„Das hier ist keine Science Fiction“ – Warum die Welten der Fantasy niemals rund sind von Nicola Alter

KOLUMNE

„Das hier ist keine Science Fiction“ – Warum die Welten der Fantasy niemals rund sind


Mittelerde, Narnia, Westeros, Erdsee – Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass Fantasywelten niemals rund, sondern fast immer flach sind? Warum eigentlich?

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Ich bin gerade von einer Weltumrundung zurückgekehrt und all das Rund-herum-Reisen hat mich auf die Frage gebracht, welche Form wohl die Welten der Fantasy so haben? Und es ist nicht das erste Mal, dass mir dieser Punkt aufgefallen ist. Es gibt diese archaische und recht bizarre Eigenschaft der meisten Fantasy-Welten: Sie sind flach. Dabei ergibt es doch keinen Sinn, dass wenn unsere andersweltlichen Helden nur lang genug wanderten und so die Welt umrunden, dass sie dann nicht auch dort wieder ankämen, wo sie aufgebrochen sind.   

Einige Fantasy-Welten sind buchstäblich als flache Scheiben beschrieben worden, von denen man am Ende der Welt in den Abgrund stürzt, sollte man sich zu weit herauswagen – siehe etwa C. S. Lewis in Die Reise auf der Morgenröte (1952) oder Terry Prachett in Die Farben der Magie (1983). Andere Male sind die Gebiete am Rande der Karte unbekanntes Gelände: unerforschte Grenzgebiete oder Reiche voller Gefahren und Mysterien, wie etwa in Ursula Le Guins Das ferne Ufer (1972). Und dann wiederum wird der Rest der Welt manchmal auch einfach nur ignoriert. Wir bekommen die „bekannte Welt“ zu Gesicht und alles andere jenseits davon ist nicht relevant.

An die Idee einer flachen Welt glaubt die Menschheit schon seit langer Zeit nicht mehr. Die Menschen wussten bereits seit dem 5ten Jahrhundert vor Christus, dass die Welt rund ist (so haben es zumindest die griechischen Philosophen in ihren Schriften erwähnt). Dieses Wissen mag nicht immer in allen Kulturen und zu allen Zeiten vorhanden gewesen sein, und es hat bis zu Magellan und dessen Expedition einer ersten vollständigen Erdumrundung gedauert, es eindeutig zu beweisen, aber das Konzept der sphärischen Erde ist ganz bestimmt nicht neu.

Warum also bestehen die Autoren der Fantasy auf der Erschaffung von flachen Welten?

Settings in der alten Welt

Der wohl offensichtlichste Grund ist, dass Fantasy-Welten gerne vom Mittelalter oder der Antike inspiriert sind, mit Charakteren, die auf dem Pferde- oder gar dem Drachenrücken von A nach B reisen, oder ihre eigenen Füße benutzen. Die dargestellte Gesellschaft ist zumeist wenig technologisch vorangeschritten. Zieht man das in Betracht, dann ist es wohl nicht verwunderlich, dass es noch unerforschte Bereiche jenseits der Meere gibt, oder Länder, die so weit entfernt sind, dass sie in der Suche unserer Helden keine Rolle spielen.

Eine flache, einfache Fantasy-Welt reflektiert also den engeren Rahmen von Reisen, Entwicklung und Erforschung, der in einer solchen bislang nicht entwickelten Welt vorherrschen würde. Doch es gibt noch andere Gründe.

Das hier ist keine Science Fiction

Der Moment, da man die Idee einer sphärischen Fantasy-Welt in der Geschichte vorstellt, lenkt man die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Tatsache, dass es sich um einen Planeten handelt. Und das eröffnet dann die Frage, in welchem Universum dieser Planet sei? Und welche anderen Planeten es gibt? Wie sich dieser Planet entwickelt hat, oder ob er nur eine alternative/historische Version der Erde ist?

All diese Fragen aber bringen den Leser dazu, über mögliche wissenschaftliche Konzepte nachzudenken, die seine willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit erschüttern könnten. Und das will man in der Fantasy nun wirklich nicht.

Planeten und Universen sind üblicherweise der Spielplatz der Science Fiction, und finden sich dementsprechend nicht in den magischen, mythischen und historischen Settings der High Fantasy. (Außer natürlich man ist ein Autor wie Terry Pratchett, dessen satirische Werke absichtlich die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Absurdität seiner Fantasy-Welt lenken, in der die Scheibenwelt von einer gigantischen Schildkröte durch das Universum getragen wird.)

Reichweite

Mal abgesehen davon, dass die Anspielung auf die Rundung der Fantasy-Welt ungewollte Aufmerksamkeit auf dessen planetaren Status lenken würde, hat die einfach Tatsache der riesigen Dimension einer solchen sphärischen Oberfläche und die relative Position des Globus im Universum den problematischen Nebeneffekt, die Charaktere und die Ereignisse im Verhältnis unwichtig erscheinen zu lassen.

Hätten wir uns ebenso sehr für Frodo und seine Aufgabe, den einen Ring zu zerstören, interessiert, wäre Mittelerde nur ein kleiner Kontinent auf Planet X in der fernen Galaxis Y gewesen? Ja, vielleicht, aber es hätte etwas von der Größe der Geschichte zerstört.

Die Tatsache, dass Mittelerde mehr oder weniger die gesamte bekannte Welt darstellt, verleiht Frodos Aufgabe und der zu bewältigenden Reise den Anschein äußerster Wichtigkeit. (Im Silmarillion wird später klargestellt, dass Mittelerde ein Teil von Arda ist, einer runden Welt, die vermutlich der Erde in einem vorhergegangenen Zeitalter der Geschichte entspricht ... aber in der Herr der Ringe-Trilogie wird dieses Faktum nicht weiter hervorgehoben.)

So wichtig ist es nicht

Und dann wäre da natürlich die Tatsache, dass eine Fantasy-Geschichte ja nur in einigen Gebieten und Ländern spielt und das, was jenseits davon liegt, einfach nicht wichtig ist. Warum also sollte man Zeit damit verschwenden, alle Länder des Globus zu diskutieren, mal ganz zu schweigen von dessen Rundheit, wenn all das für die Geschichte nicht wichtig ist?

Wenn Westeros ganz offensichtlich rund wäre, dann fingen wir auch damit an, uns zu fragen, ob das Land des Ewigen Winters jenseits der Mauer eine Art Nordpol formt und ob dieser Nordpol eine andere Seite hat, und ob diese Seite auch eine Mauer hat oder an einen Ozean grenzt... oh, und dann fragen wir uns woher die Weißen Wanderer eigentlich herstammen. Da ist es doch viel einfacher und viel geheimnisvoller nur vage anzudeuten, dass es da oben alles der Norden ist. Man bemerke die geschickte Platzierung des Kartenrandes direkt über der Mauer.

Romantik, Magie und Mythologie

Und schließlich, denke ich, gibt es da auch noch den romantischen Reiz eines grenzenlosen, antiken Fantasy-Landes mit seinen unerforschten, gefährlichen und mystischen Rändern. Wenn Charaktere Gefahr laufen, über den Rand zu fallen oder in andere Sphären zu geraten, wenn sie Gebiete vordringen, die jenseits der erforschten Welt liegen, dann ist das magisch und spannend. Wer möchte denn schon diesen ganzen Weg zurücklegen und dann am selben Ort wieder rauskommen, an dem man losgelaufen ist?

Sind also alle Fantasy-Welten flach?

Es mag angesichts der oben besprochenen Punkte nicht verwunderlich sein, dass die meisten Fantasy-Welten die Frage nach der Rundheit der Welt nicht ansprechen, oder gar explizit darauf verweisen, dass sie es nicht ist. Dennoch gibt es, wie in fast allen Dingen, einige Ausnahmen. Ein wichtiges Beispiel hierfür ist Raymond Feists Der Lehrling des Magiers (1982), in dem es um Spalten im Raum geht. Seine Fantasy-Welt Midkemia ist mit einer anderen technologisch und magisch fortschrittlicheren Welt, Kelawan, verbunden und die Charaktere reisen mit Hilfe der Spalten zwischen beiden hin und her. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob eine oder beide dieser Welten ausdrücklich als rund beschrieben werden, aber der Fokus der Geschichte auf interdimensionale Reisen, Raumspalten und Monde zeugt davon, dass beide Welten Planeten in einem gemeinsamen Universum sind. 

Nimmt man das alles zusammen, würde ich gerne mehr epische High Fantasy sehen, die sich von der Flachheit ihrer Welten verabschiedet und die Idee der Rundheit (und alles, was damit zusammenhängt) aufgreift. Allerdings verstehe ich auch absolut, warum das oftmals nicht der Fall ist. Und ehrlich gesagt kann ich auch nicht behaupten, runde Fantasy-Welten in meiner eigenen Schreibarbeit zu nutzen ... außer es gäbe einen guten Grund dafür. 


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© Nicola Alter 

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