„… und sich zu erfreuen an dem Geschrei der Weiber“ – Ist Gewalt in der Fantasy weniger verstörend?

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KOLUMNE

„… und sich zu erfreuen an dem Geschrei der Weiber“ – Ist Gewalt in der Fantasy weniger verstörend?


Manche Fantasyromane gehören zu den blutigsten Angelegenheiten überhaupt, trotzdem wirken die Gewaltdarstellungen selten verstörend oder traumatisierend. Oder täuscht das nur?

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Gewalt ist der Fantasy als Genre nicht fremd. High Fantasy ist berühmt für seine epischen Schlachten, Schwertkämpfe, Kriegerhelden, gnadenlosen Bösewichte und das Aufeinandertreffen der Kräfte des Guten und des Bösen. Und übernatürliche Wesen voller Blutdurst oder Eroberungsdrang bevölkern die anderen Vertreter des Genres. Wenn auch nicht alle Geschichten eine Vielzahl an gewalttätigen Szenen zu bieten haben, so gibt es kaum welche, die ganze ohne auskommen.

Dennoch gilt die Gewalt in der Fantasy vielen oft als weniger konfrontativ als etwa die Gewalt in realistischen Genres. Einige Bewertungssysteme für Film und Fernsehen unterscheiden sogar explizit in „fantastische Gewalt“ bzw. „fantastischen Horror“ und deren „normale“ Gegenstücke, so dass hier jüngere Zielgruppen zugelassen werden können. Natürlich gilt diese Bewertung hauptsächlich für die Darstellung der Gewalt selbst als stilisiert und weniger realistisch, aber es zeigt doch auch, dass das Genre mit weniger konfrontativen Darstellungen von Konflikt und Grausamkeit verbunden wird. 

Auf gewisse Weise ergibt das auch Sinn: Fantasy-Welten sind so weit von unserer Realität entfernt, dass es uns leichter fällt, uns von deren Inhalten zu distanzieren. Leute sagen gerne mal „Ich kann mit Gewalt in Filmen nicht gut umgehen“, ohne dabei einen Gedanken an die Schlachten in Fantasy-Filmen zu verschwenden, die sie so gerne schauen. Allerdings ist das Thema weitaus komplexer.

Die Distanz der traditionellen Helden-Fantasy

Schaut man sich die traditionelle epische Fantasy einmal an, scheint es leicht zu erklären, warum die Gewalt weniger verstörend wirken mag. Überlebensgroße  Charaktere bevölkern diese wundersamen fiktionalen Welten voller Helden und Magie. Die Gewalt die sie ausüben ist vor allem in ihrer Symbolkraft und durch ihren dramatischen Effekt wirklich relevant. Die Geschichten verharren nicht auf dem Blut und den Wunden, sondern zeigen vor allem Tragik oder Triumph des im Kampf gefallenen Freundes oder Feindes.  

Um das archetypische Beispiel des Herrn der Ringe (1954/55) von J. R. R. Tolkien anzuführen: als Boromir schließlich fällt, konzentrieren wir uns nicht auf sein Leid, sondern auf sein nobles Opfer. In dem Moment, da die Helden die unmenschlichen Uruk-hai vorne und hinten niedermetzeln, da sehen wir hauptsächlich ihren glorreichen Sieg über die Horden. Tode sind ein Maßstab des Könnens, den es durch Gimli und Legolas in Zahlen aufzuwiegen gilt. Und auch andere heroische Fantasy, ob Buch, Film oder Fernsehserie bietet eine ähnliche Distanzierung: die Spaltkrieg-Sagas (von Raymond Feist, 1982-2013), Das Rad der Zeit (von Robert Jordan, 1990-2013), Die Chroniken von Narnia (C. S. Lewis, 1939-1954), Harry Potter (J. K. Rowling, 1997-2007), Merlin – Die neuen Abenteuer (BBC, 2008-2012), Xena – Die Kriegerprinzessin (Syndication, 1995-2001).

Versteht mich jetzt nicht falsch, viele dieser Fantasy-Geschichten haben wahrhaft gewaltvolle Szenen, in denen Menschen unter Schmerzen sterben – diese Welten sind keine glückseligen, sorgenfreien Orte. Dennoch scheinen sie uns nicht auf die gleiche Art zu verstören, wie es etwa Kriegsfilme oder Kriminalromane vermögen, bei denen der Kontext deutlich näher an unserer Realität ist.

Sogar die Urban Fantasy, wie etwa in Underworld (Len Wiseman, 2003) oder Van Helsing (Stephen Sommers, 2004), die voll mit Blut und Gedärmen sind, scheint uns von der Gewalt abzuschirmen – vielleicht liegt das an der übernatürlichen oder bösen Natur der Charaktere, den fiktionalen Szenarien und dem relativ deutlichen Schwarz-Weiß-Heldentum. In anderen Subgenres der Fantasy aber sieht die Sache ganz anders aus.

Düsterer Realismus und die „Grimdark Fantasy“

In den letzten Jahrzehnten gab es immer mehr Fantasy-Romane und Filme, die ein dunkleres und schmutzigeres Setting bevorzugten – sogenannte Grimdark Fantasy. Viele dieser Werke offerieren düster-dreckige, unattraktive Settings und weniger moralisch eindeutige Aufteilungen in Schwarz/Weiß. Vielmehr zielen sie auf ein „realistisches“ Gefühl ab und stellen Brutalität und Grausamkeit in das Zentrum der Geschichte.

In diesen Erzählungen sind wir Zeugen der Gewalttätigkeit um ihrer selbst willen: Der verdorbene Bösewicht foltert aus reiner Freude an der Tat, ein Krieger nimmt sich die Zeit, seinen Feind aufzuschlitzen, eine brutale Vergewaltigung. Diese Szenen haben keine besondere Bedeutung, keinen Symbolismus, an dem wir uns festhalten können. Die Charaktere, die leiden müssen nicht unmenschliche Bestien sein und die noblen Helden oder Heldinnen sterben nicht unbedingt in Würde. Sogar neuere Beispiele einer eher traditionellen heroischen Fantasy haben gerne mal eine düstere, trostlose Seite – was vielleicht am aktuellen Trend hierzu liegt.

Das wohl berühmteste Beispiel dieser Art von Gewalt in der Fantasy ist Game of Thrones. Einige Szenen der Serie sind wirklich verstörend, und ich hätte sie keineswegs schlimmer oder abschreckender gefunden, wenn sie in einem realistischen modernen Alltagskontext gestanden hätten. Andere düstere Geschichten, wie etwa die Prinz der Dunkelheit-Romane von Mark Lawrence (2011-2013) die The First Law-Reihe von Joe Abercrombie (2006-2008) oder die Fernsehserie Spartacus (Starz, 2010-2013), zeigen eine ebenso große Bereitschaft in der Darstellung von Gewalt und Blut zu verweilen. Diese Art der Fantasy lässt eher daran zweifeln, ob die Gewalt im Fantasy-Kontext weniger treffend und realistisch dargestellt ist.

Neue Wege zu schockieren und zu verstören

Es gibt noch eine andere interessante Frage in diesem Zusammenhang: Kann die Gewalt in der Fantasy noch verstörender sein als in realistischen Geschichten? Das Genre erlaubt es den Autoren schließlich Dinge zu ergründen, die in der realen Welt unmöglich wären – mitunter auch neue Formen der Gewalt.

Die Science Fiction ist vielleicht das Genre mit der größeren Erfahrung in dieser Hinsicht – einige der verstörendsten Szenen, an die ich mich erinnern kann, bin ich in SF Romanen und Filmen begegnet, etwa in 1984 (Michael Radford, 1984), Hyperion (von Dan Simmons, 1989) oder District 9 (Neill Blomkamp, 2009) –, aber es gibt auch in der Fantasy Romane, in der die Magie der Welt einige sehr spezielle Formen der Grausamkeit erst möglich macht. So kann eine Gabe des ewigen Lebens schnell in einen Fluch ewigen Leidens verkehrt werden. Ein Charakter, der magische Selbstheilung besitzt, kann unendlich lange und auf sehr kreative Weise gefoltert werden.

Einige Szenen aus Kim Wilkins’ Rose and the Veil of Gold (2005, keine dt. Uebersetzung) oder The Autumn Castle (2003, keine dt. Uebersetzung) haben mich nach dem Lesen tagelang verfolgt (die Autorin schreibt auch Horror-Romane, so dass die Schreckensmomente ihr gut aus der Feder gehen). Und es gibt Szenen sexueller Gewalt in Anne Bishops Schwarze Juwelen-Reihe (1998-2011), die obwohl sie nur angedeutet waren, zu entsetzlich waren, um darüber näher nachzudenken. Diese beunruhigenden Szenen haben es überhaupt erst ermöglicht, dass das Fantastische in den Romanen vorkam. Man muss sich also schon wundern, wie es angehen kann, dass das Genre als Ganzes für weniger konfrontativ in Hinsicht auf seine Gewaltdarstellung gehalten wird.

Das Urteil

Sind Gewaltszenen in Fantasy-Geschichten also leichter auszuhalten als in anderen Genres?

Ich denke die im Fantasy-Genre begründete Distanz zur Realität isoliert uns von dem, was wir sehen oder lesen, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Allerdings wäre es zu einfach zu behaupten, dass jede Form der Gewalt weniger verstörend auf uns wirkt, als wenn sie in einem realistischen Setting dargestellt würde. Die düstere Form der Fantasy, die immer größere Beliebtheit erlangt und der Einsatz von Magie, um neue Formen der Grausamkeit zu ergründen, machen es einem unmöglich, mit absoluter Sicherheit davon auszugehen, dass Fantasy einen nicht schockieren und mit Gewalt konfrontieren wird.  


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© Nicola Alter 

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