Warum Autoren die Superhelden der Demokratie sind

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KOLUMNE

Warum Autoren die Superhelden der Demokratie sind


Lena Falkenhagen
30.04.2017

Superhelden retten Leben, sie retten Welten und sie sehen dabei gut aus. Zumindest die ersten beiden Attribute treffen auch auf Schriftsteller zu – oder Autoren, wie wir sie im Folgenden ganz unaufgeregt nennen wollen. Warum das so ist, erklärt Lena Falkenhagen.

Geschichten übertragen Gefühle von einem Menschen zum anderen.

Unser Leben und die Presse (wie auch Social Media) sind dominiert von Narrativen. Pamela Rutledge legt in ihrem Beitrag dar, welche Funktionen Geschichten in unserem Leben ursprünglich besaßen: Mit Geschichten kommunizieren wir Probleme und Zustände der Gegenwart, bewältigen die Vergangenheit, entwerfen Visionen der Zukunft und übertragen Emotionen.

Robert Sapolsky stellt überzeugend dar, dass Erzählungen – Narrative – aber noch mehr tun, als zu kommunizieren und zu warnen: Durch Geschichten werden Gefühle vom Gehirn des Erzählers zum Gehirn des Zuhörers übertragen.

Also noch mal. Geschichten übertragen Gefühle von einem Menschen zum anderen? Das kann doch sonst nur Magie, oder?

Durch Studien wurde bewiesen, dass bei der Schilderung von Bewegungen oder Gefühlen sowohl das Zentrum zur Emotionsverarbeitung wie auch das motorische Zentrum des Zuhörers ähnlich aktiv werden wie die des Erzählers. Diesen Prozess nennt man "Neuronale Kopplung"; die Gehirne von Erzähler und Zuhörer synchronisieren sich.

Leider ist das Leben komplexer als Politiker es gerne darstellen.

Narrative besitzen Macht – sonst würde Erdogan nicht gezielt Journalisten angreifen. Auch das schlechte Verhältnis von Donald Trump zur Wahrheit – und zur Presse, die ein anderes Narrativ aufbaut – zeigt, dass es Narrative sind, die sich gegen monolithische Machtstrukturen, gegen Faschismus, gegen Entdemokratisierung stellen.

Man überzeugt die Leute eben einfacher mit der Geschichte von den 350 Millionen Pfund Sterling, die statt an die EU eben in das britische Gesundheitssystem fließen, als mit trockenen Fakten. Jeder wusste, dass die 350 Millionen in einen falschen Zusammenhang gesetzt wurden, viele Leute bewiesen, dass diese Einsparung nicht machbar wäre, und doch gewann die Kampagne mit dieser Geschichte den Sieg. Die 350 Millionen Pfund sind ein klares Bild, eine klare Geschichte, die sich einfach vermitteln lässt.

Leider ist das Leben komplexer als Politiker es gern darstellen, selbst wenn manche Politiker das erst feststellen, sobald sie in ein Amt gewählt sind. Besonders Weltpolitik ist vielschichtig und kompliziert, sie lässt sich in den seltensten Fällen auf einen leicht verständlichen und klaren Nenner herunterbrechen. Das ist ein Problem, denn die Zusammenhänge lassen sich nicht schnell vermitteln. Da menschliche Gehirne eine kurze Aufmerksamkeitsspanne besitzen, verliert man viele Zuhörer (oder Leser), ohne kommunizieren zu können, wo der eigentliche Sachverhalt liegt.

Die Politik verliert die Herrschaft über das Narrativ.

Besonders die Sozialen Medien geraten mehr und mehr wegen Hasskommentaren in die Kritik, und meist sind es simplifizierende Darstellungen komplexer Sachzusammenhänge, die tausendfach verbreitet werden. Politiker sind nicht mehr in der Lage, den Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass sie wissen was sie tun, dass die Wähler sich zufrieden und sicher fühlen können.

Mehr noch: Die Politik verliert die Herrschaft über das Narrativ. Dieser Kontrollverlust ist erschreckend und legt die Macht in die Hände jener, die ausreichend Geld und/oder Zeit in die Hand nehmen, um die Social Media zu beeinflussen. Denn wer eine Situation "framed", sie also als erster in (s)einen Kontext setzt, besitzt die Deutungshoheit. Der politische Gegner ist bereits in die Verteidigung gedrängt und muss beweisen, dass die Geschichte anders ist.

Wer hat denn die Herrschaft über das Narrativ?

Wer also hat in unserer Gesellschaft die Macht über das Narrativ? Mehr und mehr nehmen Konzerne Einfluss auch auf gesellschaftspolitische Strömungen. Wenn Firmen die Deutungshoheit darüber ergreifen, was wir glauben und meinen, im wahrsten Wortsinn "Meinung machen", also fabrizieren, beginnen sie zu definieren, wie wir unser Leben leben sollen. Was mit glutenfreiem Essen beginnt, endet nicht bei der Definition der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft.

Konzerne lesen Nutzerdaten aus, um Profile zu erstellen und Werbung gezielter zuschneiden zu können. Schon jetzt hat z. B. in der Film- und Spielebranche der Prozess begonnen, Produkte auf das Nutzerverhalten hin zu optimieren. A/B-Tests mit Film-Enden sind gang und gäbe, Online-Spielefirmen beobachten jede Aktion ihrer Kunden im Spiel, um Schwierigkeitsgrade zu optimieren  - und damit auch den Profit. Kommerz diktiert literarische Strukturen. Der Gläserne Nutzer entsteht auch auf Leseplattformen, Wechselwirkungen mit dem Schöpfungsprozess von schreibenden Urhebern sind nur eine Frage der Zeit. 

Warum also sind Autoren die Superhelden der Demokratie?

Mohsin Hamid, der Erfolgsautor von "Go West", sagte kürzlich, man benötige Autoren, weil sie die Gegenwart und die Zukunft neu denken. "We (as human beings) don't want to be bound by what was and what is, we have to imagine what could be."

Autoren sind die Träumer des Unmöglichen, die Seher des Unerträglichen, die Erfinder von Alternativen. Literatur – Kunst im großen Ganzen – hält einer Gesellschaft den Spiegel vor und lässt uns reflektieren, ob der Status Quo gut und richtig ist, oder ob wir uns einfach an ihn gewöhnt haben. Freie und ungelenkte, unzensierte Literatur und Kunst erhalten die Erneuerungsfähigkeit einer Gesellschaft als Ganzes und sind somit für eine Demokratie im besten Merkel'schen Sinne alternativlos.

Autoren müssen ermächtigt werden, das Narrativ zurückzuerobern.

Ein Staat, der ein Interesse an demokratischen Erneuerungsprozessen besitzt, hat also die Verantwortung, den kulturellen Narrativen den Raum für Entwicklung und Neuerung zu geben, um eigenständig gegen die kommerziellen Narrative bestehen zu können. Natürlich widerspricht kommerzieller Erfolg nicht dem kulturellen Nutzen eines Werkes, Literatur bleibt Literatur, eine Zensur darf nicht erfolgen.

Doch die große Kraft der Geschichten und ihres Einflusses auf die menschliche Gesellschaft geht oft von den weniger kommerziellen Werken aus, deren Autoren (oder Künstler) es oft schwer haben, von ihren Erzeugnissen zu leben. Schenkt man den Kreativen Freiräume für Wachstum und kulturelle Neuerungen, unabhängig von kommerziellen Überlegungen und Nöten, bleibt eine Gesellschaft wandlungsfähig und vielfältig.

In der Vielfalt steckt auch die Pluralität einer Demokratie. Und die Demokratie hat eine unsichtbare Armee von Kriegern, die, mit Tastatur und Bleistift bewaffnet, darauf wartet, den Krieg der Narrative zu gewinnen. Autoren und ihre Werke sind der große Quell un- oder wenig genutzter Energie, der unsere Gesellschaft reflektiert und demokratisch halten kann.

Ansonsten wird die Macht des Narrativs weiter dafür vergeudet, Mobiltelefone und politische Botschaften zu verkaufen, statt unsere Gesellschaft zu hinterfragen und neue Wege zu erfinden.

Leben von der Brotlosen Kunst muss möglich sein.

Ich rufe also den Staat, die politischen Verantwortlichen, zu einer Kulturpolitik der finanziellen und geistigen Freiräume auf. Weder gestaltende Künstler noch Autoren oder Dichter sind (im Normalfall) in der Lage, von ihren Werken zu leben. Nicht umsonst nennt man das Schreiben auch die "Brotlose Kunst".

Der Staat, der ein ureigenes Interesse daran besitzt, die demokratischen Prozesse in unserer Gesellschaft zu erhalten, muss möglich machen, dass auch Künstler ohne massentaugliche Sujéts von ihrer Kunst leben können.

Denn ansonsten muss die Armee von Superhelden ihre Capes an den Nagel hängen, um bei Aldi an der Kasse Geld zu verdienen. Die Schlacht um das Narrativ wird so verloren gegeben, bevor man das Potential dieser Armee von Erzählern auch nur zu nutzen begonnen hat.

Darunter leidet am Ende die Demokratie selbst.

Über die Autorin

Lena Falkenhagen

Lena Falkenhagen wurde 1973 in Celle geboren. Im echten Leben studierte sie Germanistik und Anglistik an der Universität Hannover und arbeitet seitdem als freischaffende Autorin, Lektorin, Übersetzerin und Computerspiele-Designerin. Lena ist Mitgründerin und als Schatzmeisterin Mitglied im Vorstand des Phantastik-Autoren-Netzwerks (PAN) e.V. Für PAN zeichnet sie auch verantwortlich für die politische Ausrichtung und gründete u.a. mit Nina George und Eva Leipprand 2016 das Netzwerk Autorenrechte.

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