Tierfantasy und mehr: Mein Freund Pax

BUCH

Tierfantasy und mehr: Mein Freund Pax


Sara Pennypackers Roman „Mein Freund Pax“ ist nicht nur ein gutes Jugendbuch oder gute Tierfantasy über einen Jungen und einen Fuchs, sondern überrascht sogar mit einer weiteren Interpretationsmöglichkeit für fantastische Genre-Enthusiasten.

*** 

 

In ihrem neuen Buch „Mein Freund Pax“ widmet sich die erfolgreiche amerikanische Kinderbuchautorin Sara Pennypacker der innigen Freundschaft eines Jungen und eines Fuchses. Während ihr Hauptaugenmerk auf der schwierigen Gegenwart und der ungewissen Zukunft des Duos liegt, das durch einen Krieg entzweit wird, erzählt Pennypacker quasi unterwegs in der Rückschau, wie Peter vor Jahren den kleinen Pax nach dem Tod von dessen Mutter aus dem Bau rettete und die beiden beste Freunde wurden. Als Peters Vater sich beim Militär verpflichtet, soll Peter zu seinem Opa ziehen, und der unerwünschte Pax wird tränenreich im Wald ausgesetzt. Auf einmal trennen ihn und Peter dreihundert Kilometer und ein gefährliches Kriegsgebiet. Doch Peter ist keineswegs bereit, seinen tierischen Freund aufzugeben, der sich zwischenzeitlich mit seinem neuen Leben in Freiheit und mit anderen, wilden Füchsen zurechtfinden muss ...

Sara Pennypacker erzählt ihre Geschichte konsequent aus zwei sich abwechselnden Perspektiven: Aus der von Peter, den sie auf eine klassische Heldenreise schickt, auf der er eine kauzige Veteranin trifft und in ihrer Obhut viel über die Menschen, sich selbst, den Gleichklang und den Krieg lernt, ehe er am Ende eine etwas zu heftige körperliche Blessur mit sich herumschleppt und dem Showdown damit ein kleines Plausibilitätsproblem einbrockt. Und aus der Sicht von Pax, wobei es Pennypacker gelingt, die von scharfen Sinnen und starken Emotionen geprägte Wahrnehmungswelt der Füchse anschaulich und faszinierend darzustellen. Ihr Buch entzückt in den Passagen um Pax und seine Artgenossen im fremden Revier Leser jeden Alters als sehr gute, überzeugende Tierfantasy. Dabei folgt die geradlinige Handlung bis zum Schluss konsequent der Tradition von Geschichten, in denen die Freundschaft zwischen Mensch und Tier eine große Rolle spielt. Am Ende ist „Mein Freund Pax“, das Jon Klassen mit einem wunderschönen Umschlagmotiv und ein paar vernachlässigbaren Illustrationen im Innenteil versehen hat, womöglich jedoch noch mehr als lesenswerte All-Age-Tierfantasy in klarer Sprache und hübscher Verpackung.

Der Krieg von Morgen?

Schließlich eröffnet die 1951 in Massachusetts geborene Sara Pennypacker ihren Roman mit folgender Vorbemerkung: „Es geschieht vielleicht nicht hier und nicht jetzt, doch das heißt nicht, dass es gar nicht geschieht.“ Im Roman selbst gibt es so gut wie keine Details, die klarstellen, wann und wo die Geschichte angesiedelt sein soll, wann und wo genau die Einheit aus Peter und Pax durch den immer näher kommenden Krieg auseinandergerissen wird. In einem Interview erklärte Pennypacker schlicht, dass sie ihren jugendlichen Lesern die Plötzlichkeit vermitteln wolle, mit der ein jedes Leben überall schon am nächsten Tag vom Krieg vor der eigenen Haustür verändert werden könne – eine Reaktion auf alltägliche Nachrichtensendungen über eine Welt voller Kriege, in denen besonders Kinder leiden. Doch diese bewusst neutral gehaltene, dezente Lokalisierung von „Mein Freund Pax“ lässt sogar eine weitere Genre-Interpretation der Tierfantasy-Geschichte zu.

Hält man sich nämlich vor Augen, dass Pennypacker eine Autorin aus den Vereinigten Staaten ist und sich zunächst an ein einheimisches Publikum wendet, die Namen sowie die geschilderte Flora und Fauna definitiv zu Nordamerika passen, Peter und andere Schulkinder im Buch total auf Baseball abfahren und eben von einem Krieg innerhalb der Landesgrenzen die Rede ist, dann ist „Mein Freund Pax“ plötzlich Near-Future-Science-Fiction, in deren USA ein Bürgerkrieg oder sonst ein Krieg tobt. Nicht, dass der Roman diese SF-Interpretation oder diese zusätzliche Deutungsebene bräuchte (ganz abgesehen davon, dass er natürlich auch in einem anderen Land und vielleicht eher der jüngeren Vergangenheit spielen könnte). Aber gerade am Anfang, wenn man sich als Leser in den USA wähnt und von einem militärischen Konflikt im Land die Rede ist, bekommt das Abenteuer eines verzweifelten Jungen und seines zahmen Fuchses in Kriegszeiten noch eine zusätzliche Note für Genre-Leser, die eine Weile auf diesem SF-Knochen herumkauen können.

Immer wieder schön, wenn einen die Fantastik beziehungsweise die Science Fiction an Orten und in Büchern einholt, wo man sie nie erwartet hätte.

Share:   Facebook