Eine fröhlichere Welt: J.R.R. Tolkiens „Der Hobbit“ von Jo Walton

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KOLUMNE

Eine fröhlichere Welt: J.R.R. Tolkiens „Der Hobbit“



Der Hobbit
ist kein so gutes Buch wie Der Herr der Ringe. Zum einen ist es ein Kinderbuch, das ein wenig von oben herab erzählt ist. Außerdem ist es nicht wirklich in Mittelerde angesiedelt – oder jedenfalls nicht im dritten Zeitalter. Geschichte und Geografie spielen hier im Vergleich zum Herrn der Ringe eine eher untergeordnete Rolle. Und zu guter Letzt ist es das Erstlingswerk eines noch unreifen Autors – ein Gesellenstück, nicht das Meisterwerk, das er später hervorbringen wird. Trotzdem ist es ein großartiges Buch. Dass es an den Herrn der Ringe nicht heranreicht, ist keine Kritik, denn der steht sowieso außer Konkurrenz.

     Sollten Sie das Glück haben, mit einem Sechsjährigen zusammenzuleben, oder mit einem Sieben- oder Achtjährigen, der noch gern Gute-Nacht-Geschichten hört, dann empfehle ich, jeden Abend ein Kapitel aus dem Hobbit zu lesen. Das Buch eignet sich wunderbar zum Vorlesen, und es wird einem dabei erst richtig klar, dass Tolkien es genau zu diesem Zweck geschrieben hat. Ich habe nicht nur den Hobbit sondern auch den Herrn der Ringe schon mehrmals laut gelesen und vorgelesen bekommen. Die Sätze haben einen schönen Sprachrhythmus, die Pausen sind genau an den richtigen Stellen, was den Text angenehm zu hören macht. Und das kann man nicht von vielen Büchern sagen. Die meisten Bücher sind darauf ausgelegt, leise gelesen zu werden. Das laute Lesen hat den Vorteil, dass man es selbst dann noch tun kann, wenn man ein Buch bereits auswendig kennt. Außerdem lernen die Kinder statt der Epigonen so schon sehr früh das Original kennen.

     Ich habe den Hobbit mit acht Jahren das erste Mal gelesen. Danach habe ich mir gleich den Herrn der Ringe vorgenommen, weil ich mich erinnern konnte, dass es da „noch so ein Buch“ gab. Beim ersten Lesen haben mir am Hobbit vor allem die Abenteuer gefallen. Er gehört zu der Sorte Kinderbuch, in denen Kinder magische Abenteuer erleben, am Ende aber wohlbehalten wieder nach Hause zurückkehren, was mir aus Büchern wie Narnia vertraut war. Damals wusste ich noch nicht, dass er ein Vorläufer vieler dieser Werke war. Der kleine Hobbit passte für mich in eine Kategorie mit Hinter dem Nordwind von George MacDonald, Die Wunder von Narnia von C.S. Lewis und einige Bücher von E. Nesbit und Enid Blyton.

     Ungewöhnlich fand ich als Kind, dass Bilbo Beutlin ein Erwachsener war. Er besaß sein eigenes charmantes Haus und tat Dinge, die nur Erwachsene tun, wie Rauchen und Trinken. Er musste nicht heimlich auf Abenteuerreise gehen, damit seine Eltern nichts mitbekamen. Außerdem lebte er in einer Welt, in der es nicht nur Zwerge, Elfen und Zauberer gab, sondern auch Schilder mit Aufschriften wie: „Meisterdieb sucht lohnende Aufgaben – und einige Abenteuer bei angemessener Bezahlung“.1  Er führte ein unabhängiges Leben – Leute kamen überraschend zum Tee vorbei und hinterher musste abgewaschen werden (was bei uns zu Hause ständig vorkam) –, jedoch ohne die Komplikationen des Erwachsenendaseins, wie Beruf und Beziehungen. Bilbo hatte es gar nicht auf Abenteuer abgesehen, doch dann klopfte das Abenteuer von selbst an seine Tür. Und es ist eine Reise „Hin und zurück“ – am Ende kehrt er mit einem Schatz und ein paar guten Geschichten nach Hause zurück.  

     Natürlich ist Der Herr der Ringe nicht „noch so ein Buch“. Ihn direkt nach dem Hobbit zu lesen, war so, als wäre ich in ein tiefes magisches Meer gefallen, in dem ich zum Glück atmen konnte, aus dem ich aber nie wieder ganz aufgetaucht bin.

     Den Hobbit heute zu lesen, ist merkwürdig. All die gut gemeinten Anmerkungen, die mir als Kind so vertraut waren, dass sie mir gar nicht auffielen, stechen einem als Erwachsener viel mehr ins Auge. Ich habe das Buch jetzt schon viele Male gelesen und kenne es gut, doch hat es mich nie so gepackt, dass sich die Worte in meine DNA eingeprägt hätten. Beim Neulesen entdecke ich immer wieder Absätze, an die ich mich gar nicht erinnern konnte, und komme auf neue Gedanken. Was der Grund war, warum ich dieses Buch zur Hand nahm und nicht ein anderes, das ich eigentlich lesen wollte, aber inzwischen nicht mehr lesen kann.

     Zwischen der Welt des Hobbits und der des Herrn der Ringe gibt es zahlreiche Unterschiede. Tolkien lässt hier vieles unbenannt – es heißt nur der Hügel, das Wasser, der große Fluss, der Waldfluss, die Seestadt oder das Tal. Und das vom großen Namenserfinder! Hin und wieder taucht doch mal eine Bezeichnung auf – Gondolin, Moria, Esgaroth –, aber man hat den Eindruck, als hätte Tolkien den Text absichtlich linguistisch so schlicht wie möglich gehalten. Dass er auf der Karte angelsächsische Runen verwendet, statt seiner eigenen, finde ich entzückend – er glaubte wohl, dass sie für Kinder leichter lesbar wären. (Mit acht konnte ich weder das eine noch das andere lesen, inzwischen mit fünfundvierzig dagegen beides.) Heute sind die komplexen moralischen Fragen am Ende des Buches, die ich als Kind noch nicht so recht begriff, für mich am interessantesten. Thorins Gier nach dem Drachengold war für mich damals noch nachvollziehbar – ich hatte Die Reise auf der Morgenröte von C.S. Lewis gelesen und kannte mich mit solchen Dingen aus. Was mich jedoch verwirrte, war Bilbos Verwendung des Arkensteins, der seine Tücken hatte und nicht einmal richtig funktionierte. Zwar tötete Bilbo den Drachen am Ende nicht selbst, und die Einführung von Bard wirkt merkwürdig abrupt – warum hat Tolkien ihn nicht schon früher, zum Beispiel im Kapitel am Langen See vorgestellt? –, aber letztlich sind es Bilbos Informationen, die dazu führen, dass der Drache besiegt wird, und damit war ich auch als Kind schon zufrieden.

     Tolkien versteht sich meisterhaft darauf, Reisen zu schildern – was zu den schwierigsten Herausforderungen eines Autors zählt. Er hatte ein gutes Verständnis für Zeit, Entfernung und Landschaft. Abenteuer kommen bei ihm immer genau im richtigen Moment. Der Düsterwald ist wunderbar atmosphärisch. Die Geografie steht im Dienst der Geschichte, wirkt dabei aber so, als könnte es diese Orte wirklich geben.

     Was die Unterschiede zwischen den Welten anbelangt, so fällt auf, wie erschreckend beiläufig Bilbo den Ring benutzt und wie wenig Aufmerksamkeit er damit erregt – als sei so etwas alltäglich. Im Hobbit ist es nur ein magischer Ring, wie der in Das verzauberte Schloss von Edith Nesbit. Und die Steinriesen? Sollen das Ents sein? Irgendwie wirken sie nicht so richtig entisch. Und der Hautwechsler Beorn mit seinen abgerichteten Tieren passt auch nicht ganz ins Bild.

     Das Seltsamste am Hobbit erscheint mir heute, dass er mehr noch als Der Herr der Ringe in die Fantasy-Rollenspielwelt passt. Die Tatsache, dass es sich um eine Queste handelt. Zwerge, die nach einem Helden suchen und sich am Ende mit einem Meisterdieb zufrieden geben. Das Schild. Die Begegnungen, die immer zum richtigen Zeitpunkt stattfinden. Waffen, Rüstung und magische Gegenstände, die unterwegs gefunden werden. Töte die Trolle und finde ein Schwert. Töte den Drachen und finde eine Rüstung. Beende das Abenteuer, und du wirst mit Kisten voll Gold und Silber belohnt.

     Beim Lesen ist mir noch etwas Merkwürdiges aufgefallen: Bilbo wäscht sein Geschirr selber ab. Er hat keine Diener. Frodo hat Sam und Ham Gamgee. Bilbo, der ganz offensichtlich wohlhabend ist, kocht, bäckt und putzt selbst. Für jemanden von seinem gesellschaftlichen Stand muss das im Jahr 1938 ziemlich exzentrisch gewesen sein. Außerdem läuft es Geschlechterstereotypen zuwider – Bilbo bäckt ganz selbstverständlich seinen Mohnkuchen, was 1938 für einen Mann ziemlich ungewöhnlich war. Natürlich ist Bilbo kein Mensch, kein bürgerlicher Engländer mit einer Haushälterin, sondern ein ehrbarer Hobbit. Heute, wo es relativ normal ist, dass Männer kochen und die meisten von uns keine Diener haben, macht man sich oft gar nicht bewusst, dass Tolkien diese Dinge absichtlich so gewählt hat.      

     Häufig wird darüber geredet, wie wenig Frauen im Herrn der Ringe vorkommen. Im Hobbit gibt es keine einzige. Erwähnt werden lediglich Belladonna Tuk, Bilbos Mutter (die lange vor Beginn der Geschichte gestorben ist), Thorins Schwester, die Mutter von Fili und Kili, und Bilbos Nichten. Frauen kommen in der Geschichte einfach nicht vor, weder bei den Elfen, noch bei den Zwergen, Menschen oder Hobbits. Aber ich habe sie mit acht Jahren nicht vermisst und heute genauso wenig. Ich hatte keine Schwierigkeiten, mich mit Bilbo zu identifizieren. In der Welt des Hobbits gibt es keinen Sex, außer irgendwie vage zu Fortpflanzungszwecken, und keine Liebe. Bilbo ist ein solch eingefleischter Junggeselle, dass dies nicht einmal erwähnt werden muss – denn eigentlich ist er so etwas wie ein erwachsenes Kind.

     Ich glaube, dass Bilbos Geschlecht nicht ganz eindeutig zu bestimmen ist. Zwar wird von ihm als „er“ gesprochen, aber er kocht und putzt und ist auch nicht besonders mutig, außer im Notfall. Und wenn er Mut zeigt, dann wird er trotzdem nicht zum Macho. Sein Mangel an Mannhaftigkeit wird im Buch auch nicht schlecht gemacht, nicht einmal im Vergleich mit den kämpferischen Zwergen. Bilbo darf Angst haben. Er besitzt ganze Zimmer voller Kleider und hat etwas klar Weibliches an sich. Man könnte in ihm auch eine schüchterne Hausfrau sehen, die auf Abenteuer geht und dabei neue Facetten an sich entdeckt. (Die Knöpfe, die er verliert, lassen sich sicher auch irgendwie in diese Deutung  einbauen.) Jedenfalls würde es die Figur Bilbo nicht im Mindesten verändern, wenn man statt „er“ „sie“ sagen würde. Wenn das nicht ein interessanter Gedanke ist, mit dem man auf die Reise gehen kann – sogar ganz ohne Taschentuch!

1 Zitat aus Der Hobbit. Wolfgang Krege.

 

 



Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus. 

 

Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel.
 

 

Originaltitel: »Why I Re-Read«

© 2008 Jo Walton

Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

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