Kritisch: Scar von Ketchum & McKee

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Kritisch: Scar von Ketchum & McKee


Selbst Stephen King verehrt Jack Ketchum als Meister der Spannungsliteratur. Jetzt haben Ketchum und sein langjähriger Co-Autor Lucky McKee mit „Scar“ einen überraschend zeitgeistkritischen Mainstream-Thriller mit fantastischen Allüren vorgelegt.

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Die meisten Leser kennen Dallas Mayr unter seinem schriftstellerischen Decknamen Jack Ketchum, der als Synonym für schnörkellosen Nervenkitzel und abgrundtiefes Grauen steht. Bereits 1981 crashte der heute 70-jährige Amerikaner, der u. a. den Bram Stoker Award gewonnen hat, mit seinem ersten schockierenden Kannibalen-Roman „Beutezeit“ die Horror-Szene. Doch er schrieb auch den tabulosen Pageturner „The Girl Next Door“ alias „Evil“ (über ein junges Mädchen, das im Keller seiner Nachbarn brutal gefoltert wird), das wohl Ketchums bekanntestes Werk darstellt. Dazu kommen Bücher wie die heftige Weird Western-Novelle „Die Schwestern“ (über Revolverhelden, Sklaven und alte südamerikanische Götter) und Romane wie „Jagdtrip“ (über einen kaputten Vietnamkriegsveteranen, der eine Gruppe Camper jagt), „The Lost“ (über einen Kleinstadt-Killer) oder „Blutrot“ (über einen alten Mann, der Rache für seinen erschossenen Hund nimmt). Was Ketchums Romane neben ihrer enormen Spannung und ihrer drastischen Brutalität auszeichnet, ist die schriftstellerische Klasse des ehemaligen Lehrers, Literaturagenten und Holzverkäufers. Sein glasklarer Stil und seine trefflichen Charakterisierungen und Beobachtungen können sich in den meisten Fällen problemlos gegen den krassen Gore-Faktor der schonungslosen Geschichten behaupten.

In den letzten Jahren hat sich Mr. Ketchum mit dem knapp 30 Jahre jüngeren Autor und Horror-Filmemacher Lucky McKee zusammengetan. Gemeinsam verfassten sie u. a. einen dritten Teil von Ketchums Kannibalen-Serie, außerdem brachte ihre fruchtbare Zusammenarbeit mehrere Ketchum-Verfilmungen hervor. Unter dem Titel „Scar“ ist soeben ihr neuester gemeinsamer Roman „The Secret Life of Souls“ von 2016 bei Heyne Hardcore auf Deutsch erschienen. Statt einer Inhaltsangabe hat das Buch auf dem Backcover einen langen Blurb von Ketchum-Fan und Besteller-König Stephen King, der seinen Kollegen seit Jahren auf ähnliche Weise anpreist, wie das zu Lebzeiten die Erfolgsautoren Robert Bloch und Richard Layman getan haben.

Ein Mädchen und sein Hund

Scar. Wieder einmal ein neuer englischer Titel für eine Ketchum-Übersetzung. Immerhin, seelische und körperliche Narben – englisch eben Scars – sind durchaus ein zentrales Thema des Buches. In diesem schildern Ketchum und McKee die tragische Geschichte der elfjährigen Delia, die auf dem besten Weg ist, ein riesiger Kinderstar zu werden, was sie allerdings mit einer kaputten Familie bezahlt. Ihre ehrgeizige Mutter hat eine Affäre mit Delias Agenten, ihr Vater verliert sich im Kommerz und im Alkohol, und ihr Bruder schwankt zwischen Eifersucht und Desinteresse. Einzig ihre treue Hündin Caity gibt Delia Halt und stellt sich jederzeit schützend vor sie. Die Freundschaft und Verbindung zwischen dem geduldigen Mädchen und dem sensiblen Vierbeiner könnte man fast als Verschmelzung zweier Seelen beschreiben, und manchmal überdauern solche geradezu übersinnlichen Verwachsungen jeden Schicksalsschlag, wenn sie nicht sogar noch inniger und erstaunlicher werden. Als Delia eines Tages bei einem schrecklichen Unfall entstellt wird, ist ihr bisheriges Dasein vorbei. Das gilt aber nicht für die Ausschlachtung ihres jungen Lebens oder ihre Karriere im Rampenlicht. Schließlich müssen die Rechnungen weiter bezahlt werden, und any publicity is good publicity ...

Massentaugliche Kritik

An der Oberfläche kommt „Scar“ wie ein gefälliger, glatter Mainstream-Thriller für ein möglichst breites Publikum daher. Eine Story für Leser, die bisher vielleicht noch nie einen der harten bis extremen Ketchums in den Händen hielten und sich auf eine übernatürliche Komponente einlassen mögen – man soll in Buchhandlungen gelegentlich solche Leser antreffen (und kann sich ein fieses Grinsen nicht ganz verkneifen, während man sich vorstellt, wie diese unbedarften Leser nach „Scar“ womöglich auf der Ketchum-Backlist eine Reise in die Finsternis der Entmenschlichung und der Enthemmung antreten). Auf dem Weg zum blutigen Finale des routiniert abgefassten „Scar“ nehmen Ketchum und McKee genretechnisch noch etwas Urban Fantasy bzw. von der animalischen Perspektive her sogar etwas Tierfantasy mit. Für Thriller-Kenner wirken der Plot und die Figuren dennoch weitgehend berechenbar. Interessant wird der Roman hingegen dadurch, dass „Scar“ trotz seiner massenkompatiblen Umsetzung hart mit der gewissenlosen Vermarkung von Kindern sowie der skrupellosen Ausschlachtung menschlicher Tragödien in den Medien ins Gericht geht. Ein Ketchum-Roman ist am Ende eben oft mehr, als es auf den ersten Blick scheint. 

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