Die geheimen Schätze der Phantastik: Der Kinderdieb

KOLUMNE

Die geheimen Schätze der Phantastik: Pans dunkle Seite: Der Kinderdieb von Brom


James Matthew Barries „Peter Pan“ ist eine der Geschichten, die praktisch jeder kennt, obwohl die meisten wahrscheinlich nicht das Original gelesen haben. Das kann man ruhig zuzugeben. Wirklich. Angeblich kann ein Mensch zwischen vier- und fünftausend Bücher in seinem Leben lesen, und nicht jeder möchte die Hälfte seiner begrenzten Lesezeit darauf verwenden, sich durch den Kanon der Weltliteratur zu arbeiten, nur um mitreden zu können. Vor allem wenn man zu „Peter Pan“ ja schon die Disneyverfilmung gesehen hat. Und „Hook“. Und den neuen Film von 2015. Ihr wisst schon ...

Brom allerdings, seines Zeichens Künstler und Autor von „Der Kinderdieb“, der nur unter seinem Nachnamen veröffentlicht, hat sich tatsächlich mit dem Original beschäftigt. Dabei ist ihm etwas aufgefallen, das man zugegebenermaßen aus dem Studium der Disneyverfilmung nicht mitnehmen kann: Peter Pan und seine Welt sind vielleicht gar nicht so nett, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

„Die Anzahl der Jungen auf der Insel variiert natürlich, je nachdem, wie viele getötet werden und derlei“, heißt es in James Matthew Barries Roman, der ursprünglich 1911 unter dem Titel „Peter Pan und Wendy“ erschienen ist. „Und wenn sie den Eindruck machen, dass sie erwachsen werden, was gegen die Regeln verstößt, dünnt Peter sie aus.“

Dieser freundlich klingende Abschnitt hat Brom inspiriert. Was hat das zu bedeuten, Peter Pan „dünnt sie aus“? Was geschieht mit den verlorenen Jungs, die erwachsen werden? In „Der Kinderdieb“ versucht Brom, eine Antwort auf diese Fragen zu finden. Er möchte die Grausamkeit von Peter Pans Welt zeigen, die er hinter der fröhlichen Fassade aufblitzen sieht.

Doch damit nicht genug. „Der Kinderdieb“ vereint neben Barries „Peter Pan“ auch die Einflüsse vieler Märchen, Mythen und Sagen in sich. Der Roman ist keine Nacherzählung einer bereits bekannten Geschichte, sondern er nimmt eine berühmte literarische Figur und rückt sie in ein völlig neues Licht.

Der eigentliche Protagonist der Geschichte ist außerdem gar nicht Peter, sondern der New Yorker Junge Nick, der von Zuhause ausgerissen ist, weil seine Mutter sich eine Bande jugendlicher Krimineller ins Haus geholt hat und er es dort nicht mehr aushält.

Peter bringt Nick in das sterbende Avalon, wie Nimmerland in dieser Version heißt. Die sogenannten Fleischfresser bedrohen die magische Insel, roden die Wälder und töten ihre Bewohner. Diese sind untereinander zerstritten und haben der Gefahr wenig entgegenzusetzen. Nur die von Peter angeführte Gruppe wilder Kinder, die Teufel, stellen sich den Fleischfressern entgegen, um zu verhindern, dass sie ins Herz der Insel vordringen. Der Kampf fordert hohe Verluste, so dass Peter ständig in die Welt der Menschen zurückkehren muss, um die Reihen der Kinder neu zu füllen.

Während Nick sich in der gefahrvollen Welt Avalons zurechtfinden muss, erfährt der Leser immer mehr über Peters Vergangenheit und darüber, wie er letztendlich zum Kinderdieb wurde.

Im ersten Moment wirkt „Der Kinderdieb“ damit trotz allem wie eine recht typische Fantasy-Geschichte. Ein Jugendlicher gelangt in eine phantastische Welt, die vor bösen Wesenheiten gerettet werden muss. Was macht der Roman also in dieser Kolumne? Nun, die Dinge sind nicht so einfach, wie sie scheinen. Mit der Zeit wird immer unsicherer, ob es überhaupt eine gute Seite in diesem Konflikt gibt. Bereits recht früh im Roman wird deutlich, dass Peters Tun mehr als fragwürdig ist. Er entführt Kinder, damit sie für ihn kämpfen und sterben. Und wenn man einmal auf Avalon ist, kommt man nicht mehr so einfach weg.

Der Konflikt zwischen den Fleischfressern und den Bewohnern Avalons wirkt zudem immer sinnloser, je mehr man über seine Hintergründe erfährt. Was zu Beginn wie ein heldenhafter Kampf zur Rettung einer Insel voller Magie und Wunder erscheint, wird schnell zu einem Kampf ums Überleben für Nick und die anderen Kinder, in dem die Frage nach Gut oder Böse zunehmend unwichtig wird. Praktisch wie im echten Krieg geht es mehr darum, den nächsten Tag zu überstehen, als darum, ruhm- und ehrenvoll für irgendeine Sache in den Kampf zu ziehen.

Dafür, dass „Der Kinderdieb“ als All-Age-Roman verkauft wurde, ist er außerdem eine ausnehmend brutale und blutige Angelegenheit und für schwache Nerven eher nicht geeignet. Wer aber gerne mal „Peter Pan“ im Stil von „Game of Thrones“ lesen wollte, ist hier dafür genau richtig.



Es gibt Bücher, die lassen sich leicht in eine Schublade stecken. High Fantasy, Military Science Fiction, Steampunk. Jedem Werk sein Label, mit dem man es leicht erfassen und erklären kann. Und dann gibt es Bücher, die sind einfach irgendwie ... seltsam. Aber dafür mögen wir sie umso mehr. Es wird nur schwierig, wenn man versucht, sie anderen Leuten zu erklären. Andrea Bottlinger wagt den Versuch.

 

 

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