Neues altes Niemalsland unter London - Neil Gaiman

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BUCH

Neues altes Niemalsland unter London


Neil Gaimans Roman Niemalsland ist ein moderner Klassiker der Urban Fantasy – und entzückt nach all den Jahren auch als neu übersetzter Director’s Cut mit diversen Extras.

Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams begann seinen Siegeszug 1978 als Radiohörspiel, bevor ab 1979 Romane, eine TV-Serie, ein Videogame, Theaterstücke, Hörbücher, Comics und ein Kinofilm folgten. Es liegt also eine gewisse Symmetrie darin, dass Neil Gaiman 1988, ganz am Anfang seiner großen Karriere als heutiger Superstar der Fantastik, mit Keine Panik ein Sachbuch über Adams und den Anhalter veröffentliche, ehe Gaiman der Comic-Fantasy mit Sandman eine literarische Frischzellenkur verpasste und 1996 schließlich gemeinsam mit Lenny Henry die TV-Miniserie Neverwhere erschuf, aus der im Laufe der Jahre ebenfalls ein Roman, eine Comic-Adaption, ein Theaterstück, ein Radiohörspiel und ein Hörbuch wurden.

Der 1960 geborene Gaiman wusste schon am Set der BBC-Fernsehserie, dass Neverwhere sein Romandebüt werden sollte, und begann am ersten Drehtag mit dem Schreiben des Buches. So tröstete er sich darüber hinweg, wenn wieder einmal eine geliebte Szene aus seinem Drehbuch gestrichen und nicht fürs TV realisiert wurde. Auf Englisch – und Deutsch – erschien der Roman erstmals 1998, und man darf ihn als einen der Klassiker der modernen Urban Fantasy bezeichnen, die kurz darauf so richtig boomen sollte. Bei Lübbes Eichborn-Imprint, wo bereits der Director’s Cut von American Gods herausgekommen ist, liegt nun eine Neuübersetzung von „Niemalsland“ vor, die nicht nur Erstleser zu begeistern vermag.

Die Stadt unter der Stadt

ür die US-Ausgabe von Neverwhere zog sich der in England geborene, seit Jahren in den USA lebende Gaiman eine Woche lang in ein Hotelzimmer im World Trade Center zurück und fertigte eine amerikanische Fassung der Geschichte an, die z. B. nicht so viel Insider-Wissen über London voraussetzte. Dafür fügte er zwölftausend Wörter hinzu, tilgte ein paar Tausend andere und verabschiedete sich schweren Herzens von einem seiner beiden Prologe. 2005 überarbeitete der u. a. mit dem Hugo Award, dem World Fantasy Award, dem Bram Stoker Award und dem deutschen Phantastik Preis ausgezeichnete Gaiman Niemalsland ein weiteres Mal, fügte den englischen und den amerikanischen Romantext zusammen und trimmte das Ganze hier und da noch ein bisschen. Auf dieser dritten, man mag fast sagen definitiven Version basiert die Eichborn-Neuausgabe, die Tobias Schnettler meistens sehr ordentlich ins Deutsche übertragen hat. Die exklusiven Graustufen-Illustrationen stammen von der Kölner Illustratorin Saskia Wragge, wirken aber etwas mutlos, da sie hauptsächlich Tiere zeigen, die in der Handlung vorkommen.

Dabei wartet hinter dem schicken, cleveren Cover doch so viel mehr, das zu visualisieren und zeigen sich gelohnt hätte! Immerhin folgt der Leser nach wie vor dem Wertpapierhändler Richard Mayhew, dessen sortiertes Leben in London eine unerwartete Wendung nimmt, als er eine verletzte junge Frau von der Straße aufliest, mit nach Hause nimmt und wenig später in ihr London-unter-London gelangt – ein Niemalsland, von dem in Oberlondon niemand etwas weiß, dessen Bewohner kein normaler Londoner sieht und das vor Gefahren, Abenteuern, Seltsamkeiten, Monstern und Wundern nur so wimmelt. Hier wird der brutal aus seiner trägen Komfortzone gerissene Richard ein Gefährte der jungen Door, die jede Tür öffnen kann, die das Abschlachten ihrer adeligen Familie rächen möchte und zudem von einer abgebrühten Leibwächterin und dem windigen Marquis de Carabas begleitet wird.

Eine Tür in Gaimans Zauberwelt

Im Anhang der gelungenen Neuauflage von Niemalsland, das Mr. Gaimans Sandman und Stardust – Der Sternwanderer vom Feeling her näher ist als seinen späteren Bestsellern, findet sich noch eine bis dato nie übersetzte Kurzgeschichte mit dem Marquis, die Gaiman 2014 ursprünglich für die lesenswerte Anthologie Rogues von George R. R. Martins und Gardner Dozois  verfasst hat, die kurioserweise gerade parallel als Der Bruder des Königs auf Deutsch rausgekommen ist. Außerdem wartet hinten in der ultimativen Niemalsland-Edition noch der rausgestrichene Prolog mit den köstlich brutalen Auftragskillern Croup und Vandemar, die aufgrund von Croups Eloquenz immer Erinnerungen an Shlubb und Klump aus Frank Millers Sin City aufkommen lassen.

Auch die abermalige Lektüre von Niemalsland war nach mehr als fünfzehn Jahren voller Erinnerungen für diesen Gaiman-Jünger hier – und trotzdem genauso spannend und fantastisch wie beim ersten Mal. Mit der Zeit gehen viele Zusammenhänge, Entwicklungen, Details und Momente verloren, sodass die erneute Lektüre kaum unter den verbliebenen Vorwissensbruchstücken leidet. Die Neuausgabe ist demnach nicht nur für Leser geeignet, die sich erst noch in Gaiman verlieben müssen und dafür mit Niemalsland eine perfekte Eingangstür in sein Schaffen finden, sondern selbst für langjährige Fans des großen Geschichtenerzählers und Wortschmieds der zeitgenössischen Fantasy, die damit einen guten Grund haben, wiederholt nach Unterlondon zu reisen.

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