Kurzgeschichte Spiegelschwester von Kathrin Solberg

BUCH

Märchenhafte Kurzgeschichten: Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln


TOR Team
14.11.2016

In der Anthologie Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln wandeln achtzehn internationale und nationale Autorinnen und Autoren auf den Spuren von Hans Christian Andersen und der Brüder Grimm. Wir veröffentlichen hier exklusiv zwei Leseproben und eine Kurzgeschichte von Kathrin Solberg aus der Anthologie.

Herausgeber der Anthologie ist Blogger und TOR-Online-Redakteur Christian Handel – schon immer ein bekennender Fan von Fairy-Tale-Fantasy. Er verspricht: „Die Heldinnen und Schurkinnen sind Figuren, wie ihr sie aus den Märchen eurer Kindheit kennt: Hexen, Lampengeister, Königinnen und Prinzen. Die Autorinnen und Autoren der Anthologie haben die alten Motive aber in phantastische neue Gewänder gehüllt – manche prunkvoll und glänzend, andere düster und gefährlich.“

Ein Inhaltsverzeichnis gibt es hier: www.drachenmond.de/titel/hinter-dornenhecken-und-zauberspiegeln/

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Leseprobe: Iftah Ya Simsin (von Susanne Gerdom)

 

»He, Junge!«

Omids Stimme schnitt durch die widerhallenden Geräusche, die das Entladen der Kamele in der großen Höhle verursachte. Ich ließ das Bündel fallen, das ich gerade von dem Rücken des fremden Maultiers gehievt hatte. »Hauptmann, hier draußen, Hauptmann!«, rief ich. Beinahe hätte ich salutiert, aber das hätte mir einen bösen Peitschenhieb eingehandelt, deshalb stand ich nur stramm und achtete darauf, dass meine Knie nicht schlotterten. Der Hauptmann verachtete Schwäche und pflegte sie hart zu bestrafen.

Omid verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. »Junge, was ist deine Aufgabe?«

»Feuer machen, Hauptmann. Nachdem ich beim Abladen geholfen habe.«

Er sah sich ostentativ um. »Ich sehe hier achtunddreißig starke Männer, die unsere Beute abladen, Junge. Was meinst du, könnte da dein nennenswerter Beitrag sein?«

Gushtap hatte mir bei unserer Ankunft vor der Höhle die Anweisung gegeben, mich um das herrenlose Maultier zu kümmern und dann beim Abladen zu helfen. Aber wenn ich jetzt wagte, diesen Einwand vorzubringen, würde ich doppelt Prügel beziehen - einmal von Omid und ein zweites Mal von Gushtap, weil ich ihn vor seinem Anführer in ein schlechtes Licht gesetzt hatte. Also war ich ein kluges Mädchen und hielt den Mund.

Omid tätschelte die zusammengerollte Peitsche, die er an seinem Gürtel trug. Sein Blick ruhte mit trügerischer Milde auf mir. »Nun?«

»Ich gehe Feuer machen, Hauptmann«, murmelte ich.

Er nickte und ich atmete erleichtert auf. Zu früh, wie ich mir hätte denken können, denn als ich mich an Omid vorbeidrückte, versetzte er mir eine Maulschelle, dass mir die Ohren klingelten. Immerhin, kein Peitschenhieb. Ich war ein Glückskind.

 

***

 

Artin Babak kauerte in dem Ästen der knorrigen Kiefer und wagte nicht, auch nur ein Wimpernhärchen zu regen. Ein Stöhnen wollte sich den Weg durch seine Kehle bahnen, aber er zwang seinen Atem zur Ruhe und rezitierte im Geiste die Worte des Weisen: ›Ich schwöre mich ein auf den gutgedachten Gedanken, ich schwöre mich ein auf das gutgesprochene Wort, ich schwöre mich ein auf die gutgetane Handlung.‹ Und ich schwöre, wenn ich heil von hier entkomme, spende ich dem Feuertempel eine Kiste süßer Orangen ...

 

Er war durch eine düstere Schlucht geritten, in Gedanken schon bei dem Bad und einer ausgiebigen Mahlzeit, die ihn zu Hause erwarteten, als er Hufgetrappel und tiefe Stimmen hinter sich hörte. Da nahte eine größere Gruppe von Männern, und jeder wusste, dass größere Gruppen von Männern nichts waren, dem man in düsteren Schluchten begegnen wollte. Omid der Räuber trieb schon seit Jahren sein Unwesen in der Gegend, wie sein Vater und sein Großvater vor ihm. Die Tradition hatte dafür gesorgt, dass die Menschen sich an das Treiben der Räuberbande gewöhnt hatten - soweit man sich an Mord, Raub, Überfälle und geschändete Jungfrauen gewöhnen konnte -, aber dennoch war jeder mit ein bisschen Verstand zwischen den Ohren bestrebt, einen möglichst großen Abstand zwischen sich, seiner Habe und Omids Räuberbande zu halten.

Also stieß Artin Babak einen Fluch aus, dem er gleich darauf eine Entschuldigung hinterherschickte, denn wer wusste schon, was Ahura Mazda von Flüchen hielt? Er ließ sein braves Maultier die Fersen spüren, woraufhin Habub die Hufe in den Staub stemmte und sich weigerte, auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu tun.

Die Männer kamen näher. Die Wände der Schlucht waren steil und hoch. Artin Babak verfluchte sein Maultier, Ahriman der Zerstörer mochte es fressen, und rannte.

Seine wilde Flucht über Steine und Felsen, im Sprung über tote Äste und mitten durch ein stachliges Gebüsch, führte ihn schließlich bis in einen kleinen Kessel, rundum eingeschlossen von Felswänden. Und immer noch folgte ihm die Karawane, immer noch hörte er raue Rufe und das Wiehern von Pferden hinter sich.

Wildäugig und mit trommelndem Herzschlag sah er sich um, schwer atmend von seiner Flucht und beinahe erblindet vor Angst, und erblickte seine Zuflucht vor sich: eine vom Alter gekrümmte Kiefer, deren Geäst ihm liebreich zu winken schien.

Flink wie ein Eichhörnchen, angespornt von seiner Furcht, rannte Artin Babak förmlich den Baumstamm empor, umklammerte dann mit Armen und Beinen einen knorrigen Ast, presste sein Gesicht gegen die rissige Rinde und begann zu beten.

Unter seinem furchterfüllten Blick zog die Karawane vorbei, ganz am Schluss hielt ein halbwüchsiger Knabe seinen braven Habub am Zügel. Das Maultier folgte dem Jungen erstaunlich friedlich.

Das Schnauben der Pferde, das Klingeln von Zaumzeug und Klirren von Waffen, Scharren von Hufen, der eine oder andere laute Furz eines der Lastkamele füllten den Kessel bis an den Rand mit Geräuschen. Die Männer sammelten sich vor der glatten Felswand.

Ein hagerer Mann mit schwarzem Bart trat vor. Unter Artins Baum blieb er stehen, hob die Hände in einer beschwörenden Geste und murmelte die Worte: »Sesam öffne dich.« Artin konnte sie wahrscheinlich als Einziger in dem felsigen Kessel verstehen.

Er umklammerte den Ast mit tauben Fingern, während sich das Wunder vollzog: Das unnachgiebig feste Gestein wich beiseite wie ein Vorhang und öffnete einen breiten Durchgang in eine düstere Höhle. Die Männer trieben ihre Tiere an und die Karawane verschwand im Inneren des Berges.

Der Letzte war der Junge, der Artin Babaks Maultier führte. Habub schüttelte den Kopf und stemmte mit einem angstvollen Blöken seine Hufe in den felsigen Grund. Der Junge zerrte am Strick, aber Habub setzte seinen störrischen Blick auf und weigerte sich, noch einen Schritt zu tun. Endlich gab der Junge auf, er knotete das Seil um den Stamm der Kiefer.

Als er Artins Reisesack vom Rücken des Maultiers hob, schimmerte die daran baumelnde Salztasche farbenfroh im Licht eines Sonnenstrahls, der sich in den düsteren Felskessel verirrt hatte. Artin seufzte. Da gingen sie dahin, seine letzten Drachmen, und mit ihnen die Hoffnung darauf, sich als Gewürz- und Seidenhändler in seinem Viertel etablieren zu können. Er drückte die Stirn gegen das warme Holz und schloss entmutigt die Augen.

Dem Wortwechsel zwischen dem Jungen und dem Anführer der Bande folgte er nur mit halbem Ohr. Sein Gehirn suchte fieberhaft nach einem Weg, von hier zu verschwinden und dabei wenigstens noch seine Salztasche mitzunehmen.

Ein lautes Klatschen ließ ihn den Kopf heben. Der Junge hielt sich die Wange, während seine Augen vor Zorn und Demütigung blitzten. Für einen Moment hob sich das Gesicht des Jungen, als wollte er sich beim Himmel beklagen. Sein Blick glitt über Artin Babak, verharrte, die Augen unter den dunklen Locken weiteten sich. Artin wusste, er war entdeckt, und wappnete sich gegen das Alarmgeschrei des Knaben, die heraneilenden Räuber, gezückte Messer, Schmerz und Tod.

Aber der Junge senkte den Kopf, hob Artins Packtasche auf und verschwand damit in der Höhle.

Artin Babak dankte den Göttern für die Schlafmützigkeit des jungen Räubers und schwor, dem Feuertempel außer der Kiste Orangen noch seine paar verbliebenen Drachmen zu opfern.

 

***

 

Feuer machen, Hirsebrei kochen, den Männern ihre Pfeife bringen. Ich seufzte und rieb mir den verbrannten Daumen. Blöder Topf, blödes Feuer, blöde Weiberarbeit. Und ständig schrie einer meinen Namen.

Ich wuselte durch die Höhle, vorbei an Kisten und Kästen voller Geschmeide, Edelsteine und Perlen, zwischen Bergen kostbarer Teppiche hindurch, immer wieder mit dem Fuß einen davongerollten Kelch oder einen von einem der Haufen herabgerutschten Silberteller wegstoßend. Hier lag das Beutegut von drei Generationen erfolgreicher Räuber aufgehäuft, ein Schatz, der eines Königs würdig gewesen wäre - und keiner der Männer hatte auch nur einen Blick dafür übrig. Omid hätte jedem, der sich an dem Schatz bediente, auch sicherlich die Hand abgehackt.

Ich gebe zu, mir hatte es gelegentlich in den Fingern gejuckt, heimlich etwas in die Tasche zu stecken - eine Brosche, ein paar Goldstücke, irgendetwas Kleines. Aber dann hatte immer die Klugheit gesiegt. »Roshana«, hatte sie (die Klugheit) zu mir gesagt, »Roshana, mein gutes Kind, sei vernünftig. Wenn dich einer mit den Fingern im Honigtopf erwischt, dann geht es dir noch dreckiger als jetzt schon. Und das wollen wir doch nicht, oder?«

Nein, das wollten wir nicht. Wir wollten den Kopf unten halten und das hier überleben. Irgendwann würde ich einen Weg finden, Omid und seiner Bande zu entkommen, ohne dass ich meinen Bruder in Gefahr brachte. Und vielleicht fanden sich nach meiner Heimkehr auch noch ein paar Goldstücke, die sich zufällig in meine Taschen verirrt hatten.

Leseprobe: Silbernächte (von Anna Milo)

 

Es heißt, wenn des Nachts im Dorf das letzte Licht erlischt, erhebt sich der Herr des Waldes und entzündet ein Feuer in den Herzen der Menschen. Es weist ihnen den Weg in ein Reich, in dem Sehnsüchte in Knospen an den Ästen wachsen und Träume wie Pilze aus dem Boden sprießen. Wo Wünsche als überreife Früchte von den Bäumen fallen und der Wind von Hoffnung und Verheißung wispert.

Doch der friedliche Schein trügt, denn es ist das Reich der Geister und nicht geschaffen für die Sterblichen. Jene, die sich auf seine Pfade begeben, verschwinden und kehren nie wieder. Nur eine Handvoll findet ihren Weg zurück.

Ihr Schicksal ist das grausamste von allen.

Die Geister mögen ihre Körper freigeben, ihre Seelen aber verdammen sie dazu, auf ewig durch die Anderswelt zu irren.

Jeden Vollmond, wenn der Schleier zwischen den Welten am dünnsten ist und die Nachtwölfe ihr Lied anstimmen, hörst du die Schreie der Verlorenen aus den Wäldern dringen. In diesen Stunden flackert die Magie des anderen Reiches in den Augen der Zurückgekehrten und ihre Mitmenschen bemitleiden und fürchten sie zugleich für den Beweis ihrer Veränderung. Überall in den Dörfern machen sich die Bewohner dann auf und behängen ihre Häuser mit Amuletten aus Eisen und die Viehställe mit Bündeln aus Schafgarbe, um die Geister fernzuhalten. Keiner traut sich in dieser hellsten aller Nächte vor die Tür.

Keiner, bis auf eine junge Frau aus einer der westlichen Siedlungen, die in diesem Moment am Rande eines Waldstücks kniet. Ihr Gesicht ist so bleich wie das der Nebelfrauen, die seit Beginn des Herbstes das Land mit Dunstschleiern überziehen. Tränen strömen ihre Wangen hinab, während sie dem Neugeborenen in ihrem Arm ein rotes Käppchen zum Schutz gegen böse Mächte aufzieht.

 „Vergib mir“, flüstert sie und legt das Kind in einen Korb aus Wurzeln und Farne. Seine Lider sind geschlossen, die Lippen blau vor Kälte.

Windfinger tasten unter ihren Mantel und entblößen ein blutbesudeltes Kleid. Durch die Reihen der Bäume vor ihr geht ein Stöhnen. Sie wiegen sich zur Seite, als wollen sie dem Anblick entgehen.

Erschrocken sieht die junge Frau auf. Sie greift zu der Eisenschere in ihrer Tasche und weicht zurück. „Ich weiß, dass Gutes in den Geistern dieses Tannichts existiert. Ich bitte euch, beschützt meine Tochter“, sagt sie. Und mit einem letzten Blick auf ihr Kind rafft sie ihr Kleid und eilt über die Wiese zurück zum Dorf.

Sie sieht weder die Augen, die aus allen Winkeln des Waldes aufblitzen und ihre Flucht verfolgen, noch die fahlen Hände, die dem Neugeborenen die Mütze vom Kopf ziehen. Ein Zischen wie beim Erlöschen einer Flamme ertönt, dicht gefolgt von einem Knurren. Blätter rascheln unter unzähligen Füßen. Kurz darauf ist es wieder still und mit dem nächsten Atemhauch des Windes, der das Laub von den Bäumen fegt, ist das Kind verschwunden, als hätte es dieses nie gegeben.

 

Wolfsmädchen

 

Vorsichtig schob Rinn die Zweige der Büsche auseinander und spähte auf die Lichtung. In stummer Wacht standen die Tannen um das Wiesenrund herum, mit stolz erhobenen Häuptern und – einem ziemlich verkniffenen Ausdruck auf den knorrigen Gesichtern. Rinn stutzte, dann verzogen sich ihre Lippen zu einem Grinsen. Windgeister jagten zwischen den Stämmen hindurch und brachten die dunkelgrünen Blattgewänder dabei gehörig durcheinander. Rinn spürte die Missbilligung der Bäume wie die Berührung piksender Nadeln in ihrem Innern. Ihre Schultern bebten vor unterdrücktem Lachen.

Fell streifte ihr Gesicht, als Cearc ihr die Nase in die Seite stieß. Was ist?, fragte er.

Nicht so wichtig, winkte sie ab und schob sich tiefer zwischen die Haselnusssträucher. Wurzeln drückten sich in ihren Bauch und ihre Oberschenkel. Zweige krallten sich in den Wolfspelz, den sie als Umhang zum Schutz gegen die kühle Herbstluft trug, doch sie ignorierte es. Ihr Blick huschte zu den moosbewachsenen Rücken der Steintrolle, die verstreut auf der Wiese lagen und sich im Morgenlicht sonnten. Tautropfen glänzten wie aufblitzende Augen im Gras. Von den Weißen Frauen jedoch fehlte jede Spur.

Enttäuschung machte sich in ihr breit.

Neben ihr gab ihr Wolfsbruder ein ungeduldiges Schnaufen von sich. Ich weiß wirklich nicht, was du dir davon versprichst, diesen fadenscheinigen Weibern aufzulau... Er verstummte abrupt. Seine Gedanken schäumten auf, wurden zu einem reißenden Fluss, der seinen Geist flutete und ihr Seelenband mit einem Ruck voneinander trennte.

Ein Keuchen entfuhr Rinn und auch Cearc jaulte vor Schmerz. Für einen Moment fühlte sich ihr Herz an wie eine klaffende Wunde. Dann schlossen sich die Fäden ihres Geistes über dem Riss und verwoben sich erneut mit der Seelenstimme ihres Bruders.

Du Glanzkopf, schimpfte sie und rieb sich über die Brust. Gib doch acht! Ihr Atem stockte.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung erschien ein Leuchten. Silhouetten schälten sich zwischen den Bäumen hervor. Weiß glühende Gestalten mit spinnendürren Gliedern und Haaren aus fließendem Mondlicht.

Sie sind hier, sagte Rinn verblüfft.

Ihr Bruder reagierte nicht. Nur seine Ohren zuckten, während er wie gebannt zu den Weißen Frauen starrte, die über die Wiese schwärmten.

Sie schaute ebenfalls zurück und beobachtete unter wachsendem Staunen, wie Wassertropfen an den Haaren der Frauen hinabperlten und in der Luft verdampften. Hinter sich zogen sie Schleppen aus Nebel über den Boden. Tief hängende Äste hatten Löcher in das feine Gespinst gerissen und der Dunst blieb wie Wolkenfetzen zwischen den Tannen hängen. 

Rinns Herz klopfte so schnell, als wollte es ihrer Brust entfliehen. Ihre Finger tasteten nach dem spitzen Stein, den sie in einem Farnbeutel um die Hüfte gebunden trug und als Waffe nutzte. Sie versuchte in das Gesicht der Weißen Frau zu schauen, die ihr am nächsten kam, doch der Nebel verdichtete sich um deren Erscheinung, als hätte er ihre Absicht vorausgeahnt.

Entschlossen umfasste sie ihre Steinkralle. Von den Echos in der Wolfshöhle hatte sie Geschichten darüber gehört, was sich hinter diesen Schleiern aus Kälte und Dunst verbarg. Züge von eisiger Schönheit und Augen wie Gletscher, in deren Tiefen die letzte und bedeutsamste aller Wahrheiten ruhte. Eine Wahrheit, die sie brauchte, wenn sie begreifen wollte, warum sie so anders war als ihre Familie oder der Rest der Waldbewohner. Mit einer Haut, die ihre Farbe mit den Jahreszeiten wechselte, aber ohne Fell war, das sie vor Hitze oder Frost schützten konnte. Mit Gliedmaßen, die zu ungleichmäßig waren, um auf allen vieren zu gehen und zu beständig, um sich mit der Natur zu vereinen.

Rinn linste zu Cearc und atmete durch. In ihr schwelte das schlechte Gewissen, doch sie erstickte es zusammen mit allen anderen Gefühlen und Gedanken, die seine Aufmerksamkeit auf sie lenken könnten. Sie wusste, es käme ihrem Bruder nie in den Sinn, dass sie allein einen Vorstoß wagen würde. Kein Wolf tat so etwas. Und ist das nicht ein weiterer Beweis, wie wenig du ihnen ähnelst?, wisperte eine hässliche Stimme in ihr.

Es kostete sie jeden Funken Willenskraft, die Worte nicht bis in Cearcs Geist vordringen zu lassen. Sie verbannte sie an einen Ort tief in ihrem Herzen, der selbst für einen Seelengefährten unerreichbar war. Dann drückte sie die Zehen in den Boden. Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Die Welt zog sich zusammen, bis da nur noch der Umriss der Weißen Frau im Nebel war, verschwommen wie ein Spiegelbild auf dem Wasser. Ihre Nasenflügel blähten sich. Die Beute fest im Visier, spannte sie die Armmuskeln und schnellte vor.

Ein Schrei zerfetzte die Stille des Waldes.

Binnen eines Herzschlages fand sich Rinn flach auf dem Bauch wieder. Aller Atem wich aus ihren Lungen.

Über ihr kauerte Cearc, eine Wand aus gesträubtem Fell und scharfen Klauen zwischen ihr und was auch immer sie angreifen sollte. Sein Körper bebte und ein Grollen drang zwischen seinen Lefzen hervor. Wie ein Horde Steintrolle wälzten seine Gefühle durch ihr Bewusstsein, spiegelten ihre eigenen: Erschrecken. Angst. Zorn. Überall in den Baumkronen stoben Vogelschwärme in den Himmel auf. Ihr Kreischen mischte sich mit dem Fauchen der Windgeister und dem Heulen der anderen Nachtwölfe, die gerade aus dem Schlaf gerissen wurden.

Mit aller Kraft stemmte sich Rinn gegen Cearcs Pfote, die sie am Boden hielt, und hob den Kopf. Etwas Feuchtes streifte ihre Stirn und der Geruch von Regen wehte ihr um die Nase

Nein!

Ihr Ausruf verlor sich im Aufruhr des Waldes. Sie erhaschte noch einen Blick auf waberndes Nebelhaar, dann war die letzte der Weißen Frauen im Dickicht der Tannen verschwunden. Zurück blieb eine halb fertige Decke aus Dunst, die sich an den Rändern der Lichtung bereits wieder auflöste. Faser um Faser, genauso wie ihre Hoffnung auf Antwort.

Tränen stiegen Rinn in die Augen. Sie hieb die Faust auf die Erde. Was, bei Mials verlaustem Hintern, war das?, schleuderte sie Cearc entgegen, der noch immer halb über ihr stand. Doch bevor er etwas erwidern konnte, erhob sich um sie herum ein neuer Chor an Stimmen. Ihre Silben waren Holzknarzen und Laubrascheln. Die Worte ein Wirbel aus Blättern, der alle anderen Geräusche zum Verstummen brachte.

Mann ohne Träume, erklang es aus allen Richtungen. Mann ohne Zukunft.

Rinn schob sich unter Cearc hervor und suchte seinen Blick. Sie erkannte darin das gleiche Grauen, das in ihr aufstieg.

Ein Mensch, flüsterten die Bäume. Ein Mensch ist in den Seelenhain eingedrungen.

Der Wald hatte sein jahrhundertealtes Schweigen gebrochen.


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© 2016 by Anna Milo

© 2016 by Susanne Gerdom

Mit freundlicher Genehmigung der Autorinnen
Erstveröffentlichung in Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln von Christian Handel (Hrsg.), Drachenmond Verlag, 2016, Alle Rechte vorbehalten

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