Nnedi Okofaror - Lagune

© Greg Ruth

INTERVIEW

Interview mit Hugo-Gewinnerin Nnedi Okorafor


Seit Jahren veröffentlicht die Amerikanerin Nnedi Okorafor Geschichten aus den Bereichen Fantasy und Science-Fiction, die sie mit ihren nigerianischen Wurzeln und dem Lebensgefühl im heutigen Afrika speist. Ihr ungewöhnlicher Erstkontakt-Roman Lagune, der diesen Herbst bei Cross Cult erschienen ist, stellt Okorafors überfälliges Debüt auf dem deutschsprachigen Markt dar. Im Interview spricht die 2016 frisch mit dem Hugo Award ausgezeichnete Autorin über Aliens, Rassismus, Comicsoundwords und die destruktive Macht von Religionen.

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Geek!: Hallo Nnedi. Gibt es eine Erstkontaktgeschichte, die früh einen Einfluss auf dich hatte?

OKORAFOR: Als ich aufwuchs, habe ich nicht viel Science-Fiction gelesen. Ich hatte nie das Gefühl, einen Zugang zu bekommen, denn die Erzählungen, auf die ich gestoßen bin, hatten niemals irgendwelche Figuren und ganz gewiss keine Hauptfiguren, die auch nur ansatzweise aussahen wie ich. Der erste Erstkontaktfilm, der mich beim Ansehen berührte, war E.T. – Der Außerirdische. Der einzige Erstkontaktroman, der einen nachhaltigen Effekt auf mich als Autor hatte, ist ein Roman, den die meisten gar nicht als Erstkontaktwerk lesen: Chinua Achebes Alles zerfällt.

Du hast Lagune geschrieben, weil District 9 dich wütend gemacht hat. Was genau ärgerte dich so an diesem Film?

Der Film strotzte vor weißer südafrikanischer Xenophobie, die auf Nigerianer abzielte, und das fand ich unannehmbar. Als ich damit angefangen hatte, Lagune zu schreiben, wurde es allerdings etwas Größeres als ein Ausdruck meiner Verärgerung über District 9.

Wie schwer ist es, heutzutage wirklich noch interessante und fremdartige Aliens zu erschaffen?

Überhaupt nicht schwer. Ich habe eine ziemlich große Vorstellungskraft und muss lediglich die Erde und alles jenseits davon betrachten, und die Möglichkeiten überdenken. Die sind … unendlich …

Was befremdet deine Leser gelegentlich mehr – krasse Science-Fiction-Ideen oder echte afrikanische Eigenheiten?

Ich denke nicht, dass ich meine Leser befremde, und wenn man bedenkt, dass ich Science-Fiction schreibe, die in einem Teil des zeitgenössischen, modernen Afrika spielt, ist das eine wundervolle Tatsache. Meine Leser sind mit den Science-Fiction-Elementen in meinem Roman weitgehend vertraut; das gilt nicht für die mythologischen nigerianischen Elemente, doch meines Erachtens nach mögen die Menschen das. 

Wann weißt du, dass die Menge an afrikanischer Sprache und einheimischem Slang in einer Geschichte perfekt ist?

Nichts ist perfekt. Trotzdem weiß ich, was ich in Literatur – in meiner Literatur – sehen möchte. Als ich die Passagen in Lagune verfasste, die geradeheraus in Pidgin sind, wusste ich, dass manche Leser damit Schwierigkeiten haben würden. Doch ich war zugleich der Überzeugung, dass Leser an dieser Erfahrung wachsen und danach besser als vorher dastehen würden.

Wunderst du dich manchmal, dass das Grundwissen über das heutige Afrika in unserem digitalen Zeitalter der Information oft so mangelhaft ist?

Die Verfügbarkeit von Informationen resultiert nicht zwangsweise in Weisheit. Du kannst ein Pferd zum Wasser führen, doch du kannst das Pferd nicht zum Trinken zwingen. Dazu kommt, dass die Informationen im Internet zwar einfach bereitstehen, dafür jedoch genauso viele Fehlinformationen im Umlauf sind. Man kann leicht ignoranter enden, als man begonnen hat. Darüber hinaus sind Kolonialismus und Rassismus auf der ganzen Welt gesund und munter (besonders wenn es um den afrikanischen Kontinent geht). Anders ausgedrückt, ich wundere mich kein bisschen.

In "Lagune" sagt Protagonistin Adaora, dass sie Fragen stelle, um zu verstehen – das sei nun mal, was Wissenschaftler täten. Gilt das auch für Autoren?

Sicher. Unter anderem. Doch in erster Linie möchte ich eine großartige Geschichte erzählen.

Im Roman ist Religion eine Quelle für Irritation, Korruption, Ärger und Gewalt. Wenn man sich unsere Welt gerade so betrachtet – ist Religion oder das, was sich dahinter versteckt, das größte Problem?

Ich weiß nicht, ob ich über dieses Thema in einer globalen Größenordnung spreche. Das wäre ein sehr eingeschränkter Blickwinkel. Doch meiner Meinung nach sind organisierte Religionen in Nigeria eine Macht, die das Land verkrüppelt. Sie sind der übrig gebliebene, weitergewachsene Arm des Kolonialismus. In vielerlei Hinsicht stellt die Gesamtheit religiöser Gruppen die größte der Kräfte dar, die das Land zurückhalten.

Du benutzt viele Soundwords in deiner Prosa. Bist du eine Comicleserin?

Mich beeinflussen alle Sorten Literatur, und das beinhaltet auch Comics. Manche Aspekte in Lagune sind auch von Nollywoodfilmen inspiriert. Ich sehe jede Form des Geschichtenerzählens als etwas, von dem ich Werkzeuge erhalten kann. Die „Soundwords“ sind möglicherweise also wirklich etwas, das ich von Comics gelernt, aber nichts, das ich bewusst gemacht habe.

Dieses Jahr hast du den Hugo Award für die beste Novelle gewonnen. Ohne das schmälern zu wollen: Hat der Hugo trotz des Ärgers der letzten Jahre noch dasselbe Standing wie früher, oder hat er gelitten?

In meinen Augen hat der Hugo nicht gelitten, sondern wurde tatsächlich sogar noch wertvoller und angesehener nach diesen Wachstumsschmerzen.

Die Film- und TV-Rechte von Lagune wurden im Herbst verkauft. Ist es eine gute Zeit für Adaptionen, mit all den SF-Filmen und -Serien auf Amazon und Netflix?

Amazon und Netflix haben den Rahmen für Film und Fernsehen wirklich erweitert, deshalb bin ich echt aufgeregt, was die Optionierung der Film- und TV-Rechte angeht.

Was für Hoffnungen und Ängste hast du?

Keine. Ich gehe ohne Erwartungen an diese Sache heran. Wir werden sehen, was geschieht.

Die deutschen Ausgaben deiner Bücher haben exklusive Cover von Greg Ruth. Wie gefallen sie dir?

Ich liebe die Cover, die Greg Ruth für Lagune, Das Buch des Phönix und Wer fürchtet den Tod geschaffen hat. Er hat die Seele des jeweiligen Hauptcharakters perfekt eingefangen. Sie sind wunderschön und fallen ins Auge. Ich hoffe, dass er noch mehr Cover für meine Bücher anfertigen wird.

Danke für das Interview. Willst du deinen deutschsprachigen Lesern noch etwas sagen?

Ich freue mich sehr, dass deutsche Leser meinen seltsamen, facettenreichen und zutiefst nigerianischen Roman lesen können. Ich hoffe, sie gehen mit einem besseren Gespür für Lagos daraus hervor, weil es eine magische Stadt ist, die vor Energie, Chaos und Brillanz vibriert. 

Die Autorin

Nnedi Okorafor wurde 1974 in Ohio als Tochter einer Igbo-Familie aus Nigeria geboren und besuchte schon früh immer wieder die Heimat ihrer ausgewanderten Eltern. Ihr kulturelles Erbe spiegelt sich in so gut wie jeder ihrer Geschichten wider – die Verschmelzung von afrikanischen und westlichen Einflüssen zu einem ganz besonderen magischen Realismus ist letztlich sogar das Markenzeichen von Okorafors Romanen, Novellen, Kurzgeschichten, Kinderbüchern und Jugendbüchern. 2001 gewann sie für ihr dergestalt charakteristisches Schaffen einen ersten Literaturpreis, zu dem inzwischen u. a. der Hugo und der World Fantasy Award sowie zahlreiche Nominierungen hinzukamen. Wenn sie nicht an neuen Geschichten schreibt, unterrichtet Okorafor als Professorin für kreatives Schreiben und hält Workshops ab. Außerdem arbeitet sie mit der kenianischen Regisseurin Wanuri Kahiu derzeit an ihrem gemeinsamen Animationsfilm The Camel Racer. Ihr Blog findet sich unter nnedi.blogspot.de, ihre Website unter nnedi.com

Das Buch

Nnedi Okorafors Roman Lagune, der von Claudia Kern ins Deutsche übertragen wurde, ist ein Kind vieler Welten. Ein ungewöhnlicher Erstkontaktroman mit staunenswerten Aliens und reichlich Lokalkolorit der nigerianischen Megacity Lagos, was bei Lesern aus dem europäischen Kulturkreis gleich für doppelt so viel Exotik sorgt. Durch seine zum Teil poetische Anmutung und die Einbindung der Mythen und des Alltags Nigerias scheint Lagune dem magischen Realismus manchmal näher als der Science-Fiction. Doch das passt umso besser, wenn man sich vor Augen führt, dass im heutigen Afrika uralter Aberglaube, Rassismus, Sexismus, Fortschritt, Wissenschaft und Cyberbetrug koexistieren. Kein Wunder, dass die Ankunft von Außerirdischen die Stadt in der Lagune komplett ins Chaos stürzt, während die Meeresbewohner ihr Glück kaum fassen können und drei vollkommen unterschiedliche Menschen die Alien-Botschafterin zum Präsidenten bringen sollen. Die Lektüre macht klar: Nnedi Okorafor ist die Stimme Westafrikas, wenn es um zeitgenössische SF auf der großen internationalen Bühne geht. 

Der Cover-Künstler

Greg Ruth ist ein Absolvent des berühmten Pratt Institute und arbeitet seit vielen Jahren als Illustrator und Comickünstler. Zu seinen bekanntesten Panel-Arbeiten zählen Kurt Busieks Conan: Auf dem Schlachtfeld geboren und natürlich der stimmungsvolle Horrorcomic Freaks of the Heartland aus der Feder von Steve Niles, der verfilmt werden soll. Als Autor und Zeichner realisierte der Amerikaner seine eigenen Comicschöpfungen Sudden Gravity und The Lost Boy. Zuletzt bebilderte er den Comic Indeh: A Story of the Apache Wars, den Ethan Hawke verfasst hat, und sorgte bei Fans durch freie Arbeiten zu Star Wars für Begeisterung. Für Nnedi Okorafors Romane bei Cross Cult gestaltete er exklusiv drei viel beachtete Cover.

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Danke an das GEEK-Magazin für die Bereitstellung dieses tollen Interviews.

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