Nicodemus – Der Zauberverschreiber von Blake Charlton

KOLUMNE

Die geheimen Schätze der Phantastik: Nicodemus – Der Zauberverschreiber


Der Autor Blake Charlton hatte in seiner Jugend mit Legasthenie zu kämpfen. Gleichzeitig jedoch liebte er Fantasy-Romane. Seine Eltern bemerkten das schnell. Sie lasen ihm oft vor, unterbrachen aber gerne mal ausgerechnet an der spannendsten Stelle, wobei sie vorgaben, müde oder vom Vorlesen heiser zu sein. Das Buch ließen sie ihm jedoch gerne da, nur für den Fall, dass er selbst noch ein bisschen weiterlesen wollte.

Für Balke Charlton war das Motivation genug, sich durchzubeißen. Bald nahm er Bücher mit in den Nachhilfeunterricht, um sie dort heimlich unter der Bank zu lesen. Mit dreizehn konnte er schließlich flüssig lesen, studierte später Medizin – und schrieb eine Fantasy-Trilogie über einen Zauberlehrling mit einer Lese-Rechtschreibschwäche.

Zaubern und Legasthenie, das wäre wohl immer eine schwierige Kombination. Einfacher wird es allerdings auch deshalb nicht, dass das gesamte Magiesystem in „Nicodemus – Der Zauberverschreiber“ auf Schrift basiert. Zauber sind nicht einfach Sprüche, die man richtig aufsagen muss. Sie müssen geschrieben werden und werden dabei greif- und formbar.

„Die Grammatikerin stand kurz davor, an ihren eigenen Worten zu ersticken“, lautet zum Beispiel der erste Satz des Romans, und er ist nicht im übertragenen Sinne gemeint. „Lang und scharf waren diese Worte, geschrieben in einer magischen Sprache und zu einer stacheligen, kleinen Kugel gepresst.“

Manchmal hat dieses Magiesystem Vorteile. Einen vorbereiteten Zauber kann man zum Beispiel einfach von einem Stück Pergament ziehen und jemandem entgegenschleudern. Wenn man sich allerdings verschreibt, kann das dramatische Folgen haben. An den eigenen Worten zu ersticken ist hier erst der Anfang.

Nicodemus, der Zauberlehrling mit Legasthenie, in seiner Welt ein Kakograph genannt, tut sich daher schwer mit dem Lernen. Viel zu oft gehen seine Zauber schief. Die meisten seiner Lehrer haben ihn aufgegeben, abgesehen von seinem Mentor Shannon.

Dann wird während eines Konzils eine wichtige Magierin ermordet. Zuerst deutet alles auf Nicodemus und seinen Lehrmeister Shannon als Täter hin, aber bald gestalten sich die Ermittlungen immer komplizierter. Gleichzeitig verdichten sich die Hinweise, dass Nicodemus der prophezeite Retter der Welt, der Halkyon sein könnte, oder eventuell auch dessen Gegenspieler. In dieser Hinsicht ist man sich uneins.

Mit einer Zauberschule und einer Prophezeiung ist „Nicodemus – Der Zauberverschreiber“ ein relativ klassischer Fantasy-Roman. Fast ein wenig zu klassisch, um seinen Platz in dieser Kolumne zu finden. Das Magiesystem und das Thema der Legasthenie lassen ihn dann aber doch aus der Masse der Genre-Veröffentlichungen herausstechen. Wenn Nicodemus seine Ziele erreichen will, muss er seine Lese-Rechtschreibschwäche überwinden, was ihm zeitweise unmöglich vorkommt. Gleichzeitig gelingt es Charlton, die Magie in seinem Roman wunderbar plastisch und unterhaltsam darzustellen. So findet man unter anderem Passagen wie: „Seufzend öffnete Nicodemus die Tür und trat ein. Sofort machte er einen Satz zurück, um einem Jejunus-Fluch auszuweichen, der wie ein rosa Blitz an ihm vorbeischoss.

Von den einfachen Zaubersprachen war Jejunus die schwächste – so schwach, dass man sie nur zum Unterrichten benutzt. Ihr Satzbau war schlicht und ihre großen rosa Runen glichen normalen Buchstaben; das bedeutete, dass man sich kaum verschreiben konnte und die Sprache fast kakographensicher war.

Der Fluch, der Nicodemus’ Nase nur knapp verfehlt hatte, lautete: ‚FINDE [Johns linke Pobacke] und BESCHRIFTE mit (Ich liebe Glibberkacke).’“

Die Kombination aus einem ernsten und interessanten Thema mit Humor und Charltons ungewöhnlichem Magiesystem macht den Roman zu einem der geheimen Schätze der Phantastik, der definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als er bekommt.

 

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Es gibt Bücher, die lassen sich leicht in eine Schublade stecken. High Fantasy, Military Science Fiction, Steampunk. Jedem Werk sein Label, mit dem man es leicht erfassen und erklären kann. Und dann gibt es Bücher, die sind einfach irgendwie ... seltsam. Aber dafür mögen wir sie umso mehr. Es wird nur schwierig, wenn man versucht, sie anderen Leuten zu erklären. Andrea Bottlinger wagt den Versuch.

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