Postviktorianische Parodie: Der Gentleman

BUCH

Postviktorianische Parodie: Der Gentleman


In seinem Roman „Der Gentleman“ zieht Forrest Leo die viktorianische Epoche und ihre Literatur durch den Kakao, wobei er sogar auf den Teufel, das Schaffen von Jules Verne, sagenumwobene Orte und Steampunk-Fluggeräte zurückgreift.

Das viktorianische Zeitalter erfreut sich in vielen Genres und Medien großer Beliebtheit – nicht nur in der Gaslicht-Fantasy- bzw. der Steampunk-Literatur. Das historische Setting einer gaslichtbeleuchteten, nebeligen, vermeintlich galanten und romantischen Welt im Umbruch, deren gesellschaftliche Schere weit auseinanderklafft, zieht viele Autoren und Leser in den Bann. Als Kulisse für eine atmosphärische Geschichte taugt die Epoche von Königin Victoria immer. So auch im Roman „Der Gentleman“ von Forrest Leo, der im Aufbau Verlag gerade auf Deutsch erschienen ist. Darin hat der 1990 in Alaska geborene Leo, der in Hundeschlitten zur Schule fuhr, in New York Schauspielerei studierte und heute in Los Angeles lebt, seinen Spaß mit den Gepflogenheiten der Unterhaltungsliteratur aus den längst vergangenen, nichtsdestotrotz unvergessenen Glanztagen des britischen Empires ...

Der Teufel heißt Steampunk

Leos Ich-Erzähler ist der egomanische Gentleman Lionel Savage, ein glückloser, unglücklicher Poet aus dem viktorianischen London, der zum einen an Selbstüberschätzung seiner Tugenden und seines Talents leidet, und zum anderen seit seiner Heirat obendrein an einer Schreibblockade. Darum sinniert Savage in seinem Arbeitszimmer zunächst eine Weile über die appetitlichsten Formen des Selbstmords. Dann jedoch spaziert der freundliche Teufel in Savages stillgelegte Verseschmiede, und alles ändert sich. Plötzlich entwickelt sich ein verrücktes Abenteuer, auf dem Savage von vielen schrulligen Mitstreitern unterstützt wird: Seinem großartig gelassenen Butler, seiner unanständig forschen Schwester, einem mindestens so höflichen wie brillanten Erfinder anarchistisch-fortschrittlicher Fluggeräte, einem weisen alten Buchhändler und einem Schwager, der als berühmter Entdecker schon El Dorado und Shangri-La gefunden hat und als nächstes Atlantis aufspüren will.

Vorher müssen er und der arme Savage freilich erst einmal in die Hölle hinabsteigen, die der Teufel Essex Grove nennt und wo Dante als Gärtner arbeitet. Jules Vernes bekannter Bericht über die Reise des deutschen Professors Otto Lidenbrock zum Mittelpunkt der Erde und die antike Sage über Orpheus scheinen die besten Anhaltspunkte, wie man in die Hölle/nach Essex Grove gelangt. Bis die Reiseroute feststeht, wird munter Sherlock Holmes zitiert (angeblich ist der Meisterdetektiv ein Freund von Lionel Savage), das eine oder andere Duell zwischen Ehrenmännern vorgeschlagen und vor der schießwütigen Polizei sowie der eifrigen Presse geflohen. Kommentiert wird der ganze Schabernack vom fiktiven Herausgeber des Romans in Fußnoten, die mal mehr, mal weniger ulkig sind und das Spiel mit der guten alten Meta-Ebene zusätzlich verstärken. Später tritt der Herausgeber, der wenig von Savage hält, sogar selbst in der Geschichte auf, und die Dinge werden noch kurioser.

Unterhaltsame Posse

Am Ende gerät die interne Logik des Plots ungeachtet der Erklärungen von Mr. Savage leider gehörig in Bedrängnis, wohingegen die Geschichte am Anfang ein bisschen zu lange braucht, bis sie ins Rollen kommt. Als Leser dürstet man in den ersten Kapiteln förmlich danach, endlich Savages Haus zu verlassen und das alte London zu erkunden und zu erleben, doch so richtig passiert das nur selten. Dafür wissen Leos spleenige, überzeichnete Figuren mit ihren lustigen Dialogen von Beginn an zu gefallen, und dass Forrest Leo zwischen den ganzen aufgefahrenen und durchkreuzten Klischees der damaligen Zeit zudem teuflische Fantasy- und mechanische Steampunk-Elemente ganz unaufgeregt in seine Handlung einbaut, macht „Der Gentleman“ für Genre-Freunde gleich noch etwas sympathischer.

Alles zusammen ergibt eine nicht ganz stichhaltige, geschweige denn perfekte, unterm Strich aber unterhaltsame und charmante postviktorianischen Posse für alle, die eine Vorliebe gegenüber dem britischen Empire des späten 19. Jahrhunderts und seinen literarischen Errungenschaften, Mechanismen und Epigonen hegen. Und wer seine historische Fantasy und seinen viktorianischen Steampunk gerne schräg und ungewöhnlich mag, ist hier ebenfalls genau richtig und mag ein launiges Buch entdecken, das garantiert nirgendwo in der Phantastik-Ecke ausliegt.

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