Nnedi Okofaror - Lagune

© Greg Ruth

KOLUMNE

Die geheimen Schätze der Phantastik: Lagune von Nnedi Okorafor


Warum landen die Aliens eigentlich immer in Amerika? Diese Frage hat sich der eine oder andere vielleicht schon beim Schauen entsprechender Filme und Lesen entsprechender Bücher gestellt. Nnedi Okorafor ging es da nicht anders. Zwar ist sie in Amerika geboren und aufgewachsen, aber ihre Familie hat Wurzeln in Nigeria, und sie war seit ihrer Kindheit immer wieder dort. Besonders verbunden fühlt sie sich zur Hauptstadt Lagos. Und genau hier lässt sie in ihrem Roman „Lagune“ deshalb auch Außerirdische den ersten Kontakt zur Menschheit herstellen.

Gut und schön, aber Aliens, die auf der Erde landen, sind nun wirklich nichts Neues. Ob das nun in New York oder in Lagos passiert, so groß sollte der Unterschied ja nicht sein. Immerhin sind Menschen halt Menschen und große Städte halt große Städte.

Stimmt. Zuerst scheint die Geschichte auch ihren gewohnten Gang zu gehen. Drei sehr unterschiedliche Menschen sind diejenigen, die als Erste in Kontakt mit den Außerirdischen kommen: Die Meeresbiologin Adoara, der Soldat Agu und der ghanaische Rapper Anthony De Craze.

Aber Moment ... genau genommen sind diese drei nicht die ersten Erdenbewohner, die den Außerirdischen begegnen. Diese parken ihr Raumschiff nämlich in der Bucht vor Lagos, säubern erst mal das Wasser und erfüllen diverse weitere Wünsche der örtlichen Fische. Daher ist das erste Kapitel auch aus der Sicht eines Schwertfisches geschrieben, der sich wünscht, stark genug zu sein, um eine Ölpipeline zerstören zu können. Seltsam und faszinierend zugleich.

Und so geht es auch weiter. Zum einen gibt es immer wieder altvertraute Storyelemente. Die drei Hauptprotagonisten treffen auf die Botschafterin der Außerirdischen, Ayodele, die nach Belieben ihre Gestalt verändern kann. Von da an ist es ihr Ziel, einen möglichst friedlichen Erstkontakt herzustellen, denn alles, was die Außerirdischen wollen, ist, in Frieden mit den Menschen auf der Erde zu leben. Das läuft natürlich nicht ganz so wie geplant. Verschiedene Gruppierungen glauben, die Außerirdischen zu ihrem eigenen Vorteil nutzen zu können, der nigerianische Präsident ist gerade todkrank und zur Behandlung in Saudi Arabien; der Rest der Regierung ist wahlweise überfordert oder korrupt. Es gibt Panik in den Straßen, Leute, die davon überzeugt sind, dass die Welt endet, und Leute, die die Gelegenheit nutzen, um zu plündern. Das alles läuft hier und dort ein wenig anders, als man es von amerikanischen Geschichten kennt, und es ist recht interessant, die kulturellen Unterschiede in den Reaktionen auf die Außerirdischen zu sehen. Aber letztendlich bewegt man sich hier auf vertrautem Terrain, und allein durch den ungewöhnlichen Schauplatz wäre der Roman sicher nicht so faszinierend geworden, wie er ist.

Aber dazwischen gibt es auch alte, afrikanische Götter, Straßen, die Menschen fressen, Superkräfte, und Kapitel aus der Sicht einer Spinne oder einer Fledermaus. Nach und nach entdeckt man, dass die Aliens eigentlich das am wenigsten Seltsame in diesem Roman sind. Und dass viele der Dinge, die man ihnen am Anfang zuschreiben möchte, rein irdischen Ursprungs sind.

Denn letztendlich sind das größte Problem in „Lagune“ die Menschen mit ihrer Angst vor Veränderungen und vor dem Unbekannten, und ihrer Gier. Wo man in den amerikanischen Filmen immer irgendwann den Kampf gegen die Eindringlinge hat, müssen sich die Helden schließlich mit den Fischen herumschlagen, denn die haben nichts mehr für die Menschen übrig, nachdem sie über Jahrzehnte hinweg den Lebensraum der Meeresbewohner zerstört haben. Daher haben sie sich etwas von den gutgewillten Außerirdischen gewünscht – und bekommen: Tentakel und deutlich mehr Zähne.

Auf diese Art zeichnet Nnedi Okorafor nicht nur ein Bild von Lagos, sondern von der gesamten Menschheit und macht aus einem Erstkontakt-Roman deutlich mehr als das.



 

Es gibt Bücher, die lassen sich leicht in eine Schublade stecken. High Fantasy, Military Science Fiction, Steampunk. Jedem Werk sein Label, mit dem man es leicht erfassen und erklären kann. Und dann gibt es Bücher, die sind einfach irgendwie ... seltsam. Aber dafür mögen wir sie umso mehr. Es wird nur schwierig, wenn man versucht, sie anderen Leuten zu erklären. Andrea Bottlinger wagt den Versuch.

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