Die geheimen Schätze der Phantastik: Spektrum von Sergej Lukianenko

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KOLUMNE

Die geheimen Schätze der Phantastik: Spektrum von Sergej Lukianenko


Könnt ihr gute Geschichten erzählen? Wenn ja, dürfte euch dieser sehr besondere Science-Fiction-Roman von Sergej Lukianenko gefallen.

Sergej Lukianenko ist am besten bekannt für seine Wächter-Tetralogie, die große Urban-Fantasy-Saga, deren ersten beide Bände 2004 und 2006 verfilmt wurden. Doch neben diesem Fantasy-Erfolg hat er zudem nicht wenige Science-Fiction-Romane geschrieben. Darunter Spektrum, ein Roman, in dem eine außerirdische Spezies der Menschheit ein galaxisweites Netzwerk aus Sternentoren zur Verfügung gestellt hat, das man aber nur benutzen kann, wenn man den besagten Außerirdischen, genannt Schließer, eine Geschichte erzählt, die ihnen gefällt. Klingt seltsam? Deshalb sind wir ja hier.

Der Protagonist Martin ist einer von den Leuten, die ein Talent dafür haben, sich Geschichten auszudenken, die den Schließern zusagen. Das prädestiniert ihn für den Job eines interstellaren Privatdetektivs und Kuriers, da er sich viel freier durch das Netzwerk bewegen kann, als es vielen anderen Leuten vergönnt ist. Sein neuester Auftrag besteht darin, die junge Irina Poluschkina aufzuspüren, die von zu Hause weggelaufen ist. Doch was zuerst wie eine einfache Aufgabe klingt, wird schnell komplizierter. Denn als er sie findet, stirbt Irina. Und als er einem Hinweis folgt, den sie ihm kurz vor ihrem Tod gibt, spürt er sie erneut auf einem anderen Planeten auf.

Irina ist in mehreren Inkarnationen einer interessanten Sache auf der Spur. Sie will die geheimnisvollen Obelisken auf dem Planeten Bibliothek entschlüsseln, die eventuell Auskunft über die Herkunft der Schließer und der Tore geben. Martin spürt sie auf sieben verschiedenen Planeten auf, nur um sie jedes Mal sterben zu sehen, kommt dabei aber auch dem Geheimnis Stück für Stück näher.

Jeder, der auch nur einen einzigen Roman von Sergej Lukianenko gelesen hat, kennt ihn wahrscheinlich als einen Autor, der sich nicht einfach damit zufrieden gibt, eine spannende Geschichte zu schreiben. Nein, Sergej Lukianenko philosophiert, und zwar gerne und ausgiebig (und oft während seine Figuren größere Mengen Wodka trinken). Die seltenen weniger begeisterten Rezensionen zu seinen Werken können darüber eine Lied singen, denn die lesen sich oft so: „Das Buch ist schrecklich langweilig! Es passiert sehr wenig. Dafür lässt sich der Autor in pseudophilosophischen Ergüssen über den Zustand der Welt aus“, schreibt jemand auf Amazon über Wächter der Nacht.

Und zu Spektrum selbst verkündet eine 2-Sterne-Rezension: „Sowohl die Geschichten, mit denen Martin seine Passagen erkauft, als auch die Dialoge (wie leider auch Monologe) und auch die (Gesamt-)Geschichte driftet mir viiiiiel zu viel in irgendwelche existentielle Fragestellungen ab, die mich absolut nicht interessiert haben.“

Ihr seid also gewarnt. Wer möchte, hat jetzt einen Augenblick, um diesen Artikel wegzuklicken und schnell irgendeinen Michael-Bay-Film angucken zu gehen.

Für den Fall, dass einen existentielle Fragestellungen aber doch ein wenig interessieren, kann man sich auf eine interessante Reise gefasst machen. Jeder der Planeten, die Martin besucht, wirft eine neue Frage dieser Art auf. Da sind zum Beispiel die Aranker, die es sehr seltsam finden, dass alle anderen intelligenten Spezies im Universum sich über den Sinn des Lebens den Kopf zerbrechen. Sie selbst kämen nie auf die Idee, darüber nachzugrübeln. Oder die Schealier, die beim Erwachsenwerden ihren Verstand aufgeben und nur noch auf der Basis von Verhaltensmustern funktionieren, die sie in ihrer Kindheit erlernt haben. Oder auch die Dio-Daos, die maximal sechs Monate leben und dann ihr komplettes Gedächtnis an ihre Nachkommen vererben.

Während in so vielen Science-Fiction-Roman und Filmen Außerirdische vor allem seltsam aussehen, sich aber sehr menschlich verhalten, geht es in Spektrum explizit darum, inwiefern sich die Außerirdischen in ihrer Denk- und Lebensweise von den Menschen unterscheiden und was das über uns Menschen aussagt.

Und dann ist da noch Irinas Geheimnis, das sich letztendlich als ein Weg entpuppt, in einen gottgleichen Zustand aufzusteigen. Aber es wäre nicht Lukianenko, wenn Martin diesen Weg einfach gehen und damit zufrieden sein würde. Stattdessen driftet das Ende des Romans endgültig ins Philosophische ab und stellt die Frage, ob man das eigentlich wirklich will. Ein Gott zu sein. 

 

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Es gibt Bücher, die lassen sich leicht in eine Schublade stecken. High Fantasy, Military Science Fiction, Steampunk. Jedem Werk sein Label, mit dem man es leicht erfassen und erklären kann. Und dann gibt es Bücher, die sind einfach irgendwie ... seltsam. Aber dafür mögen wir sie umso mehr. Es wird nur schwierig, wenn man versucht, sie anderen Leuten zu erklären. Andrea Bottlinger wagt in ihrer Kolumne "Schätze der Phantastik" den Versuch.

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