Fünf Bücher über missverstandene Helden von Christian Handel

BUCH

Fünf Bücher über Fantasy-Schurken, die eigentlich missverstandene Helden sind


Was wären Katniss Everdeen ohne Präsident Snow und Robin Hood ohne den Sheriff von Nottingham? Wir lieben es, die Bösen zu hassen! Wenn sie keine blassen Schablonen sind. Wenn sie so viele Facetten haben, dass man eine bekannte Geschichte auch aus einem anderen Blickwinkel erzählen kann und dabei feststellt, dass der vermeintliche Antagonist eigentlich gar nicht so abgrundtief schlecht ist, wie man immer dachte. In den fünf folgenden Büchern werden die Schurken gar zu den Helden.

 

 

Die Nebel von Avalon von Marion Zimmer Bradley

Marion Zimmer Bradleys bis heute unerreichter Meilenstein im Bereich der historischen Fantasy erzählt die Geschichte um Artus, das Schwert Excalibur und die Ritter der Tafelrunde aus Sicht der beteiligten Frauen – inzwischen oft kopiert, aber selten so eindringlich. Bei Zimmer Bradley wird die Fee Morgana, traditionell Artus‘ Erzfeindin, dunkle Zauberin und Verführerin, zu einem Menschen aus Fleisch und Blut. Hier ist sie die ältere Halbschwester des Königs, die ihren Bruder aufrichtig liebt. Die aufkeimende Feindschaft zwischen den beiden entsteht aus ihrer unterschiedlichen Weltanschauung. Während Artus sich immer mehr vom Christentum vereinnahmen lässt, das andere Religionen unterdrückt, ist Morgaine eine Priesterin des alten Glaubens. Seit seiner Erstveröffentlichung in Deutschland Mitte der 80er Jahre wurde das Buch konstant neu aufgelegt und war nie vergriffen – und das hat seinen Grund. Schon Isaac Asimov sagte: „[Dieses Buch ist] Die wunderbarste Nach-Erzählung der Sage um König Artus, die ich je gelesen habe.“

Hagen von Tronje von Wolfgang Hohlbein

In Hagen von Tronje macht Wolfgang Hohlbein mit dem Nibelungenlied etwas ganz ähnliches wie Marion Zimmer Bradley mit der Artus-Sage: Er erzählt das Heldenepos aus der Sicht des Mörders von Siegfried von Xanthen. Der wird hier zum Unglücksbringer, sein Gegner Hagen hingegen zu einer komplexen, wenn auch tragischen Figur. Der raue, vom Leben gezeichnete Krieger ist der einzige, der die Gefahren erkennt, die nach der Ankunft des charismatischen Siegfrieds den Königshof von Worms bedrohen. Als väterlicher Freund des Königs und heimlicher Verehrer der Prinzessin Kriemhild gerät er in die Zwickmühle, als diese sich in den Neuankömmling verliebt. Als schließlich noch Brunhild nach Worms kommt, die zauberkundige Kriegerkönigin aus Island, die einst Siegfrieds Geliebte war, stellen sich die Zeichen auf Sturm und Hagen sieht sich gedrängt, durch verzweifelte Maßnahmen die zu schützen, die er liebt …

Ob Hohlbein-Fan oder nicht: dieser Roman zählt zu den Glanzstücken unter seinen Werken. Vor kurzem hat Constantin Film bekannt gegeben, dass Hagen von Tronje verfilmen wird. 

Wicked – Die Hexen von Oz von Gregory Maguire

Vor kaum einer Hexe habe ich mich als Kind so gegruselt wie vor der bösen Hexe des Westens aus L. Frank Baums Der Zauberer von Oz: fieser Charakter, grüne Haut und Herrin einer Herde geflügelter Affen. Alles nur Rufmord, behauptet Gregory Maguire, und erfindet in Wicked – Die Hexen von Oz den Charakter eben dieser Figur neu. Der Großteil der Handlung spielt vor der Ankunft Dorothys. Auf einer Internatsschule schlagen sich zwei sehr unterschiedliche junge Mädchen zunächst beinahe die Köpfe ein, werden dann aber beste Freundinnen: die populäre, wunderschöne Galinda (Typ: Cheerleader) und die eigenbrötlerische, intelligente (und grünhäutige) Elphaba. Letztere setzt sich sehr für die Gleichberechtigung der intelligenten Tierwesen ein. Um den Unterdrückten zu helfen, beschließt sie, offen gegen die Intoleranz vorzugehen. Sehr zum Missfallen des Zauberers von Oz …

Anders als die Vorlage ist Wicked keine Geschichte für Kinder, denn es werden sehr dunkle, gesellschaftskritische Themen darin behandelt. Seit 2003 gibt es eine extrem populäre Musical-Adaption von Maguires Roman, die die Disney Studios wiederum gerade für die große Leinwand verfilmen.

The Fairest of Them All von Carolyn Turgeon

„Ich betrachtete all die jungen Mädchen in Märchen: gerettet von Prinzen, um glücklich bis ans Ende ihrer Tage zu leben. Und dann all die älteren Frauen dieser Geschichten: die bösen Königinnen, Hexen und Stiefmütter. Und ich erkannte, dass es sich um dieselben Mädchen handelte, die erwachsen geworden waren.“ In Carolyn Turgeons The Fairest of Them All, eine wunderbare Märchenadaption, die bis dato leider nur in englischer Sprache erhältlich ist, wird Rapunzel zu Schneewittchens Stiefmutter. So bekommt der Leser nicht nur zwei Geschichten in einem Buch, sondern die „böse“ Königin auch menschliche Facetten und eine nachvollziehbare Hintergrundgeschichte. Das Verhältnis zwischen Stiefmutter und Prinzessin wird sehr schön beleuchtet, ebenso wie die Schwierigkeiten, denen sich eine junge Frau am Königshof stellen muss, wenn sie ihre Jugend in einem Turm im Wald verbracht hat. Wer märchenhafte Fantasyromane mit starken und vielschichtigen Frauenfiguren mag, verliebt sich sicher in Turgeons verzauberten Roman um Liebe, Freundschaft, Verrat und mächtige Magie.

Das Phantom von Susan Kay

Wicked wurde vom Buch zum Musical, Das Phantom wurde vom Musical zum Buch. Wobei Susan Kay natürlich genau genommen den Schauerroman des Franzosen Gaston Leroux adaptiert, der auch Andrew Lloyd Webber als Vorlage zu seinem gleichnamigen Welterfolg Das Phantom der Oper diente. Im Bühnenstück (und in Leroux Original) ist der missgestaltete Erik, der als „Phantom“ in den Kellergewölben der Pariser Oper lebt, ein tragischer, höchst intelligenter, aber auch egoistischer und herzloser Mensch. Susan Kay verleiht ihm in ihrem Roman mehr Tiefe und malt ihn sympathischer. Sie appelliert an das Mitleid der Leser, da sie auch Eriks traurige Kindheit und Jugend schildert. Die zweite Hälfte von Das Phantom erzählt dann die bekannte Geschichte sowohl aus der Sicht von Erik, dem missgestalteten Phantom, und der schönen Christine, in die er sich verliebt.

 

Das waren meine Lieblingsbücher zum Thema „missverstandene Helden“. Was fehlt auf der Liste? Wer sind eure Lieblingshelden … oder –schurken?

Share:   Facebook