Aus dem Tagebuch eines Schundschriftstellers

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KOLUMNE

Schreck, lass nach! Aus dem Tagebuch eines Schundschriftstellers


Unter dem Pseudonym „Simon Borner“ wagt sich unser Kolumnist Christian Humberg seit 2008 mehrmals pro Jahr in die Untiefen der Trivialliteratur, wo Monster und Dämonen lauern, wagemutige Raumschiffkommandanten das All erforschen und der Tod stets nur einen haarsträubenden Cliffhanger weit entfernt ist. Borner, der literarische Mister Hyde zu Humbergs Doktor Jekyll, ist als Autor vor allem für beliebte Serien wie PROFESSOR ZAMORRA, DORIAN HUNTER und STERNENFAUST aktiv und schreibt u.a. für Bastei Lübbe und Zaubermond. Einige seiner Machwerke wurden bereits fürs Theater adaptiert.

Für TOR Online hat er augenzwinkernd notiert, wie „eine typische Borner-Woche“ bei ihm aussehen kann. Lesen auf eigene Gefahr – und von Nachahmung wird dringend abgeraten!

Montag

Graf Roderick Bannister aus den ebenso abgelegenen wie nebelumwobenen Highlands ist erst seit einer halben Stunde tot, und schon kommt er mir hirnlos ächzend entgegengeschlurft, mit leerem Blick und Händen, die gierig nach mir greifen. Eigentlich geziemt sich dieses Verhalten nicht für den schottischen Hochadel, dem Graf Roderick bis vor kurzem noch angehörte. Andererseits gehört es quasi zum international anerkannten Standard im Zombierepertoire, und da ich meinen Grafen in einen waschechten Groschengrusler geschrieben habe, darf ich ihm jetzt wohl nicht mit Knigge und Konsorten kommen. Sonst beißt er mich nachher noch. Zur Strafe.

Jedenfalls: Es ist Montagmorgen, zehn Uhr, und ich starre auf meinen PC-Monitor. Das angefangene Heftromanmanuskript starrt zurück. Einmal mehr frage ich mich, wer hier der eigentlich der Wahnsinnige ist, mein Graf oder sein Autor.

Ob ich nicht diese Woche Zeit hätte, klagte meine Redakteurin vorhin am Telefon. Es sei leider im letzten Moment ein Kollege ausgefallen, krankheitsbedingt, doch die Setzerei könne den vereinbarten Abgabetermin für den Roman unmöglich weiter aufschieben. Heftromane erscheinen nun einmal leider wöchentlich und nicht, wann immer die Muse beim Autor vorbeigeschneit ist. Eine Hauruck-Aktion sei also von Nöten, sagte meine Redakteurin, denn the show must ja go on, und ich dürfe auch so ziemlich machen, was ich wolle. Hauptsache, ich gäbe den fertigen Band in acht Tagen ab. Druckfertig.

Seitdem warten hundert Manuskriptseiten auf Inhalt. Der aus meinem in panischer Schockstarre eingefrorenen Hirn kommen soll. Jetzt weiß ich wieder, warum man die Dinger Horrorromane nennt …

Dienstag

Der Graf hat’s übrigens auch nicht leicht. Just, als er in das zarte Fleisch der schlafenden Gräfin Bannister beißen will, steht auf einmal der Held der Geschichte in der Tür, wie Helden das nun einmal machen in der Spannungsliteratur: Warum früh dran sein, wenn last minute doch so viel effektvoller ist?

Mein Held ist von Beruf Wissenschaftler, Spezialgebiet Übersinnliches, und wann immer ihn Labor und Seminarraum lassen, betätigt er sich höchst erfolgreich als Dämonenjäger. Wo ich mich tagtäglich im Büro mit Lektoren, Titelbildzeichnern und wahnwitzigen Abgabeterminen herumschlagen muss, trifft er also auf machtbesessene Vampire, auf langsam verfaulende Untote und auf höllisch gefährliche Monster aus anderen Dimensionen, die nach der Herrschaft über unseren Planeten streben. Ich beneide ihn.

Und mich … beneide ich nicht. Im Gegenteil. Wäre Selbstmitleid eine Währung, die ganze Welt würde mir gehören – und nicht den höllischen Dimensionsreisenden. Dieses dämliche Manuskript. Warum habe ich dazu nur Ja gesagt, hm? Kapitel 3 ist halb fertig, und noch immer habe ich keinen blassen Schimmer, wie mein Dämonenjäger den im Romantitel vollmundig versprochenen „Fluch von Bannister Castle“ besiegen will. Immerhin besiegt er jetzt schon mal den ollen Roderick: Ein wenig Action, ein wenig Magie, und die schottische Provinz ist um eine gespenstische Attraktion ärmer.

Just, als ich Mittagspause machen möchte, ruft der Verlag an. Moralische Unterstützung für den Jungen an der Front. Man sei schon waaahnsinnig gespannt auf den Roman, und ich könne mich ruhig austoben, doch, doch; selbst hundertzwanzig Seiten seien noch kein Problem, dann mache man einfach die Schrift etwas kleiner.

Ich bedanke mich artig, lege auf und habe keinen Appetit mehr. Dann lache ich, bis ich heiser bin.

Mittwoch

Es lief. Zumindest gestern Abend. Satte zehn Seiten habe ich da noch geschafft, voller Spannung und Dramatik. Ich fühlte mich sogar richtig gut dabei, in Kontrolle. Doch jetzt? Kreativer Stillstand, mitten in Kapitel 5. Ich bin überzeugt, der schlechteste Autor in der Geschichte der Trivialliteratur zu sein. Ich schreibe jeden neuen Satz dreimal um und lösche ihn dann ersatzlos. Ich hinterfrage meine Nebenfiguren, zweifle an meinen mühsam ausgedachten Cliffhangern, halte mein Finale nicht länger für mitreißend, sondern für lachhaft.

Als wolle er mir mein Versagen noch unter die Nase reiben, steht plötzlich der Postbote vor der Tür und bringt einen Stapel Belegexemplare, frisch aus der Druckerei. Mein voriger Horrorroman ist soeben erschienen, scheint mir; aber so lange ich die Hefte auch anstarre, kann ich einfach nicht mehr glauben, dass ich die geschrieben haben soll. Ich kann doch gar nicht schreiben! Fragt nur mal Gräfin Bannister!

Zum Abendessen lasse ich den Pizzamann kommen, ich schaffe es vor lauter Termindruck ja nicht mehr zum Supermarkt. Als ich ihn an der Tür bezahle, wünscht er mir noch einen schönen Tag. Ich muss mich zusammenreißen, ihm kein Schimpfwort nachzubrüllen. Was weiß der schon?

Donnerstag

Mir ist, als habe sich halb Schottland gegen den Dämonenjäger verschworen. Wo immer er sich auch hinwendet, stößt er auf eine Mauer aus Angst und Schweigen. Was verheimlichen diese mürrischen Highlander nur vor ihm? Und findet er es schnell genug heraus, um die Tochter des Dorfwirts aus den Klauen des verrückten Wissenschaftlers zu befreien, dessen Labors der Zombievirus entsprungen ist?

Ein Zombie bin ich inzwischen auch. Es fühlt sich zumindest so an. Tageslicht sehe ich nur noch durch mein Bürofenster. Andere Menschen ebenfalls. Ich bin in Einzelhaft, und das befreiende Wort ENDE liegt noch sechs lebenslänglich scheinende Kapitel entfernt.

E-Mail von der Redakteurin. Das Titelbild ist fertig. Ich öffne die der Mail anhängende Datei und beschließe, in meinem nächsten Leben Titelbildzeichner zu werden. Zwar bin ich im Zeichnen eine absolute Niete, aber fertige Werke sehen immer so einfach aus …

Freitag

Die Buche vor meinem Fenster hat fünfhundertdreiundsiebzig verschiedene Blätter. Das weiß ich so genau, weil ich sie zähle. Seit Stunden. Alles ist besser, als sich neue Sätze ausdenken zu müssen. Alles ist einfacher als originell zu sein. Horror – überall Horror!

Doch was nützt es? Ich schleppe mich durch Kapitel 9. In den geheimen Labors kämpft mein Held gegen eine Armee zu Untoten mutierter Wissenschaftler. Es wird viel geknurrt, gebissen und verwest, doch mein Dämonenjäger hat selbst im dicksten Gefecht noch genug Puste für einen kessen Spruch. Das findet auch die soeben befreite Wirtstochter ziemlich klasse. Sie weiß ja noch nicht, dass er längst vergeben und seiner Nicole so treu ist wie Beelzebub dem Schwefel.

Als die Straßenlaterne neben der Buche angeht, gebe ich auf. Es ist Freitagabend, eigentlich Wochenende. Ich brauche Hofgang.

Mit einem alten Studienfreund schleppe ich mich zur Kneipe um die Ecke und starre in mein Bier, während er mir vorschwärmt, was für einen tollen Beruf ich doch hätte. Schließlich sei ich den ganzen Tag daheim und würde dafür bezahlt, mir Sachen auszudenken. Entspannter könne man ja wohl kaum leben. Ich lasse das Bier zurückgehen und bestelle einen doppelten Jack Daniels. Ja, ohne Cola. Seh ich etwa aus, als wäre Geschmack mir noch wichtig?

Dann stelle ich mir vor, ich hätte eine Ampulle Zombie-Erregerstoff in der Tasche, und kippe sie pantomimisch in das Glas meines Kumpels, während dieser zur Toilette geht. Jetzt geht’s mir etwas besser.

Samstag

Im Fernsehen läuft eine Talkshow. Ein bekannter Bestsellerautor wird gefragt, wo er seine Ideen hernehme. Er antwortet, die fände er überall – in der Zeitung, in der Innenstadt, im Blumenbeet hinter seinem Haus. Die Ideen, sagt er, kämen ganz von selbst. Ich merke erst, dass ich der Mattscheibe wieder und wieder „Lügner!“ entgegenbrülle, als die Nachbarn an die Wände klopfen.

In Kapitel elf hat sich der Virus weiter ausgebreitet. Die Armee ist endlich vor Ort und sollte die Highlands besser mal schnell weiträumig absperren, aber der General gehört zur verbohrt-sturen Sorte und weigert sich, den Warnungen meines Helden zu glauben. Zum Dank wird er schon fünf Seiten weiter ebenfalls gebissen und mutiert zum Zombie in Uniform. Ich benenne ihn nach dem bekannten Bestsellerautor und fühle mich, als hätte ich es jetzt allen gezeigt. Es sind die kleinen Siege, die zählen.

Wieder eine E-Mail. Meine Mutter will wissen, ob ich es zum Sonntagskaffeeklatsch schaffe. Statt eine Antwort zu formulieren, copypaste ich die Sterbeszene des schottischen Generals in die Mail und klicke auf „Absenden“. Das, scheint mir, geht schneller und drückt das gleiche aus. Wahrscheinlich enterbt sie mich jetzt oder schickt den Notarzt vorbei.

Zwei Stunden später. Weder Notarzt, noch weitere Mails. Die Frage ist also beantwortet. Ich gebe der wunderschönen Wirtstochter den Namen meiner Mutter. Dann lasse ich sie einen Kuchen backen. Nur für mich. Wer braucht schon echte Menschen, wenn er sich welche ausdenken kann?

Sonntag

Endspurt. Alles muss raus. Ich habe nicht geschlafen, sondern jetzt ein dreizehntes Kapitel. Ein fairer Tausch, finde ich. Und weiter geht’s. Positiver Nebeneffekt: Vor lauter Übermüdung kommt mir gar nicht mehr in den Sinn, Sätze dreimal umzuschreiben. Mein Ich von Mittwoch war ein elender Snob, und nun, im großen Finale, fallen endlich alle meine Handlungspuzzleteile an ihren Platz.

Wir sind wieder in dem geheimen Labor, mitten in den Highlands. Der Dämonenjäger hat die schöne Wirtstochter und sich zwischen Reagenzgläsern und Erlenmeierkolben eingeschlossen. Er sucht fieberhaft nach einem Mittel gegen den Virus und hält über Skype Kontakt zur trauernden Gräfin Bannister, in deren Familienstammbaum die Antwort auf seine vielen Fragen liegen muss, doch die Untoten hämmern bereits von außen gegen seine Tür. Die Wirtstochter schreit, als sie das Gesicht des Zombiegenerals vor dem Laborfenster erblickt. Dann schlägt der General die Scheibe ein. Der Ernst des Lebens nach dem Tod, hier ist er.

Ich leide mit meinem Helden. Seine Mikroskope sind mein Monitor, seine Fäuste meine Tastatur. Er will nicht nur, er muss gewinnen. Das Schicksal der ganzen Welt mag davon abhängen. Die Wirtstochter sieht das ähnlich und stellt sich schützend vor ihn, als die Zombies das Labor stürmen. Und dem Dämonenjäger kommt die rettende Idee!

Drei Stunden später sind wir alle fix und fertig, die überlebenden Figuren und ich. Die Gefahr ist endlich gebannt, Schottland wieder sicher, und auf der Beerdigung des sturen Generals lernt die Wirtstochter den Sohn des Grafen Bannister kennen. Der sieht dem Dämonenjäger unheimlich ähnlich, und sie verliebt sich sofort. Mein Held kann heim.

Wo er denn die ganze Woche gesteckt habe, will seine Nicole zuhause von ihm wissen. Sie klingt eingeschnappt. Was denn gewesen sei.

„Das Übliche“, antwortet er und fährt sich mit der Hand durch das selbst zerzaust noch atemberaubend gut aussehende Haar. „Das Übliche.“

Ich nicke, schreibe ENDE darunter und schlafe sofort ein. Im Traum trete ich vor Beelzebub und schwöre ihm ewige Treue, wenn ich nie wieder einen Hauruck-Roman stemmen muss.

Montag

Der Verlag ruft an und schleimt. Ich sei ein Teufelskerl, höre ich, ein echter Profi. Der Setzer sei hochzufrieden, der Erscheinungstermin gesichert. Mehr Geld als sonst bekomme ich aber natürlich trotzdem nicht. Dafür könne man mir „etwas viel, viel Besseres“ anbieten: In einer anderen Romanserie sei nämlich just heute ein Kollege erkrankt. Ob ich nicht schnell einspringen und bis in acht Tagen einen Wildwestroman schreiben könne?

Ich lache wieder, bis ich heiser bin.

Dann schreibe ich den Western.

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