Die besten Science-Fiction-Romane des Jahres 2016

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Das sind die besten Science-Fiction-Bücher des Jahres 2016


Wir lieben Science-Fiction-Romane, die uns mit neuen, spannenden oder abgefahrenen Ideen aus fremden Welten begeistern. Welche Bücher aus 2016 müsst ihr unbedingt gelesen haben? Autor Christian Endres hat eine Liste seiner Favoriten für euch!

Paolo Bacigalupi: Water. Der Kampf beginnt
Sylvain Neuvel: Giants – Sie sind erwacht
James L. Cambias: Meer aus Dunkelheit

Mainstream trifft SF: Paolo Bacigalupi - Water. Der Kampf beginnt

Deutsch von Wolfgang Müller • Blessing, Hardcover, 464 Seiten • 19,99 Euro

Paolo Bacigalupis erschreckend plausible Visionen einer kaputten Welt, der die Rohstoffe ausgehen und deren Klima endgültig verrückt spielt, waren bisher alle mehr als lesenswert, egal ob z. B. Biokrieg oder Schiffsdiebe. Das gilt alles in allem auch für seinen jüngsten Roman Water. Der Kampf beginnt, obwohl der Amerikaner sich dem Mainstream-Thriller-Publikum schon mächtig an den Hals wirft, während er vom kriminellen Ringen ums Wasser in einem staubigen Amerika der nahen Zukunft erzählt.

Riesiges Debüt: Giants – Sie sind erwacht von Sylvain Neuvel

Deutsch von Marcel Häußler • Heyne, Paperback, 416 Seiten • 14,99 Euro

Das Romandebüt des kanadischen Roboterbastlers, Sprachwissenschaftlers und Softwareingenieurs Sylvain Neuvel schildert in Form von Gesprächsprotokollen, wie ein Strippenzieher aus der Geheimdienstwelt ein Expertenteam nach den Teilen eines außerirdischen Riesenroboters suchen lässt. Gleichzeitig geht es um die Entschlüsselung der zum Roboter gehörenden Schrifttafeln. Stilistisch erfrischend, trotz der distanzierten Protokolle nah an den Figuren, und immer spannend und mitreißend. Da ignoriert man auch die paar Parallelen zu Pacific Rim und freut sich auf den zweiten Teil.

Klassischer Erstkontakt: Meer der Dunkelheit von James L. Cambias

Deutsch von Claudia Kern • Cross Cult, Paperback, 380 Seiten • 18,00 Euro

Mit Meer der Dunkelheit nimmt James L. Cambias die erste Direktive aus Star Trek unter Beschuss, die Interaktion verbietet, sobald sie fremden Kulturen schaden könnte. Als exotische Kulisse des Romans dient das Meer eines Eismondes, in dem eine Gesellschaft intelligenter Riesenhummer gedeiht und per Sonar kommuniziert. Menschliche Wissenschaftler kommen ihnen zu nahe, und das findet eine dritte Spezies sexuell aktiver Otter-Wesen gar nicht lustig. Ergibt am Ende einen gefälligen, oldschooligen Erstkontaktroman über Moral und Verständigung, in dessen Kapiteln man prima abtauchen kann.  

Wesley Chu: Die Leben des Tao
Peter Clines: Der Spalt
Hazem Ilmi: Die 33. Hochzeit der Donia Nour

Sympathischer Pageturner: Die Leben des Tao von Wesley Chu

Deutsch von Simone Heller • FISCHER Tor, Taschenbuch, 432 Seiten • 9,99 Euro

Für ihren ideologischen Bürgerkrieg auf Erden brauchen die außerirdischen, gasförmigen Quasing menschliche Wirte, in deren Köpfen sie sich als Stimme einnisten. So steuern sie seit Jahrtausenden die Geschicke der Menschheit. Im ersten Band von Wesley Chus Tao-Trilogie wird ein dicklicher Programmierer per Zufall zum Alien-Wirt und muss im Schnelldurchgang durch die Geheimagenten-Ausbildung gepeitscht werden. Ein irre sympathischer und fesselnder Pageturner, für den man bereitwillig ein paar Stunden Schlaf opfert.

Horror auf der anderen Seite: Der Spalt von Peter Clines

Deutsch von Marcel Häußler • Heyne, Taschenbuch, 528 Seiten • 9,99 Euro

Mike Erikson hat ein perfektes Gedächtnis, und im SF-Thriller von Peter Clines soll er damit einer Forschungseinrichtung auf den Zahn fühlen, die im Bereich der Teleportation experimentiert. Am Ende öffnen die Cracks aber ganz andere Tore, und es fließt sogar ein bisschen Lovecraft in den Wissenschafts-Thriller, dessen Protagonisten einem schnell ans Herz wachsen. Spoiler: Nicht alle werden den schwer unterhaltsamen SF-Horror-Roman, der sich ruckzuck wegliest, überleben ...

Provokante Dystopie: Die 33. Hochzeit der Donia Nour von Hazem Ilmi

Deutsch von Matthias Frings • Blumenbar, Hardcover, 272 Seiten • 18,00 Euro

Der brisanteste und provokanteste dystopische Roman des Jahres beschreibt eine strenge ägyptische Technokratie im Jahre 2048, die durch ein philosophisches Alien-Entführungsopfer und eine rebellische junge Frau durchgerüttelt wird. Bissig, lustig, böse, gnadenlos, drastisch, aktuell, kritisch – nicht umsonst veröffentlicht der Autor, ein vegetarischer Atheist aus Ägypten, sein Werk unter Pseudonym.

William Gibson: Peripherie
Rachel Bach: Sternenschiff
James Triptree Jr.: Die Mauern der Welt hoch

Knackiger Post-Cyberpunk: Peripherie von William Gibson

Deutsch von Cornelia Holfelder-von der Tann • Tropen, Hardcover, 616 Seiten • 14,95 Euro

William »Neuromancer« Gibson macht es einem in Peripherie wieder mal nicht leicht, was den Einstieg in seinen Roman angeht. Wer durchhält, wird belohnt: Der Altmeister inszeniert eine knackige Krimi-Geschichte über zwei coole, plausible zukünftige Zeitlinien. Die muss man sich immer ein bisschen erarbeiten, doch das erhöht letztlich den Reiz. Klare Sache: Der Zukunftsversteher ist nicht nur der Godfather des Cyberpunk, sondern auch in Sachen Post-Cyberpunk noch immer das Maß der Dinge.

Ballern und Flirten: Sternenschiff von Rachel Bach

Deutsch von Irene Holicki • Heyne, Taschenbuch, 448 Seiten • 9,99 Euro

Wer auf das Geballer und Gesteche im multimedialen Kosmos von Warhammer 40.000 steht und schon immer eine Schwäche für die Kampfrüstung der Heldin aus dem Game-Klassiker Super Metroid hatte, wird sicher auf Sternenschiff anspringen. Rachel Bach hat den nicht perfekten, aber launigen Roman über ihre hartgesottene Heldin und überzeugte Bitch geschrieben, weil sie selbst in der Buchhandlung keine romantische Action-Mischung im All fand, in der genauso viel geballert wir geflirtet wird.

Seltene Langstrecke: Die Mauern der Welt hoch von James Triptree Jr.

Deutsch von Bella Wohl • Septime, Hardcover, 504 Seiten • 24,90 Euro

Ihre Kurzgeschichten, die bereits alle auf Deutsch vorliegen, sind fraglos viel besser, aber: Was wäre so eine Liste der besten SF-Romane ohne James Tiptree jr. alias Alice B. Sheldon, wenn im Kalenderjahr passenderweise einer ihrer lediglich zwei Romane auf Deutsch erschienen ist? Rochen-Aliens, menschliche Telepathen und ein einsamer Weltenzerstörer stehen im Mittelpunkt von Die Mauern der Welt hoch, der aus dem Jahre 1978 stammt, 1980 als Die Feuerschneise erstmals auf Deutsch rauskam und in Zuge der lobenswerten Werkausgabe bei Septime diese Neuübersetzung allemal verdient hat.

Nnedi Okorafor: Lagune
Becky Chambers: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten
Jo Walton: Das Jahr des Falken

Afrikanische Mythen: Lagune von Nnedi Okorafor

Deutsch von Claudia Kern • Cross Cult, Paperback, 370 Seiten • 18,00 Euro

Mit Lagune schafft es die dekorierte US-amerikanische Phantastik-Autorin Nnedi Okorafor endlich auf den deutschsprachigen Markt. Ihr Erstkontakt-Roman ist im heutigen Nigeria angesiedelt, wo Okorafors Wurzeln liegen, weshalb sie die Ambivalenz, das Gewimmel und die Probleme des modernen Afrika ebenso gut einfängt wie das mythische Sagengut ihrer Ahnen. Dass ihre Science-Fiction öfters in den magischen Realismus abgleitet, macht das Ganze bloß noch ungewöhnlicher und lesenswerter.

Wohlfühl-Space-Opera: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von Becky Chambers

Deutsch von Karin Will • FISCHER Tor, Taschenbuch, 544 Seiten • 9,99 Euro

Becky Chambers Erstling wird gerne als optimistische SF bezeichnet, und wer will da widersprechen? Da schwingt kein Fünkchen Dystopie mit, wenn sie ihre intergalaktische Crew eines Wurmlochbohrschiffs auf Abenteuerfahrt begleitet, einem die Figuren und ihre Sorgen und Nöte mit jedem Kapitel mehr ans Herz wachsen. Deshalb kommt einem der erste Ausflug in Chambers buntes Universum trotz des Umfangs nie lang oder langatmig vor. Wohlfühl-SF zum Abschalten, wenn man ohne Tiefgang und Innovation leben kann und in Firefly gerne mehr Aliens gesehen hätte.

Subtiler Alternativwelt-Krimi: Das Jahr des Falken von Jo Walton

Deutsch von Nora Lachmann • Golkonda, Paperback, 287 Seiten • 16,90 Euro

Jo Waltons Trilogie um Scotland-Yard-Inspector Carmichael entführt in ein historisches England, das seinen Frieden mit Nazi-Deutschland geschlossen hat und daraufhin selbst immer faschistischer und gefährlicher wird – und gehört zu den großen, bedeutungsvollen Alternativwelt-Szenarien unserer Zeit. Walton schreibt meisterhaft subtil über große Gefahren und wichtige Dinge und verbindet das auch im finalen Roman elegant mit der Tradition der britischen Kriminalliteratur.

DBC Pierre: Frühstück mit den Borgias
Cixin Liu: Die drei Sonnen
Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen

Zeitgemäße Twilight Zone: Frühstück mit den Borgias von DBC Pierre

Deutsch von Max Stadler • Aufbau Blumenbar, Hardcover, 224 Seiten • 18,00 Euro

Indem er seinen durch und durch logischen und digitalen Protagonisten in ein altes englisches Hotel an der Küste verfrachtet und vom Netz nimmt, zeigt DBC Pierre der dauererreichbaren Smartphone-Gesellschaft erst mal gepflegt den Mittelfinger. Schließlich diskutieren verschrobene Gäste offline über Quantenphysik und Alternativwelten, und am Ende landet das skurrile, verstörende Kammerspiel mitten in der Twilight Zone. Ein überraschendes, außergewöhnliches Buch mit immenser Sogwirkung.

Made in China: Die drei Sonnen von Cixin Liu

Deutsch von Martina Hasse • Heyne, Paperback, 592 Seiten • 14,99 Euro

Schön, dass der erste Roman, der als Übersetzung überhaupt den Hugo Award gewonnen hat, Ende des Jahres noch auf Deutsch erschienen ist. Cixin Liu ist gewissermaßen die Speerspitze der erfolgreichen modernen Science Fiction aus China, die international jede Aufmerksamkeit verdient und so viel mehr ist als die Staatskritik im Orwell-Modus, die man vielleicht erwartet. Der erste Teil der populären Trilogie pendelt so etwa zwischen Verschwörungs-Thriller und echter Hard-SF.

Klassiker als Gesamtkunstwerk: Der Krieg mit den Molchen von Karel Čapek

Deutsch von Eliška Glaserová • Edition Büchergilde, Hardcover, 331 Seiten • 24,95 Euro

Diesen wunderbar satirischen Science-Fiction-Klassiker, den der Tscheche Karel Čapek erstmals 1936 veröffentlichte, kann man immer wieder lesen, denn seine Themen sind noch genauso aktuell wie zwischen den großen Weltkriegen. Wer Der Krieg mit den Molchen jetzt zum ersten oder wiederholten Male liest, tut das am besten in dieser prächtigen Neuauflage mit den poppigen Illustrationen von Hans Ticha, die Text, Satz und Bilder in einem Gesamtkunstwerk vereint.

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