Die Gewinner des Hugo Awards 1970.

KOLUMNE

Die Hugo Awards 1970: Das waren die Gewinner


Zum ersten und bisher einzigen Mal fand der Worldcon in Deutschland statt. Die Hugos wurden auf dem Heicon ’70 in Heidelberg vergeben. Ab diesem Jahr liegen Abstimmungsdaten vor, die Nominierungen erscheinen daher in der Reihenfolge der Platzierung.

Toastmaster: John Brunner

Novel

Ursula K. Le Guin: The Left Hand of Darkness

(Buchausgabe bei Ace; dt. Winterplanet, H 3400, Das Neue Berlin und HSFB 84; später Die linke Hand der Dunkelheit, H 8207 und H 31594)

Die Hugo Awards 1970
Die Hugo Awards 1970
Die Hugo Awards 1970

Der Planet Gethen, von den Menschen »Winter« genannt, ist von humanoiden Wesen bevölkert, die Karhiden genannt werden. Genly Ai, ein Gesandter der Ökumene, soll herausfinden, ob die Kultur auf Gethen schon bereit ist, in den Planetenbund aufgenommen zu werden. Der Roman beschreibt eine ausgedehnte Reise des Gesandten durch die Eiswüsten des Winterplaneten, wobei er von einem Eingeborenen namens Estraven begleitet wird. Ai lernt dabei die Lebensweise der Karhiden kennen, die dem Menschen natürlich fremd erscheinen muss. In regelmäßigen Abständen geraten die Karhiden, die Zwitterwesen sind, in das Kemer, einer Phase sexueller Erregung. Zu diesem Zeitpunkt entscheidet sich, ob ein Wesen männliche oder weibliche Geschlechtsmerkmale ausbildet, wobei daraufhin der Partner durch Hormone gesteuert in das entgegengesetzte Geschlecht wechselt. Estraven und Ai verlieben sich ineinander, und da der Mensch Ai sein Geschlecht nicht wechseln kann, wird Estraven in die weibliche Rolle gedrängt.

Die Faszination des eher handlungsarmen Romans besteht in der Schilderung der Gesellschaftsform auf Gethen, die durch die andersartige Sexualität geprägt ist. Das Verhältnis zwischen den Karhiden ist freundlicher und ausgewogener als das der Menschen, da es keine patriarchalen Strukturen gibt. Und die lebensunfreundliche Umwelt des Winterplaneten lässt die Bewohner näher zusammenrücken.

In ausführlichen Zwischenkapiteln, die wenig mit der Haupthandlung des Romans zu tun haben, beleuchtet die Autorin Kultur und Geschichte des Planeten, für die der Leser Interesse aufbringen sollte, wenn er sich nicht langweilen will. Dieser Umstand veranlasste auch einige Kritiker, das Buch eher als Traktat denn als Roman zu bezeichnen.

Dennoch weiß die stille Kraft der Erzählung zu überzeugen, wenn man sich Zeit für dieses Buch nimmt. John Clute kommentierte im Vorwort der Neuausgabe: »In diesem Roman ... brachte Le Guin einen Erzählstil zur Perfektion, der gleichsam unsichtbar scheint, denn der erste Eindruck beim Aufschlagen des Buches ist der von seidiger, kraftvoller, stiller, rationaler, gemessener Ruhe – der aber in Wahrheit so ruhig ist wie eine Landmine. Wenn Die linke Hand der Dunkelheit erst einmal in den Kopf und das Herz eingedrungen ist, ist man gefangen, verändert – und findet sich jenseits der Lektüre mit einer neuen Sichtweise wieder.«

Weitere Nominierungen:

Robert Silverberg: Up the Line

(2 Teile, Juli und September 1969 in AMAZING; dt. Zeitpatrouille, GWTB 125)

Piers Anthony: Macroscope

(Buchausgabe bei Avon; dt. Makroskop, H 3452)

Kurt Vonnegut: Slaughterhouse-Five

(Buchausgabe bei Delacorte; dt. Schlachthof 5, Hoffmann & Campe, Volk & Welt und Rowohlt)

Norman Spinrad: Bug Jack Barron

(6 Teile, Dezember 1967 bis Oktober 1968 in NEW WORLDS, Buchausgabe bei Avon; dt. Champion Jack Barron, M 3562, überarbeitet als H 8008)

Novella

Fritz Leiber: »Ship of Shadows«

(Juli 1969 in F&SF; dt. »Schiff der Schatten« in Spiegl [Hrsg.]: Science Fiction Stories 38, UTB 3060 und in Bergner [Hrsg.]: F&SF 27: Das Schiff der Schatten, H 3219)

Protagonisten der Erzählung sind Keeper und Spar, die auf dem Schiff Windrush eine Bar betreiben, die von allerlei skurrilen Figuren und Säufern besucht wird. Jeder hat seine eigenen Probleme, meist Nebensächlichkeiten, die sich unter anderem um Aberglauben über Hexen, Vampire und Werwölfe drehen, die an Bord der Windrush aufgetaucht sein sollen. Ursache für diverse Wahnvorstellungen sind die Unmengen von Alkohol und Drogen, die ständig konsumiert werden, und das auf recht eigenwillige Weise, denn am Bord der Windrush herrscht Schwerelosigkeit. Ähnlich wie in Robert A. Heinleins Erzählung »Universe« (1941) hält man die Bordwand des großen Schiffes für den Rand des Universums. Lediglich Keeper und Spar wissen, dass es neben der Windrush noch die Circumluna gibt. Die beiden Schiffe beherbergen die letzten Überlebenden der Menschheit, denn die Erde wurde schon vor langer Zeit verwüstet und ist unbewohnbar. Die Menschheit ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, daher auch der Titel der Geschichte.

Im Grunde handelt es sich um eine reine Pointenstory, denn erst am Ende der über fünfzig Buchseiten erfährt der Leser, was es mit den Schiffen auf sich hat. Offensichtlich hat diese Pointe jedoch die Leser genug beeindruckt, um Fritz Leiber den Hugo zu verleihen. Ein würdiger Preisträger wäre auch Ellisons Geschichte »A Boy and His Dog« gewesen.

Weitere Nominierungen:

Harlan Ellison: »A Boy and His Dog«

(April 1969 in NEW WORLDS; dt. »Sein bester Freund« in Spiegl [Hrsg.]: Science Fiction Stories 38, UTB 3060; »Des Menschen bester Freund« in Landfinder [Hrsg.]: Liebe 2002, FO 22; »Ein Junge und sein Hund« in Blish [Hrsg.]: Ein Junge und sein Hund, PSF 6723, in Ellison: Ich muss schreien und habe keinen Mund, H 53315)

James Blish: »We All Die Naked«

(1969 in Silverberg [Hrsg.]: Three for Tomorrow, Meredith; nicht auf Deutsch)

Anne McCaffrey: »Dramatic Mission«

(Juni 1969 in ANALOG; dt. enthalten in McCaffrey: Ein Raumschiff namens Helva, H 3354 und in McCaffrey: Helva – Das Raumschiff, das sang, B 24198)

Robert Silverberg: »To Jorslem«

(Februar 1969 in GALAXY; dt. enthalten in Silverberg: Schwingen der Nacht, H 3929)

Short Story

Samuel R. Delany: »Time Considered as a Helix of Semi-Precious Stones«

(Dezember 1968 in NEW WORLDS; dt. »Zeit, betrachtet als eine Spirale aus Halbedelsteinen« in Spiegl [Hrsg.]: Science Fiction Stories 51, UTB 3159; »Die Zeit, als Spirale aus Halbedelsteinen« in Blish [Hrsg.]: Ein Junge und sein Hund, PSF 6723)

Harold Clancy Everet, der ständig seinen Namen ändert, dabei jedoch die Initialen H. C. E. (eine Hommage an den Roman Finnegans Wake von James Joyce) beibehält, ist ein Betrüger, Hochstapler und Händler, der sich, so gut es eben geht, durchs Leben schlägt. Doch irgendwann geht er zu weit und der Geheimdienst ist ihm auf den Fersen. Einflussreiche Freunde verhelfen ihm zur Flucht, doch nun fühlt er sich nie mehr sicher. Bis es schließlich zum Kräftemessen mit einem sehr mächtigen Gangsterboss kommt ...

Samuel R. Delany (*1942) erzählt mit einem eleganten, sehr sicheren Stil von einer korrupten, hedonistischen Zukunftsgesellschaft, in der es darum geht, möglichst gute Geschäfte zu machen und sich zu amüsieren. Der überwiegende Teil der Geschichte spielt auf Partys der gehobenen Gesellschaft.

Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass es Delany nicht auf die SF-Aspekte seiner Erzählung ankommt, sondern vielmehr auf die literarischen. Der Protagonist, obwohl ein Verbrecher, ist eindeutig der Sympathieträger der Geschichte.

Die Halbedelsteine im Titel beziehen sich übrigens auf geheime Parolen, mit dem sich die Unterwelt verständigt und gegenseitig vor Gefahren warnt.

Weitere Nominierungen:

Robert Silverberg: »Passengers«

(1968 in Knight [Hrsg.]: Orbit 4, G. P. Putnam’s; dt. »Passagiere« in Knight [Hrsg.]: Damon Knight’s Collection 4, FO 7 und in Blish [Hrsg.]: Ein Junge und sein Hund, PSF 6723; »Die Passagiere« in Silverberg: Die Schatten dunkler Flügel, G 203)

Larry Niven: »Not Long Before the End«

(April 1969 in F&SF; dt. »Nicht lange vor dem Ende« in Blish [Hrsg.]: Ein Junge und sein Hund, PSF 6723)

Gregory Benford: »Deeper Than the Darkness«

(April 1969 in F&SF; nicht auf Deutsch)

Ursula K. Le Guin: »Winter’s King«

(1969 in Knight [Hrsg.]: Orbit 5, G. P. Putnam’s; dt. »Winterkönig« in Knight [Hrsg.]: Damon Knight’s Collection 6, FO 12; »Der König von Winter« in Le Guin: Die zwölf Striche der Windrose, HSFB 25)

Dramatic Presentation

News Coverage of Apollo XI

(TV)

Die Berichterstattung zur Apollo-Mondmission war zweifellos eine »Dramatic Presentation« der besonderen Art, auch wenn es sich dabei – hoffentlich – um kein Science-Fiction-Ereignis gehandelt hat. Millionen Menschen überall auf der Welt verfolgten im Fernsehen die erste Landung von Astronauten auf dem Mond, ein Abenteuer, dessen Ausgang keinesfalls gewiss war. Kein Wunder, dass dagegen kein Kinofilm ankommen konnte!

Weitere Nominierungen:

Marooned

(Columbia; Drehbuch Mayo Simon; Regie John Sturges; basiert auf den gleichnamigen Roman von Martin Caidin; dt. Verschollen im Weltraum)

The Illustrated Man

(SKM; Drehbuch Howard B. Kreitsek; Regie Jack Smight; basiert auf einigen Geschichten der gleichnamigen Kurzgeschichtensammlung von Ray Bradbury; dt. Der Illustrierte Mann)

The Immortal

(Paramount; Drehbuch Lou Morheim & Robert Specht; Regie Allen Baron & Joseph Sargent; basiert auf dem Roman The Immortals von James Gunn; nicht auf Deutsch)

The Bed-Sitting Room

(Oscar Lewenstein; Drehbuch John Antrobus; Adaptation Charles Wood; Regie Richard Lester; basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von John Antrobus & Spike Milligan; dt. Danach)

Professional Magazine

Die Hugo Awards 1970
Die Hugo Awards 1970
Die Hugo Awards 1970

THE MAGAZINE OF FANTASY AND SCIENCE FICTION (Edward L. Ferman)

F&SF konnte bereits den fünften Hugo für sich verbuchen. 1969 erschienen Texte wie Anne McCaffreys Rowan-Geschichte »A Meeting of Minds« (Januar 1969), Robert Silverbergs »Sundance« (Juni 1969; dt. »Schicksalsgefährten« bzw. »Sonnentanz« bzw. »Schuldgefühl«) und Fritz Leibers »Ship of Shadows« (Juli 1969; dt. »Schiff der Schatten«), Isaac Asimovs Robotergeschichte »Feminine Intuition« (Oktober 1969; dt. »Weibliche Intuition«), Philip K. Dicks »The Electric Ant« (Oktober 1969; dt. »Die elektrische Ameise«). Außerdem erschienen Texte von Barry N. Malzberg, Samuel R. Delany, Harlan Ellison, James H. Schmitz, Sterling E. Lanier, Gregory Benford, Joanna Russ, Poul Anderson, Theodore Sturgeon und Ray Bradbury.

Weitere Nominierungen:

ANALOG (John W. Campbell, Jr.)
AMAZING (Cele Goldsmith and Ted White)
GALAXY (Ejler Jakobsson)
NEW WORLDS (Michael Moorcock, James Sallis, Charles Platt, Langdon Jones, Graham M. Hall, Graham Charnock)

Professional Artist

Frank Kelly Freas

Nach einer Pause von über zehn Jahren erhielt Freas schließlich den fünften Hugo für seine herausragenden grafischen Arbeiten. Siehe 1955, 1956, 1958 und 1959.

1969 schuf er zehn umwerfend schöne Cover für ANALOG sowie 16 Buchcover, überwiegend für die Verlage Ace und Lancer.

Weitere Nominierungen:

Leo & Diane Dillon
Jack Gaughan
Eddie Jones
Jeff Jones
Vaughn Bodé

Fanzine

SCIENCE FICTION REVIEW (Richard E. Geis)

Dies war der zweite Hugo für SCIENCE FICTION REVIEW (siehe 1969). Im Jahr 1969 erschienen sechs Ausgaben des Fanzines (Nummer 29 bis 34) mit zahlreichen Rezensionen. Es gelang Geis auch, prominente Gastautoren zu gewinnen, so unter anderem Samuel R. Delany.

Weitere Nominierungen:

LOCUS (Charles N. Brown)
RIVERSIDE QUARTERLY (Leland Sapiro)
SPECULATION (Peter R. Weston)
BEABOHEMA (Frank Lunney)

Fan Writer

Bob Tucker

Der US-Amerikaner Wilson »Bob« Tucker (1914–2006) stieß in den frühen dreißiger Jahren als aktives Mitglied zum Fandom und gab bereits 1932 sein erstes Fanzine heraus: THE PLANETOID. Sein wichtigstes Fanzine war LE ZOMBIE, das mit rund 60 Ausgaben von 1938 bis 1975 erschien. Er schrieb unter anderem auch das Heft Neo-Fan’s Guide to Science-Fiction Fandom (1966).

Darüber hinaus verfasste er auch eine Reihe von Erzählungen und Romanen, die professionell veröffentlicht wurden. Der wichtigste darunter ist zweifellos The Year of the Quiet Sun (als Wilson Tucker; 1970; dt. Das Jahr der stillen Sonne), der im nachfolgenden Jahr auch für den Hugo nominiert wurde.

Weitere Nominierungen:

Richard E. Geis
Piers Anthony
Charles N. Brown
Richard Delap

Fan Artist

Tim Kirk

Der Illustrator zeichnete zunächst für zahlreiche Fanzines, darunter AEO, und bevorzugte meist Fantasy-Themen in seinen Bildern. In den siebziger Jahren schuf er eine ganze Reihe von Taschenbuchcovern zu Fantasy-Romanen von Alan Burt Akers, Lin Carter und Fred Saberhagen. Berühmt geworden sind seine Farbarbeiten zu Tolkiens The Lord of the Rings.

Weitere Nominierungen:

George Barr
William Rotsler
Alicia Austin
Stephen Fabian

 

 

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Hardy Kettlitz hat in seinem Buch „Hugo Awards 1953-1984” (erschienen 2015 bei Golkonda) die Gewinner des berühmten Hugo Awards – einem der wichtigsten Science-Fiction-Preise der Welt – zusammengetragen und erklärt, warum die Preisträger zu Gewinnern wurden. Genau diesen Überblick über die Geschichte der Science Fiction möchten wir mit euch teilen. 

 

 

© 2015 by Hardy Kettlitz

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