Wer fürchtet den Tod - Nnedi Okorafor

BUCH

Leseprobe: Wer fürchtet den Tod (Nnedi Okorafor)


In einer nicht näher definierten post-apokalyptischen Zukunft werden die dunkelhäutigen Okeke von den hellhäutigen Nuru unterdrückt. Um sich an der Vergewaltigung ihrer Mutter zu rächen und ihr Volk zu befreien macht sich das Mädchen Onyesonwu (dt.: Wer fürchtet den Tod) auf eine lange Reise voller Magie und Gefahren. Ihr Ziel: Den mächtigen Zauberer Daib zu töten - ihren Vater und Vergewaltiger ihrer Mutter.


***

Kapitel 1 | Das Gesicht meines Vaters

 

Mein Leben brach auseinander, als ich sechzehn war. Papa starb. Er hatte ein so starkes Herz, aber er starb trotzdem. Lag es an der Hitze und dem Qualm in seiner Schmiede? Es stimmt, dass nichts ihn von seiner Arbeit, seiner Kunst, abhalten konnte. Er genoss es, Metall zu formen, zu unterwerfen. Aber seine Arbeit schien ihm Kraft zu geben; er war so glücklich in seiner Werkstatt. Hat ihn das umgebracht? Das weiß ich bis heute nicht. Ich hoffe nur, dass es nichts mit mir zu tun hatte oder mit dem, was ich damals tat.

Unmittelbar nach seinem Tod kam meine Mutter schluchzend aus dem Schlafzimmer gelaufen und warf sich gegen die Wand. Da wusste ich, dass ich anders sein würde. Ich wusste in diesem Moment, dass es mir nie gelingen würde, das Feuer, das in mir brannte, vollständig zu beherrschen. An diesem Tag wurde ich zu einem anderen Wesen, weniger menschlich. Alles, was später geschah, das verstehe ich jetzt, fing damals an.

Die Zeremonie wurde am Stadtrand abgehalten, nahe den Sanddünen. Es war mitten am Tag und schrecklich heiß. Seine Leiche lag auf einem festen, weißen Stoff und war von einer Girlande aus geflochtenen Palmwedeln umgeben. Ich kniete im Sand neben seiner Leiche und verabschiedete mich. Ich werde sein Gesicht nie vergessen. Es sah nicht mehr wie Papas Gesicht aus. Papa hatte dunkelbraune Haut und volle Lippen. Dieses Gesicht hatte eingefallene Wangen, schlaffe Lippen und eine Haut, die wie graubraunes Papier aussah. Papas Geist hatte es verlassen.

In meinem Nacken kribbelte es. Mein weißer Schleier schützte mich nicht vor den ignoranten und ängstlichen Blicken der Leute. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich von allen ständig beobachtet. Ich biss die Zähne zusammen. Um mich herum knieten Frauen, die schluchzten und weinten. Papa war sehr beliebt gewesen und das, obwohl er meine Mutter geheiratet hatte, eine Frau mit einer Tochter wie mir – einer Ewu-Tochter. Das hatte man ihm längst als einen dieser Fehler, die selbst wahrlich große Männer begingen, vergeben. Über das Schluchzen hinweg hörte ich das leise Wimmern meiner Mutter. Sie hatte den größten Verlust erlitten.

Nun war sie mit ihrer Verabschiedung an der Reihe. Danach würde man ihn ins Krematorium bringen. Ich betrachtete sein Gesicht ein letztes Mal. Ich werde dich nie wiedersehen, dachte ich. Ich war noch nicht so weit. Ich blinzelte und berührte meine Brust. Da geschah es … als ich meine Brust berührte. Zuerst fühlte es sich an wie ein juckendes Kribbeln. Dann schwoll es zu etwas anderem an.

Je mehr ich versuchte, aufzustehen, desto stärker wurde es und desto weiter dehnte sich meine Trauer aus. Sie können ihn nicht mitnehmen, dachte ich verzweifelt. Es liegt noch so viel Metall in seiner Schmiede. Er hat seine Arbeit noch nicht vollendet! Das Gefühl breitete sich von meiner Brust durch den Rest meines Körpers aus. Ich krümmte die Schultern, um es im Zaum zu halten. Dann zog ich es aus den Leuten um mich herum. Ich zitterte und knirschte mit den Zähnen. Wut stieg in mir empor. Oh nein, nicht hier!, dachte ich. Nicht während Papas Zeremonie! Das Leben ließ mich nicht einmal in Ruhe um meinen toten Vater trauern.

Hinter mir wurde nicht mehr geschluchzt. Ich hörte nur noch das Säuseln des Windes. Es war unheimlich. Etwas war unter mir im Boden oder vielleicht woanders. Auf einmal trafen mich die schmerzhaften Gefühle, die alle um mich herum für Papa hatten.

Instinktiv legte ich meine Hand auf seinen Arm. Menschen schrien. Ich drehte mich nicht um. Ich konzentrierte mich nur auf das, was ich tun musste. Niemand versuchte, mich wegzuziehen. Niemand fasste mich an. Der Onkel meiner Freundin Luyu wurde während eines in der Trockenzeit seltenen Ungwa-Sturms einmal von einem Blitz getroffen. Er überlebte, erzählte aber ständig, wie es sich angefühlt hatte, aus dem Inneren heraus brutal erschüttert zu werden. So fühlte ich mich jetzt.

Ich stieß entsetzt den Atem aus. Ich konnte meine Hand nicht von Papas Arm nehmen. Sie war mit ihm verschmolzen. Meine sandfarbene Haut floss aus meiner Handfläche in seine graubraune Haut. Ein Hügel aus vermischtem Fleisch.

Ich schrie.

Der Schrei verfing sich in meiner Kehle und ich hustete. Dann starrte ich auf Papas Brust, die sich hob und senkte, hob und senkte … Er atmete! Ich war gleichzeitig angewidert und voll von verzweifelter Hoffnung. Ich atmete tief durch und schrie: »Lebe, Papa! Lebe!«

Zwei Hände legten sich auf meine Handgelenke. Ich wusste, wem sie gehörten. Einer seiner Finger war gebrochen und verbunden. Wenn er mich nicht gleich losließ, würde ich ihm etwas viel Schlimmeres antun als vor fünf Tagen.

»Onyesonwu«, sprach Aro in mein Ohr und nahm dabei rasch seine Hände von meinen Handgelenken. Oh, wie ich ihn hasste. Aber ich hörte zu. »Er ist von uns gegangen«, sagte er. »Lass los, damit wir alle von ihm befreit werden.«

Irgendwie … tat ich das. Ich ließ Papa gehen.

Es herrschte Totenstille.

Als sei die Welt einen Moment lang in Wasser getaucht worden.

Dann brach die Macht, die sich in mir aufgestaut hatte, hervor. Mein Schleier wurde mir vom Kopf gerissen und meine befreiten Zöpfe federten hoch. Alles und alle wurden zurückgeworfen – Aro, meine Mutter, Verwandte, Freunde, Bekannte, Fremde, ein Tisch voller Essen, die fünfzig Süßkartoffeln, die dreizehn großen Affenbrotfrüchte, die fünf Kühe, die zehn Ziegen, die dreißig Hennen und viel Sand. In der Stadt fiel der Strom für dreißig Sekunden aus; man würde den Sand aus den Häusern kehren und Computer zur Reparatur bringen müssen, um sie vom Staub zu befreien.

Erneut trat diese Unterwasserstille ein.

Ich sah hinab zu meiner Hand. Als ich versuchte, sie vom kalten, reglosen, toten Arm meines Papas zu entfernen, machte sie ein Geräusch, das klang, als löse sich Klebstoff. Meine Hand hinterließ einen Umriss aus getrocknetem Schleim auf Papas Arm. Ich rieb meine Finger zusammen. Mehr von dem Zeug rieselte in Flocken zu Boden. Ich warf noch einen Blick auf Papa. Dann fiel ich zur Seite und wurde ohnmächtig.

 

Das war vor vier Jahren. Sieh mich jetzt an. Die Leute hier wissen, dass ich das alles verursacht habe. Sie wollen mein Blut, sie wollen mein Leid, und sie wollen meinen Tod. Was auch immer hiernach geschieht … lass mich aufhören.

Ich möchte, dass du heute Abend erfährst, wie ich so wurde, wie ich bin. Du willst wissen, wie ich hierhergekommen bin … Das ist eine lange Geschichte, aber ich werde sie dir erzählen … Ich werde sie dir erzählen. Du bist ein Narr, wenn du glaubst, was andere über mich sagen. Ich erzähle dir meine Geschichte, um all diese Lügen abzuwehren. Zum Glück wird selbst meine lange Geschichte in deinen Laptop passen.

Ich habe zwei Tage Zeit. Ich hoffe, das wird reichen. Alles wird mich bald einholen.

Meine Mutter nannte mich Onyesonwu. Das heißt: »Wer fürchtet den Tod?« Sie hat den richtigen Namen gewählt. Ich wurde vor zwanzig Jahren geboren, in schweren Zeiten. Lustigerweise wuchs ich weit entfernt von all dem Töten auf … 

Kapitel 2 | Papa

Wer mich ansieht, erkennt sofort, dass ich ein Vergewaltigungskind bin. Aber als Papa mir das erste Mal begegnete, sah er einfach darüber hinweg. Er ist der einzige Mensch, abgesehen von meiner Mutter, der mich auf den ersten Blick geliebt hat. Auch deshalb fiel es mir so schwer, ihn gehen zu lassen, als er starb.

Ich habe Papa für meine Mutter ausgesucht. Ich war sechs Jahre alt.

Meine Mutter und ich waren erst vor Kurzem in Jwahir angekommen. Vorher waren wir Wüstennomaden. Eines Tages, als wir durch die Wüste zogen, blieb meine Mutter stehen, als höre sie eine andere Stimme. Sie verhielt sich oft so seltsam und schien mit jemand anderem als mir zu sprechen. Dann sagte sie: »Du wirst ab jetzt zur Schule gehen.« Ich war viel zu jung, um ihre wahren Gründe zu verstehen. Ich war recht glücklich in der Wüste, aber als wir in der Stadt Jwahir ankamen, wurde der Markt schon bald mein Spielplatz.

In den ersten Tagen verkaufte meine Mutter fast unseren gesamten Vorrat an Kaktuskandis, um schnell Geld zu verdienen. Kaktuskandis war in Jwahir wertvoller als Geld. Er war eine echte Delikatesse. Meine Mutter hatte sich das Rezept beigebracht. Sie hatte wohl immer schon vorgehabt, in die Zivilisation zurückzukehren.

In den nächsten Wochen pflanzte sie die Kakteensetzlinge, die sie behalten hatte, und errichtete einen Marktstand. Ich half ihr, so gut es ging. Ich trug Waren und stellte sie aus und ich rief Kunden zu unserem Stand. Im Gegenzug durfte ich jeden Tag eine Stunde lang die Gegend erkunden. In der Wüste hatte ich mich bei gutem Wetter regelmäßig mehr als eine Meile von meiner Mutter entfernt. Ich hatte mich nie verlaufen. Deshalb kam mir der Markt klein vor. Trotzdem gab es viel zu sehen und man konnte sich überall Ärger einhandeln.

Ich war ein fröhliches Kind. Die Leute knirschten mit den Zähnen, murrten und wandten den Blick ab, wenn sie mich sahen, aber das störte mich nicht. Ich konnte Hühner und zahme Füchse jagen, die drohenden Blicke der anderen Kinder erwidern und Auseinandersetzungen beobachten. Der sandige Boden war manchmal feucht, wenn Kamelmilch verschüttet worden war, oder ölig und wohlriechend, wenn Flaschen mit parfümiertem Öl übergelaufen waren. Ständig musste man Kamel-, Kuh- oder Fuchsdung ausweichen. Der Sand hier war so verschmutzt, während er in der Wüste so unberührt gewesen war.

Wir lebten erst seit ein paar Monaten in Jwahir, als ich Papa fand. An diesem schicksalhaften Tag war es heiß und sonnig. Als ich meine Mutter verließ, nahm ich eine Tasse Wasser mit. Ich machte mich direkt auf den Weg zum seltsamsten Gebäude in ganz Jwahir: dem Haus Osugbo. Dieses große quadratische Gebäude zog mich magisch an. Es war mit seltsamen Symbolen und Gebilden verziert, das größte Gebäude in Jwahir und das einzige, das komplett aus Stein bestand.

»Eines Tages werde ich dort hineingehen«, sagte ich, während ich dastand und es betrachtete, »aber nicht heute.«

Ich ging weiter und betrat einen Bereich des Markts, den ich noch nicht erkundet hatte. Ein Elektronikgeschäft verkaufte hässliche, aufbereitete Computer. Es handelte sich um schwarze und graue Geräte mit freiliegenden Motherboards und geplatzten Gehäusen. Ich fragte mich, ob sie sich so hässlich anfühlen würden, wie sie aussahen. Ich hatte noch nie einen Computer angefasst. Ich streckte die Hand aus, um einen zu berühren.

»Ta!«, sagte der Besitzer hinter der Theke. »Nicht anfassen!«

Ich nippte an meinem Wasser und ging weiter.

Meine Beine trugen mich schließlich zu einer Höhle voller Feuer und Lärm. Das weiße Adobehaus war nach vorne offen. Das Innere war dunkel und wurde nur hin und wieder von feurigen Blitzen erhellt. Luft, die heißer war als der Wind, wehte heraus wie Atem aus dem offenen Maul eines Ungeheuers. An der Vorderseite des Hauses hing ein großes Schild:

 

OGUNDIMU SCHMIEDEARBEITEN – WEISSE AMEISEN VERSCHLINGEN KEINE BRONZE. WÜRMER FRESSEN KEIN EISEN.

 

Ich entdeckte einen großen, muskelbepackten Mann im Haus. Seine dunkle, glänzende Haut war rußbedeckt. Er sieht aus wie einer der Helden aus dem Großen Buch, dachte ich. Er trug Handschuhe, die aus feinsten Metallfäden gewoben worden waren, und eine schwarze, eng anliegende Schutzbrille. Seine Nasenflügel waren geweitet. Mit einem großen Hammer schlug er auf das Feuer ein. Bei jedem Schlag spannten sich seine gewaltigen Arme an. Er hätte der Sohn von Ogun, der Göttin des Metalls, sein können. So viel Freude lag in seinen Bewegungen. Aber er muss durstig sein, dachte ich. Ich stellte mir vor, wie seine mit Asche überzogene Kehle brannte. Ich hatte immer noch meine Wassertasse. Sie war halb voll. Ich betrat die Werkstatt.

Im Inneren war es noch heißer. Allerdings war ich in der Wüste aufgewachsen. Ich war an extreme Hitze und Kälte gewöhnt. Ich beobachtete vorsichtig die Funken, die aus dem Metall sprühten, auf das er einschlug. Dann sagte ich so respektvoll wie möglich: »Oga, ich bringe dir Wasser.«

Meine Stimme überraschte ihn. Der Anblick eines schlaksigen kleinen Mädchens, die das war, was die Leute Ewu nannten, überraschte ihn noch mehr. Er schob die Schutzbrille hoch. Der Bereich rund um seine Augen, den keine Asche bedeckte, hatte die gleiche dunkelbraune Farbe wie die Haut meiner Mutter. Der weiße Teil seiner Augen ist so weiß für jemanden, der den ganzen Tag ins Feuer blickt, dachte ich.

»Kind, du solltest nicht hier reinkommen«, sagte er. Ich trat zurück. Seine Stimme war sonor. Voll. Wenn dieser Mann etwas in der Wüste sagte, würden Tiere ihn noch meilenweit weg hören.

»So heiß ist es nicht.« Ich hielt die Tasse hoch und trat vor. »Hier.« Mir war sehr klar, was ich war. Ich trug das grüne Kleid, das meine Mutter für mich genäht hatte. Der Stoff war dünn, bedeckte aber jeden Zentimeter von mir, von den Knöcheln bis zu den Handgelenken. Am liebsten wäre es ihr gewesen, wenn ich mein Gesicht mit einem Schleier bedeckt hätte, aber das brachte sie nicht über sich.

Es war merkwürdig. Die meisten Menschen mieden mich, weil ich Ewu war. Aber manchmal drängten sich Frauen um mich. »Aber ihre Haut«, sagten sie dann zueinander, nie zu mir. »Sie ist so glatt und fein. Sie sieht fast aus wie Kamelmilch.«

»Und ihr Haar ist seltsam buschig, wie eine Wolke aus getrocknetem Gras.«

»Ihre Augen sind wie die einer Wüstenkatze.«

»Ani macht aus etwas Hässlichem etwas seltsam Schönes.«

»Wenn die Zeit für ihr Elftes Ritual gekommen ist, könnte sie eine Schönheit sein.«

»Weshalb sollte sie das machen lassen? Niemand wird sie heiraten.« Dann Gelächter.

Auf dem Markt versuchten Männer manchmal, mich zu ergreifen, aber ich war immer schneller als sie und ich konnte gut kratzen. Das hatte ich von den Wüstenkatzen gelernt. All das verwirrte meinen sechsjährigen Verstand. Als ich nun vor dem Schmied stand, befürchtete ich, dass er mein abstoßendes Aussehen ebenfalls seltsam anziehend finden würde.

Ich hielt ihm die Tasse hin. Er nahm sie und trank sie in großen Schlucken bis auf den letzten Tropfen aus. Ich war groß für mein Alter, aber er war groß für seines. Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um das Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen. Er stieß einen langen, erleichterten Seufzer aus und gab mir die Tasse zurück.

»Gutes Wasser.« Er ging zurück zu einem Amboss. »Du bist zu groß und zu mutig für einen Wassergeist.«

Ich lächelte und sagte: »Ich heiße Onyesonwu Ubaid. Wie heißt du, Oga?«

»Fadil Ogundimu.« Er betrachtete seine Handschuhe. »Ich würde dir ja die Hand geben, aber meine Handschuhe sind heiß.«

»Schon gut, Oga«, sagte ich. »Du bist ein Schmied!«

Er nickte. »Wie mein Vater und dessen Vater und dessen Vater und so weiter.«

»Meine Mutter und ich leben erst seit ein paar Monaten hier«, stieß ich hervor. Mir fiel ein, dass es spät wurde. »Oh. Ich muss gehen, Oga Ogundimu.«

»Danke für das Wasser«, sagte er. »Du hattest recht. Ich war durstig.«

Von da an besuchte ich ihn oft. Er wurde mein bester und einziger Freund. Wenn meine Mutter gewusst hätte, dass ich Zeit mit einem fremden Mann verbrachte, hätte sie mich geschlagen und mir meine Freizeit einige Wochen lang gestrichen. Der Lehrling des Schmieds, ein Mann namens Ji, hasste mich, was er mich wissen ließ, indem er jedes Mal, wenn er mich sah, angewidert das Gesicht verzog, als sei ich ein krankes, wildes Tier.

»Beachte Ji nicht«, sagte der Schmied. »Er kann gut mit Metall umgehen, aber er hat keine Fantasie. Vergib ihm. Er ist primitiv.«

»Findest du, dass ich böse aussehe?«, fragte ich.

»Du bist bezaubernd.« Er lächelte. »Wie ein Kind gezeugt wird, ist weder die Schuld des Kindes noch etwas, mit dem man es belasten sollte.«

Ich wusste nicht, was gezeugt hieß, und ich fragte auch nicht. Er hatte mich bezaubernd genannt und ich wollte nicht, dass er seine Worte zurücknahm. Zum Glück kam Ji meistens erst später zur Arbeit, wenn es bereits kühler war.

Schon bald erzählte ich dem Schmied von meinem Leben in der Wüste. Ich war zu jung, um zu erkennen, dass man solch heikle Dinge besser für sich behielt. Ich verstand nicht, dass meine Vergangenheit, mein ganzes Leben, heikel war. Im Gegenzug brachte er mir einiges über Metall bei, zum Beispiel, welches sich am schnellsten der Hitze unterwarf und welches nicht.

»Wie war deine Frau?«, fragte ich eines Tages. Ich redete einfach nur vor mich hin. Eigentlich interessierte mich der kleine Stapel Brote, den er mitgebracht hatte.

»Njeri. Sie hatte schwarze Haut.« Er legte seine großen Hände um einen seiner Oberschenkel. »Und sie hatte sehr kräftige Beine. Sie ritt Kamelrennen.«

Ich schluckte das Brot, auf dem ich kaute, herunter. »Wirklich?«, stieß ich hervor.

»Die Leute sagten, dass sie dank ihrer Beine nicht von den Kamelen abgeworfen wurde, aber ich weiß es besser. Sie hatte auch eine Gabe.«

»Was für eine Gabe?«, fragte ich und beugte mich vor. »Konnte sie durch Wände gehen? Fliegen? Glas essen? Sich in einen Käfer verwandeln?«

Der Schmied lachte. »Du liest viel.«

»Ich habe das Große Buch zweimal gelesen«, gab ich zu.

»Beeindruckend«, sagte er. »Nun, meine Njeri konnte mit Kamelen reden. Aber mit Kamelen zu reden, ist ein Männerberuf, deshalb entschied sie sich für Kamelrennen. Und Njeri nahm nicht nur daran teil. Sie gewann sie. Wir lernten uns als Teenager kennen. Wir heirateten mit zwanzig Jahren.«

»Wie klang ihre Stimme?«, fragte ich.

»Sie hatte eine unangenehme und schöne Stimme.«

Ich runzelte verwirrt die Stirn.

»Sie war sehr laut«, erklärte er und brach ein Stück von meinem Brot ab. »Sie lachte sehr viel, wenn sie glücklich war, und schrie sehr viel, wenn sie verärgert war. Verstehst du?«

Ich nickte.

»Eine Weile waren wir glücklich.« Er hielt inne.

Ich wartete darauf, dass er fortfuhr. Ich wusste, dass jetzt der schlimme Teil kam. Als er nur dasaß und das Stück Brot anstarrte, fragte ich: »Und? Was geschah dann? Hast du etwas falsch gemacht?«

Er lachte leise und darüber war ich froh, obwohl ich die Frage ernst gemeint hatte. »Nein, nein«, sagte er. »Am Tag, an dem sie das schnellste Rennen ihres Lebens ritt, geschah etwas Schreckliches. Du hättest dabei sein sollen, Onyesonwu. Das Finale der Regenfestrennen. Sie hatte dieses Rennen schon einmal gewonnen, aber an diesem Tag stand sie kurz davor, den Rekord für die schnellste halbe Meile zu brechen.«

Er machte eine Pause. »Ich stand an der Ziellinie. Alle standen dort. Der Boden war glitschig, weil es in der Nacht zuvor stark geregnet hatte. Man hätte das Rennen um einen Tag verschieben sollen. Ihr Kamel näherte sich, es galoppierte auf diese x-beinige Art. Kein anderes Kamel war je so schnell gewesen.« Er schloss die Augen. »Es trat falsch auf und … stolperte.« Seine Stimme brach. »Njeris kräftige Beine besiegelten ihr Schicksal. Sie pressten sich an das Kamel, und als es stürzte, wurde sie unter ihm begraben.«

Ich stieß den Atem aus und schlug die Hände vor den Mund.

»Wäre sie abgeworfen worden, hätte sie überlebt. Wir waren erst seit drei Monaten verheiratet.« Er seufzte. »Das Kamel, das sie geritten hatte, wich ihr nicht von der Seite. Es folgte ihrer Leiche. Einige Tage nach ihrer Verbrennung starb es an seiner Trauer. Die anderen Kamele spuckten und stöhnten noch wochenlang.« Er zog die Handschuhe wieder an und ging zu seinem Amboss. Die Unterhaltung war vorüber.

Monate vergingen. Ich besuchte ihn weiterhin alle paar Tage. Damit forderte ich das Glück heraus, aber das war mir das Risiko, dass meine Mutter alles herausfand, wert. Eines Tages fragte er mich, wie mein Tag bisher gelaufen sei. »Okay«, antwortete ich. »Eine Frau hat gestern über dich gesprochen. Sie sagte, du seist der beste Schmied aller Zeiten und dass jemand namens Osugbo dich gut bezahlt. Gehört ihm das Haus Osugbo? Ich wollte schon immer mal hineingehen.«

»Osugbo ist kein Mann«, sagte er, während er sich ein Stück Schmiedearbeit ansah. »Das ist die Gruppe der Jwahir-Ältesten, die für Recht und Ordnung sorgt. Unsere Regierungsoberhäupter.«

»Oh«, sagte ich, ohne zu wissen, was das Wort Regierung bedeutete. Es interessierte mich auch nicht.

»Wie geht es deiner Mutter?«, fragte er.

»Gut.«

»Ich möchte sie kennenlernen.«

Ich hielt den Atem an und runzelte die Stirn. Wenn sie von ihm erfuhr, würde ich die schlimmsten Prügel meines Lebens bekommen und meinen einzigen Freund verlieren. Warum will er sie kennenlernen?, fragte ich mich und bekam auf einmal äußerst besitzergreifende Gefühle für meine Mutter. Doch wie sollte ich ihn davon abhalten? Ich biss mir auf die Lippe und sagte sehr zögernd: »Gut.«

Zu meinem Entsetzen kam er noch an diesem Abend zu unserem Zelt. Trotzdem wirkte er auf mich in seinem weißen Kaftan und der langen, weit geschnittenen, ebenfalls weißen Hose sehr beeindruckend. Ein weißer Schleier bedeckte seinen Kopf. Sich ganz in Weiß gekleidet vorzustellen, war ein Zeichen von großer Demut. Normalerweise taten das Frauen. Für einen Mann war das sehr ungewöhnlich. Er wusste, dass er meiner Mutter mit Vorsicht begegnen musste.

Zuerst bekam meine Mutter Angst und war wütend auf ihn. Als er ihr erzählte, dass er und ich Freunde seien, schlug sie mich so hart auf den Popo, dass ich davonlief und stundenlang weinte. Aber nach nur einem Monat heirateten Papa und meine Mutter. Einen Tag nach der Heirat zogen meine Mutter und ich in sein Haus. Von da an hätte alles perfekt sein sollen. So war es auch fünf Jahre lang. Dann wurde es unheimlich.

Kapitel 3 | Unterbrochenes Gespräch

Papa band mich und meine Mutter an Jwahir. Doch selbst wenn er weitergelebt hätte, wäre ich hier gelandet. In Jwahir zu bleiben, war mir nicht bestimmt. Ich war zu sprunghaft und wurde von anderen Dingen angetrieben. Vom Moment meiner Zeugung an war ich ein Problem. Ein Schandfleck. Gift. Ich erkannte das, als ich elf Jahre alt war. Als mir etwas Seltsames passierte. Der Zwischenfall zwang meine Mutter, mir endlich meine eigene, hässliche Geschichte zu erzählen.

Es war Abend und ein Gewitter kam rasch näher. Ich stand an der Hintertür und beobachtete es, als direkt vor meinen Augen im Garten meiner Mutter ein großer Adler auf einem Spatz landete. Der Adler rammte den Spatz in den Boden und flog mit ihm davon. Drei braune, blutige Federn lösten sich vom Körper des Spatzen. Sie landeten zwischen den Tomaten meiner Mutter. Donner grollte, als ich mich bückte und eine der Federn aufhob. Ich zerrieb das Blut zwischen meinen Fingern. Ich weiß nicht, warum ich das tat.

Es war klebrig. Und sein Kupfergeruch stach in meiner Nase, als sei ich davon bedeckt. Aus irgendeinem Grund neigte ich den Kopf, lauschte und spürte. Etwas passiert hier, dachte ich. Der Himmel verdunkelte sich. Der Wind frischte auf. Er brachte … einen anderen Geruch mit. Einen seltsamen Geruch, der mir seitdem vertraut ist, den ich aber niemals werde beschreiben können.

Je länger ich den Geruch einatmete, desto mehr passierte in meinem Kopf. Ich dachte darüber nach, ins Haus zu gehen, aber ich wollte den Geruch nicht mit hineinnehmen. Dann konnte ich mich nicht mehr bewegen, selbst, wenn ich gewollt hätte. Ich hörte ein Summen, dann kam Schmerz. Ich schloss die Augen.

In meinem Kopf waren Türen, Türen aus Stahl und Holz und Stein. Der Schmerz stammte von diesen sich langsam öffnenden Türen. Heiße Luft wehte durch sie herein. Mein Körper fühlte sich seltsam an, als würde bei jeder Bewegung, die ich machte, etwas zerbrechen. Ich ging in die Knie und würgte. Alle Muskeln in meinem Körper verkrampften sich. Dann hörte ich auf, zu existieren. Ich erinnere mich an nichts. Nicht einmal Dunkelheit.

Es war schrecklich.

 

Ich fand mich hoch oben in dem riesigen Irokobaum wieder, der in der Stadtmitte stand. Ich war nackt. Es regnete. Erniedrigung und Verwirrung waren feste Bestandteile meiner Kindheit. War es da verwunderlich, dass Wut nie weit war?

Ich hielt den Atem an, damit ich nicht vor Angst und Schreck schluchzte. Der große Ast, an dem ich mich festhielt, war glitschig. Und ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich gerade spontan gestorben und wieder ins Leben zurückgekehrt war. Aber das spielte im Moment keine Rolle. Wie sollte ich nach unten kommen?

»Du musst springen!«, rief jemand.

Mein Vater und irgendein Junge, der einen Korb auf dem Kopf trug, standen unten. Ich biss die Zähne zusammen und klammerte mich fester an den Ast. Ich war wütend und beschämt.

Papa breitete die Arme aus. »Spring!«, rief er.

Ich zögerte und dachte: Ich will nicht noch einmal sterben. Ich wimmerte. Um meine darauffolgenden Gedanken zu vermeiden, sprang ich. Papa und ich fielen auf den mit Irokofrüchten bedeckten Boden. Ich kam taumelnd auf die Beine und presste mich an ihn, versuchte, mich zu verstecken, während er sein Hemd auszog. Ich schlüpfte rasch hinein. Die zerquetschten Früchte rochen in der Feuchtigkeit bitter. Wir würden beide ein ausgiebiges Bad brauchen, um uns von dem Gestank und den violetten Flecken auf der Haut zu befreien. Papas Kleidung war ruiniert. Ich sah mich um. Der Junge war weg.

Papa ergriff meine Hand und wir gingen schockiert schweigend nach Hause. Während wir so durch den Regen stapften, konnte ich kaum die Augen offen halten. Ich war so erschöpft. Der Heimweg schien ewig zu dauern. Bin ich so weit gelaufen?, fragte ich mich. Was … wie? Als wir zu Hause ankamen, hielt ich Papa an der Tür auf. »Was ist passiert?«, fragte ich endlich. »Woher hast du gewusst, wo ich war?«

»Trocknen wir dich erst mal ab«, meinte er beruhigend.

Als wir die Tür öffneten, lief uns meine Mutter entgegen. Ich behauptete, es ginge mir gut, aber das stimmte nicht. Ich glitt wieder ins Nichts. Ich ging in mein Zimmer.

»Lass sie«, sagte Papa zu meiner Mutter.

Ich kroch ins Bett und fiel dieses Mal in einen tiefen, normalen Schlaf.

 

»Steh auf«, flüsterte meine Mutter. Stunden waren vergangen. Meine Augen waren verklebt und mein Körper schmerzte. Ich setzte mich langsam auf und rieb mir das Gesicht. Meine Mutter zog ihren Stuhl näher an mein Bett heran. »Ich weiß nicht, was dir zugestoßen ist.« Aber sie sah mich dabei nicht an. Schon damals fragte ich mich, ob sie die Wahrheit sagte.

»Ich auch nicht, Mama.« Ich seufzte und massierte meine schmerzenden Arme und Beine. Ich roch immer noch nach Irokofrüchten.

Sie ergriff meine Hände. »Ich werde dir das nur ein einziges Mal erzählen.« Sie zögerte und schüttelte den Kopf, dann sagte sie zu sich selbst: »Oh Ani, sie ist doch erst elf Jahre alt.« Dann neigte sie den Kopf und in ihre Augen trat ein Blick, den ich nur zu gut kannte. Der lauschende Blick. Sie zog die Luft durch die Zähne und nickte.

»Mama, was …«

»Die Sonne stand hoch im Himmel«, begann sie mit ihrer leisen Stimme. »Sie erhellte alles. Dann kamen sie. Als die meisten Frauen, alle, die älter als fünfzehn waren, draußen in der Wüste das Gespräch abhielten. Ich war ungefähr zwanzig Jahre alt …«

 

Die Nuru-Kämpfer warteten auf den Rückzug. Bei dem gingen die Okeke-Frauen in die Wüste und blieben dort sieben Tage, um der Göttin Ani Respekt zu zollen. »Okeke« bedeutet »die Erschaffenen«. Die Haut der Okeke hat die Farbe der Nacht, weil sie vor dem Tag erschaffen wurden. Sie waren die Ersten. Später, nachdem einiges andere geschehen war, tauchten die Nuru auf. Sie kamen von den Sternen, deshalb hat ihre Haut die Farbe der Sonne.

Auf diese Namen muss man sich in Friedenszeiten geeignet haben, denn es ist wohl bekannt, dass die Okeke dazu bestimmt waren, die Sklaven der Nuru zu sein. Vor langer Zeit, während der altafrikanischen Ära, hatten sie etwas Schreckliches getan und so Ani dazu gebracht, ihnen diese Bürde aufzuerlegen. So steht es im Großen Buch.

Obwohl Najiba mit ihrem Mann in einem kleinen Okeke-Dorf wohnte, wo es keine Sklaven gab, wusste sie, wohin sie gehörte. Hätte sie im Königreich der Sieben Flüsse, nur fünfzehn Meilen entfernt gelebt, wo es viel mehr gab als in ihrem Dorf, hätten sie und alle anderen ihr Leben lang den Nuru gedient.

Die meisten hielten sich an das alte Sprichwort: »Nur eine dumme Schlange träumt davon, eine Echse zu sein.« Doch an einem Tag vor dreißig Jahren lehnten einige Okeke-Männer und -Frauen in der Stadt Zin es ab. Ihnen reichte es. Sie erhoben sich und demonstrierten und verlangten und lehnten ab. Ihre Rebellion breitete sich in den umliegenden Städten und Dörfern der Sieben Flüsse aus. Die Okeke bezahlten einen hohen Preis für ihren Ehrgeiz. Alle bezahlten ihn, so ist das immer bei einem Völkermord. Seitdem kam es hin und wieder zu Gewaltausbrüchen. Die rebellischen Okeke, die man nicht ausrottete, flohen gen Osten.

Najiba legte den Kopf in den Sand, schloss die Augen und richtete ihre Aufmerksamkeit nach innen. Sie lächelte, wenn sie Gespräche mit Ani führte. Mit zehn Jahren hatte sie das erste Mal die Salzstraßen mit ihrem Vater und ihren Brüdern bereist, um mit Salz zu handeln. Seitdem liebte sie die weite Wüste. Und sie liebte das Reisen. Sie lächelte breiter und rieb ihr Gesicht am Sand. Die Laute der betenden Frauen um sie herum beachtete sie nicht.

Najiba erzählte Ani von dem Abend zuvor, als sie draußen gesessen und zugesehen hatten, wie fünf Sterne vom Himmel fielen. Man sagt, dass die Anzahl der Sterne, die eine Frau zusammen mit ihrem Mann fallen sieht, die Anzahl der Kinder bestimmt, die sie haben werden. Sie lachte innerlich. Sie wusste nicht, dass sie von nun an sehr, sehr lange nicht mehr lachen würde.

»Wir haben nicht viel, aber mein Vater wäre stolz auf uns«, sagte Najiba mit ihrer kräftigen Stimme. »Wir haben ein Haus, in das ständig Sand eindringt. Unser Computer war schon alt, als wir ihn gekauft haben. Unsere Sammelstation fängt nur halb so viel Wasser aus den Wolken auf, wie sie sollte. Es wird erneut getötet und das nicht weit weg von uns. Wir haben noch keine Kinder. Aber wir sind glücklich. Und ich danke dir …«

Das Schnurren von Motorrollern. Sie sah auf. Eine ganze Parade näherte sich ihnen, hinter jedem Sitz flatterte eine orange Fahne. Es waren mindestens vierzig. Najiba und die anderen Frauen waren meilenweit von ihrem Dorf entfernt. Sie hatten es vor vier Tagen verlassen und seitdem nur Wasser getrunken und Brot gegessen. Sie waren also nicht nur allein, sondern auch geschwächt. Sie wusste genau, wer diese Leute waren. Woher haben sie gewusst, wo wir sind?, fragte sie sich. Die Wüste hatte ihre Spuren schon vor Tagen verwischt.

Der Hass hatte nun doch ihre Heimat erreicht. Sie lebte in einem ruhigen Dorf mit winzigen, aber stabil gebauten Häusern, einem kleinen, aber gut befüllten Markt, und die wichtigsten Ereignisse waren Hochzeiten. Es war ein netter, harmloser Ort, der sich hinter Palmen versteckte. Bis zu diesem Tag.

Während die Motorroller die Frauen umkreisten, warf Najiba einen Blick zurück zu ihrem Dorf. Sie stöhnte, als habe sie jemand in den Bauch getreten. Schwarzer Rauch stieg in den Himmel hinauf. Die Göttin Ani hatte sich nicht die Mühe gemacht, den Frauen zu sagen, dass sie starben. Dass sie den Kopf in den Sand gesteckt hatten, während ihre Kinder, Männer und Verwandten zu Hause ermordet und ihre Häuser niedergebrannt wurden.

Auf jedem Motorroller saß ein Mann, auf einigen auch eine Frau, die ihn begleitete. Sie trugen orangefarbene Schleier über ihren sonnigen Gesichtern. Ihre teure Militärkleidung – sandfarbene Hosen und Hemden und Lederstiefel – war wahrscheinlich mit Wettergel behandelt worden, damit sie in der Sonne kühl blieb. Während Najiba dastand und den Qualm anstarrte, fiel ihr ein, dass sich ihr Mann, wenn er oben in den Palmen arbeitete, immer nach Wettergel gesehnt hatte. Er hatte es sich nie leisten können. Er wird es sich nie leisten können, dachte sie.

Die Okeke-Frauen schrien und stoben auseinander. Najiba schrie so laut, dass die ganze Luft aus ihrer Lunge gepresst wurde und etwas in ihrer Kehle riss. Erst später erkannte sie, dass sie für immer ihre Stimme verloren hatte. Sie lief in eine Richtung, die vom Dorf wegführte. Aber die Nuru fuhren in weiten Kreisen um die Frauen herum und trieben sie zusammen wie wilde Kamele. Die Okeke-Frauen duckten sich und ihre langen, taubenblauen Kleider flatterten im Wind. Die Nuru-Männer stiegen von ihren Rollern, die Nuru-Frauen folgten ihnen. Sie kamen näher. Und dann vergewaltigten sie.

Alle Okeke-Frauen, die jungen, die älteren und die alten wurden vergewaltigt. Mehrfach. Die Männer ließen nicht nach; es war, als hätte man sie verhext. Wenn sie in ihrer Frau gekommen waren, hatten sie immer noch genug für die nächste und die nächste. Sie sangen, während sie vergewaltigten. Die Nuru-Frauen, die sie begleiteten, lachten, zeigten auf die Opfer und sangen ebenfalls. Sie sangen in Sipo, einer Sprache, die sie alle beherrschten, damit die Okeke-Frauen sie verstehen konnten.

 

Wie Wasser fließt das Okeke-Blut

Wir beschämen ihre Ahnen und nehmen ihr Gut.

Wir schlagen sie mit harter Hand

Und nehmen, was sie nennen ihr Land.

Ani hat ihre Macht uns übertragen

Und so zu Staub ihr werdet geschlagen.

Hässliche, schmutzige Sklaven. Ani hat euch endlich getötet!

 

Najiba traf es am schlimmsten. Die anderen Okeke-Frauen wurden geschlagen und vergewaltigt und dann wandten sich ihre Schänder der nächsten Frau zu, sodass sie einen Moment lang durchatmen konnten. Doch der Mann, der sich Najiba griff, blieb bei ihr, und es gab keine Nuru-Frau, die lachte und zusah. Er war groß und stark wie ein Bulle. Ein Tier. Sein Schleier verbarg sein Gesicht, aber nicht seine Wut.

Er packte Najiba bei ihren dicken, schwarzen Zöpfen und zog sie einige Meter von den anderen weg. Sie versuchte, aufzustehen und wegzulaufen, aber er war zu schnell. Sie hörte auf, zu kämpfen, als sie sein Messer sah … Es war scharf und funkelte. Er lachte und schnitt damit ihre Kleidung auf. Sie starrte in seine Augen, den einzigen Teil seines Gesichts, den sie sehen konnte. Sie waren goldbraun und voller Wut, die Augenwinkel zuckten.

Mit einer Hand drückte er sie zu Boden, mit der anderen zog er ein münzenförmiges Gerät aus der Tasche und stellte es neben sie. Es war die Art Gerät, mit dem Leute die Zeit ablasen, sich über das Wetter informierten und in dem sie das Große Buch speicherten. Mit diesem konnte man auch etwas aufnehmen. Das kleine schwarze Objektiv fuhr hoch, klickte und summte, als es mit der Aufzeichnung begann. Der Mann sang und steckte sein Messer in den Sand neben Najibas Kopf. Zwei große schwarze Käfer landeten auf dem Griff.

Er drückte Najibas Beine auseinander und sang weiter, während er in sie eindrang. Zwischen den Liedern sagte er etwas auf Nuru, das sie nicht verstand. Hitzige, beißende, knurrende Worte. Nach einer Weile stieg Wut in Najiba auf und sie spuckte und knurrte sie ihm entgegen. Er packte ihren Hals, zog das Messer aus dem Sand und richtete die Spitze auf ihr linkes Auge, bis sie wieder ruhig wurde. Dann sang er lauter und drang noch tiefer in sie sein.

Irgendwann wurde Najiba kalt, dann fühlte sie sich wie betäubt und schließlich wurde sie ruhig. Sie wurde zu zwei Augen, die alles beobachteten. Bis zu einem gewissen Grad war sie immer schon so gewesen. Als Kind war sie von einem Baum gefallen und hatte sich den Arm gebrochen. Trotz der Schmerzen war sie ruhig aufgestanden, hatte ihre in Panik geratenen Freunde stehen lassen und war nach Hause zu ihrer Mutter gegangen, die sie zu einem Freund brachte, der wusste, wie man gebrochene Knochen richtete. Najibas seltsames Verhalten hatte ihren Vater stets geärgert, wenn sie etwas falsch gemacht hatte und deswegen geschlagen wurde. Egal wie hart er zuschlug, sie gab nie einen Laut von sich.

»Der Alusi dieses Kinds ist respektlos!«, sagte ihr Vater stets ihrer Mutter. Aber meistens war er gut gelaunt und dann lobte er diesen Teil von Najiba oft: »Lass deinen Alusi reisen, Tochter. Finde heraus, was du sehen kannst!«

Nun kam ihr Alusi hervor, dieser ätherische Teil von ihr, der die Macht hatte, Schmerz zu betäuben und zu beobachten. Ihr Verstand zeichnete die Ereignisse auf wie das Gerät des Mannes. Jedes Detail. Ihr Verstand bemerkte, dass der Mann, wenn er sang, trotz seiner Worte eine schöne Stimme hatte.

Es dauerte ungefähr zwei Stunden, obwohl es Najiba wie anderthalb Tage erschien. In ihrer Erinnerung wanderte die Sonne über den ganzen Himmel, ging unter und stieg wieder auf. Es dauerte lange, nur das zählt. Die Nuru sangen, lachten, vergewaltigten und töteten auch einige Male. Dann zogen sie ab. Najiba lag mit zerschnittener Kleidung auf dem Rücken, während die Sonne auf ihren geprügelten und zerschrammten Unterleib schien. Sie lauschte dem Atmen, Stöhnen und Weinen eine Weile, dann hörte sie nichts mehr. Darüber war sie froh.

Dann hörte sie, wie Amaka »Steht auf!« schrie. Amaka war zwanzig Jahre älter als sie. Sie war stark und trat häufig als Sprecherin für die Frauen des Dorfs auf. »Steht alle auf!«, sagte Amaka taumelnd. »Steht auf!« Sie ging zu jeder Frau und trat sie. »Wir sind tot, aber wir werden nicht hier draußen sterben. Nicht die, die noch atmen.«

Najiba hörte ihr zu, ohne sich zu regen, während Amaka nach Oberschenkeln trat und an Armen zog. Sie hoffte, dass es ihr gelingen würde, sich tot zu stellen. Sie wusste, dass ihr Mann tot war, und selbst wenn nicht, würde er sie nie wieder berühren.

Die Nuru-Männer und ihre Frauen hatten das alles nicht nur getan, um zu foltern und zu beschämen. Sie wollten Ewu-Kinder erschaffen. Solche Kinder entstehen nicht aus der verbotenen Liebe zwischen einem Nuru und einer Okeke oder umgekehrt und es sind auch keine Noahs, Okeke, die ohne Farbe auf die Welt kommen. Die Ewu sind Kinder der Gewalt.

Eine Okeke wird niemals ein Kind töten, das in ihr heranwächst. Sie würde sich sogar gegen ihren Mann stellen, um das Kind in ihrem Leib am Leben zu erhalten. Aber traditionell gilt ein Kind als das Kind des Vaters. Die Nuru hatten Gift in den Frauen hinterlassen. Eine Okeke, die ein Ewu-Kind gebar, war durch es an die Nuru gebunden. Die Nuru versuchten, Okeke-Familien an der Wurzel auszumerzen. Najiba interessierte dieser grausame Plan nicht. In ihr wuchs kein Kind heran. Sie wollte nur sterben. Als Amaka zu ihr kam, musste Najiba nach nur einem Tritt husten.

»Du hältst mich nicht zum Narren, Najiba. Steh auf.« Amakas linke Gesichtshälfte hatte sich blau verfärbt. Ihr linkes Auge war zugeschwollen.

»Wieso?«, fragte Najiba mit ihrer neuen stimmlosen Stimme.

»Weil wir so sind.« Amaka streckte die Hand aus.

Najiba drehte den Kopf zur Seite. »Lass mich in Ruhe sterben. Ich habe keine Kinder. Es ist so am besten.« Najiba spürte das Gewicht in ihrem Unterleib. Wenn sie aufstand, würde all das Sperma, das in sie hineingepumpt worden war, herausfließen. Der Gedanke ließ sie würgen. Als sich ihr Magen nach einer Weile beruhigte, war Amaka immer noch da. Sie spuckte neben Najiba auf den Boden. Die Spucke war blutrot. Sie versuchte, Najiba hochzuziehen. Die Schmerzen in Najibas Unterleib wurden stärker, aber sie machte sich schwer und half nicht mit. Schließlich ließ Amaka frustriert ihren Arm los, spuckte noch einmal und ging weiter.

Die Frauen, die sich für das Leben entschieden hatten, kamen schwerfällig auf die Beine und gingen zurück ins Dorf. Najiba schloss die Augen und spürte, wie Blut aus einer Schnittwunde in ihrer Stirn tropfte. Dann herrschte wieder Stille. Es wird mir leichtfallen, diesen Körper zu verlassen, dachte sie. Sie war schon immer gern gereist.

Sie lag da, bis die Sonne auf ihrem Gesicht brannte. Der Tod kam langsamer, als es ihr recht war. Sie öffnete die Augen und setzte sich auf. Ihre Augen brauchten einen Moment, um sich an das helle Sonnenlicht zu gewöhnen. Als sie das tat, sah sie Leichen und Blutlachen. Der Sand trank sie, als seien die Frauen in der Wüste geopfert worden. Najiba stand langsam auf, ging zu ihrer Tasche und hob sie auf.

»Lass mich in Ruhe«, sagte Teka Minuten später, als Najiba sie schüttelte. Teka lebte als Einzige der fünf Frauen noch, die dort lagen. Najiba setzte sich schwer neben sie. Sie rieb sich die schmerzende Kopfhaut dort, wo ihr Angreifer so brutal an ihren Haaren gezogen hatte. Sie sah Teka an. Ihre Cornrows waren blutverkrustet und sie verzog das Gesicht bei jedem Atemzug.

»Lass mich in Ruhe«, wiederholte Teka und sah sie wütend an. Also ließ Najiba sie in Ruhe.

Sie schleppte sich zurück ins Dorf. Sie schlug diese Richtung nur aus Gewohnheit ein. Sie flehte Ani an, ihr den Tod zu schicken, in Form eines Löwen vielleicht oder weiterer Nuru. Aber das war nicht Anis Wille.

Ihr Dorf stand in Flammen. Rauch stieg aus Häusern auf, Gärten waren zerstört worden, Motorroller brannten. Auf der Straße lagen Leichen. Viele waren verbrannt und nicht mehr zu erkennen. Bei solchen Überfällen trieben die Nuru-Soldaten die kräftigsten Okeke-Männer zusammen, fesselten sie, übergossen sie mit Kerosin und zündeten sie an.

Najiba sah weder tote noch lebende Nuru-Frauen und -Männer. Das Dorf war ein leichtes Opfer gewesen – unvorbereitet, verletzlich, ahnungslos. Dumm, dachte sie. Frauen stöhnten auf der Straße. Männer weinten vor ihren Häusern. Kinder gingen verwirrt umher. Die Hitze, die von der Sonne und den brennenden Häusern und Motorrollern und Menschen ausging, war erstickend. Bei Sonnenuntergang würde es zu einem weiteren Exodus Richtung Osten kommen.

Najiba sagte leise den Namen ihres Mannes, als sie ihr Haus betrat. Dann nässte sie sich ein. Der Urin brannte und lief an ihren zerkratzten Beinen nach unten. Das halbe Haus brannte. Ihr Garten war zerstört. Ihr Motorroller brannte. Aber da saß Idris, ihr Mann, am Boden, den Kopf auf die Hände gestützt.

»Idris«, sagte Najiba erneut leise. Ich sehe einen Geist, dachte sie. Eine Brise wird kommen und ihn davonwehen. Über sein Gesicht lief kein Blut. Und obwohl seine blaue Hose sandverkrustet war und Schweiß dunkle Flecken unter den Achseln seines blauen Kaftans hinterlassen hatte, war er selbst unversehrt. Das war er, nicht sein Geist. Najiba wollte »Ani ist voller Gnade« sagen, aber das war die Göttin nicht. Ganz und gar nicht. Denn Ani hatte zwar ihren Mann verschont, aber Najiba selbst getötet und noch lebend zurückgelassen.

Als Idris sie sah, schrie er voller Freude auf. Sie fielen sich in die Arme und hielten sich einige Minuten lang fest. Idris roch nach Schweiß, Angst, Furcht und Untergang. Sie wagte nicht, sich zu fragen, wonach sie roch.

»Ich bin ein Mann, aber ich habe mich versteckt wie ein Kind«, sagte er ihr ins Ohr. Er küsste ihren Hals. Sie schloss die Augen und wünschte sich, Ani würde sie auf der Stelle erschlagen.

»Das war das Beste«, flüsterte Najiba.

Dann schob er sie zurück und Najiba wusste es. »Frau«, sagte er mit einem Blick auf ihre offen herabhängende Kleidung. Man konnte ihre Schamhaare sehen, ihre zerschrammten Beine, ihren Bauch. »Bedecke dich!« Er zog den unteren Teil ihres Kleids zusammen. Seine Augen wurden feucht. »B… bedecke dich, O!« Der Schmerz, der auf seinem Gesicht lag, nahm zu, und er hielt sich die Seite. Er trat zurück. Er sah Najiba erneut an, kniff die Augen zusammen und schüttelte dann den Kopf, als wolle er etwas vertreiben. »Nein.«

Najiba stand nur da, als ihr Mann zurücktrat und die Hände hob. »Nein«, wiederholte er. Tränen liefen ihm aus den Augen, aber sein Gesicht war hart.

Er sah reglos zu, wie Najiba tiefer in das brennende Haus trat. Najiba ignorierte die Hitze und das Knacken und Krachen des sterbenden Gebäudes. Methodisch packte sie einige Sachen zusammen, etwas Geld, das sie versteckt hatte, einen Topf, ihre Sammelstation, ein Handspiel, das ihre Schwester ihr vor Jahren geschenkt hatte, ein Foto, auf dem ihr Mann lächelte, und einen Sack mit Salz. Salz war wichtig, wenn man in die Wüste ging. Das einzige Bild, das sie von ihren verstorbenen Eltern besaß, brannte.

Najiba würde nicht mehr lange leben. Für sich selbst wurde sie zu dem Alusi, den ihr Vater immer in ihr gesehen hatte; den Wüstengeist, der Reisen zu weit entfernten Orten liebte. Als sie in ihr Dorf gekommen war, hatte sie gehofft, dass ihr Mann noch lebte. Als sie ihn gefunden hatte, hatte sie gehofft, dass er anders sein würde. Aber sie war eine Okeke. Was fiel ihr ein, zu hoffen?

In der Wüste konnte sie überleben. Ihre jährlichen Ausflüge mit den Frauen und die Salzstraßenreisen mit ihrem Vater und ihren Brüdern hatten sie gelehrt, wie das ging. Sie wusste, wie man mit der Sammelstation Feuchtigkeit aus dem Himmel holte und in Trinkwasser verwandelte. Sie wusste, wie man Füchse und Hasen fing. Sie wusste, wie man die Eier von Schildkröten, Echsen und Schlangen fand. Sie wusste, welche Kakteen essbar waren. Und da sie bereits tot war, hatte sie keine Angst.

Najiba wanderte umher und suchte nach einem Ort, an dem sie ihren Körper sterben lassen konnte. Noch eine Woche, dachte sie, als sie ihr Lager aufschlug. Morgen, dachte sie, als sie weiterschlurfte. Als sie erkannte, dass sie schwanger war, konnte sie ihren Tod nicht mehr zulassen. Doch in ihrem Geist blieb sie ein Alusi und sie führte und wartete ihren Körper wie einen Computer. Sie ging nach Osten, weg von den Städten der Nuru, in das Ödland, in dem die Okeke im Exil lebten. Wenn sie nachts in ihrem Zelt lag, hörte sie die Stimmen der Nuru-Frauen, die draußen lachten und sangen. Mit stummen Schreien forderte Najiba sie heraus, sie noch einmal anzugreifen. »Ich reiße euch die Brüste ab!«, sagte sie. »Ich werde euer Blut trinken und damit das füttern, was in mir wächst!«

Im Schlaf sah sie oft ihren verstört und traurig wirkenden Mann Idris. Zwei Jahre lang hatte er sie geliebt. Wenn sie aufwachte, nahm sie sein Foto und erinnerte sich daran, wie er gewesen war. Nach einer Weile half das nicht mehr.

Najiba befand sich monatelang in einer Art Schwebezustand, während ihr Bauch größer wurde und sich der Tag der Geburt näherte. Wenn sie nichts anderes zu tun hatte, saß sie da und starrte ins Nichts. Manchmal spielte sie ihr Dunkle-Schatten-Handspiel. Sie gewann immer und immer wieder, jedes Mal mit einer höheren Punktzahl. Manchmal sprach sie mit dem Kind in ihr. »Die Welt der Menschen ist hart«, sagte Najiba. »Aber die Wüste ist wunderschön. Alusi, Mmuo, alle Geister können dort in Frieden leben. Wenn du kommst, wird es dir hier auch gefallen.«

Sie war eine Nomadin, die während der kühlen Tageszeiten umherzog und Städte und Dörfer vermied. Als sie im vierten Monat war, stach sie ein Skorpion beim Gehen in die Ferse. Ihr Fuß schwoll schmerzhaft an und sie musste sich zwei Tage lang hinlegen. Aber schließlich stand sie auf und zog weiter.

Als ihre Wehen schließlich einsetzten, musste sie sich eingestehen, dass das, was sie sich monatelang eingeredet hatte, nicht stimmte. Sie war keine Alusi, die ein Alusi-Kind gebären würde. Sie war eine Frau, allein in der Wüste. Verängstigt lag sie in ihrem Zelt auf ihrer Matratze. Sie trug ihr von der Wüste ausgeblichenes Nachthemd, das einzige Kleidungsstück, in das ihr angeschwollener Körper passte.

Der Körper, den sie schließlich als ihren anerkannt hatte, verschwor sich gegen sie. All das Drücken und Ziehen fühlte sich an, als kämpfe sie gegen ein unsichtbares Ungeheuer. Sie fluchte und schrie und mühte sich ab. Wenn ich hier draußen zugrunde gehe, wird das Kind allein sterben, dachte sie verzweifelt. Kein Kind hat es verdient, allein zu sterben. Sie klammerte sich an ihr Leben. Sie konzentrierte sich.

Nach einer Stunde schrecklicher Wehen trat ihr Alusi in den Vordergrund. Sie entspannte sich, zog sich zurück und ließ ihren Körper das tun, wofür er gedacht war. Stunden später verließ ihn das Kind. Najiba hätte schwören können, dass es schon schrie, bevor es auftauchte. So wütend. Im Moment seiner Geburt erkannte Najiba bereits, dass es keine Überraschungen mögen und nur wenig Geduld haben würde. Sie durchtrennte die Nabelschnur, verknotete sie und drückte sich das Kind an die Brust. Ein Mädchen.

Najiba wiegte sie und bemerkte entsetzt, dass sie selbst blutete und blutete. Bilder, auf denen sie im Sand lag und Sperma aus ihr tropfte, versuchten, sich in ihr Bewusstsein zu schleichen. Da sie nun wieder Mensch geworden war, war sie nicht länger immun gegen diese Erinnerungen. Sie verdrängte sie und konzentrierte sich auf das wütende Kind in ihren Armen.

Eine Stunde später, noch während sie sich erschöpft fragte, ob sie verbluten würde, hörte die Blutung auf. Mit dem Kind in den Armen schlief sie ein. Als sie erwachte, konnte sie aufstehen. Es fühlte sich zwar an, als würden ihre Innereien herausfallen, aber Stehen war nicht unmöglich. Sie musterte ihr Kind. Es hatte Najibas dicke Lippen und hohe Wangenknochen, aber die lange gerade Nase von jemandem, den Najiba nicht kannte.

Und seine Augen, oh, seine Augen. Sie waren goldbraun, seine Augen. Er schien sie durch das Kind anzusehen. Die Haut und die Haare des Säuglings hatten die Farbe des Sands. Najiba hatte von diesem Phänomen gehört. Es betraf nur Kinder, die gewaltsam gezeugt worden waren. Wurde das im Großen Buch überhaupt erwähnt? Sie war sich nicht sicher. Sie hatte nur wenig darin gelesen.

Die Nuru hatten gelbbraune Haut, schmale Nasen, dünne Lippen und braunes oder schwarzes Haar, das sich anfühlte wie die gut gestriegelte Mähne eines Pferds. Die Okeke hatten dunkelbraune Haut, breite Nasen, dicke Lippen und dichtes schwarzes Haar wie Schafwolle. Niemand wusste, weshalb Ewu-Kinder immer so aussahen. Sie sahen weder wie Okeke noch wie Nuru aus, mehr wie Wüstengeister. In ein paar Monaten würden die charakteristischen Sommersprossen auf den Wangen des Kindes auftauchen. Najiba sah ihrem Kind in die Augen. Dann presste sie die Lippen an sein Ohr und flüsterte seinen Namen.

»Onyesonwu«, sagte Najiba noch einmal. Es war die richtige Frage. Sie wollte sie in den Himmel schreien. »Wer fürchtet den Tod?« Doch da Najiba keine Stimme hatte, konnte sie ihn nur flüstern. Eines Tages wird Onyesonwu ihren Namen richtig aussprechen, dachte sie.

Najiba ging langsam zu ihrer Sammelstation und schloss den großen Wassersack an. Er zischte laut und sorgte wie immer für eine plötzliche Kühle. Onyesonwu wachte erschrocken auf und fing an zu weinen. Najiba lächelte. Nachdem sie Onyesonwu gewaschen hatte, wusch sie sich selbst. Dann aß und trank sie und stillte Onyesonwu mit einiger Mühe. Das Kind wusste noch nicht so recht, wie man trank. Doch sie mussten gehen. Das Blut der Geburt würde wilde Tiere anlocken.

Die nächsten Monate konzentrierte sich Najiba auf Onyesonwu. Dadurch war sie gezwungen, sich auch um sich selbst zu kümmern. Aber das war nicht alles. Sie leuchtet wie ein Stern. Sie ist meine Hoffnung, dachte Najiba, während sie ihr Kind betrachtete. Onyesonwu war laut und wild, wenn sie wach war, aber sie schlief mit der gleichen Entschlossenheit. Deshalb hatte Najiba genug Zeit, um Dinge zu erledigen und sich auszuruhen. Dies war eine friedliche Zeit für Mutter und Tochter.

Als Onyesonwu an einem Fieber erkrankte und Najibas Hausmittel versagten, machte sie sich auf die Suche nach einem Heiler. Onyesonwu war vier Monate alt. Sie waren vor Kurzem an einer Okeke-Stadt namens Diliza vorbeigekommen. Sie mussten zurückgehen. Zum ersten Mal seit über einem Jahr würde sich Najiba in die Nähe anderer Menschen begeben. Der Marktplatz befand sich am Stadtrand. Onyesonwu wand sich heiß auf ihrem Rücken. »Keine Angst«, sagte Najiba, als sie die Sanddüne hinunterging.

Najiba musste sich zusammenreißen, sonst hätte sie jedes Mal, wenn sie ein Geräusch hörte oder jemand sie im Vorbeigehen berührte, gezuckt. Sie nickte, wenn Leute sie begrüßten. Es gab Pyramiden aus Tomaten, Fässer voller Datteln, Stapel von gebrauchten Sammelstationen, Flaschen mit Speiseöl, Kisten mit Nägeln, Gegenstände aus einer Welt, in die sie und ihre Tochter nicht gehörten. Sie hatte noch das Geld, das sie von zu Hause mitgenommen hatte, und hier verwendete man dieselbe Währung. Sie hatte zu viel Angst, um nach dem Weg zu fragen, also brauchte sie eine Stunde, bis sie einen Heiler fand.

Er war klein und hatte glatte Haut. Unter seinem Zeltdach sah Najiba braune, schwarze, gelbe und rote Flakons mit Flüssigkeiten und Pulvern, einige zusammengebundene Stängel und Körbe mit Blättern. Ein Räucherstäbchen versüßte die Luft. Onyesonwu sah sich auf ihrem Rücken müde um.

»Guten Tag.« Der Heiler verbeugte sich vor Najiba.

»Mein … mein Baby ist krank«, sagte Najiba vorsichtig.

Er runzelte die Stirn. »Sprich bitte lauter.«

Sie klopfte auf ihre Kehle. Er nickte und kam näher. »Wie hast du deine Stimme …«

»Nicht wegen mir«, sagte sie. »Wegen meines Kindes.«

Sie wickelte Onyesonwu aus und hielt sie fest in den Armen, während der Heiler sie anstarrte. Er trat zurück und Najiba hätte beinahe geschluchzt. Er reagierte so auf ihre Tochter wie ihr Mann auf sie reagiert hatte.

»Ist sie …?«

»Ja«, bestätigte Najiba.

»Ihr seid Nomaden?«

»Ja.«

»Allein?«

Najiba presste die Lippen zusammen.

Er sah hinter sie und sagte: »Beeilung. Zeig sie mir.« Er untersuchte Onyesonwu und fragte Najiba, was sie aßen, denn weder sie noch das Kind waren unterernährt. Er gab ihr einen verkorkten Flakon, in dem sich eine pinke Substanz befand. »Gib ihr alle acht Stunden drei Tropfen davon. Sie ist stark, aber wenn du ihr das nicht gibst, wird sie sterben.«

Najiba zog den Korken heraus und roch an dem Flakon. Die Flüssigkeit roch süß. Was auch immer sich in dem Flakon befand, war mit frischem Palmsaft vermischt worden. Die Medizin kostete ein Drittel ihres Gelds. Sie gab Onyesonwu drei Tropfen. Das Baby schluckte die Flüssigkeit und schlief wieder ein.

Den Rest des Gelds gab sie für Ausrüstung und Proviant aus. In dem Dorf wurde ein fremder Dialekt gesprochen, aber sie konnte sich in Sipo und Okeke verständigen. Sie kaufte hastig ein, zog aber trotzdem immer mehr Zuschauer an. Nur ihr eiserner Wille hielt sie davon ab, nach dem Kauf der Medizin zurück in die Wüste zu fliehen. Das Baby brauchte Fläschchen und Kleidung. Najiba brauchte einen Kompass und eine Karte und ein neues Fleischmesser. Sie kaufte eine kleine Tüte Datteln, und als sie sich umdrehte, stand sie vor einer Mauer aus Menschen. Größtenteils Männer, manche alt und manche jung. Die meisten waren ungefähr so alt wie ihr Mann. Es ging wieder los. Doch dieses Mal war sie allein, und bei den Männern, die sie bedrohten, handelte es sich um Okeke.

»Was ist?«, fragte sie leise. Sie spürte, wie sich Onyesonwu auf ihrem Rücken wand.

»Wessen Kind ist das, Mama?«, fragte ein junger Mann, der rund achtzehn Jahre alt zu sein schien.

Onyesonwu wand sich erneut und Najiba überkam auf einmal Wut. »Ich bin nicht deine Mama!«, fuhr sie den Mann an und wünschte sich, ihre Stimme würde noch funktionieren.

»Ist das dein Kind, Frau?«, fragte ein alter Mann, der klang, als habe er seit Jahrzehnten kein kaltes Wasser getrunken.

»Ja. Sie gehört mir! Niemandem sonst.«

»Kannst du nicht sprechen?«, fragte ein Mann. Er sah den Mann neben sich an. »Sie bewegt den Mund, aber kein Laut kommt heraus. Ani hat ihr die schmutzige Zunge genommen.«

»Das ist ein Nuru-Kind!«, sagte jemand.

»Es ist mein Kind«, flüsterte Najiba so laut sie konnte. Ihre Stimmbänder schmerzten und sie schmeckte Blut.

»Nuru-Konkubine! Tffya! Geh zu deinem Mann!«

»Sklavin!«

»Ewu-Trägerin!«

Für diese Leute war die Ermordung von Okeke im Westen mehr Legende als Tatsache. Sie war weiter gereist, als sie gedacht hatte. Diese Leute wollten die Wahrheit nicht wissen. Also sahen sie zu, wie Mutter und Tochter über den Markt gingen. Ab und zu blieben sie stehen und unterhielten sich mit Freunden. Sie benutzten hässliche Worte, die mit jedem Mal, da man sie aussprach, hässlicher wurden. Die Menschen wurden wütender und aufgebrachter. Schließlich pöbelten sie Najiba und ihr Ewu-Kind an. Sie wurden mutiger und rechthaberischer. Dann schlugen sie zu.

Als der erste Stein Najiba an der Brust traf, war sie so schockiert, dass sie nicht weglaufen konnte. Das tat weh. Das war keine Warnung. Als der zweite Stein ihren Oberschenkel traf, wurde sie von der Erinnerung an die Ereignisse vor einem Jahr, als sie gestorben war, überwältigt. Als nicht Steine gegen sie geprallt waren, sondern der Körper eines Mannes. Als der dritte Stein ihre Wange traf, erkannte sie, dass sie und ihre Tochter sterben würden, wenn sie nicht floh.

Sie floh, so wie sie damals beim Angriff der Nuru hätte fliehen sollen. Steine trafen ihre Schulterblätter, ihren Hals, ihre Beine. Sie hörte Onyesonwu kreischen und weinen. Sie rannte, bis sie den Markt verlassen hatte und die sichere Wüste vor sich sah. Erst nachdem sie die dritte Sanddüne erklommen hatte, wurde sie langsamer. Die Menschen dachten wahrscheinlich, sie hätten sie in den Tod getrieben. Als ob eine Frau und ein Kind nicht in der Wüste überleben konnten.

Als sie Diliza weit hinter sich gelassen hatte, wickelte Najiba Onyesonwu aus. Sie keuchte und schluchzte. Blut floss aus einer Wunde über der Augenbraue des Kindes, wo es von einem Stein getroffen worden war. Es rieb sich schwach das Gesicht und verschmierte dabei Blut. Najiba hielt Onyesonwus winzige Hände fest, obwohl sie sich dagegen wehrte. Die Wunde war nur oberflächlich. In dieser Nacht schlief Onyesonwu gut, die Medizin hatte das Fieber zurückgehen lassen. Najiba weinte und weinte.

Sechs Jahre lang zog sie Onyesonwu allein in der Wüste groß. Onyesonwu wurde zu einem kräftigen, lebhaften Kind. Sie liebte den Sand, den Wind und die Wesen der Wüste. Najiba konnte zwar nur flüstern, aber sie lachte und lächelte jedes Mal, wenn Onyesonwu laut die Worte schrie, die Najiba ihr beigebracht hatte. Najiba küsste und umarmte sie. So lernte Onyesonwu, ihre Stimme zu benutzen, ohne je eine gehört zu haben.

Und Onyesonwu hatte eine wunderschöne Stimme. Sie lernte Singen, indem sie dem Wind lauschte. Sie stellte sich oft vor das weite Land und sang für es. Wenn sie am Abend sang, zog sie manchmal Eulen von weither an. Sie landeten im Sand, um ihr zuzuhören. Da ahnte Najiba zum ersten Mal, dass ihre Tochter nicht nur Ewu war, sondern etwas ganz Besonderes, etwas Ungewöhnliches.

In diesem sechsten Jahr wurde Najiba etwas klar. Ihre Tochter brauchte andere Menschen. In ihrem Herzen wusste Najiba, dass ihr Kind nur in der Zivilisation zu dem werden konnte, was ihr bestimmt war, was auch immer das war. Also benutzte sie ihre Karte, ihren Kompass und die Sterne, um ihre Tochter dorthin zu bringen. Kein Ort klang für ihre sandfarbene Tochter vielversprechender als Jwahir, was »Heimat der Goldenen Dame« bedeutete.

Einer jwahirischen Legende zufolge lebte vor siebenhundert Jahren eine riesige, aus Gold bestehende Okeke-Frau. Ihr Vater brachte sie in die Masthütte und einige Wochen später verließ sie sie fett und wunderschön. Sie heiratete einen reichen, jungen Mann und sie beschlossen, in eine große Stadt zu ziehen. Doch auf dem Weg dorthin wurde sie wegen ihres gewaltigen Gewichts (sie war sehr fett und bestand aus Gold) müde, so müde, dass sie sich hinlegen musste.

Die Goldene Dame konnte nicht aufstehen, also musste sich das Paar dort niederlassen. Aus diesem Grund taufte man das platt gedrückte Land, das sie hinterließ, Jwahir, und die Menschen dort lebten im Wohlstand. Die Stadt wurde von den ersten Okeke erbaut, die gen Westen geflohen waren. Die Vorfahren der Jwahirer waren wirklich etwas Besonderes.

Najiba betete, dass ihrer Tochter die Geschichte von ihrer Zeugung erspart bleiben würde, aber sie war eine Realistin. Das Leben war nicht einfach.

 

Ich hätte jemanden umbringen können, nachdem mir meine Mutter diese Geschichte erzählt hatte.

»Es tut mir leid«, sagte meine Mutter. »Du bist so jung. Aber ich habe mir geschworen, dass ich dir das erzählen würde, sobald dir etwas geschähe. Dieses Wissen wird dir vielleicht nützlich sein. Was auch immer dir heute widerfahren ist … in diesem Baum …, ist wohl erst der Anfang.«

Ich zitterte und schwitzte. Meine Kehle fühlte sich rau an, als ich sprach. »Ich … ich erinnere mich an den ersten Tag.« Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. »Du hattest dich an diese Stelle auf dem Marktplatz gesetzt, um Kaktuskandis zu verkaufen.« Ich machte eine Pause und runzelte die Stirn, als mir mehr einfiel. »Und dieser Brotverkäufer zwang uns, die Stelle zu verlassen. Er schrie dich an. Und er sah mich an, als sei ich …« Ich berührte die winzige Narbe an meiner Stirn. Ich werde meine Ausgabe des Großen Buchs verbrennen, dachte ich. Das ist die Ursache von alldem. Ich wollte auf die Knie gehen und Ani anflehen, den Westen niederzubrennen.

Ich wusste wenig über Sex. Ich war ein wenig neugierig … nun ja, eher misstrauisch als neugierig. Aber das hatte ich nicht gewusst – Sex als Gewalt, Gewalt, die Kinder hervorbrachte … mich hervorgebracht hatte. Ich hatte nicht gewusst, was meiner Mutter zugestoßen war. Mir wurde übel, dann wollte ich meine eigene Haut abreißen. Ich wollte meine Mutter umarmen, aber wollte sie gleichzeitig nicht berühren. Ich war Gift. Ich hatte nicht das Recht dazu. Ich konnte nicht verstehen, was dieser … Mann, dieses Ungeheuer, ihr angetan hatte. Nicht mit elf Jahren.

Der Mann auf dem Foto, der einzige Mann, den ich in meinen ersten sechs Lebensjahren gesehen hatte, war nicht mein Vater. Er war noch nicht einmal ein guter Mensch. Treuloser Mistkerl, dachte ich, während Tränen in meinen Augen stachen. Sollte ich dich je finden, werde ich dir den Schwanz abschneiden. Ich erschauderte, als mir klar wurde, dass ich dem Mann, der meine Mutter vergewaltigt hatte, Schlimmeres antun wollte.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich geglaubt, eine Noah zu sein. Noah hatten zwei Okeke-Eltern, waren aber auch sandfarben. Ich hatte die Tatsache, dass ich weder die charakteristischen roten Augen besaß noch empfindlich auf Sonnenlicht reagierte, ignoriert. Und dass Noah trotz ihrer Hautfarbe wie Okeke aussahen. Ich hatte die Tatsache, dass es den anderen Noah nicht schwerfiel, sich mit »normal aussehenden« Kindern anzufreunden, ebenfalls ignoriert. Sie waren keine Ausgestoßenen wie ich. Und Noah musterten mich mit derselben Furcht und demselben Ekel wie die dunkleren Okeke. Selbst in ihren Augen war ich anders. Wieso hatte meine Mutter das Foto ihres Mannes Idris nicht verbrannt? Er hatte sie verraten, um seine blöde Ehre zu bewahren. Sie hatte mir gesagt, er sei gestorben … er hätte sterben – brutal ermordet werden – sollen!

»Weiß Papa davon?« Ich hasste den Klang meiner Stimme. Wenn ich singe, fragte ich mich, wessen Stimme hört sie? Mein biologischer Vater hatte auch gut singen können.

»Ja.«

Papa hat es schon gewusst, als er mich das erste Mal sah, wurde mir klar. Alle außer mir haben es gewusst.

»Ewu«, sagte ich langsam. »Was bedeutet das?« Ich hatte das noch nie gefragt.

»Aus Schmerz geboren«, sagte sie. »Die Leute glauben, dass Ewu irgendwann gewalttätig werden. Sie denken, dass eine Gewalttat nur noch mehr Gewalt hervorbringt. Ich weiß, dass das nicht stimmt. Du solltest das auch wissen.«

Ich sah meine Mutter an. Sie schien so viel zu wissen. »Mama«, sagte ich. »Was mir in dem Baum passiert ist … ist dir so etwas je passiert?«

»Mein Schatz, du denkst zu viel«, sagte sie nur. »Komm her.« Sie stand auf und nahm mich in die Arme. Wir weinten und schluchzten und bluteten Tränen. Doch als wir fertig waren, konnten wir nichts anderes tun, als weiterzuleben.

 

(...)

 

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***

Aus »Wer fürchtet den Tod« von Nnedi Okorafor

© 2017 Cross Cult

Im Original erschienen unter dem Titel »Who Fears Death« von Nnedi Okorafor im Juni 2011 bei DAW Books.

Alle Rechte vorbehalten

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