Fantasyromane schreiben (Teil 10): Die fünf besten Tipps, um eine Schreibblockade zu überwinden

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Fantasyromane schreiben (Teil 10): Die fünf besten Tipps, um eine Schreibblockade zu überwinden


Jeder, der schreibt, kennt und fürchtet sie: die Schreibblockade. Doch die gute Nachricht ist: Man kann sie loswerden, umschiffen und vielleicht sogar dazu nutzen, um ein besseres Buch zu schreiben. Sylvia Englert erklärt euch, wie das geht.


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„Bei Hades, wieso läuft es nicht mehr?“ Diesen oder einen ähnlichen Ausruf hast du bestimmt auch schon mal von dir gegeben. Wenn es mal wieder soweit ist, kannst du natürlich froh und dankbar sein, wenn du mit dem Schreiben nicht deinen Lebensunterhalt verdienst und die akute Gefahr besteht, dass wegen deiner Schreibblockade demnächst deine Familie verhungert. Andererseits besteht die Gefahr, dass du das Projekt ganz liegen lässt, wenn diese starke Motivation fehlt und dir kein Lektor seinen heißen Atem in den Nacken bläst, weil der Abgabetermin näher rückt. Aber es liegenzulassen wäre sauschade, denn jedes Manuskript, das man abgeschlossen hat, macht einen stolz und stärkt das Selbstvertrauen. Schöne Projekte, die einem viel bedeuten, abzubrechen bringt schlechtes Karma.

Deshalb hier ein paar Tipps aus der Praxis! Zu Risiken und Nebenwirkungen liest du bitte die Fußnoten.

Tipp 1:

Zurück in die Planung

Bei meinem allerersten später veröffentlichten Fantasyroman Der Verrat der Feuer-Gilde musste ich über sämtliche Hürden springen, die das Autorendasein so zu bieten hat. Und eine der höchsten war meine eigene Orientierungslosigkeit. Klar, ich hatte ein bisschen was geplant, aber mehr so nebenbei, und der Plot mäanderte vor sich hin, weil ich mir nicht genau überlegt hatte, wie der Roman eigentlich ausgehen sollte. Das machte zwar irgendwie auch Spaß, entsprach aber einem Kapitän, der sein Schiff ziellos auf den Ozean hinaussteuert und sich darauf verlässt, dass er irgendwann auf eine Insel oder besser noch ein Kontinent trifft.

Manche Autoren schaffen es, nach dieser Methode etwas zu Stande zu bringen. Aber bei den meisten Leuten signalisiert das Autoren-Bauchgefühl früher oder später „Stopp!“ und das Hirn folgt brav dem Kommando. Schreibblockade! So war es auch bei mir. Den Durchbruch brachte dann, dass ich in eine Autorengruppe einstieg, dort mehrere Szenen vorlas und wichtige Tipps bekam, zum Beispiel den, dass meine Hauptfigur viel zu passiv war. Was leider stimmte. Ich warf die letzten vier Kapitel weg und ließ meine Figur aktiver agieren. Außerdem setzte ich mich noch mal richtig an die Handlungsplanung und tüftelte einen sinnvollen Schluss für den Roman aus.

Falls du deinen Roman noch nicht gründlich geplant hast, dann ist das vielleicht der Grund für deine Schreibblockade. Beschäftige dich noch mal ausführlich mit den Figuren und erstelle Charakterisierungen für sie, flicke die Löcher in der Handlung, überleg dir mögliche Wendungen des Plots, gestalte deine Welt aus.

Ebenso häufig ist es, dass du spürst, dass in deiner Geschichte irgendwas noch nicht funktioniert. Eine Szene ist langweilig und du hast eigentlich gar keine Lust, sie weiterzuschreiben. Zwischen den Figuren prickelt es nicht, und du drückst dich davor, dich weiter mit ihnen abzugeben. Dein Plot hat einen Durchhänger und du schmeißt frustriert das Manuskript in die Ecke. Auch hier ist das Motto: Zurück in die Planung und darüber nachdenken, was nicht funktioniert. Dann kannst du daran gehen, es zu richten. Rat von Testlesern und anderen Autoren ist in dieser Situation sehr wertvoll, hol ihn dir!

Tipp 2:

Knebele deinen inneren Kritiker (gelegentlich)

Ein Freund von mir liest wahnsinnig viel, fast ausschließlich Fantasy. Er hat ein hervorragendes Gespür dafür, was gute Plots sind und ist genervt von Klischees. Sein Sprachgefühl ist exzellent, und er ist sehr kritisch, was die Figuren angeht. Seit Jahren arbeitet er an einem Fantasyroman, den ich umwerfend finde. Aber es wird noch eine Weile dauern, bis er fertig ist, weil dieser Freund sehr mit seinen eigenen Ansprüchen zu kämpfen hat. Dadurch, dass er so viele hervorragende Romane liest, bekommt er ständig unter die Nase gerieben, wie gut sein Roman eigentlich sein muss, damit er ihn selbst akzeptieren kann. Zweifel, ob das überhaupt jemand lesen will, begleiten ihn wie ein Schwarm hungriger Raben. Ganz zu schweigen von den schwarzen Reitern, die ihm folgen und ständig zu wissen verlangen, was aus dieser Schreiberei werden soll, ob er es jemals schaffen wird, dieses Manuskript zu veröffentlichen oder ob die ganze Arbeit womöglich umsonst sein wird. Er kämpft oft mit Schreibblockaden, nicht selten dauern sie Monate.

Mein Tipp ist: Schreib auch einfach mal drauflos, aus purem Spaß und ohne inneren Kontrolleur (also erst später überarbeiten und nicht gleich zu Anfang an dir selbst herummeckern)! Es ist furchtbar schwer, seinen inneren Kritiker zu knebeln, aber versuch es wenigstens und hab Nachsicht mit dir, wenn etwas noch nicht so ganz klappt. Denk nicht an einen späteren Verlag oder das spätere Publikum, schreib erstmal nur für dich. Am wichtigsten ist, dass du dranbleibst, dich mit anderen Autoren über deine Texte austauschst und dich weiterentwickelst.

Versuche möglichst, dich nicht zu vergleichen. Erfolgreiche Autoren haben eine jahrelange Lehrzeit hinter sich und garantiert nicht auf Anhieb preiswürdige Prosa produziert. Klar ist es toll, was sie jetzt schreiben, aber lass dich davon nicht beeinflussen oder entmutigen. Ist aber nicht leicht. Ganz praktisch heißt das für mich: Während ich einen neuen Fantasyroman schreibe, verordne ich mir einen Fantasy-Lese-Stopp. Es gibt ja genug andere Lektüre.

Mein persönlicher Tipp – lies auch ab und zu mal ein richtig schlechtes Buch! Das Gefühl „Das kann ich aber besser“ ist Balsam für das strapazierte Selbstvertrauen eines angehenden Autors.

Tipp 3:

Schreib regelmäßiger

Bestimmt kennst du das Phänomen: Solange du intensiv an deinem Text weiterarbeitest, läuft es gut. Aber dann fordert dich der Hauptberuf wieder mehr, du kümmerst dich um deine Familie und hast furchtbar wenig Zeit. Zack! Schon ist der Faden gerissen, die innere Verbindung zu deiner Geschichte ist weg. Du musst dich mühsam wieder rein finden, und das dauert jedes Mal, sodass du während deiner Schreibstunden nicht gut weiterkommst. Du wendest dich deiner Geschichte immer seltener zu, und irgendwann ist die Leidenschaft weg.

Deswegen ist es wichtig, dass du regelmäßig schreibst, mindestens einen Abend pro Woche. Eine Kollegin von mir hat es ähnlich gehalten wie ich, als wir noch nebenberufliche Autorinnen waren, und ein Stündchen geschrieben, bevor sie zur Arbeit musste. Noch besser ist natürlich eine Seite pro Tag, egal wann und wie. Das ergibt nach einem Jahr dreihundertfünfundsechzig Seiten und damit mit etwas Glück einen fertigen Roman!

Da ich hauptberuflich Autorin bin, genieße ich inzwischen den Luxus, monatelang am Stück an meinem Roman zu arbeiten. Er begleitet mich tagsüber und oft genug nachts, wenn er mich vom Schlafen abhält oder zu einer scheußlichen Zeit aufweckt. Die Figuren, die Handlung, die Welt sind ständig in meinen Gedanken, manchmal bewusst, manchmal unter der Oberfläche. Dadurch habe ich in den letzten Jahren fast keine Schreibblockaden mehr gehabt. Aber auch ich habe natürlich andere Dinge zu tun, und der Faden wird von scharfen Dolchen angeritzt. Um wieder in Romanstimmung zu kommen, lese ich jeden Morgen die Textpassagen, die ich am Tag zuvor geschrieben habe, korrigiere sie und überarbeite sie. Dann bin ich wieder „drin“ und habe Lust weiterzuschreiben. Vielleicht auch eine Methode für dich, bei deinen Schreib-Sessions schnell wieder reinzukommen?

Tipp 4:

Liebe dein Projekt

Manchmal lässt mich eine Idee einfach nicht los, oder ich kann es kaum erwarten, über eine bestimmte Figur zu schreiben. So ging es mir bei meinem neuesten Fantasyroman Das dunkle Wort. Ich war so finster entschlossen, die Geschichte meiner Hauptfigur Terwyn zu schreiben, dass ich meinem Mann verkündete: „Das ist ein Buch, das ich notfalls auch ohne Vertrag schreiben würde!“ (Normalerweise lege ich erst los, wenn ich für das Projekt eine Verlagsheimat gefunden habe, schließlich lebe ich vom Schreiben und kann mir nicht leisten, sechs Monate lang ohne Honorar vor mich hin zu arbeiten). Mein Mann – kein Fantasy-Fan –schaute mich seltsam an, wahrscheinlich verkniff er es sich gerade noch, sich an die Stirn zu tippen und „Was hat er, was ich nicht habe?“ zu fragen. Zum Glück reagierten andere Leute anders, und ich hatte kurz darauf einen Vertrag, der Roman wird im Frühjahr 2018 bei Droemer Knaur erscheinen.

Wenn du wirklich für deine Geschichte brennst und deine Figuren so liebst, dass sie für dich wie gute Freunde sind, dann ist das ein gutes Zeichen. Bist du aber selbst nicht ganz überzeugt von der ganzen Sache oder sind deine Figuren dir nicht besonders wichtig, dann reicht die Leidenschaft vielleicht nicht, um daraus einen Roman zu machen, und du musst etwas umstricken, bis dir das Ganze wieder gefällt. Manchmal verliert sich die enge Beziehung zu einer Figur auch, weil sich nach und nach verändert und man ganz bewusst wieder entdecken muss, was einen ursprünglich an ihr fasziniert hat.

Wenn der Grund für deine Schreibblockade allerdings ist, dass dich dein Roman wirklich anödet oder dir deine Figuren grundsätzlich nicht mehr gefallen, dann brich besser ab und fang etwas anderes an.

Tipp 5:

Such dir Unterstützung

Als Autor oder Autorin muss man Tiefschläge verkraften, mit Ablehnung umgehen und eben mit den bösen Schreibblockaden klarkommen. Da ist jeder, der einen unterstützt und einem Mut macht, ein Geschenk! Bau dir ein Netzwerk von Freunden oder Kollegen auf, bei denen du weißt, dass sie mit deinem Projekt etwas anfangen können, dich motivieren und dir vielleicht sogar wertvolle Rückmeldung zu deinen Texten geben. Jemand kann ein super Freund sein, aber wenn ihn das mit deinem Schreiben nicht interessiert oder ihm dein Stil nicht gefällt, dann sprichst du am besten nicht mehr mit ihm über deine Geschichte. Bringt nichts und zieht dich nur runter!

 

Ich hoffe, diese fünf Tipps werden dir weiterhelfen. Ach ja, die Risiken und Nebenwirkungen. Die gute Nachricht ist, die Risiken sind relativ gering. Aber sie sind da: Es könnte zum Beispiel sein, dass du durch eine aufgelöste Schreibblockade ganz viele hervorragende Serienfolgen nicht schaust, dass du Freunde und Familie vernachlässigt und womöglich sogar weniger schläfst, weil du lieber an deinem Manuskript weiterarbeiten magst. Viel Spaß!



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Du möchtest einen Fantasyroman schreiben oder bist schon mitten dabei und hättest gerne ein wenig Unterstützung von einer erfahrenen Autorin? Kein Problem. In meinen Artikeln, die auf meinem „Handbuch für Fantasy-Autoren“ basieren, geht es um handwerkliche Techniken und Tricks, die ich selbst gerne gekannt hätte, als ich meinen ersten Fantasyroman schrieb.

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