Shirley Jackson - We Have Always Lived in the Castle (Cover Illustration)

© Thomas Ott

BUCH

Shirley Jackson: Herbergsmutter der Geisterhäuser wird 100.


Sie soll mit einem Besenstiel geschrieben haben, zumindest hatte sich Anfang der Sechzigerjahre diese Vorstellung bei manchem Literaturkritiker festgesetzt. Es passte ja zu gut zu einer Autorin, die einen eigenwilligen Stil pflegte, dazu über Wahnsinn, Hexerei und Geisterhäuser schrieb. Nachgewiesenermaßen saß Shirley Jackson allerdings während ihrer kreativen Arbeit vor der Schreibmaschine. Und schuf dort mehrere Meisterwerke der Horrorliteratur.

„Sie hat nicht den stilistischen Einfluss, wie ihn beispielsweise Lovecraft und Poe haben, gerade weil ihr Stil klarer aber insofern schwerer zu meistern ist. Shirley Jackson könnte als Wegbereiterin des literarischen Horrors bezeichnet werden, eines Stils, der im modernen Horror zunimmt“, sagt Helen Marshall heute. Die kanadische Autorin saß dieses Jahr in der Jury der Shirley Jackson Awards, einer Auszeichnung, die in Anerkennung von Jacksons Vermächtnis an Bücher und Kurzgeschichten verliehen wird. „Shirley Jackson ist eine Meisterin der Innerlichkeit.“

Alles, was sich nicht in unseren eigenen vier Wänden, unserem eigenen Heim abspielt, lässt sich als unheimlich bezeichnen – als beunruhigend und bösartig. Bei Shirley Jackson liegt dieses Unheimliche jedoch nicht im kalten Kosmos oder in unbekannten Welten. Viel schlimmer: Sie lässt die Angst und das Unbehagen eben genau dort, in unseren eigenen vier Wänden aufblühen.

„Kein lebender Organismus kann lange unter den Bedingungen der vollkommenen Realität im Zustand der geistigen Normalität verbleiben; selbst Lerchen und Heuschrecken, meinen manche, sind dazu bestimmt zu träumen.“ Willkommen in Hill House. Und kein Gequicke – erinnere Dich nur daran, dass alles nur in Deinem Kopf ist.

In Jacksons Roman Spuk in Hill House macht der Verstand von Eleanor Vance dicht. Sie hat keinen Partner, verbrachte einen Großteil ihres Lebens mit der Pflege ihrer Mutter, lebte bei ihrer Schwester und deren Mann. Die Exit-Strategie aus dieser Zwangsjacke von häuslichen Verpflichtungen und familiären Konventionen bekommt Eleanor in Form einer Einladung von Doktor Montague.

Sie soll für ein Experiment mehrere Nächte in Hill House verbringen; Montague möchte so die vermeintlichen übernatürlichen Phänomene dort erforschen. Gemeinsam mit dem Doktor, dem baldigen Erben des Hauses Luke und der Lebenskünstlerin Theodora quartiert sich Eleanor in Hill House ein. Was sie dafür qualifiziert? Sie erlebte als Kind bereits eine paranormale Begebenheit.

Hill House selbst scheint die Bösartigkeit bereits in sich zu tragen. Neben Flüstern und Schreien in den Zimmern wird das Gebäude mit jeder Seite schiefer, Türen öffnen und schließen sich, die Charaktere verirren sich, obwohl Hill House wahrlich keine labyrinthische Anlage hat. Dazu gerät Eleanor tiefer in ihre Psychosen – und der Leser mit ihr. Denn das Ringen um die Realität verrutscht auf den knapp 250 Seiten mehr und mehr. Mit Kreide und Blut erscheinen auf einmal Worte an der Wand: „Help Eleanor Come Home“. Doch was bedeutet Zuhause für eine Frau, die dort nur Verpflichtungen und Zwängen ausgesetzt ist?

Shirley Jackson litt selbst unter Depressionen und Ängsten, ihr Mann hatte Affären, neben dem Schreiben musste sie alleine den Haushalt schmeißen. Spuk in Hill House erschien in den USA Ende der Fünfzigerjahre, als die Welt sich noch von den Wunden des Zweiten Weltkriegs erholte und das Frauenbild vor allem aus Schürzen sowie Küchengerät bestand. Die Frau gehörte zum Haus. Der Horror sitzt bei Jacksons letzten Romanen dementsprechend in den Mauern, in den Gebäuden selbst. Winkel passen nicht zusammen, Räume erscheinen krumm und schief. Manchmal wirkt Hill House in seiner Architektur wie hastig mit freier Hand gezeichnet. „Spuk in Hill House ist eine sehr einnehmende und spannende Geistergeschichte, die, wie alle guten Geistergeschichten, eine Anatomie ihrer Charaktere ist“, sagte US- Schriftstellerin Joyce Carol Oates einmal über dieses Buch. Stephen King zeigte sich als großer Fan und überschlug sich mit Lob für Hill House in seinem Danse Macabre. Die Heimsuchung spielt sich vielleicht nur in Eleanors Kopf ab. Shirley Jackson schlägt die Handlung in ihrem Roman aber nie auf eine Seite. Charaktere und Protagonisten bleiben im Ungewissen. Hat Eleanor nur den Verstand verloren? Oder hielt ihre Hand wirklich ein Unbekannter in der Dunkelheit? Quiet Horror auf höchstem Niveau. Unbehagen als durchgängige Atmosphäre.

In ihrem letzten Roman Wir haben schon immer im Schloß gelebt lockerte Jackson die Verbindung zwischen Gebäude und Charakteren wieder. Die 18-jährige Merricat Blackwood lebt dort mit ihrer Schwester Constance, ihrem dementen Onkel Julian und ihrer Katze in einem alten Haus am Rande eines Dorfes. Der Rest ihrer Familie ist tot. Vergiftet. Von Constance. Oder von Merricat. Shirley Jackson macht dies nie klar. Die Dorfbewohner begegnen der Familie mit offener Feindseligkeit. Doch warum? Shirley Jackson lässt ihre Leser im Ungewissen. Wieder einmal. Merricat, Constance und Julian haben sich jedoch in dieser Welt eingerichtet – haben es sich heimelig in diesen vier Wänden gemacht.

Das häusliche Gleichgewicht gerät erst ins Wanken, als Cousin Charles auftaucht und an diesem Frieden rüttelt. Doch zu einem hohen Preis kann Merricat die Heimeligkeit wiederherstellen. Wir haben schon immer im Schloß gelebt erschien 1962, drei Jahre vor Shirley Jacksons plötzlichem Tod. Hier wird das Haus ebenfalls zum Gefängnis – aber gleichzeitig zu einem selbstgewählten Schicksal. In allen Horrorgeschichten geht es um Türen, die nicht geöffnet werden sollten, in denen sich aber irgendjemand findet, der es natürlich trotzdem tut. Hier schlägt Merricat die Tür am Ende wieder zu. Und stellt fest: Wir sind so glücklich. Ein Ende wie im Märchen. Nur dass hier alles in Trümmern liegt – Verstand, Gebäude und Familie.

Wir haben schon immer im Schloß gelebt ist eins der witzigsten, dunkelsten, merkwürdigsten und herzlichsten Bücher, die ich je gelesen habe. Mich beeindruckt es sehr, wie Shirley Jackson zwischen diesen verschiedenen Tönen pendeln kann“, sagt Helen Marshall. Nirgends laufen Jacksons schwarzer Humor, die Grausamkeit und die Schönheit so zusammen wie hier. Wer keine Träne verdrückt, wenn Merricat aus der offenen Küchentür in die verregnete Welt schaut, versteht die Melancholie in ihrem Wesen nicht.

Zu Lebzeiten gehörte Jackson zu den gutverkauften Autoren Amerikas. Umso erstaunlicher, dass ihr Einfluss erst in den letzten Jahren in der Horrorliteratur und der Weird Fiction zu sehen ist. Während des Booms der Horrorliteratur in den Siebziger- und Achtzigerjahren schien sie kaum einen Einfluss auf das Genre gehabt zu haben, zumindest verlagerte sich das Grauen in den wichtigen Romanen dieser Zeit oft auf Äußerliches und Monster. Dabei nahm auch die amerikanische Kritik Jacksons Bücher mit viel Lob auf, ihre Kurzgeschichten erschienen beim New Yorker – das Magazin sollte nie wieder so viel Post als Reaktion auf eine Kurzgeschichte erhalten wie auf Die Lotterie von Shirley Jackson. Es dauerte Jahrzehnte bis Jacksons Bücher überhaupt eine deutschsprachige Übersetzung erhielten, obwohl bereits das Lexikon des phantastischen Literatur sie 1983 als wohl bedeutendste amerikanische Erzählerin des Phantastischen ausmachte. Und nie dürfte dieses kleine pinke Lexikon richtiger gelegen haben als bei diesem Eintrag.

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