Kolumne: Von Küchenjungen und Königen (Sarah Monette)

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KOLUMNE

Von Küchenjungen und Königen: Genrekonventionen in der Fantasy-Literatur


Für Autoren von Fantasyromanen kann es schwer sein, sich nicht den gängigen Genrekonventionen zu unterwerfen. Aber Konventionen sind weder Gesetze noch Regeln. Sie können - und müssen - verändert werden. Sagt Autorin Sarah Monette (Katherine Addison "Der Winterkaiser").

Es war einmal ein Küchenjunge.

In letzter Zeit habe ich viel über Genrekonventionen nachgedacht und über das, was sie mit Erzählungen machen.

Eine Genrekonvention ist ein bestimmter Figurentypus oder eine Entwicklung des Plots, die in Werken desselben Genres mit großer Wahrscheinlichkeit anzutreffen sind. Ein Beispiel dafür ist der Privatdetektiv des Typs einsamer Wolf in den hard-boiled Kriminalromanen. Großgewachsene, düstere Männer mit zwielichtiger Vergangenheit sind wiederum ein Spezifikum der Schauerliteratur. Und Küchenjungen gehören zu den Konventionen eines Genres, das für gewöhnlich „epische Fantasy“ oder „High Fantasy“ genannt wird. Persönlich bevorzuge ich die Bezeichnung „secondary world fantasy“ (sprich Fantasy-Erzählungen, die in vollständig erdachten Welten, wie Tolkien sie verstanden hat), da dieser Begriff nicht so vorbelastet ist.

Und natürlich wissen wir alle, was einen Küchenjungen in dieser Art von Fantasy-Literatur erwartet: Er stellt sich unweigerlich als der verloren geglaubte König heraus.

Denn das ist das Wesen von Genrekonventionen: Wir wissen ganz genau, was passieren wird, noch bevor wir die Geschichte überhaupt gelesen haben.

Konventionen einen ungewöhnlichen Dreh geben

Das muss nichts Schlechtes sein. Denn die Konventionen bilden eine Art gemeinsamer Sprache von Lesern und Autoren, was wiederum heißt, dass der Dialog auf einem gedanklich viel höheren, komplexeren Niveau geführt werden kann - schließlich muss man nicht jedes Mal, wenn man eine Geschichte entwickelt, das Rad neu erfinden. Außerdem kann man jeder Konvention einen ungewöhnlichen Dreh geben, sie gegen den Strich bürsten oder gar auf den Kopf stellen. Meistens sind die interessantesten und spannendsten Erzählungen diejenigen, in denen genau das gelingt.

Denn wesentlich für Genrekonventionen ist auch, dass sie nicht in Stein gemeißelt sind, sondern verändert werden können. Sie sind keine Gesetze und nicht einmal Regeln. Vielmehr sind sie so etwas wie ein Leitfaden, der sich jedoch allzu schnell in eine Fessel verwandeln kann.

Ergo der Küchenjunge.

Seine Geschichte ist allgemein bekannt: Ihm gelingt es den Küchentrakt zu verlassen, woraufhin er in allerlei Abenteuer verstrickt wird; dabei gewinnt er eine Handvoll ergebener Gefährten und nicht minder treuer Feinde; und irgendwann – wer hätte das geahnt (außer dem Leser, der schon von Anfang an Bescheid gewusst hat) -, erweist er sich als lange gesuchter König von Albion, Gondor, Riva oder dem Land, in dem wir uns gerade befinden.

Fesselnd und uninspirierende Fantasy

Denn so lautet die Genrekonvention. Und wenn man sich in ihren Fesseln bewegt – sprich sich von ihr den Verlauf der Geschichte diktieren lässt -, wird man fade, uninspirierende Fantasy schreiben, die jeder Leser bereits fünf Minuten nach Abschluss der Lektüre wieder vergessen hat.

Was aber passiert, wenn man mit den Konventionen zu spielen beginnt?

Stellen wir uns einen ganz bestimmten Küchenjungen vor. Er heißt Tam, ist fünfzehn Jahre alt, Waise, dünn und dunkelhaarig. Ihn quält ein schlimmer, trockener Husten, an dem schon seine Mutter gestorben ist. Die anderen Jungen, die im Schloss arbeiten, verprügeln ihn regelmäßig, denn er ist ein leichtes Opfer; es gelingt ihm jedoch immer wieder – ganz unauffällig, subtil und höchst geschickt, sich an ihnen zu rächen.

Oder wie wär’s mit einem anderen Küchenjungen namens Patrick. Er ist fünfzehn Jahre alt und das siebte von insgesamt zwölf Kindern. Zwei seiner Geschwister starben, bevor sie zwei Jahre alt waren; die älteste Schwester verschied im Kindbett, als Patrick erst zwölf war. Sein ältester Bruder, der das kleine väterliche Gehöft erben wird, ist vor lauter Sorge stark gealtert; Patricks zweitältester Bruder ist bei einem Schuhmacher in die Lehre gegangen und damit zutiefst unglücklich. Der Vater hatte Patrick für das Priesteramt bestimmt, was dieser ihm ausreden konnte; stattdessen wurde er Küchenjunge im Schloss. Er lebt und arbeitet dort sehr gern. Und er weiß ganz sicher, dass er niemals die Verantwortung für das Leben eines anderen Menschen übernehmen wird.

Oder wie wär’s zur Abwechslung mit einem Küchenmädchen. Sie heißt Annalisa, ist fünfzehn Jahre alt und die Tochter des Chefkochs. Sie arbeitet in der Küche, weil ihr Vater ein Auge auf sie haben will. Die Mutter starb bei ihrer Geburt; das Einzige, was Annalisa von ihr weiß, ist, dass ihr Mutter eine Fremde war, nie über sich sprach und ihr ein goldenes Medaillon hinterlassen hat, das niemand zu öffnen vermag. Annalisas Vater pflegt zu sagen, dass das Erbstück sich wunderschön mit ihrem Hochzeitskleid ausnehmen würde; und Annalisa träumt davon, dass ihre wahre Liebe, wenn sie sie eines Tages findet, das Medaillon öffnen können wird.

Zwängt man einen dieser ganz besonderen Küchenjungen in eine konventionelle Erzählung, dann wird er deren Rahmen sprengen. Tam hat Tuberkulose, kann also nicht einfach sein Bündel schnüren und sich auf eine Quest begeben. Zudem hat Tam sich so manches bei Machiavelli abgeschaut, was viele Leser als Lebenseinstellung des lange gesuchten Königs des Landes Soundso unangebracht finden werden. Patrick wird alles in seiner Macht Stehende tun, um sich auf keine Quest begeben zu müssen; und König will er schon gar nicht werden. Und Annalisa wäre lieber die Heldin einer ganz anderen Geschichte - nämlich der des „Aschenputtels“.

Genrekonventionen sprengen

All diese Figuren sprengen die Genrekonvention, doch die Geschichten, die in deren Trümmern geboren werden, sind um ein Vielfaches interessanter. Und KEINER von uns Lesern WEISS, welches Schicksal Tam, Patrick, Annalisa oder irgendeinen der anderen ungewöhnlichen Küchenjungen bzw. -mädchen erwartet. Denn es ist unmöglich, bereits zu Beginn des Buches vorauszusagen, welche Wendungen das Plot nehmen wird.

Das heißt aber auch, dass die Erzählung und die Figuren die Freiheit haben, sich zu entwickeln, wie es ihnen gefällt, anstatt immer in die Form der Suche nach dem Heiligen Gral gepresst zu werden. Sie haben die Freiheit, authentisch zu sein.

Und damit haben wir uns aus den Fesseln befreit, doch wie der Blick auf das Werk mit etwas Abstand beweist, hat sich der schwere Befreiungskampf allemal gelohnt.


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Autorin Sarah Monette, wie Katherine Addison ("Der Winterkaiser", FISCHER Tor, Oktober 2016) im echten Leben heißt, gibt Einblick in ihr Leben als Schriftstellerin und hat dabei wertvolle Tipps für alle, die auch gerade mitten im Schreibprozess feststecken.



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Deutsch von Petra Huber

 

© 2007 by Sarah Monette

Zuerst erschienen bei Storytellers Unplugged im November 2007, im Original nachzulesen auf www.truepenny.livejournal.com 

 

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