äußerst umstritten. Nach dem Ende der Welt werden bestimmte Wesen aufgrund ihrer Reaktion auf das Antlitz Aslans verstoßen, und es stellt sich heraus, dass einer Figur, die dem Leser ans Herz gewachsen ist, das Paradies verwehrt wird. Diese Stelle ist zu wichtig, als dass man ihr in dieser Zusammenfassung gerecht werden könnte, und wir werden auf sie zurückkommen.

Von den verbleibenden Büchern der Serie ist, in der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung, Prinz Kaspian von Narnia (1951), in dem sich die vier Pevensies in einem Narnia mehrere hundert Jahre nach ihrem ersten Besuch wiederfinden, im Hinblick auf das Christentum ziemlich verwirrend, denn als Aslan zurückkehrt, gibt es im Land Narnia eine Schwemme von griechischen Göttern. Die Reise auf der Morgenröte (1952), in dem nur Edmund, Lucy und ihr unausstehlicher Cousin Eustachius durch ein Gemälde nach Narnia gelangen, ist möglicherweise der Odyssee oder den Gralsgeschichten nachempfunden. Es ist episodisch, und jede Begegnung mit Magie oder magischen Wesen enthält eine moralische Lektion (wie etwa, als Eustachius' Arroganz dazu führt, dass er sich in einen Drachen verwandelt, und seine Reue durch eine traumatische Begegnung mit Aslan belohnt wird). In Der silberne Sessel (1953) kehrt Eustachius mit einer Schulfreundin, Jill, nach Narnia zurück, nachdem die beiden vor den Schrecken progressiver Erziehungsmethoden geflohen sind. Hier werden sie ausgesandt, um König Kaspians verlorenen Sohn zu finden, und es folgt eine Reise durch Narnia in Begleitung einer der besten Fantasy-Figuren aus Lewis' Feder, Trauerpfützler, dem depressiven Moorwackler, der sie ins Land der Riesen und schließlich unter die Erde führt. Dort finden sie Prinz Rilian, festgehalten durch den Zauber einer gestaltwandelnden Hexe, einst eine Schlange, die seine Mutter tötete. Dieses Buch ist im Grunde eine Lektion über das Lernen und die Notwendigkeit, sich an den Katechismus zu halten. Zu den meisten Abenteuern kommt es, wenn Eustachius und Jill die Warnungen missachten, die Aslan Jill am Beginn der Reise mitgegeben hat. Das Buch enthält einige wirklich unvergessliche Szenen: die Küche der Riesen, die Schrift im Schnee, die unterirdische Höhle mit dem silbernen Sessel, der Zauber, den die Hexe wirkt, und nicht zuletzt das Land, das sich unter den unterirdischen Höhlen befindet und das sich nach dem Tod der Hexe öffnet, sodass ihre Sklaven in ihre Lande aus geschmolzenen Rubinen zurückkehren können. In der Mitte der Serie siedelte Lewis Der Ritt nach Narnia (1954) an, jenes Buch, dem man am ehesten Rassismus vorwerfen kann. Es ist die Geschichte von Shasta, »einem hellhäutigen Jungen aus dem Norden«, der vor seinem kalormenischen Ziehvater (einem Fischer) und vor dem kalormenischen Herrn flieht, an den er verkauft werden soll, und zwar auf dem Pferd jenes Herrn. Das Pferd erweist sich als sprechendes Pferd aus Narnia, das als Fohlen gestohlen und zum Kriegspferd in den Armeen der Kalormen ausgebildet wurde. Wie schon der Titel des Buches nahelegt, ist es Bree, der Shasta stiehlt, und nicht umgekehrt. Die Welt von Kalormen mutet sehr orientalisch an und wird als reich, grausam und selbstsüchtig dargestellt. Nachdem Aravis, eine entlaufene kalormenische Braut und außerdem das Pferd Hwin zu Bree und Shasta stoßen, dreht sich ein Großteil der Unterhaltungen um die Unterschiede zwischen Aslans Narnia und Tashs Kalormen. Es gibt zwei offen religiöse Momente, und zwar einmal, als Shasta auf dem Friedhof vor der Stadt Tashban Gesellschaft von einer Katze bekommt, und dann, als Aslan die Kinder und Pferde jagt, in beiden Fällen, um ihre Geschwindigkeit zu erhöhen (zu diesem Zeitpunkt überbringen sie die Warnung, dass Narnia ein Angriff bevorsteht), als auch, um Aravis eine Lektion zu erteilen. Aravis trägt zehn Klauenwunden davon, eine für jeden Hieb, den ihre Dienerin aushalten musste, als Aravis weglief.

Bei diesen Büchern sind wir sehr ins Detail gegangen, denn während es beim Herrn der Ringe die Details sind, über die die Fans sich streiten, sind es bei den Narnia-Büchern Intention und Bedeutung, die die Leidenschaft der Fans und Kritiker entfachen (von denen viele Fantasy-Autoren sind).

Der erste Zankapfel war von Anfang an der nicht konsistente Aufbau der Welt, der in den Augen mancher Leser einen Rückschritt bedeutete. Als man Tolkien fragte, was er von Der König von Narnia hielt, sagte er, es sei »so schlecht, wie es nur sein könnte«. Er führte dies nicht weiter aus, aber es ist ziemlich eindeutig, dass er das Gewirr der mythologischen Anspielungen in Narnia meinte. »Narnia« selbst bezieht sich abwechselnd auf den ganzen Planeten und auf das Land der sprechenden Tiere. Das historische Narnia ist eine Stadt in der Toskana, wozu auch der Faun passt, und doch gibt es in dieser Welt einen Weihnachtsmann, während die Christusfigur Aslan heißt (das türkische Wort für Löwe). In späteren Büchern, besonders in Prinz Kaspian, stören griechische Mythen die pseudo-christliche Welt. Michael Ward hat kürzlich eine umfassende Erklärung für die Narnia-Bücher formuliert: In Lewis' Raumtrilogie hatte sich sein Interesse an den unterschiedlichen Charakteristika der Planeten nach dem Weltbild des Mittelalters gezeigt, und nach Wards Ansicht entsprechen die sieben Bücher der Narnia-Serie den sieben Himmelskörpern der mittelalterlichen Weltsicht. Der König von Narnia ist voller Metaphern, die sich dem Jupiter zuordnen lassen, und auch voller jovialer Züge, wie etwa die unpassende Ankunft des Weihnachtsmanns im roten Kostüm, und Peter, der stets bei Jupiter schwört. Jedes der folgenden Bücher in der Reihe hat deutliche Bezüge zu einem bestimmten Himmelskörper. So lässt sich Der silberne Sessel dem Mond zuordnen, während Die Reise auf der Morgenröte auf die Sonne verweist. Auch wenn das auf den ersten Blick absurd scheinen mag, ist es eine Theorie, über die es sich nachzudenken lohnt. Ward weist darauf hin, dass Lewis für seine Geheimniskrämerei und die Freude daran bekannt war, versteckte Bedeutungen in seinem Werk unterzubringen.

Wie bereits erwähnt, ist die Erkenntnis, dass es sich bei der heißgeliebten Fantasy-Geschichte um einen Text mit christlicher Botschaft handelt, für so manchen kindlichen Leser mit nicht-christlichem Hintergrund ein ziemlicher Schock. Lewis versuchte allerdings nicht zwingend, Nicht-Christen zu bekehren. Eher sollte man diese Bücher als Streitschrift für die Vielgestaltigkeit eines gleichermaßen ekstatischen wie großzügigen Christentums lesen. Zwar gibt es in Das Wunder von Narnia eine Doktrin der Erwählten (nicht allen Tieren wird die Gnade der Sprache gewährt), doch in seinem Umgang mit Menschen macht Aslan deutlich, dass er mit jedem spricht, der ihm zuhört. In Der König von Narnia wird der Judas-Figur (Edmund) sowohl Vergebung als auch die Gelegenheit zur Wiedergutmachung zuteil. Entscheidend ist, wie stets betont wird, Aslan anzuhören. All jene, die ihn nicht hören können, sind verdammt, wie etwa die Schulkinder in Prinz Kaspian von Narnia, die in Ferkel verwandelt werden (wenngleich ihre Lehrerin befreit wird). Ein Fazit gibt es in Der letzte Kampf, wo die Einteilung in jene, die Aslan hören und anerkennen, und in jene, die ihn leugnen, immer wieder wiederholt wird. Ein paar Zwerge, die so zynisch geworden sind, dass sie das Wunder der Welt im Stall nicht erkennen und darauf beharren, weiter in der Dunkelheit zu sitzen, werden beinahe alle, als Narnia zugrunde geht, in die Ödnis verdammt. Doch einem jungen Kalormen, der sein ganzes Leben lang sein Bestes getan hat, wird eröffnet, dass er statt zu Tash, dem teuflischen Gott der Kalormen, in Wahrheit zu Aslan gebetet hat. Hier finden wir eine Mischung aus religiösem Absolutismus und einer Art Ökumene. Deshalb ist es entscheidend zu verstehen, welches Publikum Lewis vor Augen hatte. Er schrieb für Menschen, die bereits akzeptierten, dass der Weg zu Gott jedem offen steht – ein theologischer Standard der anglikanischen Kirche –, jedoch in einem Großbritannien, wo man etliche Konfessionen, wie etwa den Katholizismus, nach wie vor mit großem Misstrauen betrachtete und in dem viele Menschen der Meinung waren, dass die meisten Asiaten andere und falsche Götter anbeteten. Für einen Leser aus einer calvinistisch-christlichen Familie war Aslans Beharren darauf, dass es auf das Wesen des Glaubens und nicht auf den Namen des Gottes ankomme, eine Offenbarung.

Auch wenn Lewis vielleicht für die Ökumene focht (wie auch in seinem Bestseller Christentum schlechthin), scheint er jedoch den Ungläubigen gegenüber mit der Zeit härter geworden zu sein. Edmund und Eustachius bekommen zwar beide eine zweite Chance, aber die Ungläubigen am Ende von Der letzte Kampf sind offenbar für immer verdammt. Am meisten stießen die Leser sich am Schicksal von Susan, der einstigen Hochkönigin von Narnia. Als Tirian, Jill und Eustachius durch die Stalltür treten, kommen sie in eine wunderschöne Welt und werden von einer Schar von Königen und Königinnen begrüßt. Es handelt sich um die verwandelten (und erwachsenen) Kinder Diggory, Polly, Peter, Edmund und Lucy. Nach und nach wird klar, dass sie sich in einem narnianischen Himmel befinden. Sie und die Eltern der Pevensies sind alle bei einem Zugunglück ums Leben gekommen. Nur Susan ist zurückgeblieben. Susan hat die Existenz von Narnia bestritten und sich von den Vergnügungen der Welt verzaubern lassen, die kurz als »Jungen, Lippenstift und Nylonstrümpfe« umrissen werden.

Susans Schicksal ist zutiefst verstörend. Welcher Gott lässt eine junge Frau mutterseelenallein zurück und verwehrt ihr den Himmel? Verschiedene Kritiker haben sich auf unterschiedliche Art und Weise damit auseinandergesetzt. Die beiden bekanntesten literarischen Reaktionen stammen von Philip Pullman und Neil Gaiman. Pullman, der sich mit der zweiten Hälfte dieser Aussage beschäftigt, sieht den Grund für Susans Ausschluss aus dem Himmel in ihrem Erlangen sexueller Reife (keines der anderen gekrönten Häupter hatte geheiratet). Auf der Grundlage dieser Interpretation konstruierte Pullman das Glaubensgerüst dreier Bücher, die zusammen seine Serie His Dark Materials ergeben, um die Frage der jugendlichen Sexualität. Pullman ignoriert das Problem der Verweigerung von Narnia und damit von Aslan, wie auch die Tatsache, dass Susan immerhin noch am Leben ist und sich auf der Erde befindet: Es kann sich also noch etwas ändern. Außerdem unterschätzt er den erleichterten Seufzer, den wohl viele junge Leserinnen angesichts der Tatsache ausstießen, dass weibliche Attribute letztlich gar nicht so entscheidend waren. Gaiman dagegen beschäftigt sich weit mehr mit Susans Abfall vom Glauben und auch mit den Folgen des Zugunglücks. In Gaimans Geschichte »The Problem of Susan« interviewt eine junge Frau eine ältere Professorin, die, wie angedeutet wird, Susan nachempfunden ist. Mit siebzehn Jahren wurde ihr Leben durch ein Zugunglück auf den Kopf gestellt, bei dem ihre ganze Familie ausgelöscht wurde. Die Geschichte wechselt zwischen einem reinen Interview, bei dem wir erfahren, was sie sowohl emotional als auch finanziell durchgemacht hat, und einem Fiebertraum, in dem die Professorin Susan ist, dann aber wieder nicht, und in dem die Weiße Hexe und Aslan Sex haben. In erster Linie soll der Leser gezwungen werden, Lewis' beiläufige Grausamkeit infrage zu stellen.

Das führt uns zu der Frage, ob die Behandlung von Susan sexistisch ist. Wir möchten behaupten, dass es ein ganz bestimmtes Modell weiblichen Verhaltens ist, gegen das sich Lewis ausspricht. Alles in allem befürworten die Bücher in außerordentlichem Maße, dass auch Frauen Abenteuer erleben sollen. In Der König von Narnia wird zwar Susan als nicht bessonders mutig dargestellt, aber Lucy kämpft gegen die ihr auferlegten Beschränkungen. Aslans Bemerkung darüber, dass Frauen nicht in den Krieg gehören, ist ärgerlich, aber in Der letzte Kampf erleben wir Jill als Eustachius vollkommen ebenbürtig, und als Späherin ist sie ihm weit überlegen. In Das Wunder von Narnia erklärt Lewis dem Leser, Diggory und Polly hätten unterschiedliche Ängste und Stärken. Bei der einzigen Gelegenheit, bei der Polly von Diggory als Mädchen herabgesetzt wird, ist er ganz offensichtlich im Unrecht, wird vom Erzähler bloßgestellt und später von Aslan zu einer Entschuldigung gezwungen.

Ein letzter Kritikpunkt, der von den Fantasy-Autoren China Miéville und Rhiannon Lassiter aufgebracht wurde, ist die kolonialistische Färbung der Bücher. Wie bereits erwähnt, wird in jedem einzelnen Buch klar gesagt, dass Narnias Herrschaft nur dann rechtens ist, wenn Adams und Evas Kinder den Thron innehaben – und diese wurden nicht in Narnia geboren. Aufgrund der wohligen Machtfantasien der Leser wurde die Ungerechtigkeit dieser Vorstellung ausgeblendet, und erst in den 1980ern erscheint nach und nach Portal-Fantasy, die Lewis' Vorgaben nicht automatisch übernimmt. 


[1] Diana Wynne Jones, "The Shape of the Narrative in The Lord of the Rings", in: Robert Giddings (Hrsg.), J. R. R. Tolkien: This Far Land (o. A., 1990), S. 88.

Über die Serie "Eine kurze Geschichte der Fantasy"

Fantasy ist, obwohl Literaturkritiker wie Akademiker dies gerne ausblenden, das einfluss- und erfolgreichste Genre des 21. Jahrhunderts. Einige der frühsten Bücher unserer Kultur, darunter das Gilgamesch-Epos und die Odyssee, handeln von Ungeheuern, Wundern, phantastischen Reisen und Magie. Gegenwärtig reicht das Spektrum der Fantasy von weltweit rezipierten mehrbändigen Serien bis zu anspruchsvollsten Nischenpublikationen.

Die vorliegende Einführung stellt das Genre in den Zusammenhang der euröpäischen Literatur, erzählt seine Geschichte von den Anfängen bis zu den Highlights der modernen Fantasy im 21. Jahrhundert und widmet sich in ihren Hauptkapiteln der Zeit seit Tolkiens Herr der Ringe, vom Fantasy-Boom der 70er und 80er Jahre über den Erfolg der Harry Potter-Serie bis hin zu aktuellen Entwicklungen.


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Deutsch von Simone Heller

 

© 2012 by Libri Publishing

Erstveröffentlichung 2009 in der Middlesex University Press

Die erweiterte Ausgabe erschien 2012 bei Libri Publishing

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2017 by Golkonda Verlag GmbH

Mit freundlicher Genehmigung von AutorInnen und Verlag

 

Alle Rechte vorbehalten



Farah Mendlesohn
hat − unter anderem − mit Rhetorics of Fantasy eines der klügsten Bücher über ein Genre verfasst, das von Akademikern nur selten mit dem nötigen Ernst und den nötigen Kenntnissen behandelt wird. Zu ihrer Internetseite geht es hier.

 

Edward James ist − unter anderem − der Herausgeber des maßgeblichen Cambridge Companion to Fantasy Literature, eines Handbuchs, in dem sich Schriftsteller, Kritiker und Akademiker auf allerhöchstem Niveau mit den unterschiedlichsten Aspekten des Genres befassen. Im Internet ist er hier vertreten. 

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