Auf zu neuen Welten – Vom Ende des Kapitalismus in der Science Fiction

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ESSAY

Auf zu neuen Welten – Vom Ende des Kapitalismus in der Science Fiction


Der Literaturwissenschaftler Fredric Jameson hat einmal darauf hingewiesen, dass es leichter sei sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Die kapitalistische Zukunft sei nichts weiter als eine „monotone Wiederholung dessen, was schon lange hier sei” und es bedürfe – legt man seine Worte etwas freier aus – der Science Fiction als Genre, um eine Zukunft zu denken, die jenseits des „Moebiusstreifens des späten Kapitalismus“ liege, jenseits des sich selbst-erhaltenden Systems, das uns umgibt und gefangen hält.

Und tatsächlich ist es selbst für die „Superhelden der Demokratie“, wie meine Kollegin Lena Falkenhagen AutorInnen nennt, recht schwer, sich geistig aus den Klauen des kapitalistischen Systems zu befreien. Lena selbst fordert im Text entsprechend nicht etwa revolutionär ein völlig neues System, das Arbeit und dessen Wert für die Gesellschaft neu verhandelt, sondern schlicht einen staatlich zu leistenden Ausgleich für den kreativen Output von AutorInnen, der im Diskurs um demokratische Ideale als wertvoll anzusehen sei. Angesichts von Digitalisierung, Automatisierung und Globalisierung – und all der realen Bedrohung für unseren sozialen Status Quo – lohnt es sich aber eben doch, etwas tiefer in die Schatzkammer der SF zu schauen und nach dem Ende des Kapitalismus zu suchen. 

Es geht noch schlimmer

Ein erster kursorischer Blick auf die SF und deren Output lässt dabei nicht gerade Hoffnung aufkommen, zeichnen viele Romane, Serien und Filme doch ein eher düsteres Bild der Zukunft, in dem Kapitalismus nicht etwa abgeschafft wird, sondern sich noch in Intensität und Ruchlosigkeit ins Extrem steigern lässt. Die hyperkapitalistischen Visionen des Cyberpunk, von Gibsons Neuromancer über Sterlings Inseln im Netz bis hin zu Shirleys Eclipse-Trilogie verheißen eine Welt, in der Nationen sich geschlagen geben und Konglomerate die Macht übernommen haben – inklusive der Aufgaben von Polizei und Militär. Der Film RoboCop etwa projizierte schon 1987 kapitalistische Interessen auf dieses Gebiet und prophezeite mit Omni Consumer Products eine Mischung aus privatem Sicherheits- und Polizeidiensten wie Blackwater und profitorientierten Gefängnissen der American Correctional Association. Leben und Tod Einzelner oder eben auch ganzer Bevölkerungsgruppen werden somit zu Werten auf einem gnadenlosen Markt. Auf die Spitze getrieben wird diese „Nekropolitik“ (ein kluger Begriff von Achille Mbembe) des kapitalistischen Systems von James Corey in Leviathan erwacht (und der darauf basierenden SyFy-Serie The Expanse), in dem ein Konzern einen ganzen Planetoiden mit Millionen Menschen als Versuchsfeld für genetische Mutationen missbraucht. 

Manchmal aber ist es nicht nur die biologische Masse, die zählt, sondern ganz klassisch die Arbeitskraft. In Max Barrys Roman Logoland etwa ist selbst die Regierung privatisiert und die Menschen „gehören“ den Firmen, für die sie arbeiten – bis hin zur „Adoption“ der Mitarbeiter, so dass jeder den Firmennamen als Nachnamen führt (z.B. Tom Apple, Michael Nike, Sarah Pepsi). Ähnliche Identitätsbildung findet auch in Marge Piercys Roman Er, Sie und Es statt, in dem  Konglomerate ganze Städte und Regionen kontrollieren und das Leben zu 100% dem Konzern verschrieben ist – eine Kündigung kommt hier Hochverrat und lebenslangem Exil gleich. Die Firma wird zum Sinn und Identität stiftenden Element des Lebens. Als Mensch ist man nur durch seine Arbeitskraft bestimmt – wer diese kauft, kauft zugleich das Recht, über den Menschen frei zu verfügen.

Mit der Intensivierung des neoliberalen Grundgedankens einer individuellen Verantwortung für Erfolg und Leben wird diese Verschränkung von Arbeitskraft und Person noch weiter auf die Spitze getrieben. Wer hart arbeitet, der hat Erfolg und ist somit ein produktives und wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Wie brutal eine solche bis ins Extrem gedachte Individualisierung ist, zeigt etwa die Folge „Das Leben als Spiel“ der ersten Staffel der britischen TV-Serie Black Mirror, in der die Figuren jeden Tag für ihre Existenz arbeiten müssen. Jede Handlung kostet Geld und wird direkt vom Gesamtwert des Lebens abgezogen. Eine Weigerung sich am Konsum zu beteiligen und etwa die lautstarke und alles dominierende Werbung anzuschauen, kann wiederum nur durch Bezahlung einer Strafgebühr erreicht werden. Konsum ist allumfassend und der Wert des menschlichen Lebens lässt sich direkt an Zahlen festmachen. Ein ähnliches Konzept verfolgt auch der Film In Time, in dem die Arbeitskraft direkt in Lebenszeit umgesetzt wird und jeder Mensch mit einem stetig heruntertickenden Countdown seinen Tod vor Augen hat. Wer nicht arbeitet oder über seine Verhältnisse lebt, der kann sein Leben „verrinnen“ sehen.   

Was diesen Visionen gemein ist, ist die Erhaltung und extreme Steigerung von im System des Kapitalismus angelegten Strukturen – und dazu gehört eigentlich immer, dass es Menschen gibt, die von ihrem Besitz profitieren und sich auf Kosten anderer bereichern. Das System von Kapital, das die Produktionsmittel kontrolliert und die Arbeitskraft anderer ausnutzt, um sich selbst zu erhalten und Mehrwert zu generieren, ist immer gleich. Die dystopischen Visionen der SF machen deutlich, welch Potential für Ausbeutung im Kapitalismus inhärent ist. Doch was, so fragt man sich, bietet die SF als Alternative an? Welche Möglichkeiten gibt es, hier mit positivem Einfluss etwas zu bewegen?

Alte und neue Ideen für eine andere Welt

Ein offensichtlicher Weg ist der Sozialismus, wie er schon im 19. Jahrhundert von Autoren vor allem des Genres „Utopie“ aufgegriffen wurde und seinen berühmtesten Vertreter in Edward Bellamys Vision Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 findet. In dem Roman findet sich ein Zeitreisender in der sozialistisch-erleuchteten Zukunft wieder, in der die Nation zentralistisch alle private Produktion übernommen hat und die Menschen entsprechend ihrer Fähigkeiten für das Gemeinwohl aller arbeiten – niemand muss Hunger leiden, es fehlt nicht an Obdach oder anderen grundlegenden Bedürfnissen. Allerdings lässt Bellamy in seiner Vision vieles offen und begründet den Sozialismus als Ideal, das die Menschen aufgrund einer erleuchteten Evolution erreicht haben, und das sich vom später real existierenden Sozialismus dann doch maßgeblich unterscheidet. Die Menschen sind eben leider nicht so erleuchtet, dass alle gleichsam das Wohl aller im Auge haben.

Und so wundert es nicht, dass AutorInnen Visionen eines ökologisch bewussten und auf Gleichberechtigung basierenden alternativen Sozialsystems oftmals in andere Kulturen auf fremden Planeten transportieren, wie etwa Ursula LeGuin in Freie Geister, in dem sie eine anarchistische Kultur beschreibt, in der das Gemeinwohl über dem Einzelwohl steht und jedes Individuum nur durch Kooperation auf dem rauen Planeten überleben kann. Oder Joan Slonczewski, die in ihrem Roman A Door into Ocean (nie übersetzt!) eine egalitäre Gesellschaft beschreibt, die vollkommen im Einklang und in Kooperation mit ihrer biologischen Umwelt lebt und alle Formen von Macht ablehnt. Beiden Romanen ist gemein, dass die alternativen Ideologien bedroht sind und von kapitalistischen Gesellschaften unter Druck gesetzt werden. Der Widerspruch der Lebensentwürfe sorgt für den Konflikt in der Handlung – und zeigt auch dem heutigen Leser noch das Potential, menschliches Zusammenleben anders zu denken. Beide Romane gelten daher als typische Vertreter einer „kritischen Utopie“, die eben nicht nach Perfektion sucht, sondern die Widersprüche als Anstoß zur Diskussion nimmt.     

Letztlich gibt es aber auch Entwürfe, die realistisch anerkennen, dass der Kapitalismus eine nicht ganz so leicht zu ersetzende Struktur ist, die es sehr wohl aber abzuschwächen gilt. Vor allem die Idee, dass grundlegende Bedürfnisse (Kleidung, Nahrung, Obdach, Medizin, Bildung) zugleich auch Rechte eines jeden Menschen sind, wird daher in den Werken der SF aufgegriffen. Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens oder einer stark sozial-ausgleichenden Grundversorgung findet sich etwa in Neil Stephensons Diamond Age – Die Grenzwelt, in der durch die Überflussproduktion der „Feeder“-Technologie einfache Produkte kostenfrei aus Atomen zusammengestellt werden können. Jeder hat somit Zugang und Recht auf Mittel des Überlebens. Der Kapitalismus konzentriert sich vielmehr auf einen Luxusmarkt, der jenseits von durch „Materie-Compilern“ generierten Produkten Werte wie „Kunsthandwerk“ oder „Naturrohstoff“ auslobt. Auch diese Welt ist in Konflikt, dieser entsteht aber vor allem aus religiös-philosophischen Differenzen über den Umgang mit der Technologie. 

Auch in der Welt der Imperial Radch-Triologie von Ann Leckie gibt es eine Grundversorgung, die jedem Bürger des Radch ein Auskommen ermöglicht. Das Anrecht auf eine Wohnung, auf Kleidung und Essen ist garantiert, allerdings gibt es dennoch Statusunterschiede. Die Gesellschaft ist in Schichten aufgeteilt, die sich aufgrund von sozialem Kapital (wie es von dem Soziologen Pierre Bourdieu beschrieben wurde) bilden. Soziale Rituale, Geburt in ein Adelshaus und alte Traditionen bestimmen „korrektes“ Handeln und eine vorgegebene Etiquette, die eben so schwer zu meistern ist, wie das Ansammeln von Reichtum. Hier greift Leckie also auf das Feudalsystem zurück und beschreibt so ein altes Sozialsystem, das ebenso wenig einen Ausweg aus Ungleichheit und Ausbeutung bietet, auch wenn materielle Bedürfnisse gestillt sind. 

Verwegen denken – eine Herausforderung für AutorInnen

Wie schwierig das Neudenken wirklich ist, zeigt vielleicht am kreativsten der Roman Backup von Cory Doctorow, in dem das materielle Kapital (Geld) durch ein anderes Zahlungsmittel ersetzt wurde. Doctorow entwickelt damit keine Alternative zum Kapitalismus, lenkt aber die Aufmerksamkeit darauf, dass Geld ein ebenso virtueller Wert ist, wie alle alternativen Optionen, die wir entwickeln könnten. In seiner Vision ist die Währung der Zukunft „Whoopie“, basierend auf Respekt und Sympathie für andere Mitmenschen. Doctorow nimmt damit (voraussehend) Bezug auf die „Like“-Ökonomie der sozialen Medien, in denen ein Shitstorm (also negativer „Whoopie“) zu Verlust von Kapital führt und virale Videos ihren Protagonisten viele „Likes“, „Shares“ und „Follower“ bringen (also positiven „Whoopie“). Eine Ökonomie, die „Whoopie“ als Währung nimmt, ist also gar nicht mal so abwegig und könnte durchaus die Kaufkraft von Dollar und Euro ersetzen, wie etwa der letzte US-Wahlkampf gezeigt hat. Aufmerksamkeit und „Likes“ sind zu realen Werten geworden. Dennoch bleibt das System in diesem Fall kapitalistisch, ersetzt nur eine Währung durch eine andere – was aber zumindest die reine Zufälligkeit und Ungerechtigkeit der Verteilung in den Fokus rückt.

Was bleibt also von dem Gedankenexperiment? Dass keine AutorIn so recht eine perfekte Alternative weiß? Ja, vielleicht. Denn unsere sozio-ökonomisch komplexe Realität lässt sich nur bedingt völlig neu denken. Was die Romane (und Film/TV-Produktionen) aber aufzeigen, ist, dass es möglich ist, sich Stück für Stück neuen Ideen zu öffnen. Und in der Beschäftigung mit Alternativen, seien sie auch nur kleine Teilaspekte, seien sie noch so imperfekt und verbesserungsbedürftig, finden wir vielleicht einen Weg doch noch das Ende des Kapitalismus zu denken. 

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