"Bei uns zuhause war alles, was in Richtung Horror ging, streng verboten." - Mats Strandberg im Interview

© Henric Lindsten

VAMPIRWOCHE

"Bei uns zuhause war alles, was in Richtung Horror ging, streng verboten." - Mats Strandberg im Interview


Im Horror-Genre fühlt sich der Autor Mats Strandberg besonders wohl. Das merkt man auch seinem neuen Thriller “Die Überfahrt" an, in dem man sich an Bord der Baltic Charisma – eine skandinavische Ostseefähre mit enormen Duty-Free-Vorräten an Wein und Wodka – begibt, bis plötzlich ein uraltes Grauen unter den Passagieren erwacht. Wir hatten Gelegenheit, mit dem “schwedischen Stephen King” zu über seinen Roman zu sprechen!

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TOR ONLINE: Hallo Mats, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, mit uns über dich und deinen neuen Roman “Die Überfahrt” zu reden. Erzähl mal ein bisschen von dir: Wer ist eigentlich dieser Mats Strandberg? Was macht er gern, und was kann er überhaupt nicht leiden?

Mats Strandberg: Hallo. Also, ich bin 1976 in einer schwedischen Kleinstadt geboren worden. Als ich 16 Jahre alt war, zog ich – alleine – nach Stockholm. Glaubt mir, ich war viel zu jung und hatte viel zu viel Spaß. Aus dieser Phase hat mich wahrscheinlich nu reins gerettet, nämlich mein Wunsch, Schriftsteller zu werden. Eigentlich habe ich keine großartigen Hobbies, aber ich habe das große Glück, dass ich mein Geld mit dem verdienen kann, was ich liebe: das Schreiben. Für gutes Essen (und guten Wein) bin ich immer zu haben, genauso wie für gute Gespräche mit klugen Menschen. Ich liebe es, Netflix-Serien bis zum Abwinken zu schauen oder einfach den Tag lesend im Bett zu verbringen. Grundsätzlich gilt: Ich bin ziemlich faul, außer es geht um die Arbeit. Was ich nicht leiden kann sind Menschen, die um alles mögliche ein Drama machen. Und kaltes Wetter. Und Gojibeeren.

Beschreibe deine Roman »Die Überfahrt« in einem Satz.

1200 Passagiere, 12 Stunden, 1 Fähre und keine Chance zu entkommen.

Was macht dir, als Horrorautor, am meisten Angst?

Die Realität.

Und trotzdem schreibst du Horror?

Ja, schon. Im Prinzip bietet er mir die Möglichkeit, mich mit meinen realen Ängsten und Sorgen auseinanderzusetzen.Und das ist es, was ich am fiktionalen Horror so sehr liebe.

Wie bist du den ursprünglich mit dem Genre in Kontakt gekommen?

Bei uns zuhause war alles, was in Richtung Horror ging, streng verboten. Natürlich hat mich das nur umso neugieriger gemacht. Schon als ich zehn Jahre alt war, habe ich Stephen King für mich entdeckt. Ungefähr in dem Alter habe ich auch meinen Film aus der Reihe Freitag der 13. gesehen und sofort in seinen Bann gezogen: Er war witzig und hat gleichzeitig für Gänsehaut gesorgt. Für mich war er die perfekte Möglichkeit (und ist es tatsächlich immer noch)  mich aus der Realität zurückziehen und mich mit meinen realen Ängsten auseinandersetzen zu können. Außerdem wirken deine eigenen Probleme völlig nebensächlich, wenn gerade jemand anderes von einem Verrückten mit einer Kettensäge in der Hand verfolgt wird. Schon als ich noch sehr jung war, ist meine Mutter schwer erkrankt und ich war mir immer des lauernden Todes und der Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers bewusst. Horrorstoffe haben mir immer geholfen, mit meinen eigenen Gefühlen besser umzugehen.

Zurück zu “Die Überfahrt”: Warum hast du als Setting ausgerechnet eine Ostseefähre ausgewählt?

Wenn man einen Horror-Roman schreibt, muss man sich unweigerlich zwei Fragen stellen: 1. Warum laufen sie nicht einfach weg? und 2. Warum rufen sie nicht um Hilfe? Für Die Überfahrt lassen sich diese Fragen ganz einfach beantworten: Es gibt keine Möglichkeit, lebend vom Schiff zu entkommen (ohne zu ertrinken), und auf der Ostsee hört dich niemand schreien. Die Fähre bot einfach die perfekte Möglichkeit, Blut und Gedärme in einer klaustrophobischen Umgebung spritzen zu lassen. Und ich konnte mit sehr vielen, sehr unterschiedliche Figuren spielen, die auf engstem Raum miteinander klarkommen müssen.

Zähne sind für Vampire ja zwangsläufig sehr wichtig, aber in deinem Roman liegt doch ein gewisser Fokus darauf. Wie kommt das?

Ich träume ganz oft, dass mir die Zähne ausfallen oder sie nach und nach locker werden und plötzlich in meinem Mund herumschwimmen.Für mich war das der perfekte Ausgangspunkt, um eine Geschichte über Vampire zu schreiben: Natürlich muss man seine menschlichen Zähne verlieren, bevor die Vampirzähne wachsen können.

Hast du in Bezug auf die Vampire viel recherchiert, also nachgeforscht, wie sie in Literatur und Geschichte dargestellt wurden?

Ich habe schon ein wenig herumgelesen. Es ist wirklich interessant, dass im Prinzip in jeder Kultur eine Mythos über vampirartige Wesen lebt. Aber tatsächlich gehörten die Geschichten über die Blutsauger mit den langen, spitzen Zähnen schon zu meinen liebsten. So gesehen habe ich über einen seeehr langen Zeitraum Recherche betrieben. Zu meinen absoluten Favoriten zählen übrigens die 30 Days of Night-Comics, Interview mit einem Vampir, Brennen muss Salem, Ich bin Legende und Lost Souls von Poppy Z. Brite. Als mir die Idee zu Die Überfahrt das erste Mal in den Sinn kam, dachte ich: Das kannst du nicht machen. Die Popkultur quillt nur so über vor Nackenbeißern aller Art, es gibt viel zu viele davon. Aber am Ende ist das Spiel mit den momentan kursierenden Vampiren ja gerade zu einem Twist in meiner Geschichte geworden: Einer der Vampire z.B. verachtet es zutiefst, dass seine stolze Spezies zu glitzernden Teenagern in Twilight, Vampire Diaries und Co. degradiert wurde. Mit Die Überfahrt hatte ich Gelegenheit, den ursprünglichen Vampir-Mythos – und damit auch die Angst in den Menschen – wieder aufleben zu lassen.

Welche Szene, welcher Charakter oder Ort hat dir beim Schreiben am meisten Spaß gemacht?

Besonders gern schreibe ich Figuren und Dialoge. Tatsächlich hat mir in diesem Fall Marianne, die ältere, zurückhaltende Dame, viel Spaß gemacht – denn sie konnte ich im Laufe der Handlung in eine Superheldin verwandeln.

Wenn du die Chance hättest, noch einmal in der Zeit zurückzureisen und eine letzte Änderung am Manuskript zu machen, bevor der Roman in den Buchhandlungen landet, würdest du es tun?

Nein. Der Roman ist genau so wie er sein sollte. Vielleicht nicht perfekt, aber ich habe mein bestes gegeben.

Welche Figur aus “Die Überfahrt” wärst du gern?

Wahrscheinlich wäre ich Dan Appelgren, der gealterte Schlagerstar, der beim Eurovision Song Contest versagt hat. Ich meine, guckt ihn euch an: Er ist ein Arschloch, aber er ist der einzige, der die Katastrophe auf dem Schiff in vollen Zügen genießt, im Prinzip weil er jeden einzelnen an Bord der Baltic Charisma (und darüber hinaus) von Grund auf hasst. Und das Blutbad rund um ihn herum bringt ihn völlig in Ekstase. Also, zumindest hätte ich ein bisschen Spaß, wenn ich Dan wäre.

Woran wirst du als nächstes schreiben?

Mein neuer Horror-Thriller The Home erscheint Ende Mai in Schweden. Es ist ein unheimliches Buch über das mysteriöse Geschehen in einem Altenheim. Wenn ich damit durch bin, werde ich mich an die Recherche für mein nächstes Projekt, eine Young-Adult-Geschichte, setzen. Außerdem gibt’s noch ein paar Drehbücher, an denen ich schreibe. Und natürlich habe ich noch weitere Horror-Geschichten in petto, die alle erzählt werden wollen. Ihr werdet es sehen.

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