Kolumne: Die Not mit den Abgabefristen (Sarah Monette)

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KOLUMNE

Die Not mit den Abgabefristen


Mir droht eine Deadline.

Ich muss mein viertes Buch, Summerdown, spätestens am 1. August abgeben. Hand aufs Herz - ich keine Ahnung, ob ich das schaffen werde. Und da meine Gedanken im Augenblick vor allem darum (und um nichts anderes) kreisen, werde ich hier über – na, was wohl? Natürlich – Abgabefristen schreiben und über alles, was ich lerne, während ich verzweifelt versuche, die drohende Deadline einzuhalten.

Selbstverständlich ist es das Gütezeichen professioneller Schriftsteller, dass sie ihre Abgabefristen stets einhalten – und das in aller Seelenruhe, fröhlich und am besten noch mit einem Liedchen auf dem Lippen.

Nun ja, ich geb’s ja zu - das mit dem Liedchen ist leicht übertrieben.

Das Erste, was man beherzigen muss, wenn man einen Abgabetermin einzuhalten hat, ist Ruhe zu bewahren. Denn so eine Deadline kann deine Angst riechen. Außerdem ist man produktiver, wenn man nicht in kopflose Panik verfällt. Daher sollte man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, egal, wie tief man meint, im Schlamassel zu stecken. Denn es ist wichtig, den Durchblick zu bewahren – schließlich solltet ihr hysterische Anfälle in Gegenwart von Freunden, der Familie und zufälligen Passanten tunlichst vermeiden.

(Und wenn ich „ihr“ sage, meine ich natürlich eigentlich mich selbst.)

Egal, wie wichtig die Abgabefrist ist – die Welt geht nicht unter, wenn ihr sie nicht einhalten könnt.

Hand aufs Herz.

Ein bisschen Chi könnte da nicht schaden.

Des Weiteren solltet ihr euch, wenn eine Deadline droht, niemals mit anderen Autoren vergleichen. Und schon gar nicht (Gott stehe Ihnen bei!), wenn ihr mit diesen befreundet ist. Denn es wird immer jemanden geben, der schneller schreibt oder dessen erster Entwurf gelungener ist als euer eigener. Oder gar beides! Ihr müsst unbedingt verinnerlichen, dass dieses Wissen BEDEUTUNGLOS ist. Wie schnell andere schreiben, hat keinerlei Bewandtnis für euer Buch. Zudem steht ihr in keinem Wettbewerb mit diesen Menschen; und es ist unfair, andere dazu zu missbrauchen, sich selbst zu geißeln – euch selbst wie auch diesen Autoren gegenüber.

Um das zu begreifen, ist es bisweilen hilfreich, sich einzureden, dass diese anderen, schnelleren, besseren und zudem attraktiveren Schriftsteller Außerirdische sind. Das ist legitim, solange ihr endlich damit aufhört SICH.MIT.ANDEREN.SCHRIFTSTELLERN.ZU.VERGLEICHEN. Im Augenblick ist so mancher meiner engen Freunde in meinen Augen ein Alien.

Auch hier kann euch Chi helfen, wenn ihr es denn irgendwo auftreiben können.

Drittens solltet ihr im Zusammenhang mit Abgabefristen unbedingt auf euer Buch zu hören. Lasst die wilde Meute in eurem Kopf, die unaufhörlich ABGABEFRIST! brüllt, nicht das wirklich Wichtige übertönen. Wenn euer Buchprojekt droht, die falsche Richtung einzuschlagen, dann muss euch das bereits an der Kreuzung auffallen, nicht erst nach zwanzig Meilen. Und falls das bedeutet, dass ihr eine Schreibpause einlegen müsst, um eurem Unterbewusstsein Zeit zu geben, euch neu zu orientieren, dann tut das. Langfristig wird euch das Zeit sparen, und ihr werdet euch und das Buch nicht ganz so sehr hassen.

In anderen Worten: Es geht um das Buch, um nichts anderes; nur dafür tragt ihr letzten Endes die Verantwortung. Vergesst das niemals in dem ganzen Tumult.

Viertens solltet ihr euch auf die Fahnen schreiben, dass ihr es schaffen werdet! Setzt euch Ziele, und zwar erreichbare. Gönnt euch Pausen und Belohnungen. Das Schreiben eines Romans ist ein Ausdauersport, den man nicht wie einen Hundert-Meter-Lauf angehen sollte. Tut, was ihr tun müsst, um auf lange Sicht produktiv zu sein und, soweit möglich, nicht den Verstand zu verlieren.

Haltet, wenn menschenmöglich, die Abgabefrist ein. Scheitert ihr dabei, dann ist es eure Aufgabe, die Deadline so wenig wie nur möglich zu überschreiten. Und vergeudet eure Zeit und die eures Lektors bloß nicht mit eurer Schreibangst und nutzlosem Wehgeschrei. Wahrt auch im Scheitern eure Professionalität, und begrenzt den Schaden soweit wie möglich. Und gebt auf keinen Fall auf - lauft unbedingt weiter, auch wenn das Rennen bereits verloren ist.

Und ja, genau, arbeitet an eurem Chi. Denn ihr werdet es brauchen können. 


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Autorin Sarah Monette, wie Katherine Addison ("Der Winterkaiser", FISCHER Tor, Oktober 2016) im echten Leben heißt, gibt Einblick in ihr Leben als Schriftstellerin und hat dabei wertvolle Tipps für alle, die auch gerade mitten im Schreibprozess feststecken.



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Deutsch von Petra Huber

 

© 2007 by Sarah Monette

Zuerst erschienen auf www.truepenny.livejournal.com 

 

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