Endlich mal ein ordentlicher Mindfuck: Quantum von David Walton

BUCH

Endlich mal ein ordentlicher Mindfuck: Quantum von David Walton


Mit Physik verhält es sich wie mit schwarzem Humor: Entweder man versteht es, oder man ist verloren. Sarah Schindler besitzt nur Letzteres und dennoch hat sie Quantum weggepustet. Immer auf der Suche nach einem spannenden Sci-Fi-Roman mit hohem Wissenschaftsanteil ist sie endlich wieder fündig geworden.


Für manche Science-Fiction-Bücher braucht man ein gewisses physikalisches Grundverständnis, um nicht völlig aus der Bahn geworfen zu werden. Oftmals fehlt genau das, und der Autor verliert den Leser, gerne auch weil der Rest nicht spannend genug ist, um trotzdem durchzuhalten. Aber David Walton schafft es durch eine spannende Geschichte, die mehr und mehr zum Mindfuck gerät, Quantum spätestens im letzten Drittel zum Pageturner werden zu lassen. Um zu verstehen, wie er das macht, muss man allerdings ganz an den Anfang der Geschichte zurückkehren:

Jacob Kelley führt ein beschauliches Leben als Physikprofessor an einer kleinen Uni und ist glücklich mit seinen drei Kindern und seiner Frau. Der Physiker hat sich zwar von der Forschung verabschiedet, aber so ganz geht man halt nie. Das lernt Jacob am eigenen Leib, als sein ehemaliger Arbeitskollege und Freund Brian Vanderhall plötzlich vor seinem Haus steht und im berichtet, dass er endlich dahintergekommen ist, wie man Parallelwelten erzeugt und sie für sich nutzt. Die sogenannten Quantenintelligenzen, nach denen die beiden jahrelang geforscht haben, sollen endlich entdeckt worden sein? Schwer zu glauben, aber Brian ist ein Mann der Tat und schießt einfach mal auf Jacobs Frau. Aber die abgefeuerte Kugel verletzt sie nicht, sondern schlägt hinter ihr ein. Wie das funktioniert? Quantenintelligenz. Nicht verstanden? Macht nichts, ich auch nicht. Ist aber auch nicht so wahnsinnig wichtig. Viel wichtiger und verwirrender ist, dass Jacob kurz darauf wegen Mordes verhaftet wird. Allerdings nicht an seiner Frau, was vielleicht noch irgendwie naheliegt, sondern an Brian.

Let the games begin

Als ob das nicht schon verwirrend genug ist, befinden wir uns nun mitten in einem Abenteuer, das die volle Aufmerksamkeit erfordert. Ohne zu viel zu verraten: Es wird noch viel, viel, vieeeeeel seltsamer und komplizierter. Aber nie zu kompliziert, denn David Walton hat immer darauf geachtet, physikalische Zusammenhänge zu erklären, ohne dabei belehrend zu sein.

Ich geb’s zu: Physik war nie meine Welt. Weder schnöde Dinge wie freier Fall oder scheinbar aufregende Themen wie Quantenmechanik habe ich je richtig verstanden – sie blieben ein Mysterium. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, packen mich Bücher, die solche Themen beinhalten und es dabei trotzdem schaffen, mich zu fesseln, ohne mich zu überfordern. Der Marsianer von Andy Weir war beispielsweise so ein Buch. Oder eben Quantum von David Walton. Obwohl jedes Kapitel mit entweder Down- oder Up-Spin (wurde erklärt) betitelt wird, ständig die Positionen und Zeitschienen gewechselt werden, sowie auch ein gewisses physikalisches Grundverständnis vorausgesetzt wird, hat es mich so gut wie nie aus der Bahn geworfen. Aber keine Angst, der fiktive Anteil überwiegt deutlich und mich interessiert nun dennoch tatsächlich, ob einiges davon theoretisch wirklich möglich ist. Interessant ist, dass der Roman als Genrebeschreibung „Science Thriller“ und trägt. Das Fiction fehlt. Allerdings handelt es sich definitiv um Fiction und zwar eine sehr schräge Variante. Denn spätestens, wenn es nicht mehr nur um Quantenintelligenzen an sich geht, sondern um – Achtung Spoiler – Schattenwesen, also Gestalten aus einer parallelen Welt, die beiden Jacobs (fragt nicht, lest das Buch), sowie seiner Familie und eigentlich allen anderen auch ans Leder wollen, wird es echt abgedreht. Manchmal fühlt man sich dabei ein wenig wie auf Droge und blättert auch gerne noch einmal ein bis zwei Seiten zurück, um sicherzugehen, dass man das gerade wirklich gelesen hat.

Dennoch schafft es der Autor irgendwie alles zusammenzuhalten und sich nicht in seinen Handlungsfäden zu verheddern. Je länger man liest und je tiefer man in die Welt der Quantenintelligenzen eintaucht, desto spannender wird es. Was mitunter auch am Protagonisten und seiner persönlichen Geschichte liegt. Denn trotz der hohen Geschwindigkeit, mit der Walton den Roman erzählt, bleibt noch genug Platz für eine glaubhafte Charakterentwicklung.

David Walton schafft, wonach ich mich ewig gesehnt habe: Ein Roman, der sich nicht lang mit Vorgeplänkel aufhält, sondern mich quasi sofort packt und (trotz einigem Physikkram) bis zum Schluss fesselt. Und das trotz oder gerade wegen zahlreicher WTF-Momenten, die aber erstaunlich leichtfüßig zwischen verschiedenen Parallelwelten oszillieren.

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