Kolumne von Jo Walton - Literaturkritik versus das Reden über Bücher

KOLUMNE

Literaturkritik versus das Reden über Bücher


Ich protestiere immer, wenn man mich als Literaturkritikerin bezeichnet. Ich habe Geschichte studiert und kein Englisch, kenne mich also mit der Materie gar nicht aus. Die Literaturkritik ist eine Konversation, an der ich nie teilgenommen habe – die Kritiker stehen im Dialog mit dem Text, aber auch miteinander. Wenn ich über Bücher rede, dann als Teil einer anderen Konversation, die ihre Wurzeln in Fanzines und im Usenet hat und weniger in Zeitschriften. Außerdem liegt mir diese Bezeichnung auch deshalb nicht, weil Kritiker unpersönlich und distanziert sein sollen, anstatt davon zu schwärmen, wie toll sie ein Buch finden und wie sehr sie beim Lesen geheult haben. Und dieses Unpersönliche, Distanzierte würde mir den ganzen Spaß am Lesen nehmen.

Beim Überarbeiten meiner Essays sind mir die vielen Spoiler-Warnungen aufgefallen, und ich habe mich gefragt, ob ich sie herausnehmen sollte. Bei Literaturkritikern gibt es keine Spoiler-Warnungen, das ist fannish und peinlich. Der Grund warum sie von Kritikern nicht verwendet werden, ist jedoch, dass ihre Leser sich an Spoilern nicht stören dürfen. Dabei ist es nun einmal wirklich so, dass es einem den Lesespaß verdirbt, wenn man die Handlung eines Buches schon kennt. Natürlich kann man Bücher immer wieder lesen, aber das erste Mal ist einzigartig.

In der Penguin Classics-Ausgabe von Elizabeth Gaskells Norden und Süden gibt es etwa nach einem Drittel des Textes eine Fußnote, in der das Ende des Buches verraten wird. Patricia Ingham, die den kritischen Apparat für dieses Buch verfasst hat, konnte sich offenbar nicht vorstellen, dass irgendjemand es zum Spaß lesen könnte und nicht schon auf Seite 110 erfahren möchte, dass X und Y am Ende zusammenkommen.

Ich möchte nicht sein wie sie. Ich möchte über Bücher reden und Leute dafür begeistern, nicht ihnen den Lesespaß verderben. Vielen Leuten machen Spoiler nichts aus, die können dann ja von mir aus die Warnung ignorieren. Über manche Bücher kann man eben nicht schreiben, ohne ein Stück weit auf die Handlung und die Figuren einzugehen.

Ich schreibe über Bücher, die ich mehrmals gelesen habe, und das tue ich, weil es mir Spaß macht. Diese Freude möchte ich teilen und damit auch den Spaß am Entdecken. Ich habe die Spoiler-Warnungen in meinen Essays drin behalten, damit die Leser für sich entscheiden können, ob sie an einem bestimmten Punkt weiterlesen wollen. Man weiß schließlich selbst am besten, was für eine Sorte Leser man ist.

Außerdem fehlt mir definitiv die kritische Distanz. Ich schreibe über Bücher, weil ich sie liebe. Ich stehe nicht auf einem Berg, halte sie auf Armlänge von mir und gebe allwissende Erklärungen darüber ab. Ich lese auch mal im Badezimmer und stoße begeisterte Rufe aus, wenn ich in einem Buch etwas wirklich Cooles entdecke.

Mit dem Ernstgenommenwerden ist es so eine Sache. Lange Zeit galt die ganze SF nur als – um Samuel Delanys Begriff zu verwenden – „Paraliteratur“ und wurde nicht ernst genommen. Inzwischen gibt es jedoch viele angesehene SF-Autoren, die von Akademikern studiert werden. Aber auch innerhalb der SF sind Unterschiede zu erkennen. Manche Autoren werden ernst genommen, andere nicht. Es hat sich eine Art Kanon gebildet. Ursula Le Guin gehört zu den ernstzunehmenden Autoren. Und Delany auch. Lois McMaster Bujold oder Steven Brust hingegen nicht, obwohl sie beide sehr beliebt sind. C.J. Cherryh und William Gibson begannen beide etwa zur selben Zeit in den 80er Jahren, SF zu schreiben. (Cherryh gewann 1982 ihren ersten Hugo, Gibson 1984.) Gibson wurde augenblicklich zu einem angesehenen Autor, während die Leute bei der Erwähnung von Cherryhs Namen nur herablassend lächeln. Auch innerhalb der SF wird also zwischen literarisch und populär unterschieden, und die Grenzziehung erscheint dabei oft willkürlich und nichts mit dem Inhalt oder der literarischen Qualität eines Werks zu tun zu haben. Und auch nichts mit dem kommerziellen Potenzial, denn Gibson verkauft sich sehr gut. Warum kann man über Bujolds Bücher also nur fannish schreiben und über Delanys ernsthaft? Dass ich beim Lesen von Gaskells Romanen keinen Spaß haben soll und das nur bei Bujold erlaubt ist, finde ich frustrierend. Ich möchte über all diese Bücher aus derselben Perspektive schreiben können.

Außerdem rede ich gern über das Lesen selbst, was in der Literaturkritik quasi nicht vorkommt. Essays wie „Warum ich Bücher mehrfach lese“ und „Lesen Sie quer?“ haben viele Reaktionen hervorgerufen. Die Leute reden darüber, wie sie lesen und wie Bücher in ihr Leben passen. Das finde ich faszinierend. Hätte ich mich nur auf die kritische Buchbetrachtung konzentriert, so wären wohl viel weniger solcher Essays entstanden.

Als Autorin nehme ich meine Sache sehr ernst, als Kritikerin hingegen fühle ich mich seltsamerweise so, als ob ich noch nicht ganz erwachsen wäre. Und das ist gut. Alles andere wäre eine viel zu große Verantwortung und nicht genug Spaß.

 



Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus. 

 

Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel.
 

 

Originaltitel: »Why I Re-Read«

© 2008 Jo Walton

Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

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