Nordische Mythen und Sagen von Neil Gaiman

BUCH

Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen


In seinem neuen Buch „Nordische Mythen und Sagen“ erzählt Fantastik-Superstar Neil Gaiman die nordischen Legenden um Odin, Thor, Loki und Co. nach.

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Nicht nur im Schaffen von Fantasy-Ahnherr J. R. R. Tolkien sind die alten nordischen Sagen ausgesprochen präsent. Auch im Werk seines Landsmannes Neil Gaiman finden sich zahlreiche Verbindungen zu den Geschichten aus den beiden bekannten Ausgaben der Edda, durch die das mythologische Gut bis in unsere Neuzeit überliefert wurde. Während man in Gaimans revolutionärem Comic-Meisterwerk Sandman manchmal etwas genauer hinsehen muss, um eine Anspielung oder Inspiration zu identifizieren, sind die Bezüge in einigen seiner Bücher weit offensichtlicher: Natürlich im Kinderbuch Der lächelnde Odd und die Reise nach Asgard, aber genauso im Erwachsenenbilderbuch The Truth Is a Cave in the Black Mountains und im preisgekrönten Roman American Gods, der gerade als TV-Serie und als Comic adaptiert wird und in dem Allvater Odin eine ebensolche Rolle spielt wie das Weltenbaum-Eichhörnchen Ratatosk.

Alte Liebe, alte Helden

Gaiman verliebte sich bereits in jungen Jahren in die nordischen Mythen, die er zunächst über die klassischen „Thor“-Comics von Stan Lee, Larry Lieber und Jack Kirby bei Marvel kennenlernte. Nach dieser science-fiction-lastigen Einführung las Gaiman als Kind einige Bücher mit richtigen Nacherzählungen der übertragenen Verse und Lieder der Edda, und seitdem hat ihn die Faszination der Asen nie losgelassen. Mit dem Buch Nordische Mythen und Sagen, dessen schön aufgemachte deutsche Ausgabe (was für ein Cover!) nur wenige Wochen nach dem englischsprachigen Original in der Übersetzung von André Mumot bei Eichborn erschienen ist, erfüllt sich Gaiman einen Traum und präsentiert nun eine eigene Neuerzählung seiner liebsten Legenden aus Asgard und den magischen, sagenhaften neun Welten.

Der Bestseller-Autor erzählt vom Anbeginn der Schöpfung, dem weisen Odin, dem aufbrausenden, nicht besonders hellen Thor mit seinem Hammer und seinem Streitwagen, dem listigen Trickster und gestaltwandelnden Unruhestifter Loki, dem schönen Balder, dem Fenriswolf, der Midgardschlange, mächtigen Riesen und geschickten Zwergen. Göttliche Schelmenstücke wechseln sich mit Geschichten voller Hinterlist, Heimtücke und Verrat ab, und schließlich stehen die apokalyptischen letzten Tage der Ragnarök an – und ein Neunanfang der zerstörten Welt sowie der untergegangenen Götter. In einem Interview mit dem „Guardian“ gab der in 1960 in England geborene, seit Langem in den USA lebende Gaiman kürzlich zu, dass es gegen Ende seiner langjährigen Arbeit am Buch fast unmöglich war, angesichts des gegenwärtigen Geschehens in der Welt keine Vergleiche zum politischen Zeitgeschehen zu ziehen: Zum Brexit und zu Donald Trumps Wahlsieg als eine Art Ragnarök, jedoch mit dem optimistischen Wissen um einen unausweichlichen Neustart im Anschluss. Denn jedem noch so schlimmen Ende folgt nach der letzten Schlacht ein neuer Anfang.

Respektvoller Superstar

Allzu sehr sollte man Gaimans Nordische Mythen und Sagen letztlich dann aber doch nicht politisieren und kontextualisieren. Immerhin hat der vielfach preisgekrönte Mr. Gaiman, dessen jüngster Sohn Anthony 2015 geboren wurde und der die vorliegende Nacherzählung seinem im Oktober 2016 zur Welt gekommenen Enkel Everett gewidmet hat, das Buch auch für junge Leser geschrieben, um einer weiteren Generation die Chance zu geben, das betagte epische Material zu entdecken, das noch immer so viel Einfluss auf die moderne Fantastik hat. Für dieses Ziel hat Gaiman, dessen Respekt gegenüber den Geschichten und ihrem Bezugsrahmen deutlich zu spüren ist, sogar viel von seiner üblichen Erzählmagie und seinem sonst so außergewöhnlich schönen Schreibstil geopfert, derweil er das von Haus aus verfälschte und interpretierte Quellmaterial aus der Überlieferung in klare Prosa kleidete und sich höchstens bei den Dialogen ein paar Freiheiten herausnahm, sonst allerdings nichts hinzudichtete. Das macht „Nordische Mythen und Sagen“ zu einer ordentlichen Nacherzählung von sechzehn typischen Sagen über die Asen, aber zu einem eher harmlosen und etwas enttäuschenden Werk für glühende Gaiman-Verehrer. Vielleicht sollte man als solcher nach der Lektüre einfach losziehen, mal wieder seine liebsten Gaiman-Werke aus dem Regal ziehen oder auf den E-Reader oder den iPad laden, und sich mit einem geschärften Blick für die eine oder andere Asen-Referenz in Gaimans Erzählungen auf göttliche Spurensuche begeben ...

Der geniale schottische Cartoonist Tom Gauld hat sich in einem seiner unverkennbaren Comic-Strips in der Zwischenzeit schon mal Gedanken darüber gemacht, wie Neil Gaimans Buch-Tour zu „Nordische Mythen und Sagen“ aussehen könnte, wenn Odin den Fantastik-Superstar begleitet. Nehmt euch in acht, ihr Trolle.

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