Fanfiction

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KOLUMNE

Länder, Jedi, Abenteuer (6): Fanfiction - Ein Keyboard voller Liebe


Sie zählen zu den missverstandensten Gruppen des Phantastikfandoms: Fanfiction-Schreiber. Die (meist weiblichen) Autoren von Storys, in denen Captain Kirk und Mister Spock heimlich ein Paar sind, Severus Snape der plötzlich gar nicht mehr so kleinen Hermine Granger nachstellt oder Frodo und Sam nach der Sache mit dem Ring noch viele, viele weitere gemeinsame, ähem, Abenteuer erleben, müssen sich und ihre Szene seit Anbeginn der Zeiten gegen – manchmal – Anfeindungen und – häufiger – fragende Blicke verteidigen. Anfangs in Fanzines und auf handkopierten DIN-A-4-Blättern veröffentlicht, bringen Fan-Autoren ihren kreativen Nachschlag bekannterer Erzählungen heute primär im Internet unters Volk. Und ihre Szene wächst nicht nur stetig, sie gebiert auch Kassenerfolge, wie beispielsweise E.L. James und die Anhänger der Shades of Grey-Romane wissen.

Der Fanotyp

Das Klischee heißt natürlich Mary Sue. Die patente Alleskönnerin, die als Alter Ego der Autorin dient und dem eigentlichen Helden ebenso gekonnt wie gut aussehend den Allerwertesten rettet, während er sie nur hemmungslos anschmachtet, gilt seit Jahrzehnten als Musterbeispiel schlechter Fanfiction und steht in der Vorstellung vieler Gegner dieser Textform vermutlich stellvertretend für die Erzähler selbst: ein ebenso überzogenes wie ewig gleiches Ideal, dem jegliche Bodenhaftung fehlt. Ein schlechter Witz.

Doch wie eigentlich immer, liegen auch in der Fanfiction-Szene Welten zwischen Klischee und Wirklichkeit. Echte Fanficcer sind ganz normale Menschen und sehen auch so aus. Sie leben in Internetforen und Newsgroups, verbringen ihre Feierabende bevorzugt an Computertastaturen, und sie kennen Hogwarts, Mittelerde, das Raumschiff Enterprise oder die Aussicht vor Captain Americas Schlafzimmer besser als ihre eigene Westentasche. Wenn sie cosplayen, dann Fanfic-Charaktere, und die Geschichten, die sie auf Conventions über Sherlock Holmes und Doktor Watson erzählen könnten, würden selbst den guten alten Sir Arthur Conan Doyle überraschen. Gelinde gesagt.

Dinner for Fan

Comfort Food ist des Autors altbewährte Rettungsweste. Mit Keksen, Schokolade und ähnlichen Leckereien machen Sie daher auch jedem Fanficcer (sowie dem Autor dieser Zeilen über selbige) eine Freude. Alles passt, was man einhändig wegfuttern kann, während Hand zwei fleißig weitertippt und die Augen nie den Monitor und den aktuellen Storyverlauf aus dem Blick verlieren. Warme Speisen und/oder mehrgängige Menüs sind übertriebener Aufwand, denn zu deren Vertilgung müsste der Fanficcer ja vom Computer aufstehen. Was er, selbstredend, nicht möchte.

Getränke aller Art sind ebenso angemessen wie willkommen. Allein von Alkohol sei hiermit nachdrücklich abgeraten. Besonders harte Stoffe bleiben dann meist den von der Literaturszene verbitterten und vom Markt enttäuschten Profischriftstellern vorbehalten, die ohne einen dreifachen Jack Daniels nicht mal mehr das erste Kapitel beginnen können. Fanficcer hingegen haben noch Spaß an ihrem Tun und tun es auch ohne solche „Hilfsmittel“.

Sag, was du willst, aber …

Passionierte Fanfiction-Schreiber betrachten die Figuren ihres aktuellen Work-in-Progress oft als enge Freunde, schließlich verbringen sie ganze Wochenenden und sogar Nächte an ihrer (Schokoladen-)Seite. Vermutlich verkürzen sie deren Bezeichnungen deswegen so liebevoll ab: Aus Protagonisten werden in ihrer Rede schnell mal „Protas“, aus anderen Charakteren „Charas“. Das sollten Sie wissen, wenn Sie einen Fan-Autor nach seinem Schaffen fragen.

Wie jeder Schriftsteller ist auch der Fanficcer während des Schreibens meist eher in seiner Fiktion als in der Wirklichkeit daheim. Fragen nach dem Autoschlüssel, dem Katzenfutter oder dem Sinn des Lebens beantwortet er daher erst nach einer kleinen Pause, ohne sich zu Ihnen umzudrehen und mit einem ebenso unpassenden wie abwesenden „Mmmh, war das irgendwo in Kapitel 13?“ Nehmen Sie ihm das bitte nicht übel; sowie der Text fertig ist, hört er Ihnen auch wieder zu.

Bis zum nächsten Text.

Bloß nicht nachmachen!

Wie viele Kreative, können auch die Autoren von Fanfiction sehr gluckenhaft reagieren, wenn man ihre Schöpfungen (oder ihre Verwendung der Schöpfungen anderer Autoren) kritisiert. Das kann ein willkommener Ansatz für Sie sein, Fanficcern erfolgreich auf die Nerven zu gehen. Probieren Sie es ruhig aus, wenn Sie müssen – aber auf eigene Gefahr.

  1. Behaupten Sie, Fanfiction sei keine „richtige“ Literatur.
  2. Negieren Sie die kreative Leistung des Autors, indem sie lapidar verkünden, Schreiben sei ab-so-lut nichts Besonderes, denn das könne doch jeder. Das lerne man ja schon in der Grundschule.
  3. Fragen Sie, was J.K. Rowling, George R.R. Martin (bzw. der jeweils entsprechende Originalschöpfer) denn von der Fortschreibung des Fanficcers halte.
  4. Widersprechen Sie vehement der Annahme, zwischen Darth Vader und Han Solo bestünde eine heimliche Liebesbeziehung, die George Lucas schon Ende der 1970er Jahre subtil angedeutet, die „die blinden Massen, die nur Augen für teure Spezialeffekte hatten“ aber stets übersehen hätten.

 

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Das Phantastische wird immer populärer, doch längst nicht jeder Normalsterbliche weiß, wie wir Fans unendlicher Weiten und Co. so ticken. Länder, Jedi, Abenteuer will da Abhilfe schaffen und bietet einen ebenso liebe- wie humorvollen Einblick in schillernde Subkulturen und die Charaktere hinter Fan-Fiction.

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