Buch Rezension: Superforecasting: Die Kunst der richtigen Prognose

ESSAY

Igel, Füchse, Dart spielende Affen und Superforecaster


Ist es möglich, in die Zukunft zu blicken? Einige Gedanken zu dem Sachbuch Superforecasting. Die Kunst der richtigen Prognose von Philip E. Tetlock und Dan Gardner:

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Vorhersagen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen, soll einst Mark Twain ironisch bemerkt haben. Philip E. Tetlock und sein Koautor Dan Gardner stellen sich dieser Schwierigkeit. Damit unterscheiden sie sich von manchen Zukunftsforschern, die gern behaupten, dass man die Zukunft nicht vorhersagen kann, dann drei, vier oder fünf Szenarien aus der Tasche ziehen und sich am Ende freuen, wenn ein bisschen von diesem, ein bisschen von jenem eingetroffen ist. Das geht besser, meinen die Autoren, aber es bedarf schon einiger Anstrengungen.

Allerdings muss gleich vorausgeschickt werden, dass all diejenigen enttäuscht werden, die in Superforecasting neue Voraussagen zu intelligenten Häusern, zur Besiedelung des Mars oder zu Katastrophen durch den Klimawandel erwarten. Tetlock und Gardner behandeln nicht »Die Zukunft« in Großbuchstaben, die wundervollen oder verheerenden Perspektiven der Technik. Sie geben keine Vorhersagen darüber ab, ob in zwanzig, dreißig Jahren Künstliche Intelligenzen uns Menschen übertreffen werden oder ob dann alle Autos nur noch elektrisch fahren. Sie befassen sich mit kurzfristigeren, überprüfbaren Prognosen aus den Bereichen von Politik und Wirtschaft – also mit Feldern, in denen Politiker und Unternehmensführer tagtäglich Vorhersagen darüber benötigen, wie sich etwa in den nächsten fünf Jahren der Ölpreis entwickeln wird, ob wir in einen neuen Kalten Krieg hineinschlittern werden und mit welchen Migrationsströmen wir zu rechnen haben. Das sind meist wenig visionäre, aber dafür desto dringlichere Fragen, bei denen ein bloßes Herumstochern im Nebel wenig hilft.

Vor allem setzen sich Tetlock und Gardner mit jenen Experten auseinander, die man häufig – allzu häufig! – in Talkshows trifft und die im Brustton der Überzeugung ihre unwandelbare Position vertreten. Oft beraten diese Experten auch Regierungskreise oder Unternehmen. Nimmt man sie in die Zange und versucht man sie festzunageln, flüchten sie in allgemeine Formulierungen: Es besteht die reale Gefahr, dass Nordkorea bald über Atombomben und Interkontinentalraketen verfügt. Unternehmen xyz wird seine Produktpalette über kurz oder lang an die veränderte Marktsituation anpassen müssen…

Ein Experte, der sich auf diese Art von Aussagen zurückzieht, ist in jedem Falle fein heraus. Realisiert sich das, was er als Möglichkeit angedeutet hat, kann er sich auf die Brust schlagen: Ich hab‘s ja gesagt. Realisiert es sich nicht, ist das auch kein Schaden, denn er hat ja nur von einer Chance oder einem Risiko gesprochen, und das hat sich eben bis jetzt noch nicht realisiert. – Tetlock und Gardner sind der Überzeugung, dass klarere Aussagen möglich sind. Man kann, so ihre Grundthese, in vielen Fällen genauere Prognosen abgeben und beispielsweise sagen, es steht 60:40 oder 70:30 oder es ist fast sicher: 90%.

Philip E. Tetlock, Professor für Psychologe und Politikwissenschaft, befasst sich seit den späten 1980er Jahren mit Vorhersagen von Fachleuten. Ursprünglich wollte er ermitteln, welche Art von Experten die besseren Prognostiker sind. Schneiden vielleicht konservative Denker besser ab als liberale? Hängt es also von der politischen Richtung ab? Oder vom Alter und der Erfahrung, vielleicht von der Ausbildung, der Fachrichtung? Oder vom Geschlecht?

Als versierter Empiriker sammelte Tetlock überprüfbare, prägnante und klar datierte Zukunftsaussagen, nicht dieses Wischi-Waschi-Zeugs wie »In den nächsten Jahren verschärfen sich die sozialen Konflikte«. – Denn woran hätte er am Ende der Zeitraums (und welches Zeitraums überhaupt?) messen können, ob der Experte Recht hatte?

An einer einzelnen Vorhersage kann man nichts festmachen, man braucht Hunderte, um die Qualität eines Experten zu messen. Denn auch ein Dart spielender Affe trifft ab und zu ins Schwarze. Nicht jeder Treffer ist auf große Weitsicht zurückzuführen und nicht jede Fehlprognose auf Dussligkeit. Der Zufall, die ewig junge Fortuna hat ihre Hand im Spiel. Es ist wie beim Wetterbericht: Dass der Sonnenschein morgen ausfällt, kann schon einmal passieren – wir schauen trotzdem immer wieder auf die Wetterkarte, weil die Vorhersagen in der Regel brauchbar sind. Am Ende hatte Tetlock weit über zehntausend Vorhersagen gesammelt, eine wilde Mischung von genialen Treffern, ungefähr richtigen Vorhersagen und absoluten Querschlägern.

Das Ergebnis seiner Analysen war ernüchternd: Manche Experten waren wirklich nicht besser als Dart spielende Affen, die manchmal ins Schwarze treffen, meist aber nicht. Und weder die Mitarbeiter konservativer Denkfabriken, noch liberale Universitätsprofessoren, weder in die Beratung abgewanderte Naturwissenschaftler, noch junge, unverbrauchte Nachwuchskräfte hatten das Anrecht auf treffsichere Vorhersagen gepachtet. Der einzige Zusammenhang, den Tetlock fand, war der zum Denkstil.

Die eine Sorte Experten weiß immer genau, was wie einzuordnen ist. Ihr Denkstil kennt kein Wenn und Aber. Diese Experten haben ihre Theorie, wie die Welt funktioniert, und sie sind felsenfest von diesem großartigen und fundamentalen Gedankengebäude überzeugt. Wenn dann ein Fakt auftaucht, der dieser Theorie widerspricht – nein, zu widersprechen scheint! –, desto schlimmer für den Fakt. Er ist entweder nicht so wichtig oder nur ein Ausreißer, Ergebnis sehr spezieller Umstände, oder er muss ohnehin ganz anders interpretiert werden. Ich lasse mir doch durch ein paar dahergelaufene Fakten meine gute Theorie nicht zerschießen!

Tetlock nennt diesen Typus Experten »Igel«. Diese Bezeichnung hat er von Archilochus übernommen, einem antiken Fabeldichter, der im siebten Jahrhundert vor unserer Zeit lebte. »Der Fuchs kennt viele Tricks«, hatte Archilochus geschrieben, »der Igel nur einen. Den guten.« Damit sind die Experten gemeint, die sich in ihren Überzeugungen einigeln.

Die »Füchse« sind also die andere Sorte von Experten. Sie sind nicht so sicher in ihren Aussagen, sie verweisen gern auf weitere Zusammenhänge, kennen die Wenns und die Abers, und ab und zu, wenn eine neue Tatsache auftaucht, ändern sie ihre Meinung und gestehen dies sogar ein. Sie wägen ab und schätzen ein, berücksichtigen dies und berücksichtigen jenes und kommen endlich zu einem provisorischen Schluss, den sie gegebenenfalls auch revidieren.

Tetlock fand heraus, dass die Füchse in der Regel die treffsichereren Prognostiker sind. Aber für Talkshows und öffentliche Debatten sind sie nicht zu gebrauchen! Sie neigen zu verklausulierten Aussagen und haben seit ihrem jüngsten Buch womöglich schon wieder einen anderen Standpunkt. Welcher Talk-Master wird sie dann noch einladen! – Für mich als gelegentlichen Zuschauer bedeutet das ganz praktisch: Je selbstsicherer ein Mensch in den Medien auftritt, je tiefer der Brustton der Überzeugung – desto weniger darf ich seinen Vorhersagen trauen … Auch in den Vorstandsetagen von Unternehmen sollen vor allem stachelbewehrte Igel ihre Kämpfe austragen.

Wie aber denken die »Füchse«? Muss man einfach nur möglichst viele Nachrichten in sich hineinsaugen und seine Meinung, abhängig von den gerade jüngsten Informationen, sozusagen im Zickzack anpassen? Oder gibt es ein Geheimrezept für »Die Kunst der richtigen Prognose«, wie der Untertitel des Buchs lautet?

Wo andere vielleicht mit den Schultern gezuckt und sich einem neuen Forschungsthema zugewandt hätten, wagte Tetlock ein Experiment. Er rief Menschen auf, sich einer Art Prognose-Wettbewerb zu stellen. Egal, ob man als Stahlarbeiter schon vor Jahren seinen Job verloren hatte oder als Mitarbeiterin in einer Behörde Formulare ausfüllte, jedermann war aufgerufen, sich zu beteiligen. Tetlock stellte Prognosefragen ins Netz und lud die Leute ein, ihre Vorhersagen dazu abzugeben. Wird Serbien bis zu einem bestimmten Stichtag die Aufnahme in die EU beantragen? Wird der Goldpreis in London bis Jahresende über 1500 Dollar steigen? Werden die Untersuchungen ergeben, dass Jassir Arafat durch Polonium vergiftet wurde? Über die Jahre kamen so Tausende von Fragen und Abertausende von Antworten zusammen, so dass Tetlock analysieren konnte, ob jemand einfach nur ein paar Mal Glück gehabt hatte oder über einen längeren Zeitraum systematisch besser abschnitt als die anderen.

Tetlock konnte feststellen, dass Superforecaster kein spezifisches Vorwissen benötigen – und schon gar kein Geheimwissen, wie es die Nachrichtendienste zusammentragen. Sie sind kluge Zeitgenossen, die bereit sind, Zeit zu investieren, sie haben aber nicht unbedingt einen überragenden IQ. An die vielfältigen Fragestellungen gehen sie stets unvoreingenommen heran. Vor allem sind sie weniger anfällig für die üblichen Denkfehler, etwa dass man eine schwierige Frage durch eine ähnliche Frage ersetzt, die sich viel leichter beantworten lässt – aber meist keine brauchbare Antwort für die Ausgangsfrage liefert. Statt »Habe ich Krebs?« fragt man: »Denkt mein Hausarzt, dass ich Krebs habe?«

Superforecaster zerlegen eine vertrackte Frage in nicht ganz so vertrackte Teilaspekte. Sie sammeln Argumente für jede der Teilfragen und ziehen zum Schluss ein Fazit. Wenn sich bei den Teilaspekten Neues ergibt, revidieren sie gegebenenfalls ihre Schlussfolgerungen. Außerdem verstehen sie es, mit Zeithorizonten zu operieren. Wenn die Wahrscheinlichkeit für einen politischen Umsturz bis zum Jahr 2020 etwa 50:50 steht, dann kann es bis 2030 nicht auch 50:50 sein, die Wahrscheinlichkeit sollte dann etwas höher liegen.

Von Kapitel zu Kapitel demonstrieren Tetlock und Gardner die Denkweise der Superforecaster an immer neuen Beispielen. Und sie verdeutlichen das umsichtige und schrittweise Vorgehen der besten Vorhersagespezialisten durch Interviews, die sie mit ihnen geführt haben.

Einen theoretischen Unterbau liefern die Untersuchungen des Kognitionsforsches Daniel Kahnemann, der auch in Deutschland durch sein Buch Schnelles Denken, langsames Denken bekannt geworden ist. Kahnemann unterscheidet zwei Operationsweisen unseres Gehirns. Da ist zum ersten »System 1«, das schnelle Denken. Es umfasst intuitive Urteile, die in Sekundenbruchteilen getroffen werden. Ein Lebewesen wie den Mensch, der in Vorzeiten im Dschungel oder der Savanne ständig Gefahren ausgesetzt war, ist von der Evolution auf blitzschnelles Reagieren getrimmt worden. Hat man den Eindruck, dass einen aus dem Busch heraus zwei Augen anstarren, bleibt keine Zeit zum Reflektieren, ob das wohl ein Löwe sein könnte oder nicht. Ab und zu die Beine umsonst in die Hand zu nehmen, ist auf jeden Fall besser, als aufgefressen zu werden. »System 2« dagegen bezeichnet das langsame Denken, rationales, bedächtiges Überlegen. Hier sammeln wir Argumente und wiegen sie ab, ehe wir zu einer Entscheidung kommen.

Im Alltag werden Vorhersagen auch ohne akute Lebensgefahr oft genug aus dem Bauch heraus nach System 1 abgegeben: »Ich denke schon, dass die Mannschaft in Blauweiß gewinnt.« Superforecaster aber sind Meister des Systems 2. Meist beginnen sie mit dem, was Kahnemann die Außensicht nennt: Gibt es Vergleichsfälle? Eine Statistik? Wer hat unter welchen Umständen wie oft gewonnen? Und sie verfeinern dann diese durch die Innensicht: Was sind spezifische Umstände? Wie gut ist der Trainingsstand? Gibt es Ausfälle von Spielern? Dabei wissen sie sehr genau zwischen wirklich relevanten Informationen und Nebensächlichkeiten (etwa, dass die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt wurden) zu unterscheiden. Und sie legen sich auf konkrete Wahrscheinlichkeiten fest: 70 zu 30 für Blauweiß. Vor allem aber zeichnen sich Superforecaster dadurch aus, dass sie aus den Prognosen lernen, die sie früher einmal abgegeben haben. Was wiederum voraussetzt, dass sie in der Rückschau ihre Leistungen nicht verklären. Na ja, ich hab es doch fast getroffen …

Wenn Superforecaster in Teams zusammenarbeiten, sich austauschen, ihre Argumente und Schlussweisen gegenseitig kritisieren, können sie noch bessere Ergebnisse erzielen. Schon einzeln übertreffen sie die sogenannten Vorhersagemärkte, Wettbörsen auf Zukunftsaussagen. Im Team sind sie deutlich überlegen. Aber wie garantiert man auf Dauer die gute Vorhersagequalität? Tetlocks Projekt ist nicht abgeschlossen. Wir können auf weitere Ergebnisse gespannt sein.

Superforecasting ist locker und eingängig geschrieben. Zahlreiche anschauliche Beispiele, Anekdoten und persönliche Beobachtungen untermauern die Argumentation. Tetlock ist Wissenschaftler, Empiriker. Er hat zahlreiche Forschungsprojekte zur Vorhersagefähigkeit durchgeführt. Diese gründliche, umfassende Basis scheint immer wieder durch, sie führt aber an keiner Stelle zu umständlichen Erklärungen.

Ich hätte mir lediglich gewünscht, dass Tetlock und Gardner sich auch einmal den Wust der Technologieprognosen vorgeknöpft hätten, die seit Jahrzehnten kursieren. Etwa die Vision, dass uns Künstliche Intelligenzen bald übertreffen werden. Nach Ray Kurzweil, Chef-Innovator von Google, sollten die KI etwa um 2035 bereit sein, die Weltherrschaft zu übernehmen. Und der britische Zukunftsforscher Ian Pearson, ehemals Chef-Futurologe der Britischen Telecom, hat Mitte der 1990er vorhergesagt, dass schon 2006 Feuerwehrroboter Menschen aus brennenden Gebäuden retten würden. Hier läge doch ein reiches Betätigungsfeld für Prognosefehler-Forscher und Superforecaster …

Vielleicht kann man die Zurückhaltung, die Tetlock und Gardner auf diesem Gebiet üben, damit erklären, dass eine Beurteilung solcher Vorhersagen sehr schwierig ist: Sie sind oft sehr, sehr unscharf formuliert, häufig noch unschärfer als die Prognosen von Wirtschaftsexperten in einer Talkshow: Was heißt es konkret, dass uns KIs intellektuell übertreffen? Nicht selten fehlt auch ein klarer Zeithorizont. Oder die Realisierungszeit liegt so weit in der Zukunft, dass eine nachträgliche Beurteilung sowieso illusorisch ist.

Im Anhang formulieren die Autoren »Die zehn Gebote der guten Prognose«. Hat man das Buch richtig gelesen, hören sie sich fast schon trivial an:

  • Zerlege ein schwieriges Problem in leichtere Teilprobleme
  • Finde die richtige Mischung aus Unter- und Überbewertung von Argumenten
  • Korrigiere deine Vorhersagen in kleinen Schritten
  • Finde das richtige Gleichgewicht von Außen- und Innensicht
  • Suche nach den Ursachen deiner Fehlprognosen

Regeln wie diese können uns auch bei Alltagsentscheidungen zu einem klareren Denken und besserem Entscheiden verhelfen. Aber bekanntlich steckt der Teufel im Detail, in der Informationssuche, im Abwägen und in der Bereitschaft, sich zu korrigieren. Doch den Schwierigkeiten steht die positive Botschaft gegenüber, dass man die eigene prophetische Kompetenz durchaus trainieren kann.


Philip E. Tetlock & Dan Gardner: Superforecasting. Die Kunst der richtigen Prognose (Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag, 2016)

 

© 2017 by Karlheinz Steinmüller
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Alle Rechte vorbehalten

 

 

Karlheinz Steinmüller, Jahrgang 1950, Diplomphysiker und promovierter Philosoph, ist Gründungsgesellschafter und Wissenschaftlicher Direktor der Z_punkt GmbH The Foresight Company Köln. Derzeit beschäftigt er sich, im Auftrag von namhaften deutschen und europäischen Unternehmen und von öffentlichen Auftraggebern, schwerpunktmäßig mit Zukunftsstudien. In der Regel stehen bei den Studien Zukunftstechnologien und sozio-kulturelle Umfeldtrends im Zentrum.

Seit 1979 hat sich K. Steinmüller teils haupt-, teils nebenberuflich der Science Fiction verschrieben und zumeist gemeinsam mit seiner Frau Angela zahlreiche SF-Bücher publiziert. Er hat sich daneben u. a. mit dem Nutzen der Science Fiction für die Zukunftsforschung, mit Grundlagen- und Methodenfragen der Zukunftsforschung – speziell »Wild Cards«, überraschenden Störereignissen – sowie mit der Geschichte des Zukunftsdenkens befasst. Außerdem hält er seit einigen Jahren an der Freien Universität Berlin im Rahmen des Masterkurses Zukunftsforschung Vorlesungen.

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